15 FÄLLE IM FINNISCHEN - ist das nicht schrecklich?

 

 

 

 

Man sagt, dass es in der finnischen Sprache 15 Fälle gibt. Manche Leute finden dies schrecklich, und für manche Leute ist dies auch ein Grund dafür, dass sie nie im Leben Finnisch lernen wollen.

 

Um es gleich vorwegzunehmen: Lassen Sie sich von diesen 15 Fällen nicht einschüchtern. Es ist alles halb so wild.

 

Warum es halb so wild ist, soll Ihnen nun gezeigt werden.  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

die 15 fälle im überblick

 

 

 

 

I.

 

Zuerst schauen wir uns eine Dreiergruppe von Fällen an.

 

In dieser Gruppe gibt es gewissermassen einen 'Hinein-Fall'. Man braucht ihn im Wesentlichen, wenn man sagt, dass jemand in einen geschlossenen Raum hinein geht - in ein Gasthaus, in ein Auto oder in die Sauna.

 

Dann gibt es einen 'Drinnen-Fall'. Er wird verwendet, wenn man in einem geschlossenen Raum drin ist - in der Sauna zum Beispiel.

 

Und dann gibt es den Hinaus-Fall: Gebraucht wird er, wenn man einen geschlossenen Raum verlässt. Wollen Sie also zum Beispiel sagen, dass Sie aus der Sauna gehen, brauchen Sie diesen Fall.

 

Sie können sich diese Fälle anhand der Sauna merken: In dies Sauna hinein, in der Sauna und dann aus der Sauna heraus.

 

 

 

II.

Es gibt nochmals eine Dreiergruppe.

 

Sie ist sehr ähnlich wie die erste Dreiergruppe, nur geht es bei ihr nicht um geschlossene Räume, sondern um offene Flächen. 

 

Was gemeint ist, kann man mit Hilfe einer Katze und eines Tisches zeigen.

 

Es gibt einen Fall, der anzeigt, dass jemand auf eine offenen Fläche hin zu geht oder springt oder rennt. Das wäre dann der 'Auf-Fall'.  Man braucht ihn zum Beispiel, wenn eine Katze auf einen Tisch springt.

 

Dann gibt es einen Fall, der anzeigt, dass jemand auf einer offenen Fläche ist - man verwendet ihn somit dann, wenn sich die Katze auf dem Tisch aufhält.

 

Sicher überrascht es Sie wenig, wenn Sie erfahren, dass es auch einen Fall für jene Situationen gibt, in denen jemand eine Fläche verlässt  - was bei der Katze dann geschieht, wenn sie vom Tisch herunterspringt.

 

Diese drei Fälle können Sie sich anhand der Katze merken: Auf den Tisch springen, auf dem Tisch stehen, vom Tisch herunterspringen.

 

Damit hätten wir schon 6 der 15 Fälle abgehandelt. Sie gehören irgendwie zusammen, und man nennt sie deshalb auch Ortsfälle.

 

 

III.

Dann gibt es 4 Fälle, die deshalb sehr einfach sind, weil man sie auch in der deutschen Sprache verwendet. nämlich den Wenfall oder den Nominativ, den Wes-Fall oder den Genitiv, den Wem-Fall oder den Dativ und den Wen-Fall oder den Akkusativ.

 

Und schon sind 10 der 15 Fälle besprochen worden.

 

 

IV.

Dann gibt es zwei merkwürdige Fälle, die uns sehr unvertraut vorkommen.

 

Den einen von ihnen könnte man als den Werden-Fall bezeichnen. Man verwendet ihn, wenn jemand oder etwas etwas wird.

 

Oder etwas konkreter: Will man sagen, dass jemand krank wird, nimmt man das Wort für krank und hängt daran die Silbe ksi an: Damit sagt man dann, dass jemand krank wird. Will man sagen, dass jemand rot wird, geht man gleich vor: Das Wort für rot nehmen und ksi dranhängen, und schon weiss man, dass jemand rot wird.

 

Der andere ist der Als-Fall. 

 

Will jemand sagen, dass er als Lehrer in Helsinki gearbeitet hat, nimmt er das Wort für Lehrer und hängt diesmal die Silbe na dran - und schon weiss in Finnland alle Welt, dass dieser Jemand als Lehrer tätig war.

 

Und schon haben Sie zwei weitere Fälle kennengelernt.

 

 

V.

Dann gehört noch ein Fall dazu, der in der finnischen Sprache häufig gebraucht wird und den wir vom Deutschen her nicht kennen.

 

Man nennt ihn Partitiv. 

 

Worum es bei ihm geht, kann man anhand von Büchern erklären.

 

Wenn Sie in einen Buchladen gehen, können Sie Bücher kaufen.

 

Oder aber Sie können die Bücher kaufen.

 

Wo liegt der Unterschied? Wenn Sie sagen, dass Sie Bücher kaufen, meinen Sie damit, dass Sie in der Buchhandlung lediglich einige Bücher kaufen - aber sicher nicht alle. Sagen Sie dem Buchhändler jedoch, dass Sie die Bücher kaufen möchten, stutzt er vermutlich: Das bedeutet nämlich, dass Sie alle Bücher kaufen möchten, die im Buchladen sind.

 

Sagen Sie 'Bücher', meinen Sie einige, aber nicht alle Bücher.

 

Sagen Sie 'die Bücher' meinen Sie alle Bücher.

 

Es ist also das kleine Wörtchen die, welches den Unterschied ausmacht. Leider gibt es dieses Wörtchen im Finnischen nicht. - finnische Dingwörter haben dummerweise überhaupt keinen Artikel. Um zu zeigen, dass man nur einen Teil von allem meint (zum Beispiel  einen Teil der Bücher), muss man sich in Finnland anders behelfen. Und behelfen tut man sich, indem man einen speziellen Fall verwendet  - den Partitiv.

 

Meint man nur einige und nicht alle Bücher, setzt man das Wort Buch in den Partitiv. Meint man, dass man nur etwas Bier trinkt  und nicht alles Bier in einer Bar, verwendet man ebenfalls den Partitiv.

 

 

 

VI.

 

Es bleiben nur noch drei Fälle, die wir uns ansehen müssen. 

Hier sind sie: 

 

Da ist jener Fall, der einen Mangel anzeigt. Es ist also gewissermassen der Ohne-Fall. Will jemand sagen, dass er ohne Geld dasteht, kann er das Wort Geld nehmen, die Silbe für den Ohne-Fall anhängen und schon weiss man es: Die Person hat kein Geld. 

 

Dieser Ohne-Fall ist sehr interessant. In der finnischen Sprache braucht man ihm, um oft ziemlich abenteuerlich anmutende Satzkonstruktionen zu bilden. Darauf gehen wir hier nicht ein. Stattdessen erwähnen wir die beiden letzten Fälle, die noch bleiben.

 

 

Da ist der Fall, der sagt, mit wem oder mit was etwas geschieht. Kommt Herr Müller mit seiner Frau an eine Party, nimmt er die Silbe für den Mit-Fall, hängt sie an das Wort Frau an und dann weiss man es: Herr Müller kommt mit seiner Frau.

 

Und schliesslich ist da noch jener Fall, der sagt, in welcher Art und Weise man etwas tut. Sagt man, dass man barfuss kommt, nimmt man das Wort für Fuss und  hängt die Silbe für den Art-und-Weise- Fall dran. Oder man will sagen, dass man etwas mit eigenen Augen gesehen hat  - dann nimmt man das Wort für Auge, hängt wieder die Silbe für den Art-und- Weise-Fall dran und fertig.

 

Zu sagen ist, dass es diesen beiden letzten Fällen nicht gut geht. Sie sind am Aussterben. Man braucht sie nur noch in einigen wenigen Wörtern und Redewendungen.

 

 

 

Damit haben wir sie besprochen, diese 15 so schrecklichen Fälle.

 

 

 

 

übertreiben es die Finnen?

 

Vielleicht beschleicht Sie an dieser Stelle ein ungutes Gefühl. Vermutlich finden Sie, dass man es in Finnland mit den Fällen ein wenig übertreibt: Offensichtlich spricht man in Finnland auch dann von einem 'Fall', wenn wir dies im Deutschen nicht tun würden.

 

Das sehen Sie an den Ortsfällen: Da gibt es einen Fall, der dann gebraucht wird, wenn jemand in ein Haus, in  ein Restaurant oder in  eine Sauna geht.  Das ist der 'Hinein-Fall', wie wir ihn hier nennen (in den Grammatikbüchern tönt er vornehmer, dort heisst er Illativ).  Aber wie er auch immer genannt wird - handelt es sich dabei wirklich um einen Fall?

 

In der deutschen Sprache jedenfalls ist der Illativ nicht notwendig. Wir verwenden im Deutschen keinen besonderen Fall, wenn jemand in einen Raum hinein geht. Geht jemand in einen Raum, sagen wir, dass er 'in' etwas geht - in die Sauna, in die Kirche, in das Gasthaus. 

 

 

Genau so gut kann man sich die Frage stellen, wenn es um den 'Werden-Fall' geht.  Im Deutschen sagen wir zu Beispiel, dass jemand Mechaniker oder Lehrer oder Schreiner wird  - aber es käme uns gewiss nicht in den Sinn zu behaupten, dass es in der deutschen Sprache so etwas wie ein 'Werde-Fall' gibt - einen besonderen Fall, den die Fachleute Translativ nennen.

 

Warum also spricht man im Finnischen auch dann von einem Fall, wenn wir dies im Deutschen nicht tun? 

 

Warum dies so ist, sagen uns die Linguisten und Linguistinnen - jene Leute also, die sich mit der finnischen Sprache und deren Grammatik geschäftigen. Die Begründung, die die Linguisten und Linguistinnen liefern, ist dann allerdings ziemlich kompliziert - und sie ist daneben auch umstritten: Finnische Sprachwissenschafterinnen und Sprachwissenschafter sind sich selber nicht so ganz einig, wie viele Fälle es im Finnischen wirklich gibt.  Und es gibt sogar einige, die sagen, dass es eigentlich gar keinen Sinn macht, überhaupt von finnischen Fällen zu sprechen. Was dann heisst, dass das Finnische 0 Fälle hat....

 

Auf die komplizierten Überlegungen der finnischen Sprachwissenschaft gehen wir an dieser Stelle nicht ein. Wenn Sie Finnisch lernen, ist es im Grunde genommen auch nicht so wichtig, wie viele Fälle es sind.

 

Andere Dinge sind für Sie viel wichtiger, wenn es um die Fälle geht, und von ihnen soll nun die Rede sein.

 

 

 

DENKEN SIE DARAN: FÄLLE WERDEN ANGEKLEBT

 

 

Wenn Sie im Deutschen sagen wollen, dass jemand ein Haus betritt, gehen Sie wie folgt vor:

 

Sie machen einen  Satz, der beispielsweise wie folgt beginnt

 

Herr Müller geht ...

 

und dann nehmen sie ein kleines Wörtchen  - das Wörtchen in.

 

Und dann fügen Sie noch die beide Wörter das Haus hinzu, und schon haben Sie den fertigen Satz:

 

Herr Müller geht in das Haus.

 

Das ist Ihnen dermassen vertraut, dass Ihnen verschiedene Dinge gar nicht mehr auffallen. Denn auffallend ist eigentlich, dass Sie bei diesem Satz das kleine Wort in verwenden, und auffallend ist auch, dass sich das Wort Haus nicht verändert: Herr Müller geht in das Haus.

 

Das muss man an dieser Stelle erwähnen, weil es im Finnischen total anders ist.  Zuerst einmal gibt es im Finnischen kein Wort für in. Und weil es kein Wort für in gibt,  gibt es auch kein Wort, das Sie vor das Wort Haus stellen können, wenn Sie sagten möchten, dass jemand in ein Haus geht. Sie  müssen anders vorgehen, wenn Sie sagen wollen, dass jemand ein Haus betritt.

 

Im Finnischen formuieren Sie den Satz mit Herrn Müller, indem Sie eine kleine Silbe verwenden und diese an das Wort Haus anhängen.  

 

Dass Sie an das Wort Haus ein kleines Wörtchen anhängen - das ist typisch für die finnische Sprache. Es handelt sich dabei gewissermassen um ein Markenzeichen von ihr. Fast alles, was im Finnischen sprachlich geschieht, geschieht über kleine Wörtchen, die an ein Wort angehängt werden. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von agglutinieren - banal ausgedrückt, könnte man sagen, dass die finnische Sprache davon lebt, dass kleine Wörter an andere Wörter angeklebt werden.

 

Und so kommt es, dass es für jeden der 15 Fälle spezielle kleine Wörter gibt, die man an ein Wort anhängen muss. Das ist, wenn man Finnisch zu lernen beginnt, ziemlich gewöhnungsbedürftig  - aber keine Bange: Man gewöhnt sich schnell einmal daran.

 

 

 

 

 

DENKEN SIE DARAN: FÄLLE VERBIEgEN WÖRTER

 

Es wäre schön, wenn man die kleinen Wörter einfach an die grossen Wörter anhängen könnte. Leider ist das alles ein wenig komplizierter - in der finnischen Sprache ist ohnehin alles immer ein wenig komplizierter.

 

Nicht immer ist es nämlich so, dass man die kleinen Wörter einfach anhängen kann. Manchmal hängt man sie an, doch indem man sie anhängt, verbiegt man zuweilen das Wort, an das man die kleinen Wörter angehängt hat. 

 

Sehen wir uns zwei Beispiele ab.

 

Wenn man den Wes-Fall und damit den Genitiv bilden will, kann man auf das wirklich sehr kleine Wörtchen n zurückgreifen. Will man also zum Beispiel sagen, die Farbe des Hauses sei scheusslich, nimmt man das Wort für Haus (dieses lautet talo) und hängt daran das Wörtchen n an. So kommt man dann zu talon  - und das heisst des Hauses.

 

In diesem Falle bleibt sich das Wort für Haus gleich  - man hängt n an und erhält dann das Wort talon.

 

 

Stellen wir uns jedoch vor, dass Sie sagen möchten 'die Universität von Helsinki'

 

Das können Sie im Finnischen nur sagen, wenn Sie das Wort Helsinki in den Wesfall setzen: Helsinkis Universität (die Universität von Helsinki können Sie nicht wortwörtlich übersetzen, denn ein Wort für von gibt es im Finnischen nicht.)

 

Nun wissen Sie, dass man den Wesfall bildet, indem man an ein Wort den Buchstaben n anfügt. Das würde im Falle von Helsinki  bedeuten, dass dieses Wort im Wesfall so aussieht:

 

Helsinkin.

 

Freuen Sie sich nicht zu früh. Finninnen und Finnen, die dieses Wort so lesen, würden garantiert 'Autsch' sagen. Es ist nämlich falsch. Richtig heisst es:

 

Helsingin.

 

Wie Sie sehen, hat der angehängte n das Wort Helsinki verändert: Aus dem k in diesem Wort ist ein g geworden.

 

Solche Veränderungen gibt es im Finnischen in rauen Mengen  - auch sie sind so etwas wie ein Markenzeichen der finnischen Sprache. Man bezeichnet sie als Stufenwechsel. Dabei ist die Veränderung, die Sie eben kennengelernt haben, ziemlich harmlos. Es kommt häufig vor, dass die angehängten kleinen Wörter ein anderes Wort fast bis zur Unkenntlichkeit verändern ….

 

Auch daran müssen Sie sich gewöhnen, wenn Sie sich mit finnischen Fällen beschäftigen.

 

 

 

DENKEN SIE DARAN: ein Wenfall ist nicht immer ein wenfall

 

 

Es ist nicht einmal besonders schwierig, sich die kleinen Wörtchen zu merken, mit denen man die verschiedenen Fälle bildet. Am Anfang tut man sich vielleicht ein wenig schwer damit, doch dann hat man sich bald einmal auch an sie gewöhnt.

 

Hat man sich daran gewöhnt, denkt man sich vielleicht, dass man fortan fliessend Finnisch sprechen kann - schliesslich weiss man, welche kleinen Wörter man braucht, um einen bestimmten Fall zu bilden.

 

Aber eben: Im Finnischen ist alles ein wenig komplizierter.

 

Das merken Sie, wenn Sie zum Beispiel den Satz übersetzen möchten, dass der Lehrer Marja etwas fragt.

 

Auch für den Wen-Fall braucht man eigentlich das Wort n, wenn man ihn bilden will. Und weil dem so ist, könnte man sich denken, dass wir den Buchstaben n an Marja anhängen müssen: Wen fragt der Lehrer? Marja fragt er - und somit steht, so denken wir uns, Marja im Finnischen im Wenfall und damit im Akkusativ: Marjan.

 

Falsch gedacht.

 

Das Wort Marja steht hier eben gerade nicht im Wenfall. Man hängt an das Wort Marja nicht den n für den Wenfall an, sondern man verwendet dazu ein anderes kleines Wörtchen - und zwar jenes, das man braucht, wenn man sagen will, dass jemand aus einem geschlossenen Raum hinaus geht ... was dann heisst, dass man nicht Marja fragt, sondern aus Marja heraus fragt.

 

Das ist aber noch nicht alles. Wer sich mit der finnischen Sprache beschäftigt, stellt ziemlich bald einmal verblüfft fest, dass der eigentliche Wen-Fall (un damit jener Fall, bei dem ein n an ein Wort angehängt wird) ziemlich selten ist.  Denn dort, wo wir im Deutschen einen Wen-Fall vermuten,  steht im Finnischen häufig eben gerade nicht der Wen-Fall.

 

Es ist aber nicht nur beim Wen-Fall so. Es ist ganz allgemein so: Im Finnischen wird beileibe nicht immer jener Fall verwendet, den wir in der deutschen Sprache verwenden würden - was einer der Gründe ist, warum es im Finnischen so schwierig ist, selbst ganz einfache Sätze zu formulieren: Wenn man nicht aufpasst und sich nicht auskennt, verwendet man falsche Fälle und formuliert dann einen Satz, der von der finnischen Grammatik her ziemlich missglückt ist...