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FINNISCH: FAST WIE UNGARISCH?

 

 

 

Um es ein für allemal festzuhalten: Wenn es um die Wörter geht, sind Ungarisch und Finnisch zwei verschiedene Sprachen. Die Wörter, die  in den beiden Sprachen vorkommen, unterscheiden sich so stark voneinander, dass sich Finnen und Ungarn untereinander nicht  verständigen können.

 

 

 

 

Anders sieht es bei der Grammatik aus. Wenn es um die Grammatik geht, weisen die beiden Sprachen eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten auf:

 

Weder die finnischen noch die ungarischen Substantive haben einen Artikel.

 

Weder die finnischen noch die ungarische Substantive haben ein grammatikalisches Geschlecht: Sie sind weder sächlich noch weiblich noch männlich.

 

Sowohl das Finnische als auch das Ungarische haben das, was man Vokalharmonie nennt. Die Vokalharmonie führt dazu, dass die Vokale in einem Wort aneinander angepasst werden. Steht im Finnischen zum Beispiel am Anfang eines Wortes  ein ä, ist es nicht möglich, dass am Wortende ein a vorkommt. Nur ein ä ist erlaubt. Es heisst damit also värässä und nicht etwa värässa.

 

Das Finnische und das Ungarische sind agglutinierende Sprachen: Sie kleben verschiedene Wörter zu einem Wort zusammen: Die Wörter Haus und im zum Beispiel werden zum Wort Hausim zusammengeklebt. Und aus den Wörtern immer noch mit deinem Auto entsteht durch das Zusammenkleben ein einziges Wort: autoimmernochmitdeinem.

 

Wie man am Beispiel mit dem Auto sieht, führt das Zusammenleimen zu Monsterwörtern: Solche Monsterwörter sind ein Markenzeichen sowohl der ungarischen als auch der finnischen Sprache.

 

Sowohl das Finnische als auch das Ungarische haben eine erschreckende hohe Zahl an Fällen:  Finnisch hat deren 15, Ungarisch hat über 20.

 

 

Es gibt also eine ganze Anzahl grammatikalicher Ähnlichkeiten zwischen dem Finnischen und dem Ungarischen. Ist dies ein Beweis dafür, dass Finnisch und Ungarisch miteinander verwandt sind?

 

Die meisten Wissenschafterinnen und Wissenschafter sehen dies so. Ihrer Meinung nach ist vor vielen, vielen Jahren Folgendes passiert: Eine Anzahl von Menschen machten sich aus dem Uralgebiet auf und begannen ihre Wanderung nach Westen. Einige dieser Menschen liessen sich in der heutigen Gegend von Ungarn nieder. Andere gingen weiter und fanden ihren Platz in der Gegend des heutigen Finnlands. Vor  ihrer Wanderschaft sprachen diese Menschen die gleiche Sprache. Aus ihr entstanden später das Ungarische und das Finnische  - zwei Sprachen, die heute zwar verschieden tönen, die aber aus der gleichen Sprache entstanden sind.

 

Die Trennung der beiden Sprachen erfolgte allerdings vor vielen, vielen Jahren. Dies lange Trennungszeit führte dazu, dass die beiden Sprachen sich ganz unterschiedlich entwickelt haben. Ein Wissenschafter sagt denn auch dazu, dass Finnisch und Ungarisch im Laufe der Zeit sich etwa so auseinander entwickelt haben, wie sich das Deutsche und das Russische auseinander entwickelt haben. 

 

 

 

 

Man muss allerdings festhalten, dass es auch Wissenschafterinnen und Wissenschafter gibt, die dies nicht so sehen. Sie sind der Meinung, dass die finnische und die ungarische Sprache nicht auf eine gemeinsame Sprache zurückgehen.

 

Diese Wissenschafterinnen und Wissenschafter sagen, dass sich alles ganz anders abgespielt hat: Die finnische Sprache hat sich nicht aus einer gemeinsamen Sprache entwickelt, die seinerzeit vom Uralgebiet her in das heutige Gebiet von Finnland transportiert worden ist. Das Finnische ist  auf finnischem Gebiet entstanden. Von da her besteht denn auch keine Verwandtschaft mit dem Ungarischen.

 

 

 

Wie aber ist es mit den grammatikalischen Eigenschaften, die man sowohl  im Ungarischen als auch im Finnischen antrifft?

 

Dass die gleichen grammatikalischen Eigenschaften in beiden Sprachen vorkommen, kann darauf hinweisen, dass diese Sprachen verwandt sind. Es kann darauf hinweisen. Es muss  aber nicht. Solche Gemeinsamkeiten können auch Zufall sein.

 

Tatsächlich ist es schon so: Die grammatikalischen Eigenheiten der finnischen und ungarischen Sprache sind nicht einzigartig. Sie kommen auch auch in vielen anderen Sprachen vor. So sollte man etwa daran denken, dass das Zusammenkleben von Wörtern keineswegs nur im Ungarischen und im Finnischen anzutreffen ist: In Europa kleben beispielsweise auch die baskische und die türkische Sprache die Wörter zusammen. Heisst dies nun, das auch die baskische und die türkische Sprache mit dem Finnischen verwandt sind  - oder ist auch dies blosser Zufall?

 

 

Es gibt noch zwei weitere Argumente, die gegen eine Verwandtschaft mit dem Ungarischen sprechen.

 

Das erste: Offenbar ist es so, dass die Leute in Finnland von ihrem Erbgut her den Menschen im westlichen Europa näher stehen als den Menschen im Osten. Das aber dürfte nicht sein, wenn seinerzeit die Menschen aus dem Ural und damit aus dem Osten in das Gebiet des heutigen Finnlands gekommen sind.

 

Und das zweite: Offenbar gibt es wenige oder gar keine Belege dafür, dass seinerzeit eine Völkerwandung stattgefunden hat, bei der die Menschen den Weg vom Osten in den Westen unter die Füsse genommen haben. Wenn es Belege für eine Völkerwanderung gibt, weisen diese eher darauf hin, dass diese in der umgekehrten Richtung stattgefunden hat: Vom Westen in den Osten.

 

 

 

Und nun? Wie steht es um die Verwandtschaft zwischen der ungarischen und der finnischen Sprache?

 

Wer sich als Laie in der Fachliteratur umsieht und die Experten zu Wort kommen lässt, macht eine unangenehme Erfahrung: Die Experten, die der Meinung sind, dass das Finnische und das Ungarische miteinander verwandt sind, bringen für diese Verwandtschaft überzeugende Argumente vor.

 

Das aber tun auch jene Experten, die die Auffassung vertreten, dass keine Verwandtschaft besteht: Auch deren Argumente, die gegen eine Verwandtschaft sprechen, wirken durchaus überzeugend ...

 

Das lässt den Laien hilflos zurück. Es ist ihm schlechterdings unmöglich zu sagen, wer von den Experten nun eigentlich recht hat und wer nicht. Und ausserdem ist es nicht so ganz einfach, die Argumente der Wissenschafterinnen und Wissenschafter nachzuvollziehen, da so manche ihrer Arbeiten in Finnisch oder Ungarisch geschrieben worden sind.

 

 

Die Diskussionen um den Ursprung der beiden Sprachen lässt den Laien noch in einer anderen Hinsicht hilflos zurück: In Ungarn, so befand Professor Häkkinen aus Finnland, geht eine Epidemie um. Wer von ihr angesteckt worden ist, behauptet, dass Finnisch und Ungarisch keinen gemeinsamen Ursprung haben.

 

Der Professor  nennt diese Epidemie die ASS-Epidemie. ASS steht für Acquired Stupidity -Syndrom  - was in etwa mit 'Erworbene-Dummheit-Syndrom' übersetzt werden könnte:

Nach der Meinung des Professors ist damit von Dummheit befallen, wer den gemeinsamen Ursprung der beiden Sprachen in Frage stellt.

 

Das macht dann einen ganz anderen Punkt deutlich: Offensichtlich ist die Verwandtschaftsfrage ein Thema, das sehr, sehr emotional diskutiert wird - was die Sache auch nicht einfacher macht.

 

Doch zurück zur Ausgangsfrage:

 

 

Ist Finnisch also fast wie Ungarisch?

 

Sicher ist, dass heute die finnische Sprache und die ungarische Sprache zwei verschiedene Sprachen sind. Wer Finnisch spricht und Finnisch versteht, der kann deswegen weder Ungarisch sprechen noch Ungarisch verstehen.

 

Nein, kann man deshalb sagen: Finnisch ist nicht wie Ungarisch.

 

 

 

 

Übrigens: Eine ganz andere Erklärung für die Herkunft der finnischen Sprache finden Sie hier: Türkisch - das ferne Vetterchen des Finnischen.

 

 

Wenn Sie mehr über das Ungarische erfahren wollen: Eine Website hilft hier weiter.

 

Wenn Sie ganz genau wissen wollen, finden Sie hier präzise und umfassende (und leider auch ziemlich komplizierte und etwas langweilige) Angaben zur ungarischen Sprache.

 

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Johann Wundersamer (Montag, 25 März 2019 06:48)

    "Es gibt noch zwei weitere Argumente, die gegen eine Verwandtschaft mit dem Ungarischen sprechen.



    Das erste: Offenbar ist es so, dass die Leute in Finnland von ihrem Erbgut her den Menschen im westlichen Europa näher stehen als den Menschen im Osten.

    Und das zweite: Offenbar gibt es wenige oder gar keine Belege dafür, dass seinerzeit eine Völkerwandung stattgefunden hat, bei der die Menschen den Weg

    vom Osten in den Westen

    unter die Füsse genommen haben. Wenn es Belege für eine Völkerwanderung gibt, weisen diese eher darauf hin, dass diese in der umgekehrten Richtung stattgefunden hat:

    Vom Osten in den Westen."
    ________________________________________________

    Was jetzt -

    vom Osten in den Westen

    ODER

    Vom Osten in den Westen."

    ________________________________________________

    DAS lässt den Laien hilflos zurück. Es ist ihm schlechterdings unmöglich zu sagen, wer von den Experten nun eigentlich recht hat und wer nicht -

    und was hier der Unterschied sein soll.

    Grüsse - Hans