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DIE SCHRECKEN DES LESENS

 

 

 

Die Kirchenordnung von 1686 beinhaltet eine Anweisung, die uns heute sehr  merkwürdig vorkommt: Nicht die Schule, sondern die Eltern sind verpflichtet, ihren Kindern das Lesen beizubringen.

 

Warum aber schreibt die Kirche vor, dass die Kinder lesen lernen sollten?

 

Das hat mit Luther zu tun. Luther übersetzte die Bibel ins Deutsche. Er war der Meinung, dass die Gläubigen die Bibel und andere wichtige religiöse Texte in ihrer Muttersprache lesen sollten.

 

Der Finne Angricola studierte bei Luther. Er kehrte nach Finnland zurück und setzte sich dafür ein, dass auch in Finnland die Leute die Bibel, den Katechismus und wichtige Gebete in der Muttersprache zur Verfügung haben solten.

 

Agricola war ein Mann der Tat. Er übersetzte einen Teil der Bibel, das Unser Vater und sonstige wichtige Texte ins Finnische.

 

Diese Übersetzungen waren jedoch nutzlos, bis sie die Leute auch wirklich lesen konnten. Um die Lesefähigkeit aber stand es schlecht: Die Leute in Finnland konnten in der Regel nicht lesen.

 

Indem man die Eltern verpflichtete, ihren Kinder das Lesen beizubringen, konnte man dieses Problem lösen. Damit wuchs eine Generation heran, die fähig war, die entsprechenden Texte zu lesen.

 

 

Die Verpflichtung, dass die Eltern den Kindern das Lesen beibringen sollten, mag gut gemein sein. Für die meisten Eltern war sie eine Qual, zumal sie selber gar nicht lesen konnten. Manche Eltern waren denn auch nicht in der Lage, ihre Kinder angemessen zu unterrichten. Um ihnen zu helfen, trat die lutheranische Kirche auf den Plan: Frauen übernahmen die Aufgabe,  den Kindern Leseunterricht abzubieten.

 

Der Leseunterricht erfolgte an Texten, die die Kirche vorschrieb: Die Kinder lasen  aus dem Neuen Testament und aus dem Katechismus.

 

 

Die christliche Unterweisung und das Lesenlernen gingen von da her Hand in Hand. Die Kirche war damit zufrieden. Vermutlich war es keineswegs so, dass alle Kinder fliessend lesen lernten. Doch selbst wenn dies nicht gelang, waren sie doch in den christlichen Grundlagen unterrichtet worden: Wichtige Gebete, Bibelsprüche und auch der Katechismus wurden im Leseunterrichtes so oft  gepaukt, dass die Kinderen die Texte praktisch auswendig konnten.

 

 

Die Kirche schrieb den Eltern nicht nur vor, den Kindern das Lesen zu vermitteln. Die Kirche trat auch als Kontrollinstanz auf. Sie überprüfte den Lernerfolg. Das geschah im Rahmen von öffentlichen Prüfungen: Einmal im Jahr musste die Kinder zur Prüfung antreten und vor den gestrengen Augen des Pfarrers und vor den Augen der Gemeindemitglieder vorlesen.

 

Es war ein Tag, vor dem sich manche Kinder und auch manche Eltern fürchteten. Es gibt, so sagte man damals, drei unangenehme Tage im Jahreslauf: Der Tag, an dem man Schweine schlachtete, der Tag, an dem man Mist führte und dann eben auch der Tag, an dem das Lesen geprüft wurde.

 

Die Leute hatten allen Grund, den Tag zu fürchten. Wer als Kind schlecht im Lesen war, wurde bestraft und  gedemütigt. Dies galt auch für die Eltern: Sie hatten ebenfalls mit Strafen zu rechnen, wenn eines ihrer Kinder beim Lesen versagte.

 

Das Lesen war aber auch sonst wichtig. In der lutheranischen Kirche durfte nur heiraten, wer lesen konnte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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