esko, die spione und der geheimbund der

weissen kakerlaken: leseprobe

 

 

   

 

I.

Die drei Männer waren Spione. Sie stahlen in Finnland geheime Dokumente und verkauften sie dann in Russland. Damit verdienten sie viel Geld.

 

Jetzt sassen die drei Männer an einem Tisch: ein Mann mit schwarzen Haaren und einem schwarzen Bart, ein Mann mit einem auffallend bleichen Gesicht, und ein dicker Mann mit einer Glatze.

 

Die Männer befanden sich in der Wohnung des bleichen Mannes, der Varte hiess.  Varte hatte die Wohnung gemietet. Sie gehörte einer Witwe, die im selben Haus wie der bleiche Mann wohnte.

 

Am Abend kochte die Witwe für sich und ihren 9-jährigen Sohn Esko das Nachessen. Um 6 Uhr ging sie jeweils weg. Sie arbeitete bei einem Universitätsprofessor, für den sie wissenschaftliche Unterlagen bereitstellte. Esko war dann allein zu Hause, und die Witwe kehrte erst um acht oder neun Uhr am Abend zurück.

 

«Glaubst du wirklich, dass wir den Plan stehlen können?», fragte Matsoff. Er war der Mann mit den schwarzen Haaren und dem schwarzen Bart. 

 

Varte schaute ihn böse an:

 

«Was soll die Frage? Natürlich können wir das. Es ist alles vorbereitet – in den nächsten Tagen schlagen wir zu und stehlen den Plan.»

 

 

Der dicke Mann mit der Glatze hiess Halm. Er meldete sich zu Wort.

«Nun also», sagte er, «damit alles wie am Schnürchen läuft, erkläre ich nochmals, wie wir den Plan stehlen werden.»

Die anderen zwei Männer hörten ihm aufmerksam zu. Halm fuhr fort:

«Ein Kurier bringt jeweils geheime Dokumente zum finnischen Aussenministerium. Er wird auch jenen Plan dorthin bringen, den wir ihm rauben wollen. Der Kurier fährt in einem Auto. Solange er im Auto sitzt, können wir ihn nicht überfallen. Wie ihr aber wisst, liegt das finnische Aussenministerium in einer kleinen Nebengasse. Um dorthin zu kommen, verlässt der Kurier das Auto und geht der Nebengasse entlang - und dann schlagen wir zu.»

«Wie genau?», wollte Varte wissen.

«Ganz einfach», erklärte Halm. «Ich habe einen ehemaligen Dieb engagiert. Dieser Dieb wartet in einem Laden, der an der kleinen Nebengasse liegt. Kommt der Kurier, verlässt der Dieb den Laden und schlendert am Kurier vorbei. Dann aber kehrt er sich um und schlägt dem Kurier mit einem Sandsack auf den Kopf. Der Kurier wird bewusstlos und fällt wie ein Stein zu Boden. Der Dieb ergreift den Aktenkoffer, in dem der geheime Plan ist und macht sich aus dem Staub. Und da dies alles in einer kleinen und menschenleeren Gasse geschieht, wird ihn niemand aufhalten.»

 

«Ist der Dieb zuverlässig?», fragte Varte. «Besteht nicht die Gefahr, dass er das ausplaudert, was wir im Schild führen?»

«Ja, er ist zuverlässig», entgegnete Halm. «Er ist zwar ein Gauner. Aber er weiss, dass ich von seinen Gaunereinen weiss. Und er weiss, dass ich ihn jederzeit deswegen bei der Polizei verpfeifen kann. Und wenn ich dies tue, sitzt er im Knast, noch bevor er auch nur Pieps sagen kann. Das aber will er nicht. Deshalb wird er sich an meine Befehle halten. Er wird auch niemandem ein Sterbenswörtchen verraten. Ich habe ihm 1000 Mark gegeben, und ich bin mir sicher, dass er seinen Auftrag korrekt ausführt.»

 

Die beiden anderen Männer waren erleichtert. Halm aber schaute sie eindringlich an und sagte mit ernster Stimme:

 

«Denkt daran, dass wir Erfolg haben müssen. Ich habe nochmals aus Russland ein Telegramm erhalten, in welchem man mir sagt, dass der Plan in Russland dringend gebraucht. Wenn wir ihn in Russland abliefern, dürfen wir mit einem netten Sümmchen Geld rechnen.

 

Halm schwieg eine Weile. Dann sagte er leise:

 

«Ihr dürft niemandem auch nur das Geringste von dem sagen, was wir vorhaben. Und dies ganz besonders deshalb nicht, weil uns die Leute von den weissen Kakerlaken gefährlich werden könnten.»

 

 

 

II.

«Kakerlaken – du meinst die Küchenschaben, die es in jeder Wohnung gibt und die in der Küche das Brot und das Fleisch und anderes Essen anknabbern?» fragte Varte. Er verstand nicht, was Halm meinte.

«Hast du Angst, dass die Kakerlaken auch uns anknabbern und uns auffressen?», frage Varte weiter und lachte schallend.

 

Halm lief vor Zorn rot an.

 

«Nein, du blöder Schlaumeier», entgegnete er. «Ich meine nicht die Küchenschaben. Ich meine die weissen Kakerlaken.»

 

Er schaute düster drein.

 

«Immer wieder finde ich irgendwo ein weisses Stück Papier, das in der Form einer Kakerlake gefaltet ist. Jedes Mal, wenn ich eine solche Kakerlake aus Papier finde, weiss ich, dass es einen Geheimbund geben muss, der uns bekämpft und der uns mit diesen weissen Kakerlaken aus Papier erschrecken will.  Und sicher will er uns auch bei der Polizei verpfeifen. Aber wer sind die Leute in diesem Geheimbund, die diese papierenen Kakerlaken herstellen und sie uns unterjubeln? Hat jemand herausgekriegt, was wir im Sinne haben? Haben wir einen Verräter unter uns?»

 

Die beiden anderen Männer waren erbost. Varte war aufgestanden und wollte sich auf Halm stürzen. Halm hob beschwichtigend seine Hände:

 

«Schaut mich nicht so finster an. Euch habe ich sicher nicht im Verdacht. Aber vielleicht belauscht uns jemand, wenn wir hier sitzen und reden.»

 

«Ganz bestimmt nicht», meinte Varte. «Die Frau, der das Haus gehört, ist arbeiten gegangen. Nur ihr Sohn Esko ist hier. Vermutlich sitzt der Bengel auch heute wieder von seinem Radio – er interessiert sich einzig und allein für seinen Radio. Obwohl er erst 9 Jahre alt ist, kennt er sich mit elektrischen Geräten bestens aus.»

 

Matsoff langte an seine Brusttasche.

 

«Da wir schon bei Esko sind – ich sehe gerade, dass ich keine Zigaretten mehr habe. Vielleicht kannst du Esko bitten, mir welche im Laden zu kaufen?»

 

«Ich werde es ihm sagen», meinte Varte. Er stand auf und ging zu einer Türe, die in ein Zimmer führte. Das Zimmer war leer. Varte ging weiter zu der nächsten Türe. Er öffnete diese und stand vor dem Esszimmer. Beim Fenster befand sich ein kleiner Tisch, und an diesem kleinen Tisch sass Esko.

«Nun – funktioniert der Radio?», wollte Varte von ihm wissen.

Esko trug Kopfhörer. Diese nahm er nun ab.

«Mein Radio funktioniert immer», bemerkte er stolz. «Jetzt gerade höre ich eine Opernsängerin. Wollen Sie sie auch hören? Sie singt eine Arie aus der Oper…»

Varte unterbrach ihn und sagte unwirsch:

«Ich will keine Arien hören. Dazu habe ich keine Zeit. Kannst du mir eine Besorgung erledigen?»

«Mit Vergnügen», sagte Esko.

«Da ist Geld», brummte Varte und gab Esko einen Geldschein. «Geh und kaufe mir Zigaretten. Die meisten Geschäfte sind bereits geschlossen, aber du findest sicher einen Laden, der noch geöffnet hat.»

«Sicher. Gleich um die Ecke ist ein solcher Laden. Die Frau dort verkauft Zigaretten und Zeitschriften.»

 

Esko stand auf und begab sich in den Korridor. Varte schaute zu, wie sich der Knabe seine Mütze aufsetzte und seinen Mantel anzog. Als Esko gegangen war, kehrte Varte zu den beiden Männern zurück.

 

«Ich habe dem Knaben aufgetragen, Zigaretten zu kaufen. Er ist bald zurück», erklärte Varte.

 

Tatsächlich erschien Esko nach wenigen Minuten wieder. Er gab Varte die Zigaretten und das Rückgeld und verschwand in seinem Zimmer. Varte öffnete die Zigarettenschachtel und sprang auf.

 

«Eine weisse Ka-Kakerlake!», stotterte er. 

  

Die anderen beiden Männer sagten nichts. Sie standen bloss da und glotzen die weisse Kakerlake aus Papier an. Sie hatten keine Ahnung, woher sie kam.

 

Aber eines wussten sie: Der Geheimbund der weissen Kakerlaken hatte wieder zugeschlagen.

 

 

 

 

 

 

 

Aus:

 

Jalmari Finne

Valkoinen torakka.

 

Übersetzung Hanspeter Weiss 2020