OHNE LUTHER KEIN FINNISCH

 

 

 

Luther war nie in Finnland.  Er sprach auch kein Finnisch. Finnland interessierte ihn vermutlich auch nicht besonders stark.

 

Trotzdem verdankt ihm Finnland sehr viel. Denn es ist schon so: Ohne Luther gäbe es kein Finnisch.

 

Warum dies?

 

Zu der Zeit, zu der Luther lebte, war Finnisch die Sprache, in der sich die Leute in der Gegend des heutigen Finnlands unterhielten. Finnisch wurde zu dieser Zeit gesprochen. Aber es wurde nicht geschrieben.

 

Ging es ums Schreiben, griff man auf andere Sprachen zurück:

 

Die Wissenschafterinnen und Wissenschafter verwendeten die lateinische Sprache. 

 

Auch die Kirche stützte sich auf das Lateinische ab.

 

Die Verwaltung und die Gerichte griffen auf das Schwedische zurück (was sich daraus erklärt, dass Finnland damals zu Schweden gehörte).

 

Und wenn es um den Handel ging, wurde die holländische oder deutsche Sprache eingesetzt.

 

 

Dann kam Luther, und es kam die Reformation in Deutschland.

 

Luther hatte eine feste Überzeugung: Die Gläubigen müssen die Bibel in ihrer Muttersprache lesen und hören können. Zu diesem Zweck übersetzte Luther Teile der Bibel in die deutsche Sprache. 

 

 

ohne agricola kein finnisch

 

 

1536 bekam er Besuch aus Finnland. Ein Mann namens Michal Agricola suchte ihn auf. Agricola machte sich mit der Reformation vertraut. Er machte sich auch die Auffassung von Luther zu eigen: Die Gläubigen sollten die Bibel in ihrer Muttersprache hören und lesen können. Was für Finnland hiess: Die Gläubigen müssen die Bibel in finnischer Sprache zur Verfügung haben.

 

Agricola war ein Mann der Tat.  Als er nach Finnland zurückgekehrt war, begann er mit der Übersetzung der Bibel: Er übertrug sie ins Finnische.

 

Ganz gelungen ist ihm dies nicht. Allein schon aus Geldmangel konnte er nicht die ganze Bibel übersetzen. Doch Agricola übersetzte immerhin rund 2500 Seiten - was eine beachtliche Leistung ist.

 

Es ist auch deshalb eine beachtliche Leistung, weil Agricola so gut wie nichts hatte, auf dem er aufbauen konnte. Denn es war schon so: Ein geschriebenes Finnisch gab es damals noch nicht, Agricola musste das geschriebene Finnisch erst noch erfinden.

 

Praktisch hiess dies: Er musste einen Weg finden, wie er das Finnisch, das damals nur gesprochen wurde, schriftlich festhalten konnte.

 

Agricola meisterte diese Aufgabe bravourös. Als er damit fertig war, war ein entscheidender Schritt in der Geschichte der finnischen Schriftsprache geschehen: Finnisch existierte fortan nicht mehr nur als gesprochene Sprache. Finnisch existierte nun auch in der schriftlichen Form. Und so macht es denn durchaus Sinn, dass Agricola bis heute in Finnland hoch geachtet wird. Man nennt ihn den Vater des geschriebenen Finnisch.

 

Man feiert ihn Agricola auch jedes Jahr, und man steht bewundernd vor den Statuen von ihm, die überall in Finnland aufgestellt sind  - wobei es mit diesen Statuen so eine Sache ist: Sie zeigen einen würdigen Herrn in einer würdigen Kleidung, nur weiss niemand, wie Agricola genau ausgesehen hat: Wir haben kein Bild von ihm.

 

 

Wenn Sie sich für Agricola näher interessieren, können Sie auf ein Buch zurückgreifen; es informiert Sie sehr sachkundig und gut lesbar über Agicola

 

Das Buch heisst

 

 

Spreading the Written Word: Mikael Agricola and the Birth of Literary Finnish

 

  

Sie finden es hier 

 

 

als das finnische fast verschwand - nach agricola

 

 

Es wäre naiv, würde man annehmen, dass die schriftlichen Unterlagen von Agricola den Durchbruch der finnischen Schriftsprache bedeutet hätten. Das war nicht der Fall. Auch nach der Zeit von Agricola führte das geschriebene Finnisch ein Schattendasein.

 

Warum dies? 

 

Inhaltlich war das geschriebene Finnisch auf den kirchlichen Raum beschränkt. 

 

Ausserhalb des kirchlichen Raumes verbreitete es sich nicht. Erstens einmal konnten die meisten Leute gar nicht lesen. Und zweitens konnte man Bücher nicht in der nächsten Buchhandlung um die Ecke kaufen. Bücher mussten zuerst mühsam gesetzt und dann gedruckt werden. Das führte dazu, dass sie sündteuer waren, und dies wiederum führte dazu, dass sich nur reiche Leute Bücher leisten konnten - wobei die reichen Leute diese Bücher in der Regel nicht lasen. Sie stellen die Bücher auf und zeigten damit, dass sie reich waren.

 

Es war im Übrigen auch so, dass die meisten Leute nicht schreiben konnten. Zwar wurde in Finnland damals grossen Wert darauf gelegt, dass die Leute lesen konnten (es gab eine Zeit, zu der man nicht heiraten konnte, wenn man nicht eine von der Kirche veranstaltete Leseprüfung bestanden hatte).  Kein grosser Wert wurde dagegen auf das Schreiben gelegt  - dieses war geradezu verpönt: Die Leute mussten lesen können, aber sie mussten nicht schreiben können.

 

(Der Grund ist vermutlich der: Das, was die Leute lesen mussten, wurde von der Kirche vorgegeben. Sie sorgte dafür, dass die Leute nur das lasen, was der Kirche genehm war. Die Kirche hatte damit die Kontrolle darüber, was die Leute lasen und welche Gedanken sie beim Lesen aufnahmen. Das Schreiben jedoch war der Kirche vermutlich ein wenig unheimlich: Leute, die schrieben, waren imstande, eigene Gedanken zu formulieren - und damit waren sie auch imstande, allenfalls Gedanken zu formulieren, die der Kirche unangenehm waren.)

 

Es gab noch einen weitern und entscheidenden Grund, warum das geschriebene Finnisch ein Schattendasein führte. Er hängt mit der Situation zusammen, in der sich die finnische Sprache damals  befand.

 

Finnland gehörte bis 1809 zu Schweden. Und Schweden dominierte Finnland. Das machte sich auch in der Sprache bemerkbar: Das Schwedische war die Sprache, die man in den Schulen, in der Verwaltung und in den Gerichten brauchte. Es war aber auch die Sprache, die man können musste, wenn man es zu etwas bringen wollte. Wer nicht Schwedisch konnte, durfte nicht damit rechnen, bei den Gerichten oder in der Verwaltung Karriere zu machen. Das galt im Übrigen auch für die Kirche. Wer dort Karrieren machen und es beispielsweise bis zum Bischof bringen wollte, musste ebenfalls die schwedische Sprache beherrschen.

 

Weil dem so war, setzte sich kaum jemand besonders stark für die Entwicklung der finnischen Schriftsprache ein. Der finnischen Schriftsprache ging es deshalb schlecht: Im 18. Jahrhundert musste man befürchten, dass die finnische Sprache über kurz oder lang verschwinden würde.

 

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich das Blatt zu wenden.

 

 

 

 

das jahr 1809: die schwedische Herrschaft endet

 

 

Bis 1809 stand Finnland unter der Herrschaft Schwedens. Dann endete diese Herrschaft: Finnland gehörte fortan zu Russland.

 

 

Dass Schweden seine Herrschaft über Finnland hatte aufgeben müssen, hatte auf der sprachlichen Ebene weitgreifende Auswirkungen.  In Finnland sah man keinen Grund, weiterhin auf die schwedische Sprache zu setzen. Man wollte sich nicht mehr vorschreiben lassen, dass man in den Schulen, auf den Ämtern und vor den Gerichten Schwedisch verwenden sollte.

 

Zwei Faktoren unterstützten das Bestreben der Finninnen und Finnen nach ihrer eigenen Sprache. Da war zum einen der Zar, der es vorerst zumindest ganz gerne sah, wenn sich die finnische Sprache in Finnland breit machte - der Zar erhoffte sich, dass sich die finnische Bevölkerung auf diese Weise weiter von Schweden entfernen würde.

 

Zum andern war da auch der Geist der Zeit: Zu dieser Zeit bildete sich die Überzeugung heraus, dass die Völker der Welt ihre eigenen Nationen schaffen sollten. Das verbindende Glied und gewissermassen die Seele einer jeden Nation aber war die Sprache - sie sorgte für die Einheit und für die kulturelle Identität einer Nation.

 

Diese Idee blieb in Finnland nicht unbeachtet. Dort kam langsam die Meinung auf, dass Finnland über kurz oder lang  zu einer eigenen Nation werden sollte. Und dass in einem Finnland als eigene Nation Finnisch gesprochen und auch geschrieben werden sollte, lag auf der Hand - und zwar sollte dies immer und überall geschehen: in den Schulen, in den Amtsstuben, vor dem Gericht und auch in den Zeitungen und in den Büchern. 

 

Allerdings gab es ein Problem: Es gab zwar ein gesprochenes Finnisch, das sich für das Alltagsleben eignete. Ein geschriebenes Finnisch, das in allen jenen Bereichen eingesetzt werden konnte, die über das Alltagsleben hinausgingen - ein solches Finnisch existierte noch nicht. 

 

 

 

vielleicht gäbe es auch ohne lönnrot kein finnisch

 

 

  

Es sind viele Leute, die dazu beigetragen haben, dass Finnisch zu einer Sprache wurde, die in allen Lebensbereichen verwendet werden konnte.

 

Unter diesen Leuten ragt eine Person heraus: Es heisst Elias Lönnrot.

 

1831 wurde die Finnische Literatur-Gesellschaft gegründet - es war dies eine Gesellschaft, die für die Entwicklung der finnischen Schriftsprache sehr bedeutsam war, auch wenn sie zum Teil ihre Protokolle in schwedischer Sprache verfasste...

 

Zu den Gründungsmitgliedern dieser Gesellschaft gehörte Elias Lönnrot. 

 

Lönnrot verfolgte ein ganz anderes Ziel als Agricola. Agricolas Ziel war die kirchliche Unterweisung gewesen. Lönnrots Ziel aber war es, eine Sprache für Finnland zu schaffen.

 

 

Lönnrot erreichte dieses Ziel, indem er den finnischen Nationalepos verfasste  - das KalevalaDass Lönnrot diesen Epos schrieb, war für die finnische Sprache sehr wichtig. Lönnrot zeigte damit, dass diese finnische Sprache auch fähig war kulturell sehr bedeutsame Werke zu schaffen.  

 

Lönnrot erreichte dieses Ziel auch auch, indem er die Rechtschreibung der finnischen Wörter vereinheitlichte - was dann zu einer genial einfach geregelten Rechtschreibung führte (mehr dazu hier).

 

Lönnrot schuf zudem viele neue finnische Wörter, die man in der geschriebenen finnischen Sprache brauchte. Einige von ihnen - wie etwa tasavalta, das finnische Wort für Republik - bestehen auch heute noch.

 

 

Nicht zuletzt aber erreichte Lönnrot dieses Ziel auch, indem er zum Autor des ersten finnisches Wörterbuches wurde.

 

Welche immense Arbeit Lönnrot leistete, wird daraus ersichtlich, dass dieses Wörterbuch  200'000 (!) Wörter umfasst.

 

Es überrascht von da her nicht, dass Lönnrot als der zweite Vater der finnischen Sprache verehrt wird.

 

 

 

 

eine wortlose sprache

 

 

Das gesprochene Finnisch war alltagstauglich. Es war eine Sprache, die man im täglichen Leben verwenden konnte. Das war möglich, weil diese Sprache jene Wörter zur Verfügung stellte, die man im Alltag brauchte, wenn man sich untereinander unterhalten wollte.

 

Anders sah es aus, wenn man den Alltag verliess. Da war die finnische Sprache buchstäblich sprachlos. Musste man sich über ein Angelegenheiten unterhalten, die mit der Verwaltung zu tun hatte, gab es keine finnischen Wörter dafür. Musste man sich über wissenschaftliche Themen unterhalten, fehlten ebenfalls die entsprechenden Wörter. Und wenn es um die Schule ging, präsentierte sich das  gleiches  Bild: Auch hier fehlten jene finnischen Wörter, die man gebraucht hätte, um sich über schulische Themen zu unterhalten.

 

Was dies praktisch heisst, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Wörter beispielweise in der finnischen gesprochenen Sprache fehlten - und im geschriebenen Finnisch dringend benötigt wurden.

 

Im gesprochenen Finnisch gab es keine Wörter für

 

 

Kunst

Wissenschaft

Literatur

Demokratie

unabhängig

Religion

Bürgerin und Bürger

Industrie

Krankenhaus

Zukunft.

etc.

 

Wollte das Finnische als geschriebene Sprache funktionieren, mussten schnell einmal die notwendigen Wörter geschaffen werden: Jemand musste finnische Wörter für Wissenschaft, Krankenhaus, Religion etc. erfinden.


Und so geschah es denn auch.  Zwischen 1820 und 1870 wurden buchstäblich Abertausende finnische Wörter ins Leben gerufen.

 

Es gab sogar Wettbewerbe: Die Leute wurden aufgerufen, finnische Wörter zu erfinden, die man in der Schriftsprache brauchen konnte.

 

 

Doch wie erfindet man solche Wörter? Wie findet man zum Beispiel ein Wort für Industrie? Oder für Wissenschaft? Oder für Demokratie?

 

 

Der einfachste Weg besteht darin, dass man die Wörter aus einer anderen Sprache ausleiht. Doch diesen Weg wollte man in Finnland nicht gehen. Niemand konnte sich dafür begeistern, dass man bei der Erfindung der neuen Wörter auf andere Sprachen zurückgriff: Man wollte die Wörter weder aus dem Lateinischen noch aus dem Russischen und schon gar nicht aus dem Schwedischen borgen  - wenn man schon Wörter schuf, mussten es eigene und finnische Wörter sein.

 

Einfach war das nicht. Und einfach war die Wortschöpfung auch deshalb nicht, weil ein unerwartetes Problem auftauchte.

 

Das Problem bestand, kurz gesagt, darin, dass es einen westlichen und einen östlichen finnischen Dialekt gab. Nahmen die Gelehrten allzu viele Wörter aus dem westlichen Dialekt in das neu geschaffene Schriftfinnisch auf, passierte das, was passieren musste: Die Leute, die den östlichen Dialekt sprachen, fühlten sich übergangen. Und umgekehrt gilt auch: Allzu viele Wörter aus dem östlichen Dialekt kam im Westen Finnlands nicht gut an.

 

Für uns mag dies schwer nachzuvollziehen sein. Doch für die Leute der damaligen Zeit war es ein Problem, das zu grössten Schwierigkeiten führte. Es entstand ein eigentlicher Sprachenstreit, bei dem sich die Vertreter des östlichen und des westlichen Dialekts erbittert gegenüber standen und einander gegenseitig enorme Grobheiten an den Kopf warfen. Eine Zeitlang sah so aus, als würde das Land ob des Streites in zwei Teile gerissen, indem man ein westliches Finnisch und ein von ihm abgetrenntes östliches Finnisch schaffen wollte - erst im letzten Moment konnte ein ausgesprochen kluger und weiser Mann das Auseinanderdriften in zwei Sprachen vermeiden.

 

 

Das Auseinandertriften vermied man, indem man Kompromisse einging.

 

Wie ein solcher Kompromiss aussah, kann am Wort pata  veranschaulicht werden - pata ist ein finnisches Wort, das man heute braucht und das einen grossen Eimer bezeichnet. Für dieses Wort musste in der Schriftsprache der Genitiv konstruiert werden.

 

Vorhanden war dieser Genitiv im östlichen Dialekt des Finnischen. Dort lautete er paran oder palan.

 

Vorhanden war der Genitiv auch im westlichen Dialekt, nur hiess er dort pa'an.

 

Um niemanden zu verärgern, führte man einen Kompromiss ein  - im geschriebenen Standard-Finnisch heisst dieser Genitiv padan  - was insofern bemerkenswert ist, als dass man mit dem d einen Buchstaben in die Schriftsprache einführte, den es in der Mundart gar nicht gab.

 

 

 

 

 

eine sprache, die am reissbrett entstand

 

 

Alles in allem aber gelang es, zu einer brauchbaren finnischen Schriftsprache zu kommen - auch wenn es lange dauerte und auch wenn der Weg dazu steinig war.

 

 

Dabei muss man sich jedoch über einen Punkt im Klaren sein:

 

Die finnische Schriftsprache ist kein über die Jahrhunderte weg gewachsenes, organisches Gebilde. Sie ist, wie ein Wissenschafter dies formulierte, eine bewusst konstruierte Sprache, die zu einem guten Teil aus bewusst kreierten Wörtern und einer bewusst konstruierten Grammatik besteht.

 

Oder anders und auch überspitzt formuliert: Sie ist eine weitgehend am Reissbrett entstandene Sprache.

 

In einem gewissen Sinne ist sie damit auch eine künstliche Sprache.