die finnische Schriftsprache

 

 

 

 

 

 

 

 

kaum vorhanden: die Schriftsprache vor 1540

 

Über eine sehr lange Zeit hinweg wurde das Finnische lediglich gesprochen: Es war die Sprache, in der sich die Leute seinerzeit in der Gegend des heutigen Finnlands unterhielten. Ging es aber ums Schreiben, griff man auf andere Sprachen zurück: Wissenschafterinnen und Wissenschafter verwendeten für ihre Arbeiten die lateinische Sprache.  Auch die Kirche stützte sich auf das Lateinische ab. Die Verwaltung und die Gerichte griffen auf das Schwedische zurück (was sich darauf erklärt, dass Finnland damals zu Schweden gehörte), und wenn es um den Handel ging, wurde die holländische oder deutsche Sprache eingesetzt.

 

 

Die finnische Sprache tauchte ab und zu in den Gerichtsprotokollen oder in sonstigen amtlichen Dokumenten auf  - diese wurden zwar auf Schwedisch geschrieben, manchmal aber war es unumgänglich, dass man bei der Nennung von Höfen oder sonstiger Örtlichkeiten auf die finnischen Wörter zurückgriff, mit denen eben diese Höfe und Örtlichkeiten bezeichnet wurden.

 

Zuweilen tauchte das Finnische auch im kirchlichen Rahmen auf: 1441 und 1492 führte die katholische Kirche zwei Synoden durch, in welchen die Geistlichen angehalten wurden, das Vater Unser, das Ave Maria und das Glaubensbekenntnis 'in linguam maternam' - und damit in der finnischen Sprache - den Gläubigen in jedem sonntäglichen Gottesdienst vorzutragen. Damit dies immer im gleichen Wortlaut geschah, schrieb die Synode auch vor, dass sich die Pfarrherren auf dabei auf Texte abstützten, die sie schriftlich festgehalten hatten. 

 

Wir können von da her annehmen, dass die Pfarrherren der damaligen Zeit die entsprechenden Texte schriftlich formulierten  - und zwar indem sie die finnischen Texte in irgendeiner Weise schriftlich festhielten. Und anzunehmen ist, dass die Pfarrherren sich auch dann auf schriftliche finnische Unterlagen abstützen, wenn sie Kinder tauften oder Ehepaaren das Sakrament der Ehe spendeten. Damit ist der Bereich, in dem das schriftliche Finnische vorkam, bereits abgesteckt: Alles in allem führte es ein Schattendasein. 

 

 

 

 

 

 

wie luther den Finnen die Schriftsprache brachte

 

 

 

Luther selber war nie in Finnland.  Finnland verdankt ihm trotzdem sehr viel.

 

 

Das kam so:

 

Luther war der Meinung, dass die Gläubigen die Bibel in ihrer Muttersprache kennenlernen sollten. Zu diesem Zweck übersetzte er Teile der Bibel in die deutsche Sprache. 

1536 bekam er Besuch aus Finnland. Ein Mann namens Michal Agricola suchte ihn auf. Agricola machte sich mit der Reformation vertraut. Er machte sich auch die Auffassung von Luther zu eigen: Die Gläubigen sollten die Bibel in ihrer Muttersprache hören.

 

Agricola war ein Mann der Tat.  Als er nach Finnland zurückgekehrt war, begann er mit der Übersetzung der Bibel: Er übertrug sie ins Finnische.

 

Ganz gelungen ist ihm dies nicht - die gesamte Bibel übersetzen könnte er nicht - was unter anderem am Geld scheiterte. Doch Agricola übersetzte immerhin rund 2500 Seiten - was schon rein mengenmässig eine beachtliche Leistung ist.

 

Es ist aber auch deshalb eine beachtliche Leistung, weil Agricola so gut wie nichts hatte, auf dem er aufbauen konnte. Es gab damals kein geschriebenes Finnisch. Und da es ein geschriebenes Finnisch damals noch nicht gab, musste Agricola dieses erst noch erfinden: Er musste einen Weg finden, wie er das Finnisch, das damals nur gesprochen wurde, schriftlich festhalten konnte.

 

Agricola meisterte diese keineswegs einfache Aufgabe bravourös. Als er damit fertig war, war ein entscheidender Schritt in der Geschichte der finnischen Schriftsprache geschehen: Finnisch existierte fortan nicht mehr nur als gesprochene Sprache; Finnisch existierte nun auch in der schriftlichen Form. Und so macht es denn durchaus Sinn, dass Agricola bis heute in Finnland hochgeachtet wird. Man nennt ihn den Vater des geschriebenen Finnisch. Man feiert ihn jedes Jahr und man steht bewundernd vor Statuen von ihm, die überall in Finnland aufgestellt sind  - wobei es mit diesen Statuen so eine Sache ist: Sie zeigen einen würdigen Herrn in einer würdigen Kleidung, nur weiss eigentlich niemand, wie Agricola genau ausgesehen hat: Wir haben kein Bild von ihm.

 

 

 

 

als das finnische fast verschwand - nach agricola

 

 

Es wäre naiv, würde man annehmen, dass die schriftlichen Unterlagen von Agricola den Durchbruch der finnischen Schriftsprache bedeutet hätten. Das war keineswegs der Fall. Nach wie vor führte das geschriebene Finnisch ein Schattendasein.

 

Inhaltlich war es auf den kirchlichen Raum beschränkt. Eine Verbreitung ausserhalb des kirchlichen Raumes scheiterte jedoch. Erstens einmal konnten die meisten Leute zur damaligen Zeit nicht lesen. Und zweitens konnte man damals Bücher nicht um die Ecke in der nächsten Buchhandlung kaufen. Bücher mussten zuerst mühsam gesetzt und dann gedruckt werden. Das führte dazu, dass sie sündteuer waren, und dies wiederum führte dazu, dass sich nur reiche Leute Bücher leisten konnten - und zwar oft weniger um diese zu lesen, als um zu zeigen, dass man vermögend war.

 

Es gab noch einen anderen und vielleicht sogar gewichtigeren Grund, warum das geschriebene Finnisch ein Schattendasein führte. Er hängt mit der Situation zusammen, in der sich die finnische Sprache damals ganz allgemein befand.

 

Finnland gehörte bis 1809 zu Schweden. Und Schweden dominierte Finnland. Das machte sich auch in der Sprache bemerkbar: Das Schwedische war die Sprache, die man in der Verwaltung und in den Gerichten brauchte. Es war aber auch die Sprache, die man können musste, wenn man es zu etwas bringen wollte. Wer nicht Schwedisch konnte, durfte nicht damit rechnen, bei den Gerichten oder in der Verwaltung Karriere machen zu können.  Und sogar im kirchlichen Raum war dies nicht anders: Es war zwar möglich, ein schlichter Pfarrer in einer schlichten Gemeinde zu werden, auch wenn man das Schwedische nicht beherrschte. Doch wer innerhalb der Kirche Karrieren machen und es beispielsweise bis zum Bischof bringen wollte, musste ebenfalls über solide Schwedischkenntnisse verfügen.

 

Die Folge aus alldem war, dass sich kaum jemand besonders stark für die Entwicklung der finnischen Schriftsprache einsetzte. Dieser Schriftsprache ging es denn auch nicht gut: Im 18. Jahrhundert musste man fast befürchten, dass die finnische Sprache über kurz oder lang verschwinden würde.

 

Genau das geschah jedoch nicht: Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann sich das Blatt zu wenden.

 

 

das jahr 1809: die schwedische Herrschaft endet

 

Bis 1809 stand Finnland unter der Herrschaft Schwedens. Dann endete diese Herrschaft: Finnland gehörte fortan zu Russland. Eigentlich hätte man sich denken können, dass das Finnische nun endgültig verschwindet und nach und nach durch die russische Sprache ersetzt wird. Das war jedoch nicht der Fall. Die Leute in Finnland konnten, wenn man so will, mit Russland nichts anfangen - zu fremd war ihnen dieses Land mit seiner unverständlichen Sprache und seinen besonderen kulturellen Eigenarten: Finnland näherte sich Russland keineswegs an.

 

Dass Schweden seine Herrschaft über Finnland hatte aufgeben müssen, hatte auf der sprachlichen Ebene jedoch eine ganz andere Auswirkung. Bislang war die Verwaltungs- und Gerichtssprache Schwedisch gewesen. Jetzt aber, wo die Herrschaft von Schweden geendet hatte,  änderte sich das Blatt: In Finnland sah man keinen Grund mehr, auch weiterhin auf die schwedische Sprache zu setzen und sich vorschreiben zu lassen, dass den Ämtern und Gerichten gegenüber Schwedisch verwendet werden sollte (tatsächlich hatten finnisch sprechende Menschen in Finnland keinen Anspruch darauf, ihre Anliegen auf Finnisch vorbringen zu können: Auf den Ämtern und im Gerichtssaal wurde Schwedisch gesprochen, und die Finninnen und Finnen hatten sich damit abzufinden).

 

Es überrascht von da her nicht, dass die Leute in Finnland das Schwedische nicht mochten und stattdessen auf das Finnische setzten - und dies mit einem guten Grund: Rund 80% der Bevölkerung in Finnland sprach nun einmal Finnisch, und so machte es wirklich Sinn, dass das Finnische künftig an die Stelle des Schwedischen trat. 

 

Zwei Faktoren unterstützten das Bestreben der Finninnen und Finnen nach ihrer eigenen Sprache. Da war zum einen der Zar, der es ganz gerne sah, wenn sich die finnische Sprache in Finnland breit machte - der Zar erhoffte sich, dass sich die finnische Bevölkerung auf diese Weise weiter von Schweden entfernen würde.

 

Zum andern war da auch der Geist der Zeit: Zu dieser Zeit bildete sich die Überzeugung heraus, dass die Völker eigene Nationen schaffen sollten. Und das verbindende Glied und gewissermassen die Seele einer jeden Nation war dann die Sprache - sie sorgte für die Einheit und für die kulturelle Identität einer Nation.

 

Diese Idee blieb in Finnland nicht unbeachtet. Dort kam langsam die Meinung auf, dass Finnland über kurz oder lang eine eigene Nation sein würde. Und dass in einem Finnland als eigene Nation Finnisch gesprochen und auch geschrieben werden sollte, lag auf der Hand - und zwar immer und überall: in den Schulen, in den Amtsstuben, vor dem Gericht und auch in den Zeitungen und in den Büchern. 

 

Allerdings stellte sich da ein Problem: Es gab zwar ein gesprochenes Finnisch, das sich für das Alltagsleben eignete. Ein geschriebenes Finnisch, das in all jenen Bereichen eingesetzt werden konnte, die über das Alltagsleben hinausging und das auch kulturell etwas hergab - ein solches Finnisch existierte noch nicht. 

 

 

 

 

 

eine sprachlose sprache

 

 

Das gesprochene Finnisch war ausserordentlich alltagstauglich. Es war eine Sprache, die man im täglichen Leben verwenden konnte. Das war möglich, weil diese Sprache jene Wörter zur Verfügung stellte, die man im Alltag brauchte, um miteinander zu verkehren.

 

Anders sah es aus, wenn man den Alltag verliess. Da war die finnische gesprochene Sprache buchstäblich sprachlos. Musste man sich über eine Angelegenheit unterhalten, die mit der Verwaltung zu tun hatte, fehlten ihr die dazu notwendigen Wörter. Musste man sich über Wissenschaften unterhalten, fehlten ihr ebenfalls die entsprechenden Wörter. Und wenn es um die Schule und um Bildung ging, präsentierte sich ein gleiches düsteres Bild: Auch hier fehlten die Worte.

 

Was dies praktisch heisst, wird deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Wörter beispielweise in der finnischen gesprochenen Sprache fehlten - und im geschriebenen Finnisch dringend benötigt wurden:

 

Kunst

Wissenschaft

Literatur

Demokratie

unabhängig

Religion

Bürgerin und Bürger

Industrie

Krankenhaus

Zukunft.

etc.

 

Wollte das Finnische als geschriebene Sprache funktionieren, mussten schnell einmal die notwendigen Wörter geschaffen werden: Jemand musste finnische Wörter für Wissenschaft, Krankenhaus, Religion etc. erfinden.


Und so geschah es denn auch.  Zwischen 1820 und 1870 wurden buchstäblich Abertausende finnische Wörter ins Leben gerufen.

 

 

Doch wie erfindet man solche Wörter? Wie findet man zum Beispiel ein Wort für Industrie? Oder für Wissenschaft? Oder für Demokratie?

 

 

Der einfachste Weg besteht darin, dass man solche Wörter aus einer anderen Sprache ausleiht. Doch eben gerade dieser einfache Weg war einer, den man in Finnland nicht beschreiten wollte. Niemand konnte sich dafür begeistern, dass man bei der Erfindung der neuen Wörter auf andere Sprachen zurückgriff: Man wollte die Wörter weder aus dem Lateinischen oder Russischen und schon gar nicht aus dem Schwedischen borgen  - wenn man schon Wörter schuf, mussten es eigene und finnische Wörter sein, die es sonst nirgendwo gab.

 

Einfach war das gewiss nicht. Und einfach war die Wortschöpfung auch deshalb nicht, weil die Schöpfer der neuen Wörter mit einem speziellen Problem zu tun hatten. 

 

Das Problem bestand, kurz gesagt, darin, dass es einen westlichen und einen östlichen finnischen Dialekt gab. Nahmen die Gelehrten allzu viele Wörter aus dem westlichen Dialekt in das neu geschaffene Schriftfinnisch auf, passierte das, was passieren musste: Die Leute, die den östlichen Dialekt sprachen, waren verärgert und fühlten sich vernachlässigt. Und umgekehrt gilt auch: Allzu viele Wörter aus dem östlichen Dialekt kam im Westen Finnlands gar nicht gut an.

 

Für uns mag dies schwer nachzuvollziehen sein. Doch für die Leute der damaligen Zeit war es ein Problem, das zu grössten Schwierigkeiten führte. Es entstand ein eigentlicher Sprachenstreit, bei dem sich die Vertreter des östlichen und des westlichen Dialekts erbittert gegenüber standen. Eine Zeitlang sah so aus, als würde das Land ob des Streites in zwei Teile gerissen, indem man ein westliches Finnisch und ein von ihm abgetrenntes östliches Finnisch schaffen wollte - erst im letzten Moment konnte das Auseinanderdriften in zwei Sprachen vermieden werden.

 

 

Häufig griff man zur Lösung des Konflikts auf einen Kompromiss zurück.

 

Veranschaulicht wird dieser Kompromiss an dem Wort pata  - einem finnischen Wort, das man heute braucht und das einen grossen Eimer bezeichnet. Für dieses Wort musste in der Schriftsprache der Genitiv konstruiert werden.

 

Vorhanden war dieser Genitiv im östlichen Dialekt des Finnischen. Dort lautete er paran oder palan.

 

Vorhanden war der Genitiv auch im westlichen Dialekt, nur hiess er dort pa'an.

 

Um niemanden zu verärgern, führte man dann  eben einen Kompromiss ein  - im geschriebenen Standard-Finnisch heisst dieser Genitiv padan  - was insofern bemerkenswert ist, als dass man mit dem d einen Buchstaben in die Schriftsprache einführte, den es in der Mundart gar nicht gab.

 

 

 

Alles in allem aber gelang es, zu einer brauchbaren finnischen Schriftsprache zu kommen - wobei man sich über einen Punkt im Klaren sein muss: Die finnische Schriftsprache ist kein über Jahrhunderte weg gewachsenes Gebilde. Sie ist, wie ein Wissenschafter dies formulierte, eine bewusst konstruierte Sprache.  Oder anders und auch überspitzt formuliert: Sie ist eine weitgehend am Reissbrett entstandene Sprache.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine wirklich ganz kurze Geschichte der finnischen Sprache

 

 

 

Ein ebenfalls ganz kurze Geschichte der geschriebenen finnischen Sprache

 

 

 

Man sagt, die finnische Sprache käme aus dem Ural. Doch das stimmt vielleicht gar nicht: Das Finnische kommt von nirgendwoher.