lerntipps: Kann man finnisch lernen?

 

 

 

Erschrecken Sie nicht. Auf den nächsten Zeilen lesen Sie einen kleinen Auszug aus einem Finnisch-Lehrbuch:

 

Das Partizip Präsens wird gebraucht, wenn der Zeitpunkt der Handlung des  että-Satzes gleichzeitig oder später ist als derjenige der Handlung des Hauptsatzes; das Partizip Perfekt wird gebraucht, wenn die Handlung des  että-Satzes früher geschieht als die des Hauptsatzes (Karlsson, S. 216).

 

 

Wenn man Finnisch lernen will, wird man mit dieser und ähnlichen Regeln konfrontiert. Erfährt man dann noch, dass das Finnische  15 Fälle hat, fragt man sich bange:

 

Bin ich intelligent genug, um Finnisch zu lernen?

 

 

 

 

ja, man kann finnisch lernen

 

 

 

Muss man ein sprachgenie sein?

 

 

 

Vielleicht denken Sie sich, dass man ein Sprachgenie sein muss, um mit dem Finnischen zurechtzukommen.

 

 

Dem ist jedoch nicht so. Um Finnisch lernen zu können, muss man kein Einstein sein. Es genügt eine ganz gewöhnliche Sprachbegabung.

 

 

 

 

warum man kein sprachgenie sein muss: Der beweis

 

 

In Finnland gibt es Millionen von Menschen, die mit der finnischen Sprache ganz gut zurecht kommen  - bereits schon als Kind.

 

Sicher sind einige dieser Menschen überdurchschnittlich intelligent. Gewiss gibt es unter ihnen auch das eine oder andere Sprachgenie. Für die meisten  Finninen und Finnen aber gilt, dass sie ganz gewöhnliche Leute sind und über eine gewöhnliche Sprachbegabung verfügen.

 

Trotzdem haben sie keine Mühe mit dem Finnischen - was es denn auch ganz klar beweist: Man kann auch als ganz gewöhnlicher Mensch Finnisch lernen.

 

 

Für Sie heisst dies: Machen Sie sich wegen Ihrer Sprachbegabung keine Sorgen. Diese reicht durchaus aus, um sich dem Finnischen zuzuwenden.

 

 

 

was aber ist mit der schrecklichen grammatik?

 

 

Beim Finnischen schreckt vor allem die Grammatik ab.

 

Viele Leute fragen sich:

 

Wie aber ist es mit der unheimlich komplizierten Grammatik? Mit den 15 Fällen, der Vokalharmonie, dem Stufenwechsel, dem Illativ und des Infinitv III, den Modi des Passivs  und allen anderen schrecklichen Dingen, die uns begegnen, wenn wir einen Blick in eine finnische Grammatik werfen - kann man diese Grammatik  lernen?

 

 

Dazu kann man nur sagen: Vergessen Sie vorderhand diese schecklichen Dinge. Was die finnische Grammatik betrifft, gibt es nämlich eine wichtige Regel:

 

 

Lassen Sie sich von der finnischen Grammatik nicht einschüchtern.

 

 

 

Denn es ist schon so:

 

Wenn es ums Finnischlernen geht, wird die Wichtigkeit der finnischen Grammatik krass überschätzt.

 

 

Man kann auch Finnisch lernen, ohne dass man den Translativ vom Essiv unterscheiden kann. Und man kann auch dann ganz gut Finnisch sprechen, wenn man nicht so weiss, worum es bei der Vokalharmonie oder beim Stufenwechsel geht .

 

 Und wiederum liefern Millionen von Finninnen und Finnen des Beleg dafür: Sie haben bereits als Kind fliessend Finnisch gelernt, ohne auch nur zu wissen, dass es so schreckliche grammatikalische Ungetüme wie der Stufenwechsel oder den Infinitiv III gibt...

 

 

 

finnisch lernen ist die kunst des möglichen

 

 

Wenn Finninnen und Finnen mühelos Finnisch sprechen, hat dies seinen Grund: Sie haben die finnische Sprache bereits als Kind gelernt.

 

Weil dem so ist, sind sie intensiv mit dieser Sprache konfrontiert worden: Während Tausenden von Stunden haben sie sie im Laufe ihres Lebens gelernt  - tatsächlich ist der Übungssaufwand, den ein Kind zum Lernen seiner Muttersprache braucht, verblüffend hoch.

 

 

 

Mit grösster Wahrscheinlichkeit können Sie sich diesen Aufwand nicht leisten.

 

 

Das will  nicht heissen, dass Sie aufs Finnischlernen verzichten müssen. Aber Sie sollten sich in der Kunst des Möglichen üben. Sie sollten nicht anstreben, Finnisch so zu lernen, dass Sie als waschechter Finne oder als waschechte Finnin durchgehen.

 

 

 

 

Stattdessen sollten Sie sich  bescheidene Ziele setzen: Sie lernen nicht das Finnische als Ganzes. Sie lernen das Finnische auch nicht perfekt.

 

Sie lernen nur einen kleinen Teil von ihm.

 

 

 

wie man realistische ziel findet

 

 

 

Realistische Ziele finden Sie, wenn Sie sich eine Frage stellen.

 

 

Sie lautet:

 

Wenn ich für einmal Finnisch gelernt habe  - was will ich dann  tun können, das ich vorher noch nicht habe tun können?

 

 

Auf diese Frage gibt es eine fast unendlich lange Liste möglicher Antworten. Sehen wir uns einige Antworten an, die die Leute auf diese Frage geben:

 

 

Mich interessiert die finnische Wirtschaft- wenn ich Finnisch gelernt habe, möchte ich imstande sein, den Wirtschaftsteil einer finnische Tageszeitung zu lesen und zu verstehen.

 

Ich wandere gerne in Finnland und möchte beim Wandern mit den Leuten sprechen können - alltägliche Gespräche, die man führt, wenn man sich unterwegs triffft.

 

Ich möchte mich einfach mit der finnischen Sprache vertraut machen; zu diesem Zweck besuche ich einen Kurs und arbeite das Lehrbuch durch, das man dort verwendet.

 

Ich möchte das Kalevala (das ist der Nationalepos von Finnland) im Originaltext (und damit in Finnisch) lesen können.

 

Ich verbringe einige Zeit in Helsinki und möchte dort das Nachtleben geniessen - ich möchte also das sprechen und verstehen können, was man in dunklen Baren so spricht und hört.

 

Ich fische gerne und möchte mich in Finnland mit Leuten unterhalten, die ebenfalls gerne fischen  - mit ihnen über das Fischen fachsimpeln also.

 

Oder mit Jägern über die Bärenjagd fachsimpeln. Oder über Autos. Oder über Pilze, oder über Goldwaschen etc. etc.

 

Ich möchte eine Brieffreundschaft mit jemanden pflegen, der in Finnland wohnt.

 

Ich möchte weder sprechen noch schreiben können - ich möchte aber einfach wissen, woher das Finnische kommt, wie seine Grammatik aufgebaut ist und wie sich diese von der deutschen Grammatik unterscheidet.

 

 

und so weiter.

 

 

Es ist wichtig, dass Sie sich Ziele setzen, und es ist auch wichtig, dass Sie sich einschränken. Wenn Sie die finnische Sprache in ihrer Gesamtheit und bis in die feinsten grammatikalischen Verästelungen lernen zu wollen, sind Sie verloren.

 

Dann verirren Sie sich im Dickicht der finnischen Grammatik und finden nie mehr heraus.

 

 

 

 

bleiben sie bescheiden: ein schritt nach dem anderen

 

 

Es macht also Sinn, wenn Sie sich auf einen kleinen Bereich der finnischen Sprache konzentrieren.

 

 

Dabei müssen Sie bescheiden bleiben:  Wenn Sie für einmal einen kleinen Bereich der finnischen Sprache gelernt haben, heisst dies, dass Sie diesen kleinen Bereich beherrschen  - wohingegen Ihnen andere Bereiche vorderhand noch verschlossen bleiben.

 

 

Konkret:

 

Wenn Sie sich vorgenommen haben, den politischen Teil der Tageszeitung zu verstehen, heisst des nicht, dass Sie damit automatisch den Sportteil verstehen können. Im Sportteil kommen andere Wörter vor, die Sie noch nicht kennen...

 

Wenn Sie sich vorgenommen haben, mit einem Jäger über Bären zu fachsimpeln, bedeutet dies nicht, dass Sie mit ihm  automatisch auch über Pilze oder Beeren oder Autos fachsimpeln können.

 

Und noch etwas: Wenn Sie sich vorgenommen haben, Texte zu einem bestimmten Thema lesen und verstehen zu können, heisst dies nicht, dass Sie nun problemlos mit Finninen und Finnen sprechen können.

 

 

 

Anders formuliert heisst dies: Wenn es ums Finnischlernen geht, gilt ein eherner Grundsatz:

 

 

Man kann im Finnischen das, was man gelernt hat.

 

Und umgekehrt:

 

Was man nicht gelernt hat, kann man nicht.

 

 

 

Hat man gelernt, sich schriftlich mit einem Brieffreund oder einem Brieffreundin über alltägliche Themen aus dem persönlichen Leben auszutauschen, kann man sich mit einem Brieffreund oder einer Brieffreundin über alltägliche Themen aus dem persönlichen Leben austauschen. Aber man ist deswegen noch nicht automatisch in der Lage, das Nationalepos zu lesen oder sich mit einem Finnen über die Bärenjagd zu unterhalten...

 

 

Das ist vielleicht auf den ersten Blick frustriererend. Doch es handelt sich hier um ein Problem, das Sie lösen können.

 

Denn es ist schon so: Niemand verbietet Ihnen, dass Sie sich , wenn Sie für einmal einen ersten Bereich gelernt haben, einen zweiten Bereich vornehmen und sich diesen aneignen: Können Sie über Bären fachsimpeln, ist es nicht verboten, dass Sie sich in einem nächsten Schritt den Bereich 'Fachsimpeln mit einem Goldwäscher' vornehmen und ihn entsprechend lernen (was dann etwa heisst, dass Sie jene Wörter lernen, die man im Zusammenhang mit dem Goldwaschen braucht).

 

Und wenn Sie lesen können und später mit Finninnen und Finnen auch sprechen möchten, ist das natürlich durchaus möglich: Das wäre dann ein nächstes Ziel, das Sie erreichen möchten  - was Sie im Übrigen dann am ehesten erreichen, wenn Sie mit Finninen und Finnen zu sprechen beginnen.

 

 

Kurz gesagt: Es macht Sinn, wenn Sie sich jeweils ein kleines, überschaubares Ziel setzen. Und wenn Sie dies erreicht haben, macht es Sinn, dass Sie ein kleines, überschaubares nächstes Ziel setzen etc.

 

 

 

 

 

Das braucht zeit!

 

 

 

Das Finnische ist keine Sprache, die man an einem Wochenende lernen kann.  Auch bescheidene Ziel kann man nur dann erreichen, wenn man dafür genügend viel Zeit aufwendet.

 

In Finnland sagt man deshalb:

 

Wenn man Finnisch lernt, besteht der wichtigste Schritt nicht darin, dass man mit dem Lernen anfängt.

 

Weit wichtiger ist es, dass man mit dem Lernen nicht aufhört.