finnisch und ungarisch heute

 

 

 

 

 

Wie stehen Finnisch und Ungarisch heute zueinander?

 

Die Situation sieht wie folgt aus:

 

Es gibt heute etwa 1500 Wörter, die in beiden Sprachen vorkommen. 

 

Die übrigen Wörter unterscheiden sich jedoch in den beiden Sprachen sehr stark voneinander. 

 

Und so kommt es, wie es kommen muss:

 

 

Wer Finnisch versteht, versteht deswegen nicht Ungarisch. Und wer Ungarisch versteht, versteht deswegen nicht Finnisch.

 

  

 

Warum dies so ist, können Sie an einem kurzen Textbeispiel nachvollziehen: der Anfang des Unser-Vaters:

 

 

Finnisch

 

Isä meidän, joka olet taivaissa! Pyhytetty olkon sinun nimesi, tulkoon sinun valtakuntasi

 

 

Ungarisch

Mi Atyànk, aki a mennyekben vagy, szenteltessék meg a Te neved; jöjjön el al Te orszàgod,

 

 

 Quelle; Wikipedia Artikel Finno-ugrische Sprachen

 

 

 

Wie man sieht, sind die Unterschiede zwischen diesen beiden Sprachen beträchtlich. 

 

Trotzdem gehen die meisten Gelehrten davon aus, dass die beiden Sprachen miteinander verwandt sind. Und das heisst: Sie haben sich aus der gleichen Sprache heraus entwickelt.

 

 

Etwas genauer, aber immer noch ziemlich vereinfacht gesagt:

 

 

Es gab früher einmal eine Sprache, die man Proto-Uralisch nennt. 

 

Eine Gruppe der Menschen, die dieses Proto-Uralisch sprachen,  verliess das Uralgebiet auf und wanderten nach Westen. Einige dieser Menschen liessen sich in der heutigen Gegend von Ungarn nieder. Mit der Zeit entstand aus dem Proto-Uralisch das Ungarische.

 

Andere Menschen gingen weiter und fanden ihren Platz in der Gegend des heutigen Finnlands. Mit der Zeit entstand hier aus dem Proto-Uralischen das Finnische.

 

 

Warum Finnisch und Ungarisch heute so verschieden tönen, lässt sich schlüssig erklären: 

 

Die Trennung der beiden Sprache erfolgte vor rund 4000 bis 5000 JahrenDiese lange Trennungszeit macht es verständlich, dass sich die beiden Sprachen sehr unterschiedlich entwickelt haben. Ein Wissenschafter sagt denn auch, dass sich Finnisch und Ungarisch im Laufe der Zeit etwa so auseinander entwickelt haben, wie sich das Deutsche und das Russische auseinander entwickelt haben. 

 

 

Andreas Kraneis fasst diesen Sachverhalt auf seiner ausgezeichneten Homepage wie folgt zusammen:

 

 

Da ich immer wieder gefragt werde, ob man als Ungarisch Sprechender nicht auch Finnisch recht gut verstehen könnte, antworte ich jedesmal:

 

"NEIN! Nach über 4000 Jahren Trennung haben sich diese Sprachen viel zu weit auseinander entwickelt. Oder kannst Du mit Deinen Deutsch-Kenntnissen einen albanisch, litauisch oder irisch Sprechenden verstehen?"

 

 

 

 

Die Unterschiede in den beiden Sprachen beziehen sich auf die Wörter, die in der Tat sehr verschieden tönen.

 

Anders sieht es jedoch aus, wenn es um die Grammatik geht: Von der Grammatik her sind die beiden Sprachen auffallend ähnlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

UNGARISCH UND FINNISCH: ähnliche grammatik

 

 

 

 

Die Grammatik ist im Ungarischen und im Finnischen in vielen Bereichen gleich:

 

Zum Beispiel:

 

Keine Artikel: Weder die finnischen noch die ungarischen Substantive haben einen Artikel.

 

Kein grammatikalisches Geschlecht: Weder die finnischen noch die ungarische Substantive haben ein grammatikalisches Geschlecht: Sie sind weder sächlich noch weiblich noch männlich.

 

Sowohl das Finnische als auch das Ungarische haben das, was man Vokalharmonie nennt. Die Vokalharmonie führt dazu, dass die Vokale in einem Wort aneinander angepasst werden. Steht im Finnischen zum Beispiel am Anfang eines Wortes  ein ä, ist es nicht möglich, dass am Wortende ein a vorkommt. Nur ein ä ist erlaubt. Es heisst damit also värässä und nicht etwa värässa.

 

Das Finnische und das Ungarische sind agglutinierende Sprachen: Sie kleben verschiedene Wörter zu einem Wort zusammen: Die Wörter Haus und im zum Beispiel werden zum Wort Hausim zusammengeklebt. Und aus den Wörtern immer noch mit deinem Auto entsteht durch das Zusammenkleben ein einziges Wort: autoimmernochmitdeinem.

 

Wie man am Beispiel mit dem Auto sieht, führt das Zusammenleimen zu Monsterwörtern: Solche Monsterwörter sind ein Markenzeichen sowohl der ungarischen als auch der finnischen Sprache.

 

 

 

Wenn Sie sich für die Grammatik der ungarischen Sprache interessieren: Hier eine Website, die diese Grammatik sehr genau erklärt: hier 

 

 

 

Wie steht es um die Fälle?

 

Beide Sprachen sind berühmt (und auch berüchtigt) dafür, dass sie viele Fälle aufweisen.  

 

Allerdings sind sich die Gelehrten nicht darüber einig, wie viele Fälle die beiden Sprachen Ungarisch und Finnisch jeweils haben.

 

 

 

 

UNGARISCH UND FINNISCH: Unterschiede

 

 

Warum sind sich die Gelehrten nicht einig?

 

Dafür gibt es einen Hauptgrund: Wie viele Fälle man im Ungarischen und Finnischen zu erkennen glaubt, hängt davon ab, was man unter einem 'Fall' versteht.

 

Leider ist es so, dass verschiedene Gelehrte verschiedene Dinge verstehen, wenn sie von einem Fall sprechen. Da sie darunter aber verschiedene Dinge verstehen, kommen sie bei ihren Zählungen auf unterschiedliche Ergebnisse. Und so kommt es, dass es im Ungarischen nach der Meinung einiger Gelehrter 26 Fälle gibt; andere Gelehrte sind der Meinung, es seien deren 40.

  

Und dann gibt es auch Gelehrte, die sagen, dass weder das Finnische noch das Ungarische Fälle haben - die Zahl der Fälle im Finnischen und im Ungarischen wäre in diesem Falle Null.

 

 

Der Streit unter den Gelehrten dauert bis heute an.  Eine Einigung steht  nicht in Aussicht. Keinen Streit gibt es jedoch, wenn es um die Zahl der Buchstaben geht. Da ist man sich darüber einige, dass es beträchtliche Unterschiede gibt:

 

Beim Finnischen sind es ursprünglich 22 verschiedene Buchstaben; das Ungarische dagegen hat 40 Buchstaben.

 

 

 

Und dann gibt es noch einen ganz anderen Unterschied zwischen diesen beiden Sprachen:

 

Die ungarische Sprache existiert schon sehr lange als eine Sprache, die auch geschrieben wird. Anders das Finnische: Es existierte lange nur als gesprochene Sprache, und letzten Endes ist es Luther zu verdanken, dass es ein Finnisch gibt, das auch geschrieben wird.

 

Mehr dazu hier.

 

 

 

 

warum ist die grammatik ähnlich?

 

 

Auch wenn der eine oder andere grammatikalische Unterschied zwischen der ungarischen und der finnischen Sprache besteht: Wichtige grammatikalische Grundzüge sind in den beiden Sprachen gleich.

 

Und das führt zu einer Frage:

 

Sollten sich die finnische und die ungarische Sprache vor einer langen Zeit aus einer gemeinsamen Sprache heraus entwickelt haben,  macht dies verständlich, warum sich die Wörter markant voneinander unterscheiden. 

 

Die Frage ist dann allerdings:

 

Warum haben sich in den beiden Sprachen die grammatikalischen Grundstrukturen nicht auseinander entwickelt?

 

 

Wobei man diese Frage allgemein formulieren kann:

 

 

 

Ist es allgemein so, dass sich zwei Sprachen, die sich aus einer gemeinsamen Ursprache entwickelt haben, in ihren Wörtern voneinander unterscheiden, nicht aber in ihrer Grammatik?

 

 

 

Vielleicht gibt es irgendwo Expertinnen oder Experten, die diese Frage beantworten können...

 

 

 

 

Bedenken: war es wirklich so?

 

 

 

Die meisten Wissenschafterinnen und Wissenschafter sind der Auffassung, dass das Finnische und das Ungarische miteinander verwandt sind und dass der Weg zu den beiden Sprachen im Grossen und Ganzen so erfolgt ist, wie hier - in einer sehr vereinfachten Form - beschrieben worden ist.

 

Aber es gibt Skeptiker. Einige Wissenschafterinnen und Wissenschafter zweifeln, ob der Weg tatsächlich so ausgesehen hat. Sie sind sich nicht sicher, ob das Ungarische und das Finnisch tatsächlich miteinander verwandt sind.  Ihrer Auffassung nach kam das Finnische von nirgendwo her - es war schon immer dort, wo das Gebiet des heutigen Finnlands liegt.

 

 

 

 

das finnische kam von nirgendwo her

 

 

Oben ist der Weg beschrieben worden, der zum Finnischen führte: Das Finnische ist nach Finnland gebracht worden ist  - von Menschen, die in der Uralgegend gewohnt und sich dann nach Westen aufgemacht haben.

 

 

Das ist Unsinn, sagt Johanna Laakso, eine finnische Sprachwissenschafterin. Laakso sagt:

 

Die Finninnen und Finnen 'kamen' nie nach Finnland, weil die finnische Identität und die finnische Sprache, wie sie sich heute darstellen, niemals ausserhalb von Finnland existiert haben. Was jetzt als 'Finnisch' angesehen wird, ist  hier geformt worden, während Tausenden von Jahren, geformt von vielen Menschen, Sprachen und Kulturen.

 

Viele Finninnen und Finnen haben in der Schule gelernt, dass unsere Vorfahren aus dem Osten (wo mit dem Finnischen verwandte Sprachen immer noch gesprochen werden) vor rund 2000 Jahren hier bei uns angekommen sind.

 

Das war zur damaligen Zeit eine plausible Annahme, doch das ist sie nicht mehr - im Gegensatz zu dem, was in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts geglaubt worden ist. Seit der letzten Eiszeit haben ständig Menschen hier gelebt, und das heisst: Unsere ersten Vorfahren lebten schon vor rund 9000 Jahren hier.

 

Das bedeutet dann auch: Nach der Meinung von Laakso beruhen die ungarische und die finnische Sprache nicht auf einer gemeinsamen früheren Sprache. Damit sind sie auch nicht miteinander verwandt. 

 

Und so könnte eine Erklärung für das Entstehen der finnischen Sprache wie folgt aussehen:

 

In der Gegend des heutigen Finnland lebten früher Menschen, die verschiedene Sprache sprachen. Mit der Zeit hat sich dann in dieser Gegend das Finnische herausgebildet, das dann auch als eine sogenannte 'Verkehrssprache' funktionierte - Finnisch war die Sprache, auf die die Leute zurückgreifen konnten, wenn sie sich sonst nicht untereinander verständigen konnten.

 

(Die Situation wäre damit etwa so gewesen, wie sie dies mit dem Englischen ist: Englisch ist heute ebenfalls eine Verkehrssprache - treffen sich zwei Menschen, die von Haus aus zwei ganz verschiedene Sprache sprechen, können sie am ehesten auf das Englische zurückgreifen. Denn da stehen die Chancen gut, dass dies die eine Sprache ist, die beide Menschen beherrschen.)

 

Das Gebiet, in der Finnisch gesprochen und als Verkehrssprache benutzt wurde, änderte sich im Laufe der Jahrhunderte. Mal war es grösser, mal war es kleiner.  

 

Das 'Finnische', das damals gesprochen und zum Teil eben auch als Verkehrssprache benutzt wurde, war kein einheitliches Gebilde. Es zerfiel in verschiedene Dialekte, die sich voneinander stark unterschieden.

 

 

 

 

die grammatikalische ähnlichkeit und das türkische

 

 

 

 

Manche Fachleute sagen, dass die grammatikalische Ähnlichkeit zwischen dem Finnischen und dem Ungarischen ein Zufall ist, der nichts über die Verwandtschaft der beiden Sprachen aussagt.

 

Andere Fachleute jedoch meinen, dass die grammatikalische Ähnlichkeit kein Zufall ist, sondern einen Beweis dafür darstellt, dass Finnisch und Ungarisch tatsächlich miteinander verwandt sind. 

 

Geht man davon aus, dass die grammatikalische Ähnlichkeit ein Beleg für die Verwandtschaft ist, taucht eine interessante Frage auf:

 

Sie bezieht sich auf die türkische Sprache. Denn gewisse grammatikalische Eigenschaften der türkischen Sprache decken sich mit grammatikalischen Eigenschaften der finnischen und ungarischen Sprache.

 

Und so kann man sich fragen, ob nicht auch die türkische Sprache mit der finnischen und ungarischen verwandt ist.

 

 

 

 

 

 

 

was stimmt nun?

 

 

Sind das Ungarische und Finnische aus einer gemeinsamen Ursprache 'Proto-Uralisch'  hervorgegangen - und sind sie von da her miteinander verwandt?

 

Oder stimmt das gar nicht  - ist das Finnische unabhängig vom Ungarischen entstanden? Und wie steht es um das Türkische?

 

Die Meinungen sind bis heute unter den Gelehrten geteilt. 

 

 

Falls Sie sich ein eigenes Bild von der Verwandtschaft machen wollen, kann man Ihnen einen Rat geben:

 

             Unterlassen Sie es.

 

Denn auch wenn Sie sich in die Fachliteratur vertiefen und das zur Kenntnis nehmen, was die Expertinnen und Experten sagen: Sie werden sich kaum eine Meinung darüber bilden können, wer recht hat und wer nicht.

 

 

 

Warum nicht?

 

Zum einen ist die Literatur zu dieser Frage fast unüberblickbar.

 

Zum andern ist ein Teil der Literatur nur schwer zugänglich: Dazu muss man finnische und ungarische Fachaufsätze lesen und verstehen können.

 

Und dann fällt auch auf, dass die Diskussionen höchst emotional verlaufen. Leute, die andere Meinungen vertreten, werden ziemlich übel beschimpft - ein Beispiel in englischer Sprache finden Sie hier.

 

 

 

  

 

ähnlich wie finnisch: estnisch

 

 

 

Ungarisch sprechende Leute verstehen Finnisch sprechende Leute nicht.

 

Es gibt jedoch Sprachen, die auch heute noch ähnlich wie das Finnische tönen. Die meisten dieser Sprachen werden allerdings nur von wenigen Leuten gesprochen. Manche sind akut vom Aussterben bedroht und einige sind bereits ausgestorben.

 

Zu diesen Sprachen gehörten etwa Wepsisch, Lüdisch oder Livisch. 

 

 

 

Die meisten Leute haben noch nie etwas von diesen Sprachen gehört.

 

Gehört haben jedoch die meisten Leute vom Estnischen  - und damit haben sie auch von einer Sprache gehört, die dem Finnischen ziemlich gleicht.

 

Gesprochen wird das Estnische von über einer Million Menschen.

 

 

Die Grammatik ist ähnlich wie die finnische Grammatik. Viele Wörter sind ähnlich, und mit einiger Übung gelingt es Finnisch sprechenden Leuten, sich mit Leuten zu unterhalten, die Estnisch sprechen.  Oder Bücher in der estnischen Sprache zu lesen. Oder sich einen Film anzuschauen und zu verstehen, was dort gesprochen wird.

 

Dass sich manche Wörter in den beiden Sprachen gleichen, erkennt man an einigen Beispielen:

 

 

 

Estnisch:  silm                                Finnisch: silmä          Auge

                 vend/veli                                       veli            Bruder

                 lumi                                               lumi           Schnee

                 sarv                                                sarvi          Horn

                 sina                                                sinä           du     

                 öö                                                   yö              Nacht

 

 

 

 

 

Viele Wörter aus dem Deutschen

 

Beim Estnischen fällt auf, dass viele Wörter aus dem Deutschen stammen und ohne Weiteres verständlich sind:

 

plaaster    müts   mantel   atentaat

 

Einige Wörter wurden ab dem 13. Jahrhundert aus dem Niederdeutschen übernommen (pannkoo /Pfannkuchen; püss / Gewehr, Büchse). Sie machen rund 15 Prozent des estnischen Wortschatzes aus.

 

Nach der Reformation kamen nochmals rund 500 Wörter aus dem Hochdeutschen dazu:  tisler, liiderlik, kleit.

 

 

 

 

 

Ist Estnisch also leicht zu lernen?

 

 

Mitnichten. 

 

Zum einen darf man sich von den vielen deutschen Wörtern nicht täuschen lassen. Auch wenn sie rund 15% des Wortschatzes ausmachen, bleiben immer noch 85% Wörter, die nicht mit der deutschen Sprache verwandt sind.

 

Zudem muss man im Auge behalten, dass die Grammatik des Estnischen  der Grammatik des Finnischen gleicht.

 

Was dann leider bedeutet:

 

Auch die estnische Grammatik ist schwierig - sehr schwierig sogar.

 

 

 

 

 

Quellen

 

http://finnisch.com/sprache/sprachfamilie/     Z 18 2 2021

https://www.gutefrage.net/frage/wie-aehnlich-sind-finnisch--und-estnisch-     18 2 2021

https://www.nordisch.info/estland/estnisch-sprache/

https://www.visitestonia.com/de/uber-estland/eine-kurze-einfuhrung-in-die-estnische-sprache