finnisch und ungarisch heute

 

 

 

 

Um es ein für allemal festzuhalten: Wenn es um die Wörter geht, sind das Ungarische und das Finnische heute zwei verschiedene Sprachen. 

 

Das zeigt ein Beispiel:

 

Deutsch: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren.

 

Finnisch: Kaikki ihmiset syntyvät vapaina ja tasavertaisina arvoltaan ja oikeuksiltaan.

 

Ungarisch: Minden emberi lény szabadon születik és egyenlö méltosaga és joga van. 

 

Finnisch und Ungarisch haben rund 1500 Wörter, die in beiden Sprachen vorkommen. Die übrigen Wörter unterscheiden sich stark voneinander. Und so gilt: Finnen und Ungarn können sich untereinander nicht verständigen. Wer Finnisch kann, versteht deswegen nicht Ungarisch, und wer Ungarisch kann, versteht kein Finnisch.

 

 

Anders sieht es bei der Grammatik aus. Wenn es um die Grammatik geht, weisen die beiden Sprachen eine ganze Reihe von Gemeinsamkeiten auf:

 

Weder die finnischen noch die ungarischen Substantive haben einen Artikel.

 

Weder die finnischen noch die ungarische Substantive haben ein grammatikalisches Geschlecht: Sie sind weder sächlich noch weiblich noch männlich.

 

Sowohl das Finnische als auch das Ungarische haben das, was man Vokalharmonie nennt. Die Vokalharmonie führt dazu, dass die Vokale in einem Wort aneinander angepasst werden. Steht im Finnischen zum Beispiel am Anfang eines Wortes  ein ä, ist es nicht möglich, dass am Wortende ein a vorkommt. Nur ein ä ist erlaubt. Es heisst damit also värässä und nicht etwa värässa.

 

Das Finnische und das Ungarische sind agglutinierende Sprachen: Sie kleben verschiedene Wörter zu einem Wort zusammen: Die Wörter Haus und im zum Beispiel werden zum Wort Hausim zusammengeklebt. Und aus den Wörtern immer noch mit deinem Auto entsteht durch das Zusammenkleben ein einziges Wort: autoimmernochmitdeinem.

 

Wie man am Beispiel mit dem Auto sieht, führt das Zusammenleimen zu Monsterwörtern: Solche Monsterwörter sind ein Markenzeichen sowohl der ungarischen als auch der finnischen Sprache.

 

Sowohl das Finnische als auch das Ungarische haben eine erschreckende hohe Zahl an Fällen:  Finnisch hat deren 15, Ungarisch hat über 20.

 

 

 

 

SIND FINNISCH UND UNGARISCH VERWANDT - was heisst das?

 

 

Es ist dies eine Frage, die die Wissenschafter und die Laien umtreibt. Bevor man sie beantwortet kann, muss man festlegen, was verwandt eigentlich heisst.

 

Verwandt heisst, ganz einfach formuliert:

 

Es hat früher eine Gruppe von Menschen gegeben, die zu einer bestimmten Zeit die gleiche Sprache gesprochen hat.

 

Diese Gruppe hat sich in zwei oder mehrere Untergruppen getrennt - und zwar räumlich getrennt. 

 

Im Laufe der Zeit hat sich die ursprüngliche gemeinsame Sprache in den  Untergruppen verändert.

 

Die Sprachen in den Untergruppen  haben sich nicht in die gleiche Richtung verändert. Mit der Zeit haben sich in den Untergruppen Sprachen entwickelt, die sich voneinander unterscheiden. 

 

Wie ist dies beim Ungarischen und beim Finnischen? Handelt es sich um Sprachen, die sich aus einer gemeinsamen Ursprache heraus entwickelt haben?

 

 

 

 

 

der weg zum finnischen und zum ungarischen

 

 

Die meisten Wissenschafterinnen und Wissenschafter sehen dies so:

 

Eine Gruppe von Menschen machte sich aus dem Uralgebiet auf und begannen ihre Wanderung nach Westen. Einige dieser Menschen liessen sich in der heutigen Gegend von Ungarn nieder.

 

Andere gingen weiter und fanden ihren Platz in der Gegend des heutigen Finnlands. Vor  ihrer Wanderschaft sprachen diese Menschen die gleiche Sprache. Aus ihr entstanden später verschiedene Sprache  - darunter auch das Ungarische und das Finnische. Das Finnische und das Ungarische wären damit zwei Sprachen, die heute zwar verschieden tönen, die aber aus der gleichen Sprache entstanden sind.

 

Die Trennung der beiden Sprachen erfolgte allerdings vor vielen, vielen Jahren. Die lange Trennungszeit führte dazu, dass die beiden Sprachen sich sehr unterschiedlich entwickelt haben. Ein Wissenschafter sagt, dass sich Finnisch und Ungarisch im Laufe der Zeit etwa so auseinander entwickelt haben, wie sich das Deutsche und das Russische auseinander entwickelt haben. 

 

 

Bedenken: war es wirklich so?

 

Die meisten Wissenschafterinnen und Wissenschafter sind der Auffassung, dass das Finnische und das Ungarische miteinander verwandt sind und dass der Weg zu den beiden Sprachen im Grossen und Ganzen so erfolgt ist, wie dies hier beschrieben worden ist.

 

Aber es gibt auch Bedenken. Es gibt Skeptiker. Einige Wissenschafterinnen und Wissenschafter zweifeln, ob der Weg tatsächlich so ausgesehen hat. Sie sind sich denn auch nicht sicher, ob das Ungarische und das Finnisch tatsächlich miteinander verwandt sind. 

 

 

 

das finnische kam von nirgendwo her

 

 

Oben ist der Weg beschrieben worden, der zum Finnischen führte: Das Finnische ist nach Finnland gebracht worden ist  - von Menschen, die in der Uralgegend wohnten und die sich dann nach Westen aufmachten. I

 

 

Das ist Unsinn, sagt Johanna Laakso, eine finnische Sprachwissenschafterin. Laakso sagt:

 

Die Finninnen und Finnen 'kamen' nie nach Finnland, weil die finnische Identität und die finnische Sprache, wie sie sich heute darstellen, niemals ausserhalb von Finnland existiert haben. Was jetzt als 'Finnisch' angesehen wird, ist  hier geformt worden, während Tausenden von Jahren, geformt von vielen Menschen, Sprachen und Kulturen.

 

Viele Finninnen und Finnen haben in der Schule gelernt, dass unsere Vorfahren aus dem Osten (wo mit dem Finnischen verwandte Sprachen immer noch gesprochen werden) vor rund 2000 Jahren hier bei uns angekommen sind.

 

Das war zur damaligen Zeit eine plausible Annahme, doch das ist sie nicht mehr - im Gegensatz zu dem, was in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts geglaubt worden ist. Seit der letzten Eiszeit haben ständig Menschen hier gelebt, und das heisst: Unsere ersten Vorfahren lebten schon vor rund 9000 Jahren hier.

 

Das bedeutet dann auch: Nach der Meinung von Laakso beruhen die ungarische und die finnische Sprache nicht auf einer gemeinsamen früheren Sprache. Damit sind sie auch nicht miteinander verwandt. 

 

 

 

Probleme

es gibt nur wenige schriftliche unterlagen

 

Es ist extrem schwierig zu erkennen, ob zwei Sprachen miteinander verwandt sind. Eine ganze Reihe von Problemen stellen sich.

 

Das erste Problem besteht darin, dass es sehr wenige schriftliche Unterlagen gibt, auf die man sich abstützen kann.

 

Damit man die Verwandtschaft überprüfen kann, muss man Dokumente finden, die in den beiden Sprachen im Laufe der Zeit geschrieben worden sind. Hat man solche Dokumente, kann man nachvollziehen, wie sich die beiden Sprachen über die Jahre hinweg von einander weg entwickelt haben.

 

Aus früheren Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden besitzen wir nur sehr wenige schriftliche Unterlagen. Viele Texte aus der früheren Zeit sind verloren gegangen oder sind zerstört worden. 

 

 

 

Finnisch wurde gesprochen, aber nicht geschrieben

 

Was die schriftlichen Unterlagen betrifft, kommt beim Finnischen noch ein Problem dazu: Die Sprache, aus der sich das heutige Finnische entwickelt hat, wurde über sehr lange Zeit nur gesprochen. Aber sie wurde nicht geschrieben. 

 

Das war auch nicht notwendig. Wollten Wissenschafter und Wissenschafterinnen etwas aufschreiben, konnten sie auf die lateinische Sprache zurückgreifen. Die Kirche stützte sich ebenfalls auf das Lateinische ab. In der Verwaltung wurde Schwedisch verwendet, und im Handel stütze man sich das Niederländische oder allenfalls auf das Deutsche ab.

 

Ein schriftliches Finnisch gibt es in einem grösseren Rahmen erst seit rund 500 Jahren  - wobei auch dieses schriftliche Finnisch nicht besonders hilfreich ist: Geschaffen wurde es für den kirchlichen Bereich. Viele der Ausdrücke, die die Leute damals verwendeten, wenn sie miteinander sprachen, sind nicht schriftlich festgehalten worden.

 

Wie hat das finnische eigentlich getönt?

 

 Wer schriftlich festhalten will, wie eine Sprache zu einer bestimmten Zeit getönt hat, muss diese natürlich aufschreiben. Das bedeutet dann, dass er die Laute der gesprochenen Sprache in Buchstaben überführen muss. 

 

Das ist allerdings eine ganz besonders knifflige Aufgabe. Denn manchmal ist es alles andere als klar, wie man eine gesprochene Sprache schreiben soll.

 

Das merkte man sehr deutlich an Agricola. Er hielt als erster Gelehrter die gesprochene finnische Sprache in der Schriftsprache fest. Sieht man aber seine Texte an, erkennt man es sofort: Damit hat der Mann seine grösste Mühe. Seine Rechtschreibung schwankt nämlich. In seinen Texten schreibt er ein und dasselbe Wort mit verschiedenen Buchstaben. Offensichtlich hört er im gesprochenen Finnisch Laute, von denen er nicht recht weiss, mit welchen Buchstaben er sie festhalten soll.

 

 

 

Oder man merkt es  an einer finnischen Grammatik. Sie ist uralt, denn sie stammt aus dem 18. Jahrhundert. Dort kommen zum Beispiel folgende Wörter vor:

 

langa für das Wort Faden. Heute schreibt man lanka.

 

canda für das Wort tragen. Heute schreibt man kantaa.

 

 

Da stellen sich dann verschiedene Fragen:

 

Heisst dies, dass man früher statt einem k ein g gesprochen hat  - und deshalb langa und nicht lanka sagte?

 

Heisst es, dass man beim Wort kantaa früher den t als d ausgesprochen hat?

 

Wie ist der c am Anfang des Wortes canda zu interpretieren? Wurde er anders ausgesprochen als der heutige Buchstabe k?

 

Konnte er möglicherweise schlicht deshalb nicht mit einem k geschrieben werden, weil dieser Buchstabe in der lateinischen Sprache nicht vorkommt?

 

Auf diese Fragen haben wir keine zuverlässige Antwort. Das aber ist sehr schade: Will man herausfinden, wie verschiedene Sprachen miteinander verwandt sind, sollte man möglichst exakt wissen, wie sie wirklich getönt haben!

 

(Wobei man vor einer Fehlannahme warnen muss: Wir sprechen hier immer vom 'Finnischen'. Wenn man das macht, darf man allerdings nicht vergessen, dass es ein einheitliches Finnisch gar nicht gegeben hat. Was wir hier 'Finnisch' nennen, setzt sich aus einer ganzen Zahl verschiedener Dialekten zusammen, die oft sehr unterschiedlich tönten.)