DIE  SCHRECKLICHE FINNISCHE GRAMMATIK

 

 

 

Da gibt es nichts zu beschönigen: Die finnische Grammatik ist furchterregend kompliziert.

 

Manche Leute finden finden sie schrecklich.

 

Das ist sie nicht.

 

Aber sie ist anders aufgebaut als die Grammatik der deutschen Sprache.

 

 

Das führt dazu, dass uns die finnische Grammatik Mühe macht   - weil sie eben anders ist.

 

 

 

 

 

 

 

FINNISCHE GRAMMATIK  - WAS IST ANDERS?

 

 

 

 

1.

Finnisch hat kein Geschlecht


Das Finnische kennt keinen Artikel und es kennt kein grammatikalisches Geschlecht.

 

talo bedeutet zum Beispiel ein Haus oder das Haus.

 

Das Wort talo ist dabei weder männlich noch weiblich noch sächlich.

 

Das Wort hän bedeutet er oder sie  - hän sanoi kann also heissen er sagte oder sie sagte.

 


2.

Im Finnischen hat man nichts


Finnisch kennt kein Wort für haben.

 

Um zu sagen, dass jemand etwas hat, muss eine spezielle Sprachform verwendet werden. Stattt zu sagen, dass jemand Hunger hat, sagt man, dass bei jemandem Hunger ist.





3.

Die Finnen können nicht nicht  sagen


Sagt man, dass jemand etwas nicht tut, muss ebenfalls eine spezielle Sprachform verwendet werden. Ein eigentliches Wort für nicht gibt es nicht.

 

Dafür gibt es im Finnischen ein Verb, dass so etwas wie nichten heisst.

 

Sagt man, dass jemand nicht singt, wird dieses Verb konjugiert.

 

Ins Deutsche übertragen würde dies  so aussehen:

 

 

Ich nichte singe

du nichtest singe

er nichte singe

wir nichte singe

ihr nichtet singe

sie nichten singe.

 


4.

Die Finnen verwechseln Tunwörter mit Dingwörtern


Im Finnischen fällt der Unterschied zwischen einem Verben und einem Substantiv oft weg:

 

Dort, wo im Deutschen Verben verwendet werden, wird im Finnischen ein Substantiv gebraucht.

 

 

Man sagt zum Beispiel nicht

 

Ich gehe spazieren.

 

Man verwendet damit auch nicht zwei Verben (gehen, spazieren), um etwas mittzuteilen.

 

Stattdessen muss man ein Nomen verwenden. Das heisst dann so:

 

Ich gehe zum Spazieren.

 

 

Oder wörtlich:

 

Ich gehe in das Spazieren hinein.

 


5.

Finnisch ist eine Legostein-Sprache

 

 

Finnisch ist zu einem guten Teil eine agglutinierende Sprache.

 

Das bedeutet: Wörter, die bei uns vor einem Wort stehen, werden an eine Wort angehängt.

 

 

Wir sagen

auch in deinem Auto.

 

Im Finnischen heisst dies:

 

Autoindeinemauch = autossasikin.

 

Die Wörter in, deinem und auch werden also an das Wort Auto angehängt.

 

 

Es gibt über 100 kleine Wörter, die an ein anderes Wort angeleimt oder eben angehängt werden können.

 

Man kann mehrere dieser kleinen Wörter an ein Grundwort anhängen: Jemand hat deshalb gesagt, dass man Finnische Wörter so zusammensetzt, wie man Legosteine zusammensetzt.

 

Tatsächlich gibt es sehr viele Möglichkeiten, an ein Grundwort kleine Wörter anzuhängen. Ein Gelehrter hat berechnet, dass man bei einem einzigen Wort (zum Beispiel beim Wort kauppa für Laden) über 2000 verschiedene Möglichkeiten hat, kleine Wörter anzuhängen.


 

Eine komplette Auflistung aller Möglichkeiten sehen Sie hier.

 

Einige dieser Möglichkeiten sehen dann, wenn man sie ins Deutschte übersetzt, so aus:

 

Ladenindeinemwohlauch?

 

Ladennichtauchinsunseremwohl?


Das ist gewöhnungsbedürft, nur schon allein deswegen, weil auf diese Weise lange Wörter entstehen.

 

 

 

Und im Englischen?


Ein Vergleich mit dem Englischen lohnt sich.

 

Man kann sich fragen, wie viele Möglichkeiten man im Englischen hat, an das Wort Laden (und damit an das Wort shop) kleine Wörter oder Buchstaben anzuhängen.

 

Und da wird es dann klar:

 

Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, etwas an das Wort shop anzuhängen - dann nämlich, wenn man einen s für die Mehrzahl anhängt: shops.

 

Es gibt also nicht über 2000 Varianten vom Wort shop, sondern lediglich deren 2  -  shops und shop.


 

6.

Der Schrecken des Stufenwechsels


Die angehängten  Wörter verändern zuweilen das Wort, an das sie angehängt werden. Dann spricht man von einem Stufenwechsel. Das tönt harmlos, ist es aber nicht. Der Stufenwechsel ist, wenn man Finnisch lernt, ein echtes Ärgernis.

 

 

 

Wieso das?

 

 

käsi heisst zum Beispiel Hand.

 

Hängt man an das Wort käsi  das kleine Wörtchen -ssä an, entsteht daraus kädessä.

 

Das ursprüngliche Wort käsi hat sich durch das Anhängen von ssä verändert - es ist zu käde geworden.

 

 

Die angehängten  Wörter können zu markanten Veränderungen führen - aus ilta zum Beispiel wird illala, aus suo wird soista und aus työ wird töiden.

 

Diese Veränderungen - und damit der sogenannte Stufenwechsel - ist atsächlich ein Ärgernis.

 

Denn es ist klar, dass diese Veränderungen das Leseverständnis erschweren können. Wer beim Lesen dem Wort soista begegnet,  denkt sich zuerst, dass er einem Wort begegnet, das er noch nie gelesen hat. Bis er sich daran erinnert, dass er eigentlich mit dem Wort suo zu tun hat, das halt eben umgeformt worden ist.


 

7.

Klare Regeln - aber viel zu viele RegelN


Für die Bildung der Wörter im Finnischen gibt es Regeln.

 

Diese Regeln sind auffallend strikt. Sie kennen so gut wie keine Ausnahmen!

 

Allerdings sind es sehr viele Regeln. Das führt dazu, dass selbst bei der Bildung eines einfachen Satzes eine ganze Handvoll Regeln beachtet werden muss.

 

Das macht die Bildung auch einfacher Sätze enorm schwierig.

 

 

Da ist das Englische wesentlich einfacher: Nach kurzer Zeit kann man dort zwar einfache, aber grammatikalisch korrekte Sätze bilden. Im Finnischen geht dies nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein deutsches Wort geht nach Finnland

 

 

Es ist das Wort 'Besserwisser'. Es wird im Finnischen verwendet und heisst genau das, was es im Deutschen ebenfalls heisst: Ein Besserwisser ist eine Person, die alles besser weiss.

 

Ärzte verwenden dieses Wort. Sie brauchen es für jene  unangenehmen Patienten, die besser als der Arzt über eine Krankheit Bescheid wissen.

 

Oder zumindest zu wissen glauben.

 

 

 

 

Übrigens: den umgekehrten Weg - also den Weg von Finnland nach Deutschland - hat ein einziges finnisches Wort geschafft.

 

Es ist das Wort Sauna. 

 

 

 

 

 

 

FINNISCH: KLANGVOLLER ALS ITALIENISCH

 

 

 

 

Das Italienische gilt als klangvoll, weil es viele Helllaute hat

 

Sprachen, die viele Helllaute verwenden, gelten als klangvoll. Als klangvollste Sprache in Europa gilt gemeinhin die italienische Sprache. Zu dieser Auszeichnung ist sie gekommen weil sie viele Helllaute hat.

 

 

Ein Wissenschafter misst nach

 

‚Italienisch ist nicht die klangvollste Sprache‘, sagt ein Wissenschafter. Die klangvollste Sprache ist das Finnische.

 

Der Wissenschafter hat nachgeschaut, wie die Leiselaute und die Helllaute in den verschiedenen Sprachen verteilt sind: Wenn in einem Text einer Sprache 100 Helllaute aufgetreten sind -  wie viele Leiselaute sind um diese 100 Helllaute herum gruppiert?

 

 

Im Italaienischen ist es so: Auf 100 Helllaute kommen  108 Leiselaute. Die Leiselaute sind also in der Mehrzahl, wenn auch knapp.

 

 

 

 

Das Finnische überrascht

 

 

Im Finnischensind jedoch die Hellaute in der Mehrzahl. Auf 96 Leiselaute kommen 100 Helllaute.

 

 

Damit ist der Beweis erbracht: Die italienische Sprache ist zwar klangvoll. Aber sie ist nicht so klangvoll wie das Finnische.

 

 

 

Quelle: Lauri Kakulinen: Structure and Development oft he Finnish Language