FINNLAND IM HERBST

 

 

 

 

 

 

2 10 2019

 

 

 

 

 

ERSTES KAPITEL

 

 

 

Draussen fiel ein Schuss. Dann war es wieder still.

 

Der Bauer vom Heikki-Hof las die Zeitung. Er liess sie sinken und lauschte.

 

- Hast du das gehört? fragte er seine Frau.

 

Die Bäuerin legte ihre Näharbeit in den Schoss.

 

- Natürlich habe ich es gehört, antwortete sie. - Da hat jemand geschossen. 

 

- Wer hat da draussen geschossen? sagte der Bauer.

 

Die Bäuerin erhob sich schnell und ging zur Türe der Veranda. Dort blieb sie stehen und lauschte.

 

Über den Hof kam die Magd Kirsti zum Haus gerannt. Sie war ausser sich.

 

- Hat die Herrin den Schuss gehört? fragte sie.

 

- Ich habe ihn gehört, antwortete die Bäuerin. - Es tönte so, wie wenn ihn jemandem von der Strasse her einen Schuss abgegeben hätte. 

 

Beide Frauen blieben für einen Moment stehen.

 

- Man hört niemanden, der unterwegs ist, sagte die Bäuerin.  - Vielleicht waren es Betrunkene. 

 

 

 

Die Bäuerin kehrte zu ihrem Mann zurück.

 

- Man hört nichts mehr, sagte sie.

 

 

 

Der Bauer nahm seine Zeitung auf und begann wieder zu lesen.

 

- Wo ist eigentlich Anna? wollte er wissen.

 

- Sie sagte, dass sie zur Grossmutter gehen will, antwortete die Bäuerin. - Sie dürfte gelegentlich zurückkommen. Es war nicht sehr klug von ihr, sich in dieser dunklen Nacht auf den Weg zu machen. Vermutlich haben Sie dort Kirchenlieder gesungen, wie sie dies immer tun, sagte der Mann ein wenig spitz. - Sie ist sicher dein klügstes Kind, aber es wäre nicht notwendig, dass sie immer wieder diese Lieder übt.

 

 

 

Vom Hof her ertönte ein Geräusch. Der Bauer und die Bäuerin erhoben sich und rannten zur Veranda. Zur gleichen Zeit erschien dort Kirsti. Sie war bleich und lehnte sich gegen den Türpfosten. 

 

- Auf dem Weg liegt ein Mann. Er bewegt sich nicht mehr. Sicher ist er erschossen worden. 

 

Die Bäuerin und der Bauer rannten zur Strasse. Zwischen dem Hof und der Strasse befanden sich ein Zaun und eine Hütte, sodass der Bauer und die Bäuerin vom Hof her nicht sehen konnten, was auf der Strasse passiert war. Als sie zur Strasse kamen, erblickten sie drei Männer. Zwei von ihnen waren mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Es waren Väinö und Kalle, die Söhne vom Nachbarshof. Der dritte war Berg, der alte Schuhmacher. Er wohnte in einer kleinen Hütte am anderen Ende des Weges.

 

Berg beugte sich über den Menschen, der am Boden lag. Die Lampe eines Fahrrades spendete ihm dabei etwas Licht.

 

- Komm in Gottes Namen, Bauer, und schau die dies an, rief der Schuster. 

 

- Matti ist erschossen worden und liegt hier. 

 

Der Bauer beugte sich ebenfalls über den Mann. Er öffnete dessen Mantel. Nahe beim Herz war das Kleid zerrissen. Blut war geflossen; die Weste des Mannes war denn auch blutdurchtränkt. Der Bauer untersuchte den Körper des Mannes und sagte:

 

-Der Schuss ist nahe beim Herzen eingedrungen. Der Mann gibt keine Lebenzeichen mehr von sich. Hat jemand seinen Mörder gesehen? 

 

 

 

Väinö stand bleich und zitternd da. Er war bisher noch nicht in der Lage gewesen, etwas zu sagen. Mit Mühe und Not konnte er sich endlich äussern:

 

 -Wir kamen vom Gemeindehaus her. Dort haben wir getanzt. Als wir der Strasse entlangfuhren, sahen wir einen Mann am Boden liegen. Zuerst dachten wir, es sei ein Betrunkener. 

 

Kalle, der Bruder von Väinö, fuhr fort:

 

- Als wir näherkamen, sahen wir, dass es Matti war. Wir versuchten ihn aufzustellen, doch er hatte bereits das Bewusstsein verloren.

 

-Dann kam ich dazu, erklärte der Schuster. - Ich wollte mich gerade zu Bett begeben, als ich den Schuss hörte. Zuerst schenkte ich ihm keine Beachtung, denn ich dachte mir, er sei ein Betrunkener gewesen, der geschossen hat. Dann aber ging ich trotzdem nachschauen und traf die beiden Jungen an, die bei der Leiche standen. 

 

Der Bauer wandte sich an die Bäuerin und sagte:

 

 - Rufe sofort den Polizeichef an und bitte ihn hierher zu kommen.  

 

Die Bäuerin eilte ins Haus.

 

Der Bauer fragte die jungen Leute:

 

- Habt ihr jemanden wegrennen sehen? 

 

 - Nein, gab Kalle zur Antwort.

 

- Der Mörder kann nicht weit gekommen sein. Ich habe einen Schuss gehört, und seither ist noch keine lange Zeit vergangen.  

 

 - Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, meinte der Schuster, - aber als ich vor die Türe trat, habe ich so etwas wie das Geräusch eines Autos gehört. 

 

Uns ist kein Auto entgegengekommen, sagte Kalle. Es hätte am Stall und an unserem Haus vorbeifahren müssen. 

 

- Sah man Lichter? fragte der Bauer.

 

- Das ist gewiss bemerkenswert, meinte der Schuster. - Man hat kein Licht gesehen. Ich vermute deshalb, dass ich mich wegen des Autos geirrt habe. Ich bin auch noch nicht dazu gekommen, mir dies genauer zu überlegen, als ich die Leiche sah.

 

 

 

Und dann ist es erst noch der künftige Schwiegersohn des Bauern, der da liegt. 

 

 

 

Alle schwiegen für einen Moment. Sie hatten gar nicht mehr daran gedacht, dass sich Matti demnächst mit Anna hätte vermählen sollen. Für sie ging es nun darum, Menschen zu helfen, denen etwas ganz Schlimmes zugestossen war.

 

Der Schuster sagte deshalb sehr freundlich zum Bauern:

 

- Tragen wir den Verstorbenen von hier weg. Wir können ihn doch nicht auf der Strasse liegen lassen. 

 

- Wir müssen abwarten, was der Polizeichef beschliesst, sagte der Bauer. Meine Frau hat ihm angerufen.  

 

Der Bauer wandte sich an einen jungen Mann mit hellen Haaren, der sich den Leuten genähert hatte, die um den Leichnam herumstanden.

 

- Antti – hast du den Schuss nicht gehört?

 

- Gewiss habe ich ihn gehört, antwortete Antti.

 

- Wo warst du denn? 

 

- Ich war im Stall. 

 

- Und du bist nicht nach draussen gegangen um zu schauen, wer geschossen hat? 

 

- Ich musste noch die Pferde füttern, sagte Antti.

 

 - Habe ich dir nicht gesagt, dass du den Pferden nicht noch so spät Futter geben sollst? 

 

- Ich habe ihnen nur Wasser gegeben. Ausserdem ist der Wallach krank und ich wollte nach ihm schauen. 

 

- Kommst du aus dem Stall? fragte der Bauer.

 

- Ja, ich komme von dort. Vorher habe ich den Verband am Bein des Pferdes gewechselt. 

 

Kirsti, die die bis jetzt dagestanden hatte, ohne ein Wort zu sagen, blickte Antti durchdringend an:

 

- Du lügst! 

 

 

 

Alle zuckten zusammen. Kirsti hatte diesen Satz mit grossem Nachdruck gesagt.

 

- Was meinst du damit? fragte der Bauer Kirsti.

 

 - Ich meine damit, dass ich Antti nach dem Schuss aus dem Stall habe kommen sehen – mit einer Laterne in der Hand, antwortete Kirsti und stellte sich vor Antti hin:

 

- Wagst du zu behaupten, dass ich gelogen habe? 

 

Für einen Moment bewegte sich niemand. Alle starrten Antti an. Sie alle dachten, dass Antti den Mord begangen und ihn anschliessend zu vertuschen versucht hatte.

 

Antti antwortete bedächtig:

 

-  Ich war bei der Türe, doch dann bin ich in den Stall zurückgegangen. 

 

 

 

Bevor sich die Angelegenheit klärte, kam die Bäuerin herbeigeeilt und sagte:

 

-  Der Polizeichef ist nicht zu Hause. Er ist weggegangen, teilte mir seine Tante mit. Wenn er länger wegbleibt, sagt er in der Regel, wo er ist. Diesmal sagte er dies jedoch nicht, weil er wohl bald zurückkommen wird.  Die Tante hat versprochen, dass sie ihn sofort zu uns schickt. Das wird nicht lange dauern; er ist mit einem schnellen Auto unterwegs.

 

 

 

Dann habe ich auch Kommissar Salo angerufen. Er sagte, dass er sofort kommen wird. Er hat es uns verboten, den Leichnam wegzutragen, bevor er ihn untersucht hat. 

 

- Hast du die Eltern von Matti benachrichtigt?  fragte der Bauer.

 

- Das habe ich getan, sagte die Bäuerin. Auch sie werden bald kommen. 

 

  Wo ist Anna? wollte der Bauer wissen.

 

-  Sie ist nach Hause gekommen, antwortete die Bäuerin. - Sie weiss, was passiert ist. Sie ist in einer ganz schlechten Verfassung. Armes Kind!  Da hätte eine Hochzeit stattfinden sollen, und nun kommt es zu einer Beerdigung. 

 

Kirsti ergriff die Hand der Bäuerin und bat:

 

-  Tragt den Leichnam von der Strasse weg, wo doch alle Leute vorbeigehen! 

 

- Bevor der Tatort amtlich untersucht worden ist, dürfen wir dies nicht tun, sagte der Bauer. - Ich bin Laienrichter und weiss dies. 

 

- Aber hier auf dem Weg und vor allen Augen, klagte Kirsti.

 

- Da er tot ist, belastet ihn dies nicht mehr, hielt der Bauer fest. - Wichtig ist, dass der Verbrecher gefasst wird. 

 

Niemand antwortete. Alle standen da und warteten.

 

Der Schuster Berg unterbrach die Stille:

 

-  Ich sehe in der Ferne ein Licht. Gewiss kommt Kommissar Salo.

 

 

 

Nach kurzer Zeit traf in der Tat Kommissar Salo am Tatort ein. Salo war ein vierzigjähriger, sehr erfahrener Mann. Er verzog keine Miene – seine Gesichtszüge waren wie in Stein gemeisselt. Er stellte sein Fahrrad beim Zaun ab, begrüsste die Anwesenden mit einem Nicken und begann mit seiner Untersuchung.

 

Aus seiner Tasche holte er eine starke Polizeilampe hervor und richtete das Licht auf die Leiche. Er schrieb etwas in sein Notizbuch und bat Kalle, die Lampe so zu halten, dass sie auf das Notizbuch schien. Alle Anwesend schauten ihm schweigend zu. Salo stellte keine Fragen. Er schaute sich lediglich um. Er bat die Anwesenden zur Seite zu treten und untersuchte die Umgebung. Er richtete die Lampe auf den Boden, ging umher, bückte sich und schaute sich den Boden genauer an. Dann steckte er sein Notizbuch in die Tasche zurück.

 

- Hat man die Waffe gefunden? 

 

 - Nein, sagte der Bauer.

 

Salo antwortete nichts. Er zeigte auf den Leichnam und sagte: - Der Tote kann weggebracht werden. Bringt ihn in die Hütte.

 

- Die Eltern werden bald kommen und ihn holen, sagte der Bauer.

 

- Der Polizeichef wird veranlassen, dass ihn zuerst noch der Arzt untersucht, sagte Salo.  - Sicher aber dürfen wir ihn von der Strasse wegbringen, fügte er hinzu.

 

Der Bauer wies Väinö und Kalle an, den Leichnam wegzutragen. Väinö ergriff ihn an den Füssen, Kalle an den Schultern. Als ihnen die Bürde zu schwer wurde, eilte ihnen Antti zu Hilfe. Gemeinsam trugen sie den Leichnam zur Hütte, die neben dem Weg stand. Salo leuchtete mit der Polizeilaterne.

 

Der Bauer sagte:

 

-Wartet bitte einen Moment. Ich lege Stroh unter den Leichnam. 

 

Kalle und Väinö hielten den Leichnam so, dass Kirsti unter ihm Stroh auf dem Boden ausbreiten konnte. Dann legten sie den Leichnam nieder.

 

-Niemand darf von hier weggehen, sagte Salo. - Hat man schon etwas vom Polizeichef gehört? 

 

 - Ja. Er ist nicht zu Hause, aber er wird bald kommen. 

 

 - Jeder bleibt so lange hier, bis der Polizeichef alle befragt hat, sagte Salo.

 

- Gehen wir hinein und warten dort, sagte der Bauer.

 

Der Bauer öffnete die Türe des Schuppens; Salo betrat ihn, und der Bauer folgte ihm.

 

 

 

 

 

Väinö und Kalle holten ihre Fahrräder. Leise sprachen sie miteinander:

 

-Wir werden hier nicht mehr gebraucht, sagte Väinö. - Wir können nach Hause gehen. 

 

-Wir sollten nicht gehen, erwiderte Kalle. - Wir waren die ersten, die den Leichnam gesehen haben. Unsere Aussage hat von da her einiges Gewicht. Wenn wir jetzt weggehen, beginnen die anderen an unserer Unschuld zu zweifeln. 

 

-Aber wir sind doch unschuldig an diesem Mord, sagte Väinö.  - Warum denn sollten wir ihn begangen haben? 

 

 - Natürlich sind wir unschuldig, entgegnete Kalle. - Aber denke daran, dass Matti und ich uns vor zwei Wochen gestritten haben und dass ich ihm drohte, er werde eine Kugel in den Leib bekommen, wenn er sich nicht besser benähme. Es gibt viele Leute, die dies gehört haben. Schleichen wir uns davon, werden die Leute denken, dass wir ein schlechtes Gewissen haben. 

 

- Wer wird schon denken, dass du Matti erschossen hast? sagte Väinö. - Dazu hattest du ja auch keinen Grund. Solche Drohungen stösst doch jeder ab und zu aus. 

 

- Schon, doch wenn die Leute beginnen, ihre Schlussfolgerungen zu ziehen, spielt dies keine Rolle mehr, sagte Kalle.

 

- Denk nach. Wir kamen als erste am Tatort an. Wir sind Brüder. Als mein Bruder bist du wenig dazu geeignet, meine Aussage zu unterstützen.

 

- Lieber Bruder, wir sitzen in der Tinte. Wenn du vernommen wirst, darfst du kein Sterbenswörtchen über meine Drohung verlauten lassen. 

 

 

 

Gerade als die Brüder auf dem Weg zum Hof waren, fuhr ein Auto vor. Am Steuer sass Yrjö Valve. Valve war ein dreissigjähriger Mann von vornehmer Gestalt. Er trat sicher und auch ein wenig überheblich auf. Polizeichef war er seit einem Jahr. Im Umgang mit anderen Leuten wirkte er freundlich. Er war auch witzig. Trotzdem mochten ihn die Leute der Gemeinde nicht so recht. Niemand konnte sagen, warum dem eigentlich so war. Jedermann kannte seinen Eifer, doch bei den behäbigen Bauern war seine Freundlichkeit, die er ihnen entgegenbrachte, auf keine Gegenliebe gestossen

 

Der Polizeichef liess das Auto im Hof stehen und ging zum Haus. Bei der Pforte kam ihm, begleitet vom Kommissar Salo, der Bauer entgegen.

 

- Eine schreckliche Sache ist geschehen, sagte der Polizeichef und ergriff die Hand des Bauern.

 

- So ist es, entgegnete der Bauer. -  Eine Hochzeit stand bevor, und nun kommt es zu einer Beerdigung. 

 

- Wo ist die Leiche?  fragte der Polizeichef.

 

 - In der Hütte, entgegnete Salo. - Ich habe veranlasst, dass sie in die Hütte gebracht wird, nachdem ich alle notwendigen Untersuchungen vorgenommen habe 

 

- Sie hätten auf mich warten sollen, entgegnete der Polizeichef schroff.

 

Salo errötete leicht, blieb aber ruhig.

 

-Als wir den Polizeichef anriefen, wussten wir nicht, wann dieser hier eintreffen würde. So lange wollten wir die Leiche nicht draussen liegen lassen. 

 

 -Blinder Eifer hat schon so manche Spur bei einem Verbrechen zerstört, dozierte der Polizeichef.

 

 -Gehen wir hinein, unterbrach ihn der Bauer. - Dort können wird die Angelegenheit besprechen.

 

 

 

Allen, die draussen auf der Strasse waren, habe ich es verboten nach Hause zu gehen. Sie müssen auf die Befragung durch den Polizeichef warten. Ich selbst habe ihnen noch keine Fragen gestellt. 

 

Der Polizeichef zog seinen Mantel aus und ging mit dem Bauer zusammen in den Saal. Dort begrüsste er die Bäuerin.

 

- Das Haus hat einen schweren Schicksalsschlag erlitten, sagte der Polizeichef und drückte die Hand der Bäuerin. - Ich spreche Ihnen mein herzliches Beileid aus. Auch wenn wir den Verstorbenen nicht mehr zu Leben erwecken können, verspreche ich Ihnen, mein Möglichstes zu tun, damit der Schuldige bestraft wird. Eine ganz schlimme Sache, eine ganz schlimme Sache! Der Schicksalsschlag hat Anna gewiss besonders hart getroffen. 

 

-Als ich ihr die traurige Nachricht überbrachte, befürchtete ich, dass sie zusammenbrechen würde. Dermassen hat sie die Nachricht getroffen. Sie ist nun zu Bett gegangen und möchte allein sein.   

 

 - Ich bitte die Bäuerin, ihr meine herzlichen Grüsse auszurichten, sagte der Polizeichef. - Ich nehme an ihrem Schicksal grossen Anteil.  

 

 -Danke, vielen Dank, entgegnete die Bäuerin.

 

 

 

Der Polizeichef ging in den Saal, setzte sich vorne an den Tisch und sagte:

 

-Beginnen wir mit der Untersuchung. Salo, berichten Sie! 

 

Der Kommissar stellte sich dem Polizeichef gegenüber und begann bedächtig mit seinem Bericht:

 

 - Die Bäuerin informierte mich telefonisch über das Geschehen. Ich fuhr sofort mit dem Fahrrad hierhin. Ich wohne nur einen Kilometer von hier.  

 

- Gut, gut, sagte der Polizeichef.  - Was haben Sie gesehen, als Sie vor Ort ankamen? 

 

- Die Leiche lag auf der Strasse hinter dem Zaun des Hauses. Anwesend waren die folgenden Personen: Der Bauer des Hauses, die Bedienstete Kirsti, der Knecht Antti, der Schuster Berg, der auf der anderen Seite der Strasse wohnt und die jungen Männer des Nachbarhofes, Väinö und Kalle Matti. Sonst war niemand da. 

 

- Sie sagten, dass Sie die Anwesenden noch nicht befragt haben?  

 

 - Nein; ich wusste, dass sie dem Polizeichef berichten würden. 

 

 - Was haben Sie sonst in Erfahrung gebracht? 

 

 - Ich habe den Ort des Geschehens genau untersucht. 

 

 - Und was haben Sie bemerkt? 

 

 - Der Verstorbene wurde von hinten erschossen. 

 

- Woraus schliessen Sie das? 

 

- Der Verstorbene lag auf der Seite, auf der rechten Seite, um genau zu sein. Das Einschussloch war am Rücken. Die Person, die auf den Verstorbenen geschossen hat, befand sich direkt hinter ihm. 

 

- Woraus schliessen Sie das? 

 

- Um das Einschussloch im Rücken herum befanden sich Pulverspuren.     

 

- Was haben Sie sonst noch bemerkt? 

 

- Der Verstorbene kam von der Kirche her. 

 

 - Er ging also nach Hause? 

 

 - Nach Hause. 

 

 - Woraus schliessen Sie das? 

 

- Er trug Schuhe mit Gummisohlen. Die Spuren zeigen, dass er dem Wegrand entlanggelaufen ist. So versuchte er, dem Schlamm auf der Strasse auszuweichen. Die Spuren gehen auf das Haus zu. 

 

- Sind Sie sicher, dass die Spuren nicht von anderen Schuhen stammen?  

 

- An der Schuhsole des rechten Schuhes hat sich ein Stück losgemacht. Die besonderen Abdrücke dieser Schuhsole kann man gut erkennen.

 

- Fahren Sie fort!

 

- Als er angeschossen wurde, schwankte er und machte einige Schritte nach vorne. Obwohl es um den Verstorbenen herum verschiedene Spuren hat, kann man erkennen, wie er seine Füsse nachzog. Er fiel zuerst auf die Knie und dann kippte er zur Seite. Die Knie waren immer noch mit dem Dreck der Strasse bedeckt. Als der Verstorbene fiel, kam sein rechtes Bein unter seinen Körper zu liegen Nachdem er gefallen war, starb er sofort wegen des Blutverlustes und bewegte sich nicht mehr. 

 

- Ganz bestimmt haben Sie nicht vergessen, sich darauf zu achten, ob die Waffe des Mörders am Tatort geblieben ist? fragte der Polizeioffizier spöttisch.

 

- Ich besitze eine starke Taschenlampe und habe mit ihr die Umgebung genau untersucht. Es ist keine Waffe dort.

 

- Eigenartig, sagte der Polizeichef. - Ich habe festgestellt, dass ein Mörder seine Waffe fallen lässt oder sie in der Umgebung des Tatortes fortwirft. Ich hätte schwören können, dass sich die Waffe in der Nähe der Strasse befindet. 

 

- Ich habe alles sorgfältig untersucht, eine Waffe habe ich jedoch nicht gefunden. Aber ich bin gerne dazu bereit, mit dem Polizeichef nochmals zum Tatort zu gehen. 

 

- Wenn ich es als notwendig erachte, werden wir dies tun, sagte der Polizeichef.

 

- Was taten Sie, als Sie die Untersuchung abgeschlossen hatten?   

 

- Ich habe allen, die am Tatort waren, befohlen, so lange im Hause zu bleiben, bis der Polizeichef sie befragt hat. Ich gab auch die Erlaubnis, den Leichnam wegzubringen. 

 

 

 

Die Bäuerin begann nun zu sprechen. 

 

- Ich habe die Eltern von Matti benachrichtigt. Sie werden bald kommen. 

 

- Ist der Amtsarzt benachrichtigt worden? fragte der Polizeichef.

 

 - Noch nicht, antwortete die Bäuerin.  -Als ich sah, dass Matti bereits verstorben war, warum hätte ich da einen Arzt rufen sollen?  Und ich nahm auch an, dass der Polizeichef den Kreisarzt beiziehen würde, sofern man eine Sektion vorzunehmen hätte. 

 

- Ganz richtig, antwortete der Polizeichef. - Ich werde ihn benachrichtigen. Die Angelegenheit ist soweit klar. Die Eltern können den Leichnam ins Kirchdorf bringen, wo der Arzt seine Untersuchung durchführen wird. Man muss den Angehörigen gegenüber feinfühlig vorgehen, denn sie möchten sicher den Leichnam ihres Sohnes möglichst bald nach Hause bringen. Es ist für sie ein harter Schlag!

 

Der einzige Sohn! Das Haus und die Reichtümer gehören nun dem Neffen des Bauern. Zweifellos ist dieser begabter, als es der Verstorbene war. Aber dies ersetzt natürlich niemals den eigenen Sohn.

 

- Glaubt der Polizeichef, dass man herausfinden kann, wer den Mord begangen hat?  fragte die Bäuerin.

 

- Jedes Verbrechen hinterlässt Spuren. Kein Verbrecher ist intelligent genug, um alle Spuren zu verwischen.

 

Wenn wir uns bei der Aufklärung auf jene Mittel abstützen müssten, die uns früher zur Verfügung standen, gäbe es zweifellos Verbrechen, die sich nie aufklären lassen. In letzter Zeit aber hat man die Wissenschaft zu Hilfe genommen. Das hat bei der Aufklärung von Verbrechen zu grossen Fortschritten geführt. Stützen wir uns auf diese modernen Untersuchungsmittel ab, bin ich mir sicher, dass wir auf die richtige Spur kommen.

 

 

 

Der Polizeichef zündete sich eine Zigarette an.

 

-  Hinter jedem Verbrechen steht eine bestimmte Ursache. Und über diese Ursache müssen wir nun sprechen, bevor wir die Zeugen befragen. Also:

 

Hatte der Verstorbene Feinde?

 

- Jeder hat Feinde, hielt der Bauer fest.

 

- Er war reich, sagte der Polizeichef. - das führt immer zu Neid.

 

- Ich glaube nicht, dass es am Reichtum lag, entgegnete der Bauer. - Matti wollte überall und immer der Erste sein, und das ruft Zorn hervor.

 

Der Polizeichef ergriff wieder das Wort:

 

-  Oft entstehen ähnlich gelagerte Morde deshalb, weil zwei Männer die gleiche Frau begehren. Dann ist jener, der abgewiesen wurde, bestrebt, den Glücklichen aus dem Weg zu räumen.

 

Wissen Sie, ob jemand Ihre Tochter begehrt hat und von ihr dann abgewiesen worden ist?

 

- Anna ist gerade erst 19 Jahre alt geworden, sagte der Bauer. Wie auch sollte dieses so stille Mädchen viele Verehrer haben?  Ich habe denn auch nie von jemandem gehört, der sich ihr zu nähern versucht hat. Oder ist dir etwas Entsprechendes zu Ohren gekommen? fragte er seine Frau.

 

-  Mir sind keine Männer aufgefallen, die um das Haus herumgestrichen sind, sagte die Bäuerin verärgert. - Wenn dies der Fall gewesen wäre, hätte ich dem sofort ein Ende gesetzt.

 

-Wenn wir die Frage der Bekanntschaft beiseitelassen sagte der Polizeichef, bleibt der Gedanke, dass es eine andere Frau gewesen sein könnte, die Matti begehrte und von ihm abgelehnt wurde.

 

- Auf keinen Fall erschiesst in unserem Land eine Frau einen Mann, sagte der Bauer.

 

- Ich habe dies schon gesehen, stellte der Polizeichef fest. - Wisst Ihr von Frauen, die der Verstorbene zurückgewiesen hat?

 

- Junge Männer haben immer wieder Frauen, die sie verherrlichen, sagte der Bauer. Diesbezüglich gab es jedoch kein Gerede. Wäre dies der Fall gewesen, hätten es die alten Weiber in der ganzen Gemeinde herumerzählt.

 

- Wenn wir erfahren, dass der Verstorbene eine Beziehung zu einer Frau gehabt hat, sagte der Polizeichef, können wir schnell herausfinden, welcher Mann diese Frau ebenfalls begehrt und das Unrecht hat rächen wollen, dass der Verstorbene sie zu seiner Braut genommen hat. Solche Dinge sieht man häufig.

 

- Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, sagte Salo: Wenn der Verstorbene betrunken war, war er sehr streitsüchtig. Wäre er nicht einer der Reicheren in der Gemeinde gewesen, hätte er sich oft vor dem Gesetz verantworten müssen. Er wurde aus den nichtigsten Gründen wütend. Verschiedene Male bin ich gezwungen gewesen, von seinen Eltern Schmerzensgeld zu fordern, wenn er sich wieder einmal schlecht benommen hatte. Aber ich glaube nicht, dass jemand, mit dem er gestritten hat, ihn ermordet hat, und dann erst noch von hinten. Ich stelle mir vor, dass dem Geschehen etwas zugrunde liegt, von dem wir noch nichts wissen. Und ich vermute auch, dass dies alles ein Gewirr ist, dessen Auflösung uns noch einiges Kopfzerbrechen bereiten wird.

 

 

 

- Je schwieriger ein Verbrechen aufzuklären ist, desto zufriedenstellender ist seine Auflösung, sagte der Polizeichef zu Salo. - Sie, Salo, möchten sicher auf die gewohnte Art und Weise vorgehen. Nein, lieber Kommissar, die neuartige Aufklärung von Verbrechen ist für gewöhnlich das Ergebnis davon, dass man den Verstand gebraucht.

 

 

 

Vielleicht erfahren wir durch die Befragung der Zeugen etwas Wichtiges. Darf ich die Befragungen hier durchführen?

 

-  Natürlich, antwortete der Bauer.

 

-  Kommissar, schicken Sie die Zeugen in jener Reihenfolge zur Befragung, in der sie an den Tatort gekommen sind, sagte der Polizeichef.

 

 

 

Salo ging zur Türe hinaus und kehrte nach kurzer Zeit mit Väinö zurück. Der junge Mann war noch immer bleich.

 

-  Was wissen Sie? fragte der Polizeichef.

 

Väinö wirkte aufgeregt. Er stand zuerst da, ohne auch nur ein Wort hervorzubringen.

 

- Nur ruhig, nur ruhig, sagte der Polizeichef. - Beruhigen Sie sich bitte. Wir möchten von Ihnen lediglich wissen, was Sie gesehen haben.

 

-  Ich, stammelte Väinö, ich ging mit meinem Bruder zusammen zum Gemeindehaus. Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs. Als wir in die Nähe des Hauses kamen, leuchtete die Lampe des Fahrrades auf einen Mann, der am Boden lag. Wir dachten zuerst, es sei ein Betrunkener und hielten an. Als ich genauer hinsah, sah ich, dass es Matti Pelto war. Dann kam der Schuster Berg herbei, und nachher die Leute vom Hof. Ich weiss lediglich, dass wir den Leichnam zur Hütte trugen, nachdem wir dazu die Erlaubnis erhalten hatten.  

 

-  Haben Sie den Schuss gehört, fragte der Polizeichef.

 

 - Ja, ich erinnere mich, dass wenig vorher geschossen wurde. Aber ich schenkte dem keine besondere Beachtung. Beim Gemeindehaus hat ein Schiesswettbewerb stattgefunden. Jene, die dort mitgemacht haben, schossen in die Luft, um das Magazin ihrer Waffe zu leeren. Ich kann aber nicht genau sagen, woher der Schuss kam. Das kann man ohnehin nie sagen; besonders nicht an einem so feuchten Abend wie diesem.

 

-  Ist Ihnen jemand auf dem Weg entgegengekommen?

 

-  Nein.

 

-  Haben Sie bemerkt, ob jemand vor Ihnen vom Gemeindehaus wegegegangen ist?

 

-  Ich blieb noch einige Zeit beim Gemeindehaus und plauderte mit Bekannten, bevor ich selber ging. Ich vermag mich aber nicht daran zu erinnern, dass jemand in meine Richtung gegangen wäre. Und aus dem Gemeindehaus kam ohnehin niemand, weil kurz davor die Theatervorstellung geendet und der Tanz begonnen hatte.

 

-  Sie sahen niemanden?

 

-  Nein.

 

-  Wissen Sie, ob der Verstorbene Feinde hatte?

 

-  Jeder junge Mann hat seine Feinde, aus welchen Gründen auch immer.

 

-  Kennen Sie jemanden, der ihn ganz besonders hasste; sagen wir zum Beispiel wegen einer Frau?

 

-  Ich weiss nichts davon.

 

-  Sie selbst haben ihn nicht gehasst?

 

-  Nein. Ich habe mit ihm ohnehin keinen näheren Kontakt gepflegt. Und ich bin ein ruhiger Mensch und will mit niemandem Streit.

 

-  Haben Sie mitbekommen, wie sich jemand mit ihm ganz besonders heftig gestritten hat?

 

-  Man hat darüber geredet. Aber ich hielt es nicht für wichtig.

 

-  Sie können gehen, sagte der Polizeichef.

 

Väinö verbeugte sich und ging.

 

 

 

-  Er macht den Eindruck eines sehr zurückgezogenen Menschen, sagte der Polizeichef zum Bauern.

 

-  Er lebt tatsächlich sehr zurückgezogen, bestätigte der Bauer. In der Regel sitzt er zuhause, und nach der Arbeit liest er. Er ist zwar gläubig, aber auch wieder nicht so stark, dass er an den Gottesdiensten teilnehmen würde.  

 

-  Kann er schiessen?

 

-  Er war im Militär, antwortete der Bauer. Doch als man ihn zum Dienst verpflichten wollte, wehrte er sich dagegen.

 

-  Soviel ich weiss, hat er auch nie einen Waffenschein beantragt, sagte Salo.

 

-  Vielleicht kann der Arzt uns sagen, mit welcher Kugel geschossen worden ist. Wir können dann überprüfen, ob jedermann seine Waffen in seinem Schrank hat, sagte der Polizeichef. - Ich selber gebe den Gedanken nicht auf, dass der Mörder seine Waffe irgendwo liegen gelassen hat und dass wir sie finden werden.

 

Bitten Sie den nächsten Zeugen herein.

 

 

 

Wenig später begleitete Salo Kalle Matti hinein.

 

-  Berichten auch Sie uns, was Sie wissen, sagte der Polizeichef.

 

Kalle berichtete das Gleiche wie sein Bruder.

 

-  Wissen Sie, ob der Verstorbene Feinde hat?

 

-  Oh ja, das hatte er.

 

-  Haben Sie ihn gehasst?

 

Kalle zögerte einen Moment und sagte schliesslich:

 

-  Wenn Matti betrunken war, konnte er sehr unangenehm werden. Ich habe ihm sicher auch das eine oder andere an den Kopf geworfen. Wenn er einen Streit vom Zaune brach und man dies schweigend entgegennehmen wollte, musste man sich schon sehr beherrschen. War er betrunken, sprach er immer schlecht über die Frauen; da nahm er keine davon aus.

 

-  Hat er auch schlecht vom Mädchen dieses Hauses gesprochen, das er heiraten sollte?

 

-  Das hat er nicht getan. Anna ist dermassen makellos; ein so ruhiges und scheues Mädchen, das sie ist. Aber von den anderen hat er so gesprochen.

 

-  Geben Sie uns ein Beispiel!

 

-  Er sprach zum Beispiel schlecht über Kirsti, die Magd dieses Hofes.

 

-  Wie genau?

 

-  Ich mag mich nicht mehr genau daran erinnern, Da ich von meiner Seite aus nichts Schlechtes über Kirsti sagen kann, stauchte ich ihn zuweilen zusammen und forderte ihn auf, still zu sein.

 

-  Hatten Sie denn eine Beziehung mit dieser Kirsti?

 

-  Nein, das ist nicht der Fall. Ich habe ein Auge auf ein anderes Mädchen geworfen.

 

-  Hat sich der Verstorbene diesem Mädchen genähert?

 

-  Das hat er nicht, weil dies nicht erlaubt war.

 

Der Polizeichef überlegte einen Moment.

 

-  Ich habe keine weiteren Fragen mehr. Sie können gehen.

 

-  Darf ich nach Hause gehen?

 

  - Bleiben Sie hier, falls ich noch weitere Fragen habe.

 

Kalle verbeugte sich und ging.

 

 

 

 

 

 - Was denkt der Bauer über diesen jungen Mann?

 

Er ist ganz anders als sein Bruder. Er ist fröhlich und sorglos, er treibt Sport und geht auch häufig tanzen, antwortete der Bauer.

 

Es mag sein, dass er reizbar wirkt, aber ich weiss nichts davon, dass er irgendwann gegen andere Leute seine Hand erhoben hat.

 

Im Grunde genommen ist er ein sehr hilfreicher Mensch; letzten Winter hat er einen Bauern aus dem Eis gerettet, obwohl er sich selber damit in Lebensgefahr brachte.

 

-  Ja, ich erinnere mich an diesen Vorfall, sagte der Polizeichef.

 

-  Ich glaube nicht, dass er Matti erschossen hat. Und wenn ihn Matti wirklich dermassen verärgert hätte, dass er auf ihn geschossen hätte, hätte er dies von sicher von vorne getan.

 

Ich habe schon seit einiger Zeit auf den Jungen geachtet, und er hat sich immer angemessen verhalten.

 

Der Polizeichef nickte und wandte sich an Salo.

 

 - Holen Sie den nächsten Zeugen herein – wer ist es?

 

-Der Schuster Berg, antwortete Salo.

 

 

 

Der Schuster verbeugte sich tief vor dem Polizeichef.

 

 - Erzählen Sie, was Sie vom Geschehen wissen!

 

Ich wohne auf der anderen Seite der Strasse. Ich wollte mich gerade zur Ruhe begeben, als ich einen Schuss hörte. Zuerst achtete ich mich nicht weiter darauf. Kurze Zeit später ging ich aber doch nachschauen, und so sah ich Mattis Brüder auf der Strasse.

 

-  Wie haben Sie dies in der Dunkelheit erkennen können? fragte der Polizeichef.

 

-  Sie hatten eine Fahrradlampe. Diese beleuchtete sie. Als ich nachschauen ging, was die beiden auf der Strasse untersuchten, sah ich, dass Matti dort lag. Er war tot.

 

-  Weshalb wussten Sie, dass er tot war?

 

-  Ich sah das sofort. Er war fahl im Gesicht. Er lag auf der Seite auf dem Boden, hatte das eine Bein angezogen und bewegte sich nicht mehr. Zur gleichen Zeit kam der Bauer, öffnete die Jacke von Matti und sagte, dass Matti tot sei.

 

-  Haben Sie eine Vermutung, wer den Mord begangen haben könnte?

 

-  Wie sollte ich zu einer solchen Vermutung kommen? sagte der Schuster. Aber ich erinnere mich daran, dass ich das Geräusch eines Autos hörte, als ich unter der Stubentüre stand. Es kam vom Stall, der hinter dem Hof steht; dort wo die Strasse einen Bogen macht.

 

Ich erinnere mich daran, dass zur Strasse geschaut habe, weil sich dort ein offenes Feld berindet. Gesehen habe ich aber nichts.

 

-  Das Geräusch hätte von weiter weg kommen können, sagte der Polizeichef.

 

-  Es tönte nicht so, wie wenn es von weit weg gekommen wäre, entgegnete der Schuster, - aber das Auto fuhr ohne Licht.

 

Wie der Polizeichef wohl weiss, fahren dort im Herbst viele Leute ohne Licht. Vorderhand habe ich auch dem keine grosse Beachtung geschenkt, aber jetzt, wo ich alles erzählen muss, erzähle ich auch dies. Und ich habe über dieses Geschehen nachgedacht und mir überlegt, ob der Täter allenfalls mit dem Auto geflohen ist. Ich habe mir auch gedacht, dass Matti mit dem Mörder zusammen im gleichen Auto gekommen sein könnte. Und dann haben die beiden bei der Trockenscheune von Matti gehalten und sind zusammen in die Richtung des Hofes gegangen.

 

-  Warum sollten sie bei der Scheune von Matti anhalten? fragte der Polizeichef. Er lächelte sarkastisch. - Es wird vergnüglich sein zu hören, wie Sie diese rätselhafte Frage lösen.

 

Der Schuster fuhr aufgeregt fort:

 

- Die Strasse ist bei diesem Zaun und auch ein wenig weiter weg beim Stall des Hofes dermassen eng, dass kein Auto anhalten kann, ohne die Strasse zu versperre. Aber bei der Scheune von Matti befindet sich ein Platz, auf dem man anhalten kann. Und von dort gingen beide in die Richtung des Hofs, worauf der Begleiter Matti erschoss.

 

-  Gehen Sie davon aus, dass der Mörder Zeit gehabt hat, vom Tatort zu fliehen um beispielsweise ins Auto zu springen und wegzufahren?

 

-  Tatsächlich hätte ein gewöhnlicher Mann dazu durchaus genügend Zeit gehabt, wenn er das Auto hinter dem Stall hätte stehen lassen, sagte der Schuster. Dieser Weg ist kurz. Der Weg bis zur Scheune jedoch wäre zu lang.

 

 

 

Der Polizeichef kicherte und sagte:

 

-  Hören Sie; diese Erklärung ist ganz und gar falsch. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Matti und sein Mörder neben der Scheune angehalten hätten, wenn sie mit dem gleichen Auto gekommen sind. Man kann sich auch in keiner Art und Weise vorstellen, dass der Mörder seine Tat in der Nähe der Höfe begangen hätte, wo man ihn gut hätte beobachten können. Es wäre ihm ohne weiteres möglich gewesen, seine Tat beispielweise im Wald zu begehen, besonders dann, wenn sie beide mit dem gleichen Auto gekommen sein sollten. Wir können uns nicht irgendeine Vorstellung vom Geschehen bilden, denn so geraten wir immer auf einen falschen Weg.

 

Aber ich muss hier die Details zusammentragen. Erst wenn mir diese klar sind, ergibt sich aus ihnen ein verlässliches Gesamtbild.

 

 

 

-  Ich bitte aber trotzdem darum, dass im Protokoll meine Aussage vermerkt wird: Ich habe ein Auto gehört, sagte der Schuster. - Ich weiche nicht von der Auffassung ab, dass dies der Schlüssel zum ganzen Geschehen sein könnte.

 

-  Da Sie dies ausdrücklich wünschen, werden wir es natürlich so festhalten, sagte der Polizeichef.

 

Wissen Sie, ob Matti Feinde hatte?

 

-  Ich kenne keine besonderen Feinde, doch er hatte natürlich solche, weil er reich war und weil er sich auch schlecht benahm.

 

-  Haben Sie mit ihm gestritten?

 

-  Ich streite mit niemandem.

 

-  Aber wenn er Ihr Feind gewesen wäre – hätten Sie ihn erschossen?

 

-  Ich kann nicht einmal schiessen, entgegnete der Schuster. - Ich hätte ihn mit meinem Schuhspanner angreifen müssen, und er hätte mich daraufhin verprügelt. Ich würde ungern Gewalt ausüben, wenn ich mit jemanden Streit hätte. Ich habe mich denn auch noch nie mit jemandem geschlagen.

 

Der Polizeichef winkte ungeduldig ab.

 

-  Das reicht nun aber, sagte er. Sie wissen also jetzt schon, wer der Mörder ist?

 

-  Wenn ich dies wüsste, hätte ich ihn natürlich auf der Stelle festgenommen.

 

-  Sie sind sich also sicher, dass es ein Mann war?

 

- Sogar wenn eine Frau auf jemanden in der Nähe schiessen würde, würde die Kugel irgendwo landen – nur nicht dort, wo dies beabsichtig war. Und diese Kugel ging genau durch das Herz: Ganz gewiss hat ein Mann den Schuss abgegeben.

 

-  Das genügt, das genügt nun aber wirklich, sagte der Polizeichef. - Sie können gehen. Aber auch Sie dürfen das Haus nicht verlassen, damit ich Sie nochmals befragen kann, wenn ich dies sinnvoll finde.

 

Der Schuster verbeugte sich und ging.

 

 

 

Der Polizeichef wandte sich an den Bauern.

 

 

 

BIS HIER AUF GRUND SCRIFTLICHEN TEXT KORRIGIERT 17 9 2019

 

 

 

-  Er ist zweifellos einer jener Zeugen, die einem Richter das Leben schwer machen.  Er ist bereit, über was auch immer zu sprechen - über alle möglichen Ideen. Wenn ich zum Beispiel seinen Hinweis auf das Auto für voll nehmen würde, brächte dies die Untersuchung nachhaltig durcheinander. Wir befänden uns auf einem Gebiet, wo die blosse Einbildung vorherrscht und wo wir keine Verbrechen aufklären können.

 

Wer kam nachher beim Tatort an?

 

 

 

 

 

-  Das war ich, sagte der Bauer.

 

-  Ah. Ich muss dementsprechend auch die Aussage des Bauern ins Protokoll aufnehmen, meinte der Polizeichef.

 

Gibt es aus Ihrer Sicht etwas Neues zu dem, was wir bis jetzt erfahren haben?

 

-  Nicht wirklich, entgegnete der Bauer. - Meine Magd kam zu mir und teilte mir mit, dass jemand erschossen worden sei. Ich hatte vorher auch den Schuss gehört und meine Frau ging nach draussen um nachzuschauen, was los war. Doch über das, was wirklich passiert war, informierte uns erst Kirsti. Und als wir zur Strasse kamen, befanden sich dort die Brüder von Matti und der Schuster. Ich öffnete den Mantel des Verstorbenen und klärte ab, ob noch ein Lebenszeichen vorhanden war.  

 

Ich sah, dass das Einschussloch nahe beim Herzen lag. Von dem Blut, das geflossen war, war die Weste von Matti ganz klebrig geworden. Da wurde mir klar, dass wir ihm in keiner Art und Weise mehr würden helfen können. Ich schickte meine Frau weg; sie sollte Sie über die Angelegenheit informieren. Das tat sie. Sie lud gleichzeitig auch den Kommissar ein und benachrichtigte die Eltern von Matti.

 

Als Laienrichter habe ich immer wieder festgestellt, dass bei einem Verbrechen sehr leicht die Spuren verwischt werden können. Ich untersagte deshalb, dass der Leichnam irgendwohin getragen würde, bevor der Kommissar oder Sie beim Tatort angelangt wären und dazu die Erlaubnis erteilt hätten. Ich versuchte lediglich zu fragen, was jeder gesehen hatte, damit man sich später nicht irgendetwas einbilden würde.

 

-  So, so, sagte der Polizeichef. - Gerade eben haben wir gesehen, wohin eine Untersuchung führen kann, wenn man sich Dinge einbildet. Wenn ich den Schuster nicht daran gehindert hätte, hätte sich dieser zu guter Letzt sogar eingebildet, den Mörder persönlich gesehen zu haben.

 

Als Kommissar Salo kam – haben Sie ihm alles erklärt?

 

-  Er wollte nichts von mir wissen und ich habe ihm auch nichts erklärt, entgegnete der Bauer.

 

Im gleichen Augenblick öffnete sich die Türe. Kalle Matti stürzte herein.

 

 

 

Er war sehr aufgeregt. Er streckte seine Hand aus und eilte zum Polizeichef. Er öffnete seine Hand und liess eine Kugel auf den Tisch fallen.

 

Was ist das? fragte der Polizeichef.        

 

Ich bin nochmals zur Strasse gegangen, sagte Kalle, und meine Füsse traten auf einem Gegenstand. Ich beugte mich hinunter und hob das hier auf. Es ist eine Kugel.

 

 

 

Der Polizeichef schaute sich die Kugel genau an und fragte dann:

 

Wo haben Sie sie aufgehoben? Ganz gewiss haben Sie nicht durch Ihre Schuhsohle hindurch gemerkt, dass es eine Kugel war. Es hätte schliesslich auch ein Stein sein können.

 

Ich habe schon oft bei der Schutztruppe geschossen. Ich merke, wenn ich eine Kugel unter meinen Füssen habe. Auf dem Schiessplatz hat es eine ganze Menge davon. Und ganz gewiss kann jeder Schütze sofort sagen, ob seine Füsse auf eine Kugel oder auf einen Stein getreten sind.

 

Sie scheinen ein aufgeweckter junger Mann zu sein, sagte der Polizeichef. Seine Stimme klang ein wenig giftig.

 

Fahren Sie fort!

 

 

 

Da bei diesem Mord das Opfer erschossen wurde, dachte ich die ganze Zeit darüber nach, wohin die Kugel geflogen sein könnte, nachdem sie aus dem Körper des Opfers ausgetreten war. Wenn die Kugel von weit her abgegeben worden wäre, wäre ihre Geschwindigkeit grösser gewesen. Da sie aber aus nächster Nähe abgegeben wurde, musste sie eine kleinere Geschwindigkeit gehabt haben. Sie wäre in diesem Falle auch nicht sehr weit geflogen.

 

So dachte ich. Und als ich die Kugel unter meinen Füssen spürte, untersuchte ich die Umgebung genauer. Ich überlegte mir, dass die Kugel den steinernen Pfeiler bei der Türe getroffen haben könnte. Von dort wäre sie dann zurückgeprallt. Da aber die Geschwindigkeit der Kugel nicht sehr gross war, hätte sie nahe bei der Türe zu Boden fallen müssen. Dort fand ich sie denn auch.

 

 

 

Der Polizeichef lächelte: Wie kommen Sie darauf?

 

Als ich mir die Kugel genauer anschaute, stellte ich fest, dass ihre Spitze etwas abgeflacht war, erklärte Kalle. Dies liess darauf schliessen, dass die Kugel irgendwo gegen ein Hindernis geprallt war, ohne dass sie dieses hätte durchbohren können. Durch die offene Türe war sie sicher nicht geflogen, und so war klar, dass sie nur den steinernen Pfeiler der Türe getroffen haben konnte. Ich nahm die Lampe des Fahrrades und untersuchte mit deren Hilfe den Pfeiler – und dann sah ich die Spur, die die Kugel hinterlassen hatte.

 

Das ist gewiss sorgfältig überlegt und auch klug abgeleitet, sagte der Polizeichef. Doch warum wissen Sie eigentlich, dass die Kugel aus nächster Nähe abgegeben worden ist? Sie haben die Leiche nicht untersucht. Das hat Kommissar Salo gemacht, und dieser hat seine Beobachtungen lediglich mir mitgeteilt.

 

Als ich den Leichnam in die Hütte tragen half, erklärte Kalle, tat ich dies mit dem Knecht Antti zusammen. Bevor ich aber den Leichnam in die Hütte bringen konnte, musste ich noch etwas warten: Die Bäuerin legte in der Hütte Stroh auf den Boden aus, auf den wir dann die Leiche betten sollten.

 

Als ich wartete, beleuchtete Salo mit seiner Polizeilaterne die Leiche. Ich sah, dass der Mantel um das Einschussloch herum verbrannt war. Ich sah auch, dass es Pulver gewesen war, das den Mantel verbrannt hatte. Von da her war mir sofort klar, dass Matti aus nächster Nähe erschossen worden war.

 

Aber aus dem Einschussloch floss Blut – wie konnten Sie dann das sehen, von dem Sie eben berichtet haben?

 

Da Matti auf der Seite lag, floss durch das Einschussloch eben gerade kein Blut. Dieses floss unter den Mantel, erklärte Kalle.

 

Ich kann allerdings nicht nachvollziehen, warum Sie das Einschussloch am Rücken sahen, als Sie den Leichnam trugen.

 

Weil der Mantel des Verstorbenen voll Blut war und weil ich Matti auf der linken Seite trug, erklärte Kalle, schob ich den Mantel etwas zur Seite. Da sah ich das Einschussloch.

 

Ich musste ohnehin eine geraume Zeit warten, bis wir den Leichnam wegtragen konnten. In dieser Zeit konnte ich alles genau beobachten.

 

Gewiss ist es so, wie der junge Mann dies sagt, stellte Salo bedächtig fest.

 

Gut, sagte der Polizeichef; Sie können ebenfalls gehen, halten Sie sich für weitere Fragen zur Verfügung.

 

Kalle verliess den Raum, nicht ohne vorher dem Polizeichef einen bösen Blick zugeworfen zu haben.

 

 

 

Ich muss herausfinden, was von den Ausführungen von Kalle zutrifft, sagte der Polizeichef. Es ist ungewöhnlich, dass ein gewöhnlicher Bauer solche Details wahrnimmt.

 

Wenn ich mir eine Bemerkung erlauben darf, bemerkte Salo: Kalle ist ein auffallend scharfsinniger junger Mann. In der Gemeinde hatten wir einen Diebstahl. Das war noch zu einer Zeit, bevor der Polizeichef hier arbeitete. Kalle war damals noch ein Kind. Aber er untersuchte den Diebstahl dermassen genau, dass man dank seiner Angaben den Dieb hat festnehmen können.

 

Der Polizeichef unterbrach Salo:

 

Nun also, nun also. Wir besitzen die Kugel, die aller Wahrscheinlichkeit nach durch das Herz des Opfers gedrungen ist. Soweit man dies sagen kann, stammt die Kugel aus einer Parabellum -Pistole.

 

Erinnert euch daran, dass ich mich schon mehrere Male um die Mordwaffe bemüht habe. Wahrscheinlich ist diese am Tatort geblieben. Jetzt haben wir zumindest die Kugel. Aufgrund dieser Kugel wissen wir natürlich auch, dass der Mörder eine Parabellum -Pistole verwendet hat. Zuhause habe ich eine Liste jener Leute in der Gemeinde, die eine Waffe tragen dürfen. Dieser Liste können wir entnehmen, wer von diesen Leuten eine Parabellum besitzt.

 

 

 

Der Polizeichef fuhr fort:

 

 

 

Wir können zudem die Kugel zur näheren Untersuchung nach Helsinki schicken, Dort sieht man, welche speziellen Schrammen die Waffe besitzt, die vom Mörder verwendet worden ist. Jede Waffe besitzt nämlich ihre besonderen Schrammen. Wenn man schiesst, bleiben auf der Kugel Spuren dieser Schrammen- Sie kann man unter dem Mikroskop vergrössern und danach einer bestimmten Waffe zuordnen. Viele rätselhafte Verbrechen sind auf diese Weise schon aufgeklärt worden. Wir können alle Parabellum - Pistolen sammeln, die in der Gemeinde verwendet werden. Dann können wir mit ihnen schiessen. Wir können die Kugeln kennzeichnen. Vergleichen wir später die Schrammen auf der Kugel, die beim Mord verwendet wurde, können wir herausfinden aus welcher Waffe sie stammt.

 

Auch mein Sohn hat eine Parabellum, sagte der Bauer. Als er Soldat wurde, hat er sie hier aufbewahrt.

 

Sie lag gestern denn auch auf diesem Schreibtisch, sagte der Polizeichef. Daran erinnere ich mich genau.

 

Auch ich erinnere mich daran, sagte der Bauer. Der Polizeichef hat mich angewiesen, sie in den Schank zu legen. Dort liegt sie noch immer.

 

Der Bauer ging zum Schrank, der sich neben dem Fenster befand. Er öffnete ihn. Er durchsuchte den Schrank. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich an den Polizeichef. Seine Stimme war ernst.

 

Die Pistole ist weg!

 

Totenstille herrschte im Zimmer.

 

 

 

Jemand hat die Pistole gestohlen, sagte die Bäuerin.

 

Ja, jemand hat sie entwendet, meinte der Bauer.

 

Das will noch nicht heissen, dass es sich bei der Pistole um jene handelt, mit der Matti erschossen worden ist. Aber man wird dies abklären müssen; das ist klar.

 

Wenn nicht feststehen würde, dass ich zur Zeit des Mordes in der Stube sass und die Zeitung las, könnten sogar der Verdacht aufkommen, dass ich der Mörder gewesen bin.

 

Ganz genau, entgegnete der Polizeichef. Und daraus ersehen wir auch, wie vorsichtig wir mit unseren Schlussfolgerungen sein müssen. Wir haben keinen Grund anzunehmen, dass der Bauer den Mann erschossen hat, dem er seine Tochter zur Frau hat geben wollen. Und ich bin mir auch darüber im Klaren, dass in einem solchen Fall der Bauer den Mord ganz gewiss nicht mit der Waffe seines eigenen Sohnes begangen hätte. Natürlich hätte der Bauer, der sich mit Waffen auskennt, ganz genau gewusst, dass man nicht so dumm sein darf, auf diese Art und Weise ein Verbrechen zu begehen.

 

Ich bin mir ganz sicher, dass ich richtig liege, wenn ich intensiv nach der Waffe suchen lasse. Die Waffe, die aus dem Schrank verschwunden ist, kann durchaus die Waffe sein, die beim Mord verwendet wurde. Sie kann sich immer noch in der Nähe des Hauses befinden. Von da her habe ich auch allen Grund dazu, die Angelegenheit gründlich untersuchen zu lassen. Ich muss abklären, wer von diese Waffe gewusst und sie entwendet hat. Warten wir noch ein wenig ab.

 

 

 

Der Polizeichef stützte den Kopf in seine Hände und überlegte.

 

Ihr Sohn hat sicher mit dieser Waffe im Schiessstand geschossen, nicht wahr? fragte er.

 

Das hat er ganz gewiss getan, antwortete der Bauer. Er besitzt hinter dem Stall eine Scheibe.

 

Dort liegen sicher Kugeln am Boden. Die müssen wir suchen,

 

Die Kinder sammeln jeweils die Kugeln und verkaufen sie nachher an den Schützen, sagte der Bauer. Sicher hat es im Schrank solche Kugeln.

 

Er suchte für eine Weile im Schrank und nahm eine Pappschachtel hervor,

 

Da hat es solche Kugeln! sagte er.

 

Der Polizeichef entnahm der Schachtel ein paar Kugeln. Aus seiner Manteltasche zog er eine Lupe hervor und untersuchte die Kugeln. Nach einiger Zeit blickte er den Bauern an.

 

 

 

Nun, Bauer, schauen Sie diese Kugel hier genau an. Sie werden feststellen, dass sie zwei Kratzer aufweist, einen kleinen und einen grossen. Die Kratzer entstehen, wenn die Kugel bei der Schussabgabe durch den Lauf fliegt. Wenn wir nun einen Blick auf die Kugel werfen, mit der vermutlich der Mord begangen wurde, sehen Sie, dass sie die gleichen Kratzer aufweist. Erst die genauere wissenschaftliche Untersuchung wird einen endgültigen Schluss erlauben. Aber ich habe bereits jetzt allen Grund dazu, nach der entsprechende Pistole suchen zu lassen, bevor sie versteckt oder ganz zum Verschwinden gebracht wird.

 

Der Friede Gottes sei mit euch, ertönte eine Stimme von der Türe her.

 

 

 

Diese Begrüssung tönte in diesem Moment dermassen eigenartig, dass alle Anwesenden zusammenzuckten und sich zur Türe drehten. Eine etwa 70- jährige Frau trat ein.

 

 

 

Der Polizeichef hat bis jetzt meine Schwiegermutter noch nicht kennen gelernt, sagte der Bauer.

 

Sicher kenne ich diese bemerkenswerte Person schon lange vom Sehen, entgegnete der Polizeichef. Er erhob sich und verneigte sich höflich. Bis jetzt aber hatte ich noch nie die Gelegenheit, mit der alten Bäuerin zu sprechen. Ich habe aber schon viel von der grossen Weisheit der alten Bäuerin gehört, fügte der Polizeichef höflich bei.

 

Die alte Bäuerin schaute ihn direkt an.

 

Ich versuche, jene Gaben auf eine rechte Art und Weise zu gebrauchen, die mir Gott geschenkt hat, gab sie zur Antwort.

 

Man sagt, dass Sie, seit Sie Witwe wurden, eifrig den Hof instand halten und dass sie einen erstklassigen Laden führen.

 

Ich muss den Hof für mein Kind instand halten, antwortete die alte Bäuerin. Und was den Laden betrifft: Ich habe immer ehrliche Geschäfte gemacht.

 

Aber es geht hier nicht um mich. Was ist los? Ich spürte plötzlich eine Unruhe in mir, als ich zuhause war. Und Gott hat mir befohlen, hierher zu kommen.

 

Die Schwiegermutter ist sehr gläubig, sagte der Bauer zum Polizeichef. Er sagte es so, wie wenn er sich dafür entschuldigen wollte.

 

Vor diesem Haus, auf dieser Strasse ist heute Abend Matti Pelto erschossen worden - jener Matti, der mein Schwiegersohn hätte werden sollen. Wir wissen noch nicht, wer dieses Verbrechen begangen hat, aber die ersten Untersuchungen haben mir Hinweise geliefert, die zur Festnahme des Schuldigen führen können.

 

Die alte Bäuerin stand für einige Zeit da, ohne sich zu rühren. Dann sagte sie bedächtig:

 

Ich wusste schon lange, dass der Herr den Verstorbenen gezeichnet hat, denn er besass jene Unruhe, die dazu führt, dass man weder das Leben noch den Tod fürchtet. Aber ich wusste nicht, dass Seine Hand so schnell nach diesem jungen Mann greifen würde.

 

Das ist sehr interessant, sagte der Polizeichef. Ich habe gewusst, dass man von vielen Frauen sagt, dass sie die Gabe besitzen, verborgene und geheime Dinge zu erkennen. So weiss ich von Begebenheiten, bei denen mit Hilfe dieser geheimen Kraft Verbrechen aufgeklärt worden sind. Vielleicht erhalten wir bei dieser so rätselhaften Angelegenheit die Hilfe der alten Bäuerin.

 

Die alte Bäuerin schaute den Polizeichef direkt an und sagte:

 

Es ist nicht der Mensch, der dies entscheidet. Es ist Gott, durch den wir den Verbrecher zu bestrafen vermögen.

 

Der Polizeichef achtete nicht auf den tadelnden Tonfall, in dem die alte Bäuerin dies gesagt hatte. Er fuhr fort:

 

Es weist alles darauf hin, dass das Verbrechen mit der Pistole begangen worden ist, die dem Sohn des Hofes gehört. Er erfüllt gegenwärtig seine Wehrpflicht. Bisher hat man die Waffe allerdings noch nicht gefunden.

 

 

 

Ich möchte die Untersuchung nicht aufhalten, sagte die alte Bäuerin. Wo ist Anna?

 

Sie schläft im Zimmer. Sie dürfen gerne zu ihr gehen; das würde ihr guttun.

 

Wie noch nie in ihrem Leben sehnt sie sich danach, mit jemanden zusammen zu sein, der es gut mit ihr meint, sagte die alte Bäuerin und verliess das Zimmer.

 

Als sie gegangen war, sagte der Polizeichef:

 

Eine bemerkenswerte Frau. Sie hat etwas Erhabenes an sich.

 

Aber sie kann auch hart wie Eisen sein, sagte der Bauer. Diese Frau beherrscht immer noch den Hof, obwohl sie in einem Haus wohnt, das von ihm entfernt ist und das früher hierhin gehörte.

 

Trifft es zu, dass sie Ihnen noch nicht einmal den Hof vermacht hat? wollte der Polizeichef wissen.

 

Der Bauer schaute verärgert drein. Er nahm sich jedoch zusammen und sagte:

 

Ich habe dies von ihr nicht verlangt, weil sie auch jetzt noch alles kontrollieren will.

 

Nun, irgendwann wird sie Ihnen alles überlassen müssen, sagte der Polizeichef und klopfte dem Bauern freundschaftlich auf die Schulter.

 

Vielleicht fahren wir mit der Befragung fort. Wer ist an der Reihe?

 

Die Bedienstete des Hofes, Kirsti Majanen, antwortete Salo.

 

Er ging hinaus und kehrte mit Kirsti zusammen zurück.

 

 

 

Der Polizeichef wollte auch von ihr wissen, was sie zur Angelegenheit zu sagen hatte.

 

Ich war auf dem Hof, als ich von der Strasse her einen Schuss hörte,

 

Was taten Sie dann?

 

Ich sah die Bäuerin zum Vorhof gehen und erkundigte mich bei ihr, ob sie den Schuss ebenfalls gehört hätte. Als die Bäuerin wieder in ihre Stube zurückging, ging ich zur Strasse, von der ich den Schuss gehört hatte.

 

Einen Moment, unterbrach sie der Polizeichef. Wenn man vom Hof her zur Strasse geht, hat man zwei Möglichkeiten. Der eine Weg führt zur Pforte hinaus, die näher bei diesem Vorgebäude liegt. Der zweite Weg ist ein Pfad zwischen dem Gebäude und dem Stall. Welchen Weg haben Sie genommen?

 

Natürlich ging ich durch die Pforte, weil ich gerade mit der Bäuerin neben dem Vorbau gesprochen hatte.

 

Als Sie zur Strasse kamen – was sahen Sie dann?

 

Ich sah einen Mann, der bewegungslos auf der Strasse lag.

 

Ich erblickte zudem den Schatten eines Mannes, der sich davonschlich. Weil es dunkel war, konnte ich ihn jedoch nicht erkennen.

 

Rannte er? fragte der Polizeichef.

 

Er rannte nicht. Er schlich.

 

Das ist ein sehr wichtiger Punkt, hielt der Polizeichef fest. Es steht damit fest, dass der Mörder wegschlich.

 

Ja.

 

Was taten Sie dann?

 

Ich schrie und ging Hilfe holen.

 

Woher?

 

Vom Hof. Als ich zum Vorbau kam, kamen der Bauer und die Bäuerin und ich berichtete ihnen, dass auf der Strasse ein toter Mann lag.

 

Der Bauer wandte sich an Kirsti und fragte:

 

Um welche Zeit hast du Antti aus dem Stall kommen sehen?

 

Wer ist Antti? fragte der Polizeichef.

 

Er ist unser Knecht, antwortete der Bauer.

 

Worum geht es bei dieser Frage?

 

Kirsti hat erzählt, dass sie Antti aus dem Stall hat kommen sehen - mit einer Lampe in der Hand, erklärte der Bauer.

 

Wann soll ich so etwas erzählt haben? fragte Kirsti.

 

Du hast es mir erzählt, als wir an der Strasse standen, erklärte der Bauer.

 

Jetzt erinnere ich mich, sagte Kirsti. Als ich zum Haus rannte um Hilfe zu holen, sah ich Antti mit einer Laterne in der Hand aus dem Stall kommen.

 

Warum erinnern Sie sich so genau daran? fragte der Polizeichef.

 

Weil ich zuerst um Hilfe rief und dann zum Hof ging.

 

Und er hatte eine Lampe in der Hand, sagten Sie? erkundigte sich der Polizeichef.

 

Ja, und sie leuchtete ihm ins Gesicht, deshalb erkannte ich ihn.

 

Und Sie sind sich ganz sicher, dass er aus dem Stall kam – und nicht, dass er dorthin ging?

 

Natürlich bin ich mir sicher. Es sah so aus, wie wenn er aus dem Stall kam.

 

Versuchen Sie, sich genau daran zu erinnern!

 

Gewiss erinnere ich mich genau daran, dass er aus dem Stall kam.

 

Und sahen Sie, wohin er ging?

 

Daran erinnere ich mich nicht. Es wurde mir schwarz vor den Augen und ich musste mich an der Leiter festhalten, die gegenüber dem Vorbau steht. Als ich mich wieder erholte hatte und mich daran erinnerte, was ich gesehen hatte, begann ich zu kreischen und rannte zum Vorbau.  Dann kamen der Bauer und die Bäuerin zu mir.

 

Sie eilten zur Strasse und ich folgte ihnen. Da waren noch andere Leute. Eine Laterne leuchtete und ich sah, dass es Matti war, der tot am Boden lag. Ich blieb dann dort, bis der Polizist kam und die Leiche weggetragen wurde.

 

Der Polizeichef wandte sich an den Bauern und sagte:

 

Erinnert sich der Bauer an eine Lampe, die der Knecht bei sich hatte, als er auf der Strasse war? Ich meine, zur selben Zeit, als der Bauer dort war.

 

Ich sah keine Laterne bei ihm, antwortete der Bauer. Ich bin mir aber sicher, dass wir Matti anleuchteten - zuerst mit den Fahrradlampen der Brüder und dann mit der Polizeilampe von Salo.

 

Der Bauer und der Polizeichef schauten sich an. Der Polizeichef nickte ihm zu. Er wandte sich wieder Kirsti zu:

 

Können Sie mir sagen, wohin Sie unterwegs waren, als Sie den Schuss hörten?

 

Ich wartete, antworte Kirsti.

 

Auf wen?

 

Auf Matti.

 

Alle im Raum zuckten zusammen.

 

 

 

Warum warteten Sie? fragte der Bauer streng.

 

Kirsti zuckte mit den Schultern.

 

Was soll man darauf ein Geheimnis machen, jetzt, wo Matti tot ist? Er hat seinerzeit versprochen, mich zu heiraten.

 

Wann? fragte der Polizeichef.

 

Das war zu der Zeit, als ich in seinem Haus diente, antwortete Kirsti. Doch als ich von ihm schwanger wurde und ein Kind bekam, wollte er nichts mehr von mir wissen.

 

Lebt das Kind noch? fragte der Polizeichef.

 

Nein, es starb, als es einige Monate alt war, sagte Kirsti.

 

Ich habe niemandem erzählt, dass das Kind von ihm war. Ich nahm an, dass er mich trotzdem heiraten würde. Aber als feststand, dass er Anna von diesem Hof heiraten sollte, drohte ich ihm, alles ans Licht zu bringen.

 

Das ist eine infame Lüge! rief der Bauer verärgert.

 

Die Vernehmung darf nicht unterbrochen werden, sagte der Polizeichef streng.

 

Er wandte sich an Kirsti und sagte:

 

Fahren Sie fort.

 

Ich sagte ihm, dass ich meinen Mund halten würde, wenn er mir 30‘000 Mark zahlt.

 

Ging er darauf ein?

 

Zuerst wehrte er sich heftig und wollte keineswegs zahlen. Dann begann er, um die Summe zu feilschen. Er schickte auch seinen Vetter, um mit mir zu sprechen. Ich feilschte jedoch nicht, und so willigte Matti schliesslich in die verlangte Summe ein. Er versprach, mir, dass er mir das Geld an diesem Abend überreichen würde.

 

Wenn du nur nicht lügst! sagte der Polizeichef.

 

So wahr ich lebe – ich lüge nicht, entgegnete Kirsti zornig.

 

Genau an diesem Abend war vorgesehen, dass er mir das Geld bringt. Deshalb wartete ich vor dem Hof auf ihn.

 

Wenn das Mädchen die Wahrheit sagt, muss sich das Geld immer noch im Mantel von Matti befinden, ertönte eine Stimme von der Türe her.

 

Die alte Bäuerin war wieder ins Zimmer zurückgekehrt und setzte sich auf einen Stuhl, der sich bei der Türe befand.

 

Das habe ich mir auch gedacht, sagte der Polizeichef. Gehen Sie, Kommissar Salo und untersuchen Sie den Mantel des Verstorbenen.

 

Salo ging.

 

 

 

Hat man auf diesem Hof von diesem Verhältnis gewusst? wollte der Polizeichef vom Bauern wissen.

 

Nein, wir haben nichts davon gewusst.

 

Ich habe es nicht direkt gewusst, sagte die alte Bäuerin. Aber ich habe vermutet, dass dieser Mann, der als Schwiegersohn hätte hierhin kommen sollen, nicht immer sehr ehrenhaft gewesen ist. So etwas sieht man den Leuten schnell einmal an.

 

Der Polizeichef machte sich Notizen. Im Zimmer war es für einige Zeit still.

 

 

 

Dann kam Salo zurück. Der Polizeichef wollte sofort von ihm wissen, ob er das Geld im Mantel des Verstorbenen gefunden hatte.

 

In seinem Mantel war kein Geld, und auch in seinem Geldbeutel nicht, berichtete Salo.

 

Dann hat jemand das Geld gestohlen, sagte Kirsti heftig. Der, der ihn erschossen hat, hat das Geld mitgenommen!

 

Die Untersuchung wird klären, wie es sich damit verhält, sagte der Polizeichef.

 

Wissen Sie noch etwas, das die Angelegenheit erhellen könnte?

 

Ich weiss nichts mehr.

 

Wissen Sie, ob der Verstorbene Feinde hatte?

 

Natürlich hatte er Feinde.

 

Kennen Sie jemanden, der sich besonders intensiv mit ihm gestritten hat?

 

Antti, der Knecht von diesem Hof, hat ihm Prügel verabreicht.

 

Warum?

 

Weil Matti schlecht über mich gesprochen hat. Antti war auch der Meinung, dass Matti nicht zu Anna passt. Als der Bauer Matti Anna versprach, war Antti sehr betrübt.

 

Nun also, sagte der Polizeichef. Es ist sehr wichtig, dies zu wissen.

 

Haben Sie Antti von Ihrer Situation berichtet?

 

Natürlich habe ich es ihm berichtet. Das führte dazu, dass Antti der Meinung war, dass Matti nicht als Schwiegersohn dieses Hofes geeignet sei.

 

Wusste Antti, dass Sie Geld erhalten würden?

 

Sicher. Ich habe es ihm erzählt.

 

Und was hielt er davon?

 

Er sagte, dass ich kein Geld verlangen sollte. Ich sollte stattdessen meinen eigenen Weg gehen. Er sagte mir, dass Geld, das man auf eine solche Weise erhält, keinen Segen bringt. Doch ich fand, dass es für arme Leute kein anderes Mittel gibt.

 

Der Polizeichef entliess Kirsti und bat auch sie aber darum, sich für allfällige weitere Befragungen zur Verfügung zu halten.

 

 

 

Der Polizeichef wandte sich an den Bauern:

 

Ich verstehe, wie belastend dies für Sie sein muss. Ich werde mein Möglichstes tun, dass das Gericht nicht darauf eingeht. Ein Verbrechen darf nicht dazu führen, dass die Ehre eines Menschen in den Schmutz gezogen wird.

 

Wenn Sie dafür sorgen, dass der Name meiner Tochter nicht mit dieser Angelegenheit verbunden wird, bin ich Ihnen ausserordentlich dankbar: Wird über einen solchen Mord in den Zeitungen berichtet, zerstört dies den Ruf meiner Tochter.

 

 

 

Aber kehren wir zum Mord zurück, sagte der Polizeichef. Seine Grundzüge beginnen mir klar zu werden. Aus allem kann ich schliessen, dass es sich um einen Raubmord gehandelt hat. Es gibt jemanden, der wusste, dass Matti Geld bei sich hatte. Er hat diese Situation ausgenutzt.

 

Ich bin es gewohnt Leute zu vernehmen. Ich merke es sofort, wann jemand die Wahrheit sagt und wann jemand etwas zu verbergen versucht. Ich bezweifle keineswegs, dass zwischen Matti und dem Mädchen eine Beziehung bestanden hat. Ich verstehe auch, dass Matti bereit war, eine dermassen hohe Summe zu zahlen, damit das Mädchen schweigen würde.

 

Nur: Wie ist Matti zu diesem Geld gekommen? sagte der Bauer. Natürlich war er reich, aber eine dermassen hohe Summe wie es diese 30‘000 Mark sind, hat man nicht ohne weiteres zur Verfügung. Matti war in dem Sinne reich, dass sein Vater reich war, aber dieser hätte dem Sohn nicht eine solche Summe zur Verfügung gestellt, um den Mund des Mädchens zu schliessen.  Das kann ich sehr gut verstehen.

 

Wir werden abklären müssen, wie er zu diesem Geld gekommen ist, sagte der Polizeichef.

 

Das wird nicht notwendig sein, sagte in diesem Augenblick die alte Bäuerin. Matti hat das Geld von mir.

 

Alle schauten verblüfft zu der alten Bäuerin.

 

 

 

Doch, doch, er hat das Geld von mir, fuhr diese fort. Ich habe es ihm nicht geliehen, sondern ich habe mit ihm einen ehrlichen Handel abgeschlossen. Die Sache hat sich wie folgt zugetragen:

 

Vor einer Woche kam Matti zu mir um über eine Angelegenheit zu sprechen. Er sagte nicht, wofür er Geld brauchen würde. Ich habe ihn auch nicht danach gefragt.

 

Er wollte zuerst das Geld von mir leihen. Darauf ging ich jedoch nicht ein. Dann kam er ein zweites Mal und bot mir seine Aktien als Garantie für meine Zahlung an. Auch darauf ging ich nicht ein.

 

Dann aber wollte er die Aktien an mich verkaufen. Ich ging auch darauf vorerst nicht ein. Vorher wollte ich nämlich die Aktien sehen.  Matti brachte sie mir. Da sie auf seinen Namen ausgestellt waren, befanden sie sich tatsächlich in seinem Besitz.

 

Und so kauften Sie ihm die Aktien ab?

 

So war es.

 

Bar?

 

Bar. Ich ging am anderen Tag zur Bank. Dort erhielt ich den ganzen Betrag in Tausendernoten. Ich habe mich, wie wir dies vereinbart haben, mit Matti auf dem Kirchhügel getroffen. Ich gab ihm das Geld und er gab mir die Aktien. Ich weiss von da her, dass Matti vorgestern 30‘000 Mark in der Form von Tausendernoten besessen hat. Ob dies an diesem Abend, als er hierherkam und sein Leben verlor, immer noch der Fall gewesen ist, weiss ich nicht. 

 

 

 

Die Angelegenheit beginnt sich aufzuklären, sagte der Polizeichef selbstbewusst: Ich habe immer gesagt, dass man Geduld haben und zuerst alle Details sammeln muss, wenn man eine Untersuchung durchführt. Sonst findet man nie heraus, was uns die Details mitteilen.

 

Nun gilt es für uns nur noch, das Netz enger zu ziehen. Ich bitte um Entschuldigung, wenn ich nun versuche, dies zu erklären; aber wenn ich es laut ausspreche, fällt es mir leichter, meine Gedanken zu ordnen.

 

 

 

Der Verstorbene hat mit allen Mitteln zu verbergen versucht, dass er ausgerechnet zum Hof seiner Zukünftigen ging, um dort die Magd zu treffen.

 

Nach meinem Wissen kam Matti nicht mit einem Auto zum Hof.

 

Nein, das kam er nicht, sagte der Bauer. Er kam entweder mit dem Pferd oder er lieh sich im Dorf ein Auto aus.

 

Niemand hat ein Pferd gesehen, sagte der Polizeichef. Und ein Auto hat er kaum ausgeliehen, da er verschweigen wollte, was er im Sinne hatte. Da liegt der Gedanke nahe, dass er zu Fuss gekommen ist. Der Weg ist zwar recht lang, aber andererseits war es gutes Wetter.

 

Es besteht aber immer noch die Möglichkeit, dass er sich ein Auto geliehen und hierher gefahren ist.

 

Matti konnte nicht Autofahren, sagte der Bauer.

 

Nun denn, sagte der Polizeichef. Wenn er selbst mit dem Auto gekommen wäre, wäre dieses hiergeblieben. Wenn er andererseits von jemandem gefahren worden wäre, hätte diese Person auf ihn warten müssen. Da aber Matti seinen Gang verschwieg, wie ich eben gerade gesagt habe, ist er zweifelsohne zu Fuss gekommen.

 

Wir müssen also den Gedanken vom Schuster Berg zur Seite schieben, demgemäss ein Auto zur Sache gehört.

 

Ich kann es nicht mit letzter Gewissheit sagen, doch ich kann immerhin festhalten, dass sich der Verdacht auf eine bestimmte Person richtet.

 

Der Polizeichef meint damit sicher Antti, sagte der Bauer.

 

Ja, so ist es, stellte der Polizeichef fest.

 

 

 

Aber das ist bislang nur eine Vermutung. Wir brauchen eine vertiefte Untersuchung. Der Verdacht ist jedoch wohlbegründet.

 

Antti wusste, dass das Geld heute hätte überreicht werden sollen. Er hasste Matti; Antti wollte nicht, dass dieser als Schwiegersohn auf den Hof kommen würde. Er hat mit dem Verstorbenen gekämpft und er hat ihn allenfalls auch bedroht.

 

Wir wissen es nicht genau, aber vielleicht hat er sich auch zu Anna hingezogen gefühlt. Es kommt oft vor, dass ein Knecht die Tochter des Hofes anhimmelt.  Ich halte dies auch deshalb   nicht für unmöglich, weil ich die Anmut von Anni kenne. Von diesem jungen Mann Antti ist ein sehr günstiges Bild gezeichnet worden, Doch wenn ein Mann unter der Herrschaft der Begierde steht, kann dieser Mann im schlimmsten Fall ein Verbrechen begehen: Die Grenze zwischen Begierde und Verbrechen ist immer nur sehr schwach.

 

 

 

Der Polizeichef dozierte wieder:

 

Wenn man ein Verbrechen untersuchen will, gelangt man zuerst zu einer grossen Anzahl von Details. Mit ihrer Hilfe kann man sich dann ein Gesamtbild machen. Einem Verbrecher erzählt man dabei nicht alles, was man über dieses Gesamtbild weiss. Der Verbrecher würde in diesem Falle versuchen, die Abklärungen in eine falsche Richtung zu lenken. Doch wenn wir ihn nach Dingen fragen, denen scheinbar eine untergeordnete Rolle zukommt, gibt der Beschuldigte wahrheitsgemäss Auskunft; er weiss in diesem Falle nichts von dem Gesamtüberblick, den sich der Untersuchende verschafft hat.

 

Ich sage Ihnen dies, damit Sie sich nicht wundern, wenn ich ständig Fragen nach scheinbar unbedeutenden Dingen stelle.

 

Niemand anderer als Antti kann der Schuldige sein, unterbrach ihn der Bauer.

 

Ich möchte dies noch nicht so entschieden behaupten, sagte der Polizeichef und lächelte.

 

Aber wir haben gute Gründe, dies anzunehmen. Die Magd hat jemanden der Scheune entlang schleichen sehen. Sie sah diesen Mann dann bei der Türe des Stalles. Er trug eine Laterne. Sie glaubt, dass der Mann aus dem Stall kam. Aber genauso gut könnte es sein, dass der Mann im Stall seine Laterne hat anzünden wollen.

 

Während der Knecht befragt wird, sollten Sie, Herr Kommissar, zum Stall gehen und ihn untersuchen. Sie nehmen die Lampe in Ihren Besitz und klären ab, ob es etwas gibt, das weiteres Licht auf das Verbrechen wirft.

 

Salo ging und holte Antti. Im Zimmer schwiegen sie alle und richteten ihren Blick zur Türe.

 

 

 

Antti Kalle trat durch die Türe. Er war ein schlanker, junger Mann mit hellen Haaren. Ruhig stand er vor dem Polizeichef und wartete auf die Fragen.

 

Wann kamen Sie zum Tatort? fragte der Polizeichef

 

Die genaue Zeit kann ich nicht angeben, stellte Antti fest. Als ich dort ankam, waren die anderen schon dort.

 

Wer?

 

Die Brüder Matti, der Schuhmacher Berg und kurz darauf der Bauer, die Bäuerin und Kirsti.

 

Sie sind nicht vorher zum Tatort gekommen?

 

Antti schwieg. Der Polizeichef blickte ihn scharf an und fragte:

 

Wo waren Sie, als der Mord geschah?

 

Im Stall

 

Hörten Sie den Schuss?

 

Ich hörte ihn.

 

Schauten Sie nicht nach, was passiert war?

 

Wiederum schwieg Antti.

 

Im Zimmer war es still. Alle Blicke waren auf Antti gerichtet, der totenbleich dastand.

 

Die Magd des Hofes hat Sie gesehen, wie Sie mit der Laterne in der Hand aus der Türe kamen, sagte der Polizeichef. Stimmt dies?

 

Antti nickte.

 

Wohin gingen Sie da?

 

Antti blieb still.

 

Wo ist die Laterne jetzt?

 

Im Stall, antwortete Antti leise.

 

Wissen Sie, dass Sie unter Verdacht stehen?

 

Ich nehme an, dass man mich verdächtigt, Matti ermordet zu haben.

 

Und was sagen Sie dazu?

 

Antti schwieg.

 

Geben Sie zu, dass Sie die Tat begangen haben?

 

Wiederum schwieg Antti.

 

 

 

Salo trat ein. In seiner Hand war eine Laterne. Er stellte sie auf den Tisch.

 

Hier ist die Laterne, die ich im Stall gefunden habe, sagte er. Es ist Blut an ihr. Am Handgriff sieht man deutlich geronnenes Blut.

 

Können Sie mir erklären, wie das Blut an die Lampe gekommen ist? fragte der Polizeichef Antti.

 

Antti schwieg.

 

Ich nahm Matti mit mir, erklärte Salo. Er fand die Pistole. Sie wurde nicht einmal versteckt. Sie lag auf dem Fensterbrett des Stalles.

 

Salo legte die Pistole auf den Tisch.

 

Kennen Sie sie? fragte der Polizeichef.

 

Ja, antwortete Antti.

 

Wissen Sie, wessen Pistole das ist?

 

Sie gehört Erkki vom Heikki-Hof.

 

Woher wissen Sie dies?

 

Da sind die Buchstaben E und H eingeprägt. Und ich selbst habe sie schon früher bei ihm gesehen, als er auf Scheiben schoss.

 

Wie ist sie zu Ihnen gelangt?

 

Antti schwieg erneut.

 

Der Polizeichef wandte sich an Salo und sagte:

 

Nehmen Sie die Pistole ordnungsgemäss an sich. Bewahren Sie sie sorgfältig auf.

 

Nehmen Sie auch die Laterne in Ihren Gewahrsam und achten Sie darauf, dass niemand anders sie berührt. Schicken Sie sie zur näheren Untersuchung nach Helsinki. Ich werde einen Brief beilegen, der erläutert, worum es geht.

 

Der Polizeichef erhob sich und sagte ernst:

 

Antti Kalle, ich beschuldige Sie von Amtes wegen, einen Raubmord begangen zu haben. Die Indizien, von denen wir später hören werden, weisen darauf hin, dass Sie Matti Pelto ermordet und daraufhin die sich bei ihm befindlichen   30‘000 Mark entwendet haben. Die Pistolenkugel, die Matti Pelto getötet hat, ist gefunden worden und viele Indizien weisen darauf hin, dass Matti mit dieser Pistole hier getötet worden ist. Die Pistole ist bei Ihnen gefunden worden. Sie sind ausserdem gesehen worden, wie Sie unmittelbar nach dem Schuss aus der Stalltüre gekommen sind.

 

Haben Sie dazu etwas zu sagen?

 

Antti stand da und schwieg

 

Der Polizeichef seufzte und sagte zu Sano:

 

Bringen Sie den Mann zum Auto. Wir fahren gemeinsam weg. Der Mann steht im Verdacht, Matti Pelto ermordet zu haben.

 

Niemand sagte etwas. Antti wandte sich um und blickte lange die alte Bäuerin an, die gebeugt dagesessen und die Befragung aufmerksam verfolgt hatte.

 

Antti verneigte sich tief vor der Frau und ging mit sicherem Schritt aus dem Zimmer; Salo folgte ihm.

 

Nachher blieben alle im Zimmer für eine Weile still.

 

Traurige Sache, sagte der Bauer. Antti war schon seit seiner Kindheit auf dem Hof und in dieser Zeit hat er sich tadellos verhalten.

 

Ich werde ihn morgen wieder befragen und werde versuchen, alles näher zu klären, sagte der Polizeichef.

 

Vom Hof her hörte man das Geräusch eines Karrens.

 

Die Eltern des Verstorbenen sind eingetroffen, um ihren Sohn zu holen, sagte der Polizeichef. Arme Leute! Es ist ihr einziger Sohn, und diesen verlieren sie auf eine solch tragische Art und Weise. Das Schicksal ist zuweilen hart mit uns.

 

Nun muss ich gehen. Ich gebe den Termin bekannt, an dem die Sache vor Gericht kommt. Ich beratschlage mich morgen mit dem Richter und versuche, so schnell als möglich eine Gerichtsverhandlung anzusetzen.

 

Der Polizeichef drückte jedem einzelnen die Hand. Besonders der alten Bäuerin gegenüber verhielt er sich sehr höflich. Zum Bauern sagte er:

 

Übermitteln Sie bitte Anni meine besten Grüsse.

 

Dann verbeugte er sich vor allen und ging.

 

Die alte Frau erhob sich aus ihrem Stuhl und sagte:

 

Ich nehme Anni zu mir nach Hause, dort ist sie am besten aufgehoben.

 

Ich gehe mit euch, sagte die Mutter von Anni. Draussen ist es sehr dunkel.

 

Das wird nicht notwendig sein, antwortete die alte Bäuerin. Weder mir noch Anni wird etwas Schlimmes zustossen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ZWEITES KAPITEL  

 

 

 

 

 

Am folgenden Morgen ging die alte Bäuerin in das Zimmer, in das sie am Abend vorher Anna gebracht hatte, damit sie dort schlafen konnte. Das Mädchen war bereits angekleidet, als die alte Bäuerin ins Zimmer trat.

 

Wie hast du, armes Mädchen, geschlafen?

 

Ich konnte zuerst nicht einschlafen, antwortete Anna. Aber die Medikamente, die mir am Abend gegeben wurden, begannen zu wirken, und ich fiel in einen tiefen Schlaf. Jetzt aber fühle ich mich ein wenig matt.

 

Führst du das Gespräch mit mir fort?

 

Ich muss es fortführen. Ich will alles wissen. Matti ist nun also gestorben?

 

So ist es. Weisst du, wer ihn getötet hat?

 

Nein

 

Antti!

 

Anna erhob sich und starrte die alte Bäuerin an. Sie zitterte.

 

Antti? hauchte sie. Aber er kann auf keinen Fall den Mord begangen haben.

 

Woher weisst du das?

 

Mein Herz sagt mir, dass er unschuldig ist.

 

Armes Kind, das Herz und seine Stimme sagen nicht viel aus.  

 

Ich war gestern bei der Befragung dabei, und es sieht so aus, dass er verurteilt wird.

 

Aber wenn er unschuldig ist, kann er doch nicht verurteilt werden!

 

Er kann, wenn er sich nicht einmal verteidigt.

 

Aber er trägt doch überhaupt keine Schuld an der Tat.

 

Der Polizeichef hat da seine eigene Erklärung. Er glaubt, dass Antti dich liebt und dass er Matti hat aus dem Feld schlagen wollen.

 

Wie kann er sagen, dass Antti mich liebt?

 

Antti sagte es nicht sehr deutlich, aber ich merkte, dass er so fühlt. Wusstest du, dass er dich liebt?

 

Wir haben nie darüber gesprochen. Wir kennen uns, seit wir Kinder waren. Ich mag ihn sehr, aber ich habe nicht gewusst, dass dies Liebe ist.

 

Wie hat er es aufgenommen, als er von deiner Verlobung erfuhr?

 

Als er dies hörte, war er sehr niedergeschlagen.

 

Und dir ist nicht der Gedanke gekommen, dass er dich liebt?

 

Ich habe nie daran gedacht, sagte Anna. Er stand mir immer sehr nahe. Er war immer wie ein guter und verlässlicher Bruder zu mir. Er bedeutete mir sogar mehr als mein eigener Bruder. Er war immer und jederzeit so anständig – es kann nicht sein, dass er einen Mord begangen hat.

 

Ich habe mich gestern Abend und auch heute Morgen an Gott gewandt und ihn gebeten, er möge mir darüber Klarheit verschaffen, sagte die alte Bäuerin.

 

Als ich gestern Antti beobachtete, als er vernommen wurde, da war er zwar bleich, aber sehr gefasst. Jemand, der schuldig ist, wirkt nie dermassen gefasst. Als der Polizeichef ihm vorwarf, einen Raubmord begangen zu haben, schien er sich nicht verteidigen zu wollen. Und mir, alter und dummer Frau wurde plötzlich etwas klar.

 

Was denn?

 

Dass er die Schuld auf sich genommen hat, um jemanden zu schützen.

 

Wen sollte er schützen?

 

Das weiss ich nicht.

 

Dann muss da ein Mensch sein, den er sehr liebt – sonst hätte er die Schuld nicht auf sich genommen, sagte Anna.

 

So ist es. Du hast recht, entgegnete die alte Bäuerin.

 

Er sorgte selbst dafür, dass ihn der Polizeichef des Mordes verdächtigte. Ganz sicher hat er nicht die Absicht, sich gegen die Anschuldigungen zu wehren. So, wie es aussieht, wartet er lediglich auf das Urteil.

 

Aber warum nur, warum? rief Anna aus.

 

Wenn wir wüssten, warum er sich so verhalten hat, könnten wir mit Gottes Hilfe die Wahrheit herausfinden. Ich ging früh am Morgen, als du noch am Schlafen warst, zu deinem Hof und sprach mit deiner Mutter. Sie war während der ganzen Befragung ebenfalls anwesend. Sie erzählte mir etwas Wichtiges.

 

Was denn?

 

Ich muss dir, liebes Kind, etwas sehr Trauriges mitteilen. Aber wir gelangen nirgendwohin, wenn wir nicht offen sprechen. Ich vergrössere damit die Last, die bereits auf dir ruht, aber ich kann es dir nicht ersparen.

 

Was kannst du denn noch Schrecklicheres berichten? fragte Anna.

 

Dein Bräutigam hat ein Verhältnis mit Kirsti gehabt.

 

Das ist es! sagte Anna und seufzte tief.

 

Wusstest du davon?

 

Ich wusste es nicht mit Sicherheit, aber ich merkte, dass sich Kirsti mir gegenüber feindselig verhielt, als die Verlobung bekannt wurde.

 

Während der Befragung berichtete Kirsti, dass ihr Matti am gestrigen Abend 30‘000 Mark hätte bringen sollen, damit sie niemandem von diesem Verhältnis erzählt. Ich weiss um dieses Geld.

 

Wie denn?

 

Matti hat es von mir erhalten. Er hat mir Aktien verkauft und erhielt von mir diese Summe.

 

Gestern hat man den Mantel des Verstorbenen untersucht, doch dort befand sich kein Geld. Trotzdem besteht Kirsti darauf, dass ihr Matti an diesem Abend das Geld hätte übergeben sollen. Das Geld ist verschwunden.

 

War es bei Antti?

 

Das war es nicht. Das wurde gestern allerdings nicht sehr genau untersucht.

 

Warum nicht?

 

Das weiss ich nicht. Auf eine merkwürdige Art und Weise beschleunigte der Polizeichef die Befragung, nachdem sich Antti bedauerlicherweise als Schuldigen dargestellt hatte. Ich habe nicht verstanden, warum der Polizeichef dies tat. Das Geld ist weg, aber es wird zurückkommen.

 

Wie soll es denn zurückkommen? Und zu wem soll es kommen?

 

Die alte Bäuerin schmunzelte.

 

Du weisst, dass ich schon immer ein sehr exakter Mensch gewesen bin – so exakt, dass man deswegen viele Male über mich gelacht hat. Schau, ich hätte nie eine solche Menge Geld aus den Händen gegeben, ohne die Banknoten mit einem kleinen Merkzeichen zu versehen.

 

Warum hast du sie mit einem Merkzeichen versehen?

 

Es ist immer vergnüglich zu schauen, wohin das Geld fliesst. Oft habe ich gesehen, wie die Banknoten wieder zu mir zurückgekommen sind; manchmal nach kurzer Zeit. Niemand hat gewusst, dass ich das tue; ich habe dies zu meinem eigenen Vergnügen getan.

 

Hast du dem Polizeichef davon erzählt?

 

Nein, das habe ich nicht. Ich weiss nicht, warum ich es unterlassen habe. Es ist mir peinlich, davon zu erzählen. Der Polizeichef hätte es deinem Vater berichten können. Und da er von mir nicht besonders begeistert ist, dein Vater ganz besonders nicht, hätte dieser es anderen Leuten erzählt, und man hätte mich daraufhin verlacht. Doch wenn einer dieser Banknoten zu mir zurückkommen sollte, werde ich sie sofort erkennen.

 

Aber Sie haben selbst gesagt, dass Sie immer Merkzeichen an den Banknoten anbringen. Sie haben viele Male Geld in Ihren Händen gehabt. Wie können Sie dann diese besonderen Banknoten erkennen, wenn sie zu Ihnen zurückkommen?

 

Die alte Bäuerin nickte freundlich.

 

Du schlägst mir nach, sagte sie, denn du hast eine sehr kluge Frage gestellt. Natürlich hätte ich mit den üblichen Mitteln nicht gewusst, ob diese Banknoten zu mir zurückkommen, wenn Gott nicht auf seine Weise da Geschehen gelenkt hätte.

 

Der Kassierer der Bank war nach Helsinki gegangen. Er hob von dieser Bank eine grosse Summe Geld ab und bekam dieses Geld in ganz neuen Banknoten. Als ich zur Bank kam, sagte er, dass er diese für jene aufbewahrt hätte, die es verdienten. Damit meinte er mich. Er zählte als Spass mehrere Mae in meinem Beisein die Noten durch. Wir schauten uns dann die Noten an und ich sah, dass sie fortlaufend nummeriert waren.

 

Und auf diesen Banknoten haben Sie ein Merkzeichen angebracht?

 

Das hatte ich zuerst nicht getan, denn sonst hätte mich der Kassierer ausgelacht.

 

Im Vorraum der Bank holte ich die Banknoten hervor. Sie waren glatt und rein wie die Lämmer von Laban. Auf der einen Seite der Banknoten ist ein Löwe gedruckt. Mit einem Bleistift markierte ich auf dessen Flanke ein kleines Kennzeichen. Es ist nur ein kleines Zeichen, doch ich erkenne es, wenn ich mich darauf achte.

 

Erinnern Sie sich auch an die Nummer der Banknoten – oder haben Sie diese aufgeschrieben, damit Sie sich an sie erinnern?

 

Die Frage ist berechtigt. Ich schrieb sie nicht auf, denn ich erinnere mich ohnehin an sie. Es ergab sich so günstig, dass die ersten Ziffern 85 lauteten. Das ist das Alter, in dem mein Vater gestorben ist. Dann kam, wie von der Vorsehung geleitet, mein eigenes Geburtsjahr 1856 dazu. Und da die Banknoten fortlaufend nummeriert sind, führen die anderen Banknoten von diesen Zahlen her weiter. Und von ihnen waren es im Gesamten dreissig.

 

Als ich sah, dass sich Antti gar nicht verteidigen wollte, fuhr ich zum Polizeichef. Ich wollte ihn über die Angelegenheit informieren. Aber als ich sah, wie sicher er sich seiner Weisheit ist, fragte ich mich, warum ich diese Weisheit durcheinanderbringe sollte. Später einmal kann ich dieses Wissen ganz gut gebrauchen.

 

Aber bevor Sie diese Angelegenheit bekannt machen können, kann es sein, dass der Schuldige das Geld zur Bank bringt. Dann sind alle Spuren verwischt.

 

Ich glaube nicht, dass er es sofort zur Bank bringt.

 

Sicher ist der Schuldige so vorsichtig, dass er die Summe sofort versteckt. Sicher ist ihm auch klar, dass er sich, wenn bekannt wird, dass das Geld verschwunden ist, verdächtig macht, sollte er mit einer solch grossen Summe gesehen werde. Er wird das Geld sicher einige Tage in seinem eigenen Versteck aufbewahren. Hat er aber den Mord begangen, um an das Geld zu kommen, wird es so sein, dass er es nach und nach brauchen muss. Ich glaube, dass ich den Kassierer der Bank darüber informieren sollte. Er ist so klug, dass er es niemandem ausplaudert. Wenn sich die Banknoten in dieser Gegend befinden, wird er sie sicher zur Bank bringen, und der Kassierer wird sie mit seinen eigenen Augen sehen.

 

Könnte aber derjenige, der das Geld genommen hat, nicht so klug sein und das Geld auf eine andere Bank bringen und es dort wechseln? sagte Anna. Auf diese Weise könnte man ihn nicht dingfest machen.

 

Ganz genau so ist, sagte die alte Bäuerin. Aber ich glaube nicht, dass ein Mann in seiner Geldgier dermassen klug und vorsichtig zu handeln vermag. Unmittelbar nach der Tat sicher nicht.

 

Ich denke auch, dass es jemand ist, der zum ersten Mail eine solche Tat verübt hat. Wäre dem nicht so, hätte sich der Raubmord anders abgespielt.

 

Aber …! hauchte Anna.

 

Ja, was ist dann?

 

Auch Sie… ich weiss nicht, wie ich es sagen soll ... auch Sie denken nach und ziehen Ihre Schlussfolgerungen darüber, was der Verbrecher getan hat und… sagte Anna und schien verwirrt.

 

Liebes Kind, alle Dinge, die die Menschen tun, sind im Grunde genommen die gleichen, sagte die alte Bäuerin.

 

Ich habe in den Läden oft erlebt, dass die Leute betrügen. Was soll hier anders sein? Jeder versucht, seine Spuren zu verwischen und uns anderen zu betrügen. Und Antti nimmt die Schuld auf sich. Und uns allen ist es aufgetragen, die Wahrheit zu finden. Der Polizeichef untersucht die Angelegenheit und ist sich seiner Weisheit sicher. Vielleicht sieht er tatsächlich klarer als andere. Doch in einem Punkt hätte er anders vorgehen sollen - nämlich mit dem Hinweis des Schusters auf ein Auto.

 

Was war das? fragte Anna.

 

Ich habe davon nicht von Anfang an gehört. Aber von deiner Mutter her weiss ich es, und ich konnte gestern auch die Ausführungen des Polizeichefs hören. Die Sache ist die: Kirsti kam als erste zum Tatort. Sie hat einen Mann entlang des Speichers schleichen sehen. Der Polizeichef glaubt, dass es Antti war, der weggeschlichen ist. Ich aber glaube, dass es jemand anderer war. Der Schuster, der am anderen Ende der Strasse lebt, ist ein rechtschaffener Mann, der nun wirklich seine Ohren und Augen offen zu halten vermag. Der Schuster erklärte, dass er das Geräusch eines Autos hörte, als er aus seiner Stube kam. Einen Scheinwerfer bemerkte er nicht. Das kommt jedoch vor: Die Leute sind nicht immer mit angezündeten Scheinwerfern unterwegs.

 

Allerdings behauptet der Polizeichef, dass sich niemand mit dem Auto vom Tatort hat entfernen können, weil der Schuster Berg unmittelbar nach dem Schuss am Tatort eintraf. Doch ich weiss nicht, wie es sich damit verhält. Ich ahne aber, dass hier der entscheidende Punkt liegt. Doch ich alte Frau verstehe nichts von den neumodischen Geräten, von den Autos und ihren Motoren.

 

Kalle Matti versteht etwas davon, sagte Anna.

 

Wenn ich diesem Jungen begegne, werde ich ihn danach fragen, sagte die alte Bäuerin. Sein Verstand ist in Ordnung, auch wenn er diesen Verstand nicht immer für die richtige Sache einsetzt.

 

Aber ich weiss, dass er ein Freund von Antti ist. Er wird ihm sicher helfen wollen.

 

Möchten Sie mit allen Mitteln Antti retten? fragte Anna.

 

Das will ich; das sage ich mit Bestimmtheit. Ich möchte es, weil ich glaube, dass er unschuldig ist.

 

Ist seine Lage sehr ernst? fragte Anna.

 

Sie ist in der Tat sehr ernst, stellte die alte Bäuerin fest. Die Pistole, aus der der Schuss abgefeuert worden ist, ist dort gefunden worden, wo er sie versteckt hat. Die Stalllaterne, die er versteckt hat, ist voll Blut. Wenn ich den Mann nicht so gut kennen würde, ginge auch ich davon aus, dass er schuldig ist. Dermassen klar sind die Beweise.

 

Die alte Bäuerin schaute Anna an. Ihr wurde etwas klar: Während des ganzen Gespräches hatte Anna kein Anzeichen dafür gezeigt, dass sie den Tod von Matti bedauerte. Alle ihre Gedanken hatten Antti gegolten.

 

Die alte Bäuerin freute sich denn auch, als sie merkte, dass Anna Matti vergessen hatte und nur noch von Antti sprach.

 

Antti ist gewiss unschuldig, das glaube ich, sagte Anna. Wir müssen alles tun, was in unseren Möglichkeiten liegt, damit er nicht verurteilt wird, selbst dann, wenn er sich selber nicht verteidigt.

 

Wir haben dazu noch reichlich Zeit, sagte die alte Bäuerin. Für die Gerichtsverhandlung ist noch kein ein Termin festgelegt worden. Sie wird kaum in den nächsten zwei Wochen stattfinden. Ausserdem wird die Sache sicher nicht während der ersten Gerichtsverhandlung entschieden.

 

Ich kenne den alten Richter. Er ist keiner, der voreilig urteilt. Er wird die Angelegenheit der nächsten Instanz übergeben. Wenn Antti, wie ich glaube, unschuldig ist, kommt ihm dies zugute.

 

Es wird seine Seele trösten, die Gnade Gottes zu verspüren. Und wenn er unschuldig ist, wird er in allen Ehren freikommen.

 

Er muss unschuldig sein.

 

Das glaube ich auch. Aber er will sich nicht selbst verteidigen. Doch darüber haben wir nun genug gesprochen.

 

Die alte Bäuerin führte Anna zur Milchkammer. Als sie dort waren, erschien Kalle unter der Türe.

 

Da bin ich, wie auf einen Befehl hin, sagte Kalle.

 

Ja, so bist du endlich gekommen, sagte die alte Frau. Wo hast du denn so lange gesteckt? Weisst du nicht mehr, dass du deiner Patin gehorchen musst?

 

Kalle lachte und antwortete:

 

Das habe ich mein Leben lang gehört,

 

Doch warum werde ich gebraucht?

 

Glaubst du, dass Antti schuldig ist? fragte die alte Bäuerin streng.

 

Kalle antwortete ernst:

 

Es fällt mir schwer, dies zu glauben. Ich kenne Antti gut. Er ist nicht jemand, der einen Mord begeht. Er ist so kräftig, dass er jemandem zuerst einmal eine Tracht Prügel verabreichen würde. Ich habe immer feststellen können, dass kräftige Menschen keinen Mord begehen. Nur die Schwachen werden zu Mördern.

 

Die alte Bäuerin trocknete sich die Hände und sagte:

 

Anna, du kannst hier bleiben. Ich gehe mit Kalle zusammen zu seinem Haus. Arbeite, soviel es dir möglich ist, denn dies brauchst du. Wenn du müde bist, ruhst du dich aus. Aber gehe auch dann arbeiten, wenn du schlafen möchtest. Sonst liegst du nur da, kannst nicht schlafen und denkst über Dinge nach, die du nicht ändern kannst.

 

Anna blieb in der Kammer. Die alte Bäuerin ging mit Kalle zusammen den Weg entlang.

 

Nach einer Weile blieb die alte Bäuerin stehen und fragte Kalle ncohmals:

 

Glaubst du, dass Antti schuldig ist?

 

Das glaube ich nicht.

 

Als er befragt wurde, hatte er sich in keiner Art und Weise verteidigt. Wenn er schuldig wäre, hätte er versucht, sich selbst zu verteidigen; er hätte sogar gelogen. Aber er schwieg und stimmte auf diese Weise allem zu. Als die Pistole und die Lampe gebracht wurden, erschrak er überhaupt nicht. Glaubst du, dass er die Pistole auf das Fensterbrett gelegt hätte, wenn er schuldig wäre?

 

Wenn er schuldig wäre, hätte er die Pistole zu verstecken versucht. Ganz gewiss hätte er sie nicht aufs Fensterbrett gelegt, sagte Kalle.

 

Antti ist kein Dummkopf. Er hätte durchaus seine Spuren beseitigen können, wenn er dies gewollt hätte. Ich habe mir auch gefragt, ob er vielleicht sogar absichtlich die Pistole so platziert hat, dass wir sie finden.

 

Aber warum hat er dies getan? Darüber rätsle ich.

 

Ich kann es mir auch nicht erklären.

 

Ich habe meine eigenen Überlegungen zu dieser Sache angestellt, sagte die alte Bäuerin.

 

Und welche?

 

Ich erkläre es dir später.

 

Sie gingen weiter.

 

 

 

Kennst du dich mit Automotoren aus? fragte die alte Bäuerin.

 

Das tue ich. Ich kann selber Auto fahren.

 

Hast du gehört, dass der Schuster behauptet hat, ein Auto gehört zu haben, kurz nachdem der Mord passiert ist?

 

Als wir warteten, hat er dies ganz klar festgehalten. Er wurde wütend, als es der Polizeichef ihm nicht glauben wollte, sagte Kalle.

 

Ich wunderte mich darüber, dass der Polizeichef ihm nicht glaubte, sagte die alte Bäuerin.

 

Er ist ein überheblicher Mann, der keine anderen Überlegungen als seine eigenen akzeptieren kann. Gewiss ist er hochmotiviert, weil eine dermassen grosse Sache auf ihn zukommt und er zeigen kann, was er im Polizeikurs gelernt hat.

 

Ich sage vom Schuster das, was in der Schrift gesagt wird: Ohren zum Hören und Augen zum Sehen – beides hat uns der Herr gemacht.

 

Glauben Sie, dass er wirklich das Geräusch eines Autos gehört hat?

 

Dieser Mann erzählt keinen Unsinn. Das habe ich immer wieder feststellen können. Er überlegt sich gut, was er sagt. Kirsti berichtete, dass sie den Schatten eines Mannes gesehen hat, der dem Zaun entlang schlich. Der Schuster hat kurz danach das Geräusch eines Autos gehört. Der Polizeichef meinte allerdings, dass es in der kurzen Zeit, die nach dem Schuss vergangen war, der Mörder es nicht hätte schaffen können, zum Auto zu gehen.

 

Vielleicht stand das Auto gar nicht bei der Trockenscheune. Vielleicht stand es näher beim Tatort.

 

Ich möchte nun wissen, ob ein Auto auch dann fahren kann, wenn der Motor nicht angelassen worden ist.

 

Das geht nicht, antwortete Kalle. Ein Motor ist so etwas wie ein Pferd, das sich vor dem Lenkrad befindet und das Auto zieht.

 

Aber was ist, wenn ein kleiner Hügel vorhanden ist?

 

Was für ein Hügel?

 

Wenn ein Auto auf einem Hügel steht, fährt es diesen Hügel hinunter, auch wenn der Motor nicht angelassen worden ist, sagte die alte Bäuerin.

 

Wenn ein solcher Hügel vorhanden ist – doch was aber, wenn es keinen solchen Hügel gibt?

 

Es braucht nicht viel dazu. Es genügt, wenn der Hügel auch nur wenig abfällt, fuhr die alte Bäuerin fort.

 

Was hält ein Auto eigentlich davon ab, dass es an einem Hügel stehen bleibt und sich nicht in Bewegung setzt?

 

Es hat eine Bremse. Wird sie gedrückt, fährt das Auto nirgendwohin. Wenn die Bremse freigegeben wird, beginnt das Auto zu rollen.

 

Die alte Bäuerin schüttelte den Kopf und sagte:

 

Meine Gedanken schwirren umher, und ich komme mir vor, wie wenn ich mich in einem Wald verirrt hätte, in dem ich den Weg nicht kenne. Hilf mir, damit ich in dieser Sache Klarheit bekomme.

 

Bestimmt helfe ich, sofern ich weiss, was ich zu erklären habe.

 

Eine Erklärung fällt leicht, wenn der andere sich zu fragen getraut, sagte die alte Bäuerin. Und ich dumme Frau bin nicht in der Lage, mir das richtig zurechtzulegen, was ich sage. Wenn du das Auto bei eurer Trockenscheune lässt und die Bremsen löst – was geschieht dann?

 

Nichts. Das Auto bleibt an Ort und Stelle stehen, weil es dort flach ist.

 

Wenn du den Motor in Bewegung setzest, fährt das Auto sofort los, nicht wahr?

 

Nein, es fährt nicht sofort los. Ganz besonders nicht an einem kühlen Abend. Zuerst muss der Motor für einige Zeit laufen, damit er warm wird.

 

Der Polizeichef könnte also doch recht gehabt haben, sagte die alte Bäuerin. Er selber besitzt ein Auto und kennt sich in solchen Dingen aus.

 

Kalle blieb stehen und schaute die alte Frau lange an.

 

 

 

Was schaust du mich so an? wollte die alte Frau von ihm wissen.

 

Sie sind dennoch auf der richtigen Spur.

 

Die alte Bäuerin ergriff die Hand des Jungen, drückte sie fest und fragte:

 

Was meinst du damit?

 

Kalle erklärte:

 

Wenn man dieses Auto in der Nähe vom Hof der Heikkis hinter dem Stall abstellt, dort, wo die Strasse eine Kurve macht, sieht man es auch aus der Nähe nicht. Löst man dort die Bremsen, setzt sich das Auto leise in Bewegung. Das Land ist an dieser Stelle leicht abschüssig – zwar nicht viel, aber immerhin so stark, dass ein schweres Auto ins Rollen kommt.

 

Was geschieht dann?

 

Wenn sich ein Auto auf diese Weise rollt, wird der Motor in Betrieb genommen, ohne dass man ein Geräusch hört. Gleichzeitig erwärmt sich die Maschine. Drückt man dann auf das Gas, kann man losfahren und muss nicht mehr warten.

 

Ich bin früher schnell unterwegs gewesen, aber jetzt sind meine alten Beine steif geworden, sagte die Bäuerin. Früher habe ich dies so hingenommen, denn wir alle haben unsere Zeit, aber jetzt möchte ich nachschauen, ob du Recht hast. Sehen wir uns hinter dem Stall um und finden wir heraus, ob deine Erklärung stimmt.

 

Sie gingen weiter.

 

Wie sind wir Menschen doch blind, sagte die Bäuerin. Ich habe während meiner ganzen Jugendzeit hier gewohnt. Ich bin oft den Weg zwischen deinem und meinem Hof gegangen. Aber erst jetzt merke ich, dass der Boden abfällt. Und nun erinnere ich mich auch, dass ich hier einmal auf dem Eis umfiel. Ich alte, dämliche Frau, ich dummes Weib, dass ich mich daran nicht sofort daran erinnert habe! Es erging mir wie einem Auto: Die Bremsen wurden gelöst, und ich kippte auf dem Weg um.

 

Hat Sie jemand gesehen? fragte Kalle und lächelte.

 

Halte den Mund! wies in die alte Bäuerin zurecht.

 

Weisst du, wohin ich damals ging? Zu deiner Taufe ging ich damals, und seit dieser Zeit habe ich Mühe mit dem Sitzen.

 

 

 

Sie kamen an den Ort, an dem sich der Mord ereignet hatte. Dort hatten sich viele Leute versammelt, die miteinander sprachen.

 

Die beiden gingen an den Leuten vorbei. Die alte Bäuerin erwiderte freundlich deren Grüsse. Als Kalle und sie hinter dem Stall angelangt waren, sagte die alte Bäuerin:

 

Immer an einem solchen Ort treffen sich die Leute. Sie schwatzen und wenn es später darum geht, den wahren Sachverhalt herauszufinden, wissen sie nicht mehr, was wahr ist oder was gelogen ist.

 

Kalle wies auf einen Sandhaufen hin, der sich neben der Strasse befand. Man hatte ihn aufgeworfen, um ihn später zu gebrauchen, wenn die Strasse instand gestellt werden musste. Leise sagte er:

 

Schauen Sie – am Rand des Sandhaufens befinden sich deutlich die Spuren eines Autos. Und dort ist auch ein Stein, der sicherheitshalber unter den Reifen geschoben wurde, damit das Auto nicht wegrollt.

 

Ja, das sehe ich, sagte die alte Bäuerin. Aber vielleicht war es ein anderes Auto, das irgendwann da vorbeigekommen ist. Schliesslich fahren hier ab und zu Autos vorbei.

 

Schauen Sie genauer hin, sagte Kalle. Die Reifenspuren führen nicht nach vorne. Das bedeutet, dass hier ein Auto angehalten hat. Und auf der Strasse sieht man es den Spuren an, dass das Auto vorher gewendet worden ist.

 

Gewendet hat es sofort nachdem es angekommen ist, fuhr Kalle fort. Der Stein ist vor das Vorderrad gelegt worden und nicht hinter das Hinterrad – was der Fall gewesen wäre, wenn das Auto nach seiner Ankunft nicht gewendet worden wäre.

 

In diesem Falle hat der Schuster also Recht gehabt, sagte die alte Bäuerin. Von hier ist ein Auto weggefahren. Jetzt verstehe ich alles. Auch wenn jemand nur schleicht, kommt er problemlos zum Auto, wenn sich dieses direkt hinter der Ecke befindet. Und nach diesem kurzen Weg kann er den Motor anlassen. Der Mörder ist gewiss mit einem Auto geflohen. Wer er aber ist, wissen wir noch   nicht. Hat Antti davon gewusst? Doch selbst dann, wenn er davon gewusst hätte, hätte er dies nicht mitgeteilt, weil er die Schuld von jemand anderem auf sich nehmen wollte. Wer mag dies wohl sein – wer mag es sein, den Antti retten will, auch wenn er selbst seine Ehre verliert? Wenn wir nur wüssten, wessen Auto es gewesen ist!

 

Das könne wir vielleicht herausfinden, sagte Kalle. Ich habe einmal gesehen, wie Kommissar Salo die Reifenspuren eines Autos untersucht hat. Der Fahrer dieses Autos fuhr wie der Teufel und entkam dem Kommissar. Es war dunkel, und der Kommissar konnte die Autonummer nicht erkennen. Er goss nachher Gips in die Autospuren.

 

Warum tat er dies? Es sind doch alle Autoreifen gleich.

 

Das sind sie eben gerade nicht. Zwischen den einzelnen Reifen gibt es Unterschiede. Sie entstehen, weil sich die Reifen unterschiedlich abnutzen, so, wie sich die Füsse der Leute unterschiedlich abnutzen. Wenn Sie genauer hinschauen, werden Sie sehen, dass der Abdruck des rechten Hinterreifens auf einen Defekt hinweist. Dementsprechend ist auch der Reifen des Autos an dieser Stelle defekt.

 

Die alte Bäuerin stand vor dem Jungen. Sie schaute ihn ungläubig an. Ihre Stimme zitterte, als sie sagte:                     

 

Junge, Junge, Lass mich jetzt nicht im Stich.

 

Ich weiss zwar noch nicht, wo sich der Weg befindet, der zur Wahrheit führt. Aber ich möchte mit meinem Herrn und Meister zusammen versuchen, auf der Seite der Wahrheit zu kämpfen. Ich verstehe nicht alles, aber ich weiss: Während wir schwach sind, ist der Herr stark. Ich glaube, dass er mir auch jetzt helfen wird, genauso, wie er dies schon viele Male getan hat. Unterstütze mich, denn ich fühle mich schwach und hilflos.

 

Kalle fühlte einen Kloss in seinem Hals. Er schluckte und sagte:

 

Ich gehe zu Kommissar Salo, hole Gips und mache in aller Stille einen Abdruck.

 

Erzähle ihm nichts davon.

 

Das tue ich nicht. Salo ist ohnehin ein schweigsamer Mensch. Er wird auch nicht gross fragen, worum es geht.

 

Ich werde in aller Stille zu seinem Haus gehen. Vielleicht haben sie dort ein Auto gehört und können einige Angaben machen, Am besten ist es. wenn wir mit niemandem darüber sprechen. Ist dann aber deine Untersuchung abgeschlossen, kommst du zu mir.

 

Auf der Lippe der alten Bäuerin zeichnete sich ein Lächeln ab, als sie fortfuhr:

 

Als Frau bin ich immer an Neuigkeiten interessiert.

 

Wenn wir unsere Köpfe zusammenstecken, können wir zwei ganz gut darin werden, Verbrechern auf die Spur zu kommen, sagte Kalle.

 

Gehe an die Arbeit, sagte die alte Bäuerin.

 

 

 

Kalle machte sich auf den Weg. Die alte Bäuerin ging zum Hof der Eltern von Kalle. Sie faltete ihre Hände und sprach:

 

Herr, mein Gott, wenn du es bestimmt hat, dass ich in dieser Sache deiner Gerechtigkeit diene, so lehre mich, damit meine Gedanken in die richtige Richtung gehen. Kein Unschuldiger soll schuldig gesprochen werden; der Verbrecher aber soll gefunden werden.

 

Als sie beim Haus angekommen war, musste sie das Gespräch nicht auf den Mord lenken. Die Menschen dort wollten von sich aus so viel als möglich über ihn erfahren. Und so hatten sie die alte Bäuerin viel zu fragen, denn sie wussten, dass sie in ihrer Anwesenheit das Gespräch über den Mord weiterführen konnten.

 

Die Bäuerin Helena war dabei besonders gesprächig. Ihr lag es daran, alles auf ihre Art und Weise zu erklären:

 

Väinö war ziemlich durcheinander, als er nach Hause kam. Als ich von ihm hörte, was geschehen war, verstand ich sofort, wie sich alles abgespielt hatte, sagte sie.

 

Wir waren bereits zur Ruhe gegangen, als die Söhne kamen. Ich stand auf und ging nach draussen. Den grössten Teil der Nacht über überlegte ich mir dann das Geschehen. Was auch immer Kirsti sagt: Sie ist es, die Matti erschossen hat.

 

Daran hätte ich nie gedacht, sagte die alte Bäuerin.

 

Sicher ist es so, dass Kirsti schuldig ist, erklärte Helena. Kirsti hat die Pistole vom Fensterbrett genommen. Das steht eindeutig fest – schliesslich wissen die Bediensteten immer, wo sich die Dinge in einem Haus befinden.

 

Aber die Pistole war in der Obhut von Antti, entgegnete die alte Bäuerin.

 

Das ist etwas ganz anderes, erklärte Helena. Sicher verstehen Sie, wie es abgelaufen ist, wenn ich es Ihnen erkläre:  Kirsti verlangte das Geld, das Matti dann allerdings entweder nicht gebracht hat oder ihr nicht hat geben wollen. Und dann ärgerte sich Kirsti, die eine harte Person ist. Deshalb erschoss sie Matti. Vermutlich ist es so, dass Matti ihr das Geld nicht hat geben wollen. Damit man dies nicht merkt, behauptet sie heute, dass das Geld gestohlen worden ist. Natürlich hat sie die Sache zusammen mit Antti eingefädelt. Antti ist arm, und wenn er 30 000 Mark erhält, ist er gerne dazu bereit, Kirsti zu heiraten, obwohl deren guter Ruf geschädigt ist. Man hat solcherlei in unserem Land schon oft gesehen. Denn es ist das Geld, das unser Land regiert. Die beiden haben das Geld genommen und nun verstecken sie es.

 

Aber die Pistole war im Stall, entgegnete die alte Bäuerin.

 

Ich werde sicher auch dies aufklären können, sagte Helena. Antti versuchte alles zu vertuschen, als das Unglück passiert war. Ich bin mir auch sicher, dass die beiden nicht von Anfang an die Absicht hatten, Matti zu ermorden.

 

Man kann sich allerdings nicht auf das verlassen, was Kirsti über diese Angelegenheit berichtet. Eine Frau, die bereit ist, eine solche Summe Geld zu verlangen, damit sie den Mund hält, wird auch alles sagen, damit sie dieses Geld behalten kann.

 

Doch Antti hat die Schuld auf sich genommen, sagte die alte Bäuerin.

 

Natürlich hat er dies, erwiderte Helena. Doch was anderes hätte er tun können? Was hätte es ihm genützt, wenn auch Kirsti beschuldigt worden wäre? Dann würden beide ins Gefängnis gehen.

 

Aber eine Frau würde es gewiss nicht wagen zu schiessen, sagte die alte Bäuerin.

 

Es war Antti, der zu schiessen in der Lage war, sagte Helena. Und dies ist ziemlich gewiss. Er hat nicht mehr an die Pistole gedacht, die er in seiner Hand gehalten hat und hat sie in den Stall gebracht. Die Menschen vergessen dann und wann Dinge, die sie in den Händen halten.

 

An der Pistole war Blut, entgegnete Kalle, weil Antti die Waffe gefunden hat. An der Laterne war ebenfalls Blut.

 

Ganz gewiss hat Antti den Mantel des Verstorbenen angefasst, als er das Geld stahl. Auf diese Weise ist das Blut an seine Hände gelangt. Doch in der Dunkelheit hat er davon nichts gemerkt.

 

Das Geld hat er irgendwo versteckt, dessen bin ich mir sicher.

 

Die alte Bäuerin blickte auf ihre Hände, die sie gefaltet hatte und sagte:

 

Ich habe mir über diese Angelegenheit so wenig Gedanken gemacht.

 

Helena nickte und fuhr fort:

 

Ich verstehe, dass man es nicht gewohnt ist, über solche Dinge nachzudenken. Doch wenn unser Kalle immer von Verbrechen und deren Untersuchung berichtet, lernen Leute wie ich ständig etwas dazu. Und von wem sollte Kalle ein solches Verständnis erlangt haben, wenn nicht von mir? Väinö ist da ganz anders. Er ist ein solch ruhiger und scheuer Mensch. Er kommt nach seinem Vater.

 

Es ist bemerkenswert, sagte die alte Bäuerin, dass zur fraglichen Zeit kein Auto vorbeigefahren ist.

 

Helena ereiferte sich erneut und sagte:

 

Ich hörte, wie dieser Schuster behauptet hat, dass er das Geräusch eines Autos gehört hat. Es war Pech, dass wir ausgerechnet zu dieser Zeit in der Sauna waren und ich nach einem Saunabesuch immer so müde bin; deshalb habe ich geschlafen. Unter anderen Umständen hätte ich es gewiss gehört, wenn ein Auto um diese Zeit an unserem Haus vorbeigefahren wäre. Ich schlief dermassen fest, dass ich nicht einmal den Schuss gehört habe. Erst als Väinö zitternd ins Zimmer kam und mich weckte, erfuhr ich, was geschehen war.

 

Endlich gelang es der alten Bäuerin, sich von Helena frei zu machen. Langsam schritt sie zum Hof der Heikkis. Tief in ihrem Herzen war sie über Helena sehr verärgert.

 

Wir haben kein Recht, auf diese Art und Weise zu unseren Schlussfolgerungen zu gelangen, murmelte sie.

 

Kirsti ist ein ehrloses Wesen. Man sollte ihr trotzdem nicht die Schuld an einem Mord in die Schuhe schieben. Und geradezu anstössig ist es, Antti in die Sache hineinzuziehen – einen Mann, der sich bis jetzt immer anständig benommen hatte. Ein schlechtes Gerede ist eine Plage für die Menschen.

 

Als sie zum Heikki-Hof gekommen war, erklärte sie der Tochter, dass Anna das Geschehen recht ruhig aufgenommen und während der Nacht gut geschlafen habe. Weil Anna sich in ihrem eigenen Haus ständig mit den traurigen Gedanken auseinander zu setzen hätte, versprach die alte Bäuerin, Anna für einige Tage bei sich zu behalten.

 

Die Bäuerin ging zur Mutter. Dort sprachen sie über das, was am Tag vorher geschehen war.

 

Sind dies die Spuren des Autos des Polizeichefs – hier auf diesem Vorplatz? erkundigte sich die alte Bäuerin und zeigte auf die Rinnen, die sich am Boden abzeichneten.

 

Sein Auto befand am Abend dort, antwortete die Bäuerin. Mit diesem Vorplatz ist es vor allem bei nassem Wetter sehr schwierig. Besonders für die schweren Autos ist der nasse Boden schlecht. Jetzt hat es sehr tiefe Spuren von den Rädern. Ich weiss nicht, was man tun soll, damit der Boden fester wird. Wenn jeweils der Polizeichef kam, stellte er wegen des schlechten Bodens das Auto dort ab. Gestern tat er dies jedoch nicht. Es kann einem um das prächtige und teure Auto leidtun. Der Polizeichef berichtete, dass er immer wieder neue Reifen braucht, weil schlechterzogene Jungen Nägel auf die Strasse streuen und die Reifen deswegen platzen.

 

Wo genau stellt der Polizeichef das Auto hin, wenn er kommt? fragte die alte Bäuerin.

 

Da, der Strasse gegenüber, antwortete die Bäuerin von Heikki-Hof.

 

 

 

Der Polizeichef hat heute angerufen: Mit dem Richter hat er vereinbart, dass die Gerichtsverhandlung am nächsten Samstag stattfindet. Bis dahin haben wir noch genügend Zeit.

 

Sind die Untersuchungen bis dann abgeschlossen?

 

Wenn jemand ein dermassen hervorragender Untersucher ist, wie dies unser Polizeichef ist, sind diese bis dann sehr wohl abgeschlossen. Man hat ja gestern gesehen, wie der Polizeichef alles aufgeklärt hat. Mit grosser Geschwindigkeit hat er die Angelegenheit entschlüsselt. Dem früheren Polizeichef wäre dies nicht in einer so kurzen Zeit möglich gewesen.

 

Die alte Bäuerin wollte dazu nichts sagen. Etwas anderes interessierte sie:

 

Wo ist der Hut von Matti?

 

Was für ein Hut?

 

Er trug einen Hut, als er kam. Ich habe nichts davon gehört, dass man ihn gefunden hat.

 

Hut hin oder Hut her; was soll das denn?

 

 

 

Die alte Bäuerin nickte der Tochter zum Abschied zu und ging zu ihrem Haus.

 

Zu Hause setzte sie sich hin. Die Bibel hatte sie neben sich. Sie sprach mit Anna noch nicht über das, was am vergangenen Tag geschehen war Aber sie war sehr herzlich zu ihr.

 

Als sich die beiden am Abend trennten, um in ihre eigenen Zimmer zum Schlafen zu gehen, warf sich Anna an den Schoss der alten Bäuerin und sagte:

 

Wo könnte ich mich halten, wenn ich nicht bei Ihnen wäre! Sie sind so gut zu mir.

 

Die alte Bäuerin tätschelte Anna und trennte sich von ihr. Sie ging in ihr Zimmer, betete flehentlich und fiel bald in einen tiefen Schlaf.


 

 

DRITTES KAPITEL

 

 

 

Am Montagmorgen wunderte sich die alte Magd Mina: Die alte Bäuerin forderte sie auf, ihr das Spinnrad zu bringen. Mina führte zwar immer das aus, was ihr befohlen worden war und machte sie sich keine grossen Gedanken darüber. Diesmal aber konnte sie nicht ruhig bleiben, als sie das Spinnrad vor die alte Frau hinstellte:

 

Es sieht so aus, wie wenn Sie erneut das Leben eines jungen Mädchens möchten, sagte sie.

 

Die alte Bäuerin entgegnete: Meine Mutter sagte immer zu mir: Wenn eine schwierige Sache auf dich zukommt, entscheide dich nicht, bevor du nicht drei Mal das Stundenglas gewendet hast.

 

Ich lachte damals über sie. Aber sie war eine weise Frau. Sie lebte lange und regelte alle ihre Angelegenheiten vorzüglich.

 

Als ich in jungen Jahren Witwe wurde, erzählte ich ihr oft von meinem Kummer und von meinen Sorgen. Ich klärte mit ihr viele Fragen, die die Führung eines Haushaltes mit sich bringt. Und ich erinnere mich daran, dass wir immer zu einer Lösung kamen, wenn meine Mutter am Spinnrad sass.  

 

Die Magd ging ihrer Arbeit nach; die alte Bäuerin setzte sich an das Spinnrad.

 

 

 

Sie hatte schon lange dort gesessen, als die Ruhe von Kalles Vater gestört wurde.

 

Ich musste kommen, alte Bäuerin, und dir berichten, was geschehen ist, sagte er.

 

Alle, aber auch wirklich alle glauben, dass Antti die Schuld von Kirsti auf sich genommen hat. Habe ich dies nicht von Anfang an gesagt? Erinnerst du dich, Bäuerin, dass ich dies sagte, noch bevor es jemand anderer gemerkt hat?

 

Natürlich erinnere ich mich daran; ganz gewiss erinnere ich mich daran, sagte die alte Bäuerin.

 

Und ist staune darüber, dass dies niemand anderer bemerkt hat, fuhr der Bauer fort.

 

Aber im Land ist es so, dass die Leute nicht das sehen, was eigentlich klar ist. Sie rennen wie die Ferkel umher, wenden sich hierhin und wenden sich dorthin.

 

Und was sagt Kirsti dazu?

 

Ich weiss nicht, was sie dazu sagt. Aber sie wird es zugeben, wenn wir sie nur richtig unter Druck setzen. Gewiss ist es schön, dass der Mann auf diese Weise die Frau verteidigt.

 

Das passiert heute nicht mehr, und ob es früher viel getan wurde? Aber das sage ich: Antti hätte ein wenig besser wählen können. Doch wer kennt sich mit diesen Leuten schon aus? Ihr Geschmack den Frauen gegenüber ist höchst sonderbar.

 

Wer die Angelegenheit so betrachtet, wie ich sie erklärt habe, versteht es sehr gut: Kirsti tötete den Mann, der ihr Geld versprochen hatte und ihr dies dann doch nicht geben wollte.

 

Warum aber hätte sie ihn töten sollen, wo sie doch das Geld so lange von ihm hätte verlangen können, bis sie es erhält? sagte die alte Bäuerin. Antti hätte um keinen Preis gewollt, dass seine Braut von seinem Verhältnis mit Kirsti erfährt.

 

Darüber muss man noch nachdenken. Aber wenn man sich daran erinnert, dass Kirsti eine harte Frau ist, ändert sich alles. Gewiss hat der Mann sie zuerst verärgert und sie hat ihn dann erschossen. Das ist schon oft geschehen und davon hat man auch schon oft gehört.

 

  

 

Aber dann wäre es an ihm gelegen, Anna zu erschiessen.

 

Es scheint so auszusehen. Aber es geschah nicht auf diese Weise. Hätte Kirsti Anna erschossen, wäre Kirsti gefangen genommen worden. Matti hätte jemanden anders geheiratet. Aber indem sie Matti erschoss, wusste sie mit Sicherheit, dass dies nicht geschehen würde.

 

Was profitiert Antti davon, wenn er die Schuld von Kirsti auf sich nimmt?

 

Da ist das Geld.

 

Und wenn er kein Geld erhält?

 

Das wissen wir noch nicht.

 

Niemand hat dieses Geld gesehen.

 

Noch niemand, aber das Geld kann nicht lange Zeit versteckt gehalten werden.

 

Derjenige, der es hat und auf freiem Fuss lebt, wird es zur Bank bringen. Sind 10 Jahre vergangen, ist das Geld deutlich gewachsen. Wenn es um Geld geht, fragt niemand mehr wegen der Ehre: Es ist die Ehre des Silbers, die zählt.

 

Ich will keine Zeit mehr verschwenden. Ich werde bekanntgeben, dass ich mit anderen zusammen mit Kirsti um sieben Uhr an diesem Abend spreche. Ich werde bekanntgeben, dass auch die Bäuerin kommen kann. Die Bäuerin ist eine kluge Frau.

 

Werden auch Sie kommen? fragte er die alte Bäuerin.

 

Diese schüttelte den Kopf.

 

Ich mache so etwas nicht. Wenn an der Sache etwas dran ist, wird sich dies ohnehin aufklären.

 

Natürlich wird es dies. Es wäre ein grosses Wunder und es wäre auch sehr sonderbar, wenn es nicht der Fall sein würde. Aber es ist angenehm, im Voraus davon zu wissen.

 

Ich gehe nun. Sollte die Bäuerin doch noch den Wunsch verspüren: Um sieben Uhr werden wir mit Kirsti sprechen.

 

 

 

 

 

BIS HIER AUF GRUND SCRIFTLICHEN TEXT KORRIGIERT 17 9 2019

 

 

 

 

 

Die Wangen der alten Bäuerin waren rot. Sie setzte sich wieder ans Spinnrad, doch der Faden wurde unregelmässig. Sie ging nach draussen. Langsam und bedächtig schritt sie bis zur Scheune und setzte sich hin. Sie wollte den Bauern nicht verurteilen, aber sein Eifer verdross sie. Schon oft in ihrem Leben hatte sie erfahren, wie eine Menge Leute plötzlich einen Gedanken fassten und dann ihm  entsprechend handelten. 

 

Sie hatte oft auch gesehen, wie durch ein solches Gerede der Ruf eines Menschen total zerstört wurde. Und wenn sich dann zeigte, dass alles nur falscher Klatsch gewesen war, übernahm niemand dafür die Verantwortung.

 

Sie ging auch mit sich selbst ins Gericht. Hatte nicht auch sie sich der Sache angenommen und versucht, die Wahrheit zu ergründen? Aber wusste sie eigentlich, was die Wahrheit war? Vielleicht täuschte sie sich genauso, wie sich die anderen Leute täuschten? Und warum kümmerte sie sich überhaupt um die Angelegenheit? Sie war ein ganz gewöhnlicher Mensch, der nur für seine eigenen Angelegenheiten verantwortlich war.

 

Und selbst wenn sie die Wahrheit wüsste - würde jemand auf sie hören? Auf der einen Seite war da der Polizeichef mit all seinen Mitteln, die ihm zur Verfügung standen. Auf der anderen Seite war sie, eine einsame, alte Frau, die auf sich selbst gestellt war.

 

Nein, nein, sagte sie sich. Nicht allein auf sich gestellt. Ihr Patenkind Kalle stand ihr zur Seite. Aber der war ein junger Mann von gerade mal 18 Jahren, der noch nicht bewiesen hatte, dass er ruhig und überlegt denken konnte.

 

 

 

Die alte Bäuerin wurde müde. Sie lehnte ihren Kopf gegen die Türe der Scheune und schloss ihre Augen. So sass sie lange Zeit da. Zuerst achtete sie sich nicht auf ihre Umwelt. Dann aber begann sie, Geräusche voneinander zu unterscheiden. Vom Dach der Scheune hörte sie es rascheln. Sie horchte weiter, ohne dass sie ihre Augen öffnete. Dort war gewiss ein Vogel. Was für ein Vogel war es? fragte sie sich. Es ist eine Krähe, gab sie sich zur Antwort, das hörte sie an dem Getrippel, wie er für Krähen typisch ist.

 

Von Süden her hörte sie das Geräusch eines Wagens. Wer war dort unterwegs? fragte sie sich auch hier. Sie hörte ein schwaches Poltern und wusste, dass es die Milchlieferung war.

 

Von weit weg hörte sie einen Hund bellen. Wessen Hund war es? Es war der Hund von Hof der Mattis, sagte sie sich. Sie erkannte ihn an seinem Bellen. Nun bellte ein anderer Hund. Dieser hatte sicher im Wald einen Vogel gesehen, denn er bellte sehr heftig. Wenn es um Krähen ging, bellten Hunde anders, immer anders.

 

Nach und nach wurden ihre Gedanken klarer. Wenn sie sich in der Umgebung auskannte, konnte sie sie herausfinden, was los war – selbst dann, wenn sie ihre Augen geschlossen hielt.

 

Wenn sie sich mit den Menschen auskannte, konnte sie auch deren Tun verstehen. Jeder Mensch verhielt sich in einem bestimmten Augenblick so, wie es seiner Natur entsprach. Wenn sie Antti kannte, wusste sie auch, dass sich dieser nie an einem Mord beteiligen würde. Dieser Mensch würde keinen Mord begehen, um damit zu Geld zu kommen. Viele Male hätte Antti sie in Geldangelegenheiten hinters Licht führen können, so, wie dies viele andere Angestellte getan hatten. Aber Antti hatte dies nie getan. Im Gegenteil: Er hatte jeden Pfennig richtig abgerechnet. Solche Menschen liessen sich nie zu einem unrechten Tun hinreissen.

 

Und trotzdem: War Antti am Mord beteiligt? Warum tat er dies? Wen unterstützte er? Was war dies für ein Mensch, der zugunsten von wem auch immer bereit war, freiwillig seine Freiheit und seine Ehre aufzugeben? Liebe musste bei einem solchen Menschen im Spiel sein, wahre Liebe.

 

Ihre Gedanken wurden unterbrochen, als sie hörte, dass sich ihr jemand näherte. Es war Kalle, der die Strasse entlang zur Scheune kam. In seiner Hand trug er einen Gegenstand, den er in Zeitungspapier gewickelt hatte.

 

Da also sitzt meine Patin, sagte er. An einem so schönen Tag muss man sich erfreuen, nicht wahr?

 

Kalle hatte ein Pack bei sich und öffnete es.

 

Ich zeige Ihnen den Gipsabdruck des Autoreifens.

 

Da ist er nun. Man sieht genau, dass sich vom Reifen des Autos ein Stück gelöst hat. An einem Reifen sind immer so etwas Ähnliches wie Stifte befestigt, damit der Reifen nicht ins Rutschen kommt. Aus irgendeinem Grund hat sich einer dieser Stifte gelöst.

 

Und was können wir damit anfangen?

 

Wenn wir das Auto finden, dessen Reifen beschädigt ist, wissen wir, wessen Auto verwendet worden ist. Wir können dann auch herausfinden, wer es an diesem Abend gebraucht hat.

 

Ich habe mir vorgestellt, dass Matti im Auto mit jenem Menschen gekommen ist, der ihn ermordet hat. Sicher weiss man im Kirchdorf, mit wem er sich auf den Weg gemacht hat. Sprecher?

 

Ich habe mir das auch so gedacht, sagte Kalle. Aber es wäre auch möglich, dass Matti zu Kirsti in einem Auto fuhr, das man nicht kennt, weil er die Sache geheim halten wollte. Er hätte ihn jemand mit dem Auto vorbeibringen bringen können.

 

Es kann nicht sein, dass es jemand war, den er nicht kannte, widersprach die alte Bäuerin, Warum hätte Antti eine unbekannte Person schützen sollen?

 

Die alte Bäuerin bat Kalle sich zu setzen und nahm seine Hand in ihre Hand. Sie sagte:

 

Ich habe versucht in mich zu gehen und zu entscheiden, ob ich mich in diese Sache einmischen soll oder nicht. Bin ich dazu wirklich verpflichtet?

 

Aber es ist doch spannend, wenn man etwas herausfinden kann, das andernfalls im Dunkeln bleibt, antwortete Kalle.

 

Du denkst so, wie junge Menschen denken. Ich dagegen muss auf eine andere Weise denken. Muss ich die Wahrheit wissen oder muss ihr gar nicht nachgehen? Wenn ich die Wahrheit ans Licht zu bringen vermag, muss ich dies tun. Wenn ich es dagegen nicht vermag, warum sollte ich mich dann darum kümmern?

 

Haben Sie sich noch nie danach gesehnt, dass im Leben etwas Spannendes geschieht, fragte Kalle unvermittelt?

 

Die alte Bäuerin konnte ein Lächeln nicht unterdrücken.

 

Wie soll ich mich als alter Mensch nach spannenden Dingen sehnen? Es ist gut, wenn alles geordnet abläuft, sagte sie.

 

Aber tätigen Sie nicht noch immer das eine oder andere Geschäft?

 

Der Mensch sollte seinen Verstand auf eine rechte Art und Weise gebrauchen, lautete die Antwort der alten Bäuerin.

 

Kalle freute sich.

 

Genauso ist es, und da sind wir nun. Macht es Ihnen keine Freude, wenn Sie merken, dass Sie auf eine so kluge Art und Weise überlegen können?

 

Natürlich macht mir dies Freude.

 

Jetzt können Sie als meine Patin Ihren Verstand einsetzen.

 

Sie haben mir noch nie ein Patengeschenk gegeben. Jetzt ist es Zeit für Sie, dies zu tun.

 

Schauen Sie doch. Vieles bei diesem Verbrechen liegt noch im Dunkel. Die Vorkehrungen, die der Polizeichef getroffen hat, mögen richtig sein. Er kann aber ebenso gut auch sein, dass sie falsch sind. Der Polizeichef ist nämlich dermassen stolz auf seine Schulung, die er erhalten hat, dass er gerade deswegen Fehler begehen kann.

 

Er ist wie ein Bauer, der Bücher gelesen hat, ohne dass er selber jemals auf einem Acker gestanden ist. Wenn er sich in den Kopf gesetzt hat, dass Antti schuldig ist, dann dreht sich bei ihm alles nur noch um diesen Gedanken. Und ich versuche nun, Licht ins Dunkel zu bringen, und Sie können mir dabei helfen. 

 

Aber wenn wir in eine falsche Richtung gehen– was geschieht dann?

 

Nichts. Niemand weiss, bis wir die ganze Wahrheit herausgefunden haben.

 

Sprecher Wenn ich gehe und dem Richter sage, dass sich die Sache nicht so verhält, wie der Polizeichef dies herausgefunden haben will, jagt er mich davon.

 

Wenn Sie es ihm sagen, wird er auf Sie hören.

 

Ich helfe dir, sagte die alte Bäuerin. Aber gestatte mir, dass ich dein erstes Kind zur Taufe trage.

 

Das gestatte ich Ihnen bestimmt. Und wenn die künftige Mutter dieses Kindes etwas dagegen haben sollte, werde ich sie verprügeln. Und sollte es ein Mädchen sein, wird es Ihren Namen tragen.

 

Sprich nicht von der Zukunft, sagte die alte Bäuerin. Sprechen wir über die Gegenwart: Was weisst du bis jetzt?

 

Eigentlich habe ich nichts anderes als die Spuren der Abdrücke dieses Autos.

 

Das ist noch nicht viel. Aber ich weiss noch mehr. Deine Mutter kam zu mir. Sie ist sich ganz sicher, dass sich Antti und Kirsti zusammengetan haben und dass eines der beiden Matti erschossen hat

 

Man darf von ihr nicht schlecht sprechen, sagte Kalle, Sie hat eine sehr lebhafte Phantasie.

 

Sollte sie jemals Bücher schreiben, würde man sich nicht darüber wundern. Aber das kann ich Ihne jetzt schon sagen:  ich werde sie nicht lesen. Und wie kommt die Mutter zu dieser Vermutung?

 

Sie befragt mit anderen Frauen zusammen Kirsti -  heute um 7 Uhr.

 

Du liebe Zeit, das wird ein vorzeitiges Gerichtsverfahren! Alle sprechen gleichzeitig, und der Richter wird danach entscheiden. Wir zwei sollten an dieser Befragung teilnehmen.

 

Kalle kicherte. Er hatte eine Idee.

 

Ich will sie alle in den Stall locken, denn dort war die Lampe und dort war auch die Pistole. Ich brauche nur darauf hinzuweisen, und schon springen sie alle in den Stall. Und du kannst dich im Stall auf den Dachboden stellen und alles hören. Ich kenne den Dachboden. Von ihm aus sieht man den ganzen Stall, wenn man aus dem grossen Fenster schaut. Stellt man sich am Rand hin, sieht niemand von unten her, dass sich dort jemand befindet. Ich werde Ihnen zeigen, wo dies ist.

 

Dummer Junge, wie wenn ich meinen eigenen Stall nicht kennen würde!

 

Sie werden im Voraus dorthin gehen und warten, bis ich die ganze Herde alter Weiber dorthin führe.

 

Du bist verrückt! Was werden die Leute sage, wenn sie erfahren, dass ich sie belausche? Und was hat es für einen Zweck zu hören, was die alten Weiber predigen?

 

Niemand weiss, dass Sie sich dort befinden, wenn Sie sich frühzeitig genug auf den Dachboden begeben.

 

Und was nützt uns das? Kirsti wird sehr heftig reagieren, und wenn die anwesenden alten Frauen sie verärgern, wird sie Dinge sagen, die uns der Wahrheit näherbringen.

 

Aber was ist, wenn Kirsti dich beschuldigt, den Mord begangen zu haben? Immerhin bist du bei den ersten gewesen, die am Tatort angelangt sind?

 

Ich bin dem zuvorgekommen. Mit der Ausnahme von mir selbst habe ich alle verdächtigt. Ich habe sogar vermutet, dass der Polizeichef den Mord begangen hat, auch wenn mir nicht klar ist, wie er dies gemacht haben könnte, Und ich habe auch vermutet, dass es der Schuster gewesen sein könnte - wobei ich nicht weiss, wie er sich dazu gebracht hätte zu schiessen, wo er sich doch vor den Flinten fürchtet wie der Teufel vor dem Weihwasser. Aber an mich habe ich noch nicht gedacht.

 

Als einzigen andern Schlüssel zum Verbrechen haben wir das Auto mit den Reifenspuren, und wie es sich mit diesen verhält, ist immer noch unklar.

 

Es gibt noch einen anderen Schlüssel, sagte die alte Bäuerin.

 

Und das wäre?

 

Matti hat mir diese 30’000 Mark in Aktien gegeben.

 

Das weiss ich. Und dann?

 

Ich habe die Gewohnheit, auf grossen Banknoten immer mein Merkzeichen anzubringen. Ich habe es auch auf diesen Noten gemacht.

 

Und worin besteht das Merkzeichen?

 

An der Flanke des Löwen bringe ich ein kleines Zeichen an.

 

Das hilft uns nicht weiter, solange wir die Nummern der Banknoten nicht kennen.

 

Ich kenne sie.

 

Haben Sie dies dem Polizeichef erzählt?

 

Nein, das habe ich nicht.

 

Er muss auch nicht alles wissen. Haben Sie es dem Kassierer gesagt? Zu ihm gehen nämlich die Banknoten.

 

Noch nicht. Ich habe beabsichtigt es zu tun, aber ich bin noch nicht dazu gekommen, ins Dorf zu gehen.

 

Kalle sprang auf.

 

Wir spannen sofort ein Pferd vor und gehen dorthin. Zwei Tage sind seit dem Mord schon vergangen. Wir müssen uns schnell um diese Sache kümmern.

 

Erledige dies später. Der Mörder bringt das Geld nicht sofort dorthin. Bald ist die Gerichtsverhandlung, und dann können wir diese Angelegenheit bekannt machen.

 

Man muss sie sofort bekannt machen.

 

Kalle liess nicht locker, bis die alte Bäuerin damit einverstanden war, auf der Stelle mit ihm ins Dorf zu gehen.

 

 

 

Als sie zur Bank kamen, hatte diese nicht geöffnet. Der Kassierer kam ihnen freundlich entgegen. Er war ein dünner, grauhaariger Mann, dessen stechende graue Augen sie scharf musterte. Man sagte vom ihm, dass ihm nie jemand irgendwelche Papiere unterschieben konnte, unter denen ein falscher Name stand. Deshalb hatte die Bank wegen gefälschter Unterschriften noch nie einen Schaden genommen.

 

Ich möchte mit dem Kassierer über eine Geldangelegenheit sprechen, sagte die alte Bäuerin.

 

Nun, dann gehen wir ins Besprechungszimmer, meinte dieser.

 

Als die alte Bäuerin die Sache erklärt hatte, fragte der Kassierer:

 

Erinnern Sie sich an die Zahlen auf den Banknoten?

 

Ich erinnere mich genau. Die erste ist die Zahl 85.

 

Das entspricht dem Alter, in dem meine Mutter starb. Dann gibt es auch die Zahl 1856. Das ist mein Geburtsjahr. Die übrigen Nummern auf den Banknoten gehen von dieser Zahl aus weiter.

 

Der Kassierer ging zum Kassenschrank und entnahm ihm ein Bündel 1000- Mark -Noten.

 

Ich holte von der Bank in Helsinki hunderttausend Mark in absolut neuen Banknoten. Das hier ist der Rest von ihnen. Ich habe keine neuen Banknoten dazu gegeben. Hier haben wir jene, die  am Anfang die Zahl 85 haben und dann die von Ihnen angegebene Fortsetzung aufweisen. Ich schaue nach, ob zufällig an diesem Tag noch andere Banknoten eingetroffen sind.

 

Er schaute sich die anderen Banknoten an.

 

Es sind keine mehr gekommen. Ich erinnere mich daran, dass an diesem Tag natürlich noch andere Noten gebracht wurden. Aber diese Noten waren abgenutzt und passten nicht zu der Nummerierung. Auch ich schaue immer auf die Zahlen, die sich auf einer Banknote befinden. Das ist mir aus jener Zeit geblieben, zu der man gefälschte Banknoten erkennen musste.

 

Natürlich werde ich ein Auge darauf werfen.

 

Ich möchte nicht, dass Sie anderen Leuten davon erzählen, sagte die alte Bäuerin.

 

Ich verstehe dies sehr gut, antwortete der Kassierer. Sollte es bekannt werden wird, wird der Verbrecher vorsichtig und bringt die Banknoten nicht zu uns.

 

Sie tranken Kaffee. Dann gingen Kalle und die alte Bäuerin nach Hause. Die alte Bäuerin meinte:

 

Der Kassierer ist sehr freundlich zu mir gewesen, gewiss viel freundlicher als jemals zuvor. Ich fürchte allerdings, dass er über mich lacht.

 

Weshalb sollte er lachen? Mir scheint, dass seine Wertschätzung Ihnen gegenüber sogar noch gewachsen ist. Und wenn es uns gelingt, den Verbrecher dingfest zu machen, werden Sie eine berühmte Frau.

 

Du weisst, wie man mit Frauen sprechen muss.

 

Man muss Frauen gegenüber immer herzlich sein. Dann tun sie alles, was man von ihnen will.

 

 

 

Die alte Bäuerin meinte: Aber das sage ich dir: Das ist das letzte Mal, dass ich als Detektivin arbeite. So etwas gehört sich ohnehin nicht für einen Christenmenschen. 

 

Sind Sie, Patin, nie in Versuchung gebracht worden, eine Sünde zu begehen?

 

Was fragst du da Verrücktes? Wenn du kleiner wärst, würde ich dir jetzt eine Ohrfeige geben.

 

Da ich aber nicht mehr klein bin – was tun Sie jetzt?

 

Du weisst genau, dass ich zu meinem Wort stehe, und du hast dir angemasst, auf eine ungehörige Art und Weise mit mir zu sprechen.

 

Ich bin ungewöhnlich erfreut darüber, was sich aus unserem Gespräch ergibt.

 

Es gehört sich nicht für dich, dass du erfreut bist, denn hier geht es um Mord.

 

Zur Frage steht unsere Weisheit, und nichts anderes. Matti Pelto war ein Mensch, von dem man sagen muss, dass dem Land kein grosser Verlust entstanden ist, als er starb. Antti dagegen ist ein Mensch, der unsere Hilfe braucht Und ich bin mir sicher, dass es uns gelingen wird, ihn zu retten, wenn Sie dabei sind – sogar gegen seinen eigenen Willen. Denn alles, was Sie in die Hände nehmen, gelingt ihnen.

 

-Ich werde dir sogar eine Frau aussuchen, dass wirst du dann sehen.

 

-Was habe ich nur Böses getan, dass Sie mir dermassen brutal drohen! Obwohl Sie klug sind, sollten Sie es nicht wagen, mir eine Frau auszusuchen; das ist klar.

 

-Ich kenne dich sehr gut. Wenn ich das Mädchen richtig anweise, wird es dir den Kopf verdrehen.   

 

So sprachen sie, bis sie zu Hause ankamen.

 

 

 

Ich werde Sie an diesem Abend zur Vorstellung abholen, sagte Kalle.

 

Wohin abholen?

 

Ins Theater, zu dem sich die alten Frauen im Stall treffen. Und ich werde Sie in die obere Reihe bringen, wo Sie sitzen können.

 

Ich bin noch nie im Theater gewesen.

 

Das glaube ich gerne. Ich weiss auch, dass Sie noch nie einer Gruppe alter Frauen zugehört haben, die sich versammelt hat. Aber es wäre ein grosser Nachteil, wenn Sie nicht einmal in Ihrem Leben so etwas Vergnügliches erleben würden. Wenn Sie dies für einmal gesehen und gehört haben, wissen Sie das, was wir andern schon wissen.

 

Und das wäre?

 

Dass Sie, unter der Schar der Frauen, ein besonders seltenes Wesen sind. Und dass Sie allein klüger sind als alle diese alten Hexen zusammen. Und es tut Ihnen gut zu wissen, was Sie sind.

 

Die alte Bäuerin lächelte. Aber ein wenig ausschimpfen musste sie Kalle trotzdem.

 

Wenn die heutige Jugend immer so ist, wohin führt dies schlussendlich?

 

Hören Sie, Patin, Sie sind für die heutige Jugend das beste Vorbild.

 

Auf Wiederschauen nun und am Abend treffen wir uns - und vielen Dank für die vergnügliche Unterhaltung.

 

Kalle war schon am Gehen, als ihn die alte Bäuerin zurückrief.

 

Ich habe etwas vergessen.

 

Nämlich?

 

Überlege, was mit dem Hut von Matti geschehen ist.

 

Sprecher Aber das gehört nicht hierher. Der Hut wurde nicht gefunden.

 

Ich werde darüber nachdenken, sagte Kalle, als er ging.

 

 

 

Als die alte Bäuerin in ihr Haus trat, lächelte sie.

 

Wo warst du mit Kalle? fragte Anna.

 

Wir gingen zur Kirche. Dieser Kalle ist ein sehr lustiger Junge. Ich habe bis jetzt nicht geglaubt, dass ein Mensch gleichzeitig fröhlich und anständig sein kann.

 

Die alte Bäuerin setzte sich vor das Spinnrad. Dieses drehte sich mit grosser Geschwindigkeit. Unter ihren Händen entstand ein feiner und gleichmässiger Faden.


 

 

VIERTES KAPITEL

 

 

 

Kalle sprang der alten Bäuerin entgegen.

 

Die alten Weiber halten schon Gericht.

 

Es ist ein dermassen grosser Lärm, dass es eine Freude ist, ihnen zuzuhören. Meine Mutter übt das Amt der obersten Richterin aus.

 

Wenn sie mich durch das Fenster sehen, werden sie sich fragen, warum ich mich nicht ihnen angeschlossen habe, sagte die alte Bäuerin.

 

Sie werden Sie nicht sehen, sicherte ihr Kalle zu. Nicht einmal ich selbst habe Sie in dieser Dunkelheit gesehen. Ich schaute auf die Uhr und richtete mein Kommen nach ihr aus. Ich weiss schon von alters her, dass Sie immer auf den Schlag genau kommen. Wenn wir abgemacht haben, dass Sie um sieben Uhr kommen, kommen Sie auch um sieben Uhr. Gehen Sie nun schnell, aber passen Sie auf, dass Sie in der Dunkelheit nicht die Treppe herunterfallen.

 

Wenn ich es nicht versprochen hätte …

 

Aber Sie haben es versprochen, und deshalb…

 

Was ich als alte Frau nicht noch alles tue!

 

Ich weiss nicht, was Sie noch alles tun werden.

 

Die alte Bäuerin zögerte noch immer:

 

Aber andere Leute zu belauschen gehört sich nicht für ehrenvolle Menschen.

 

Kalle entgegnete ihr ernst:

 

Die Seele ist von Antti gewichen. Sein Körper ist in Leinen gewickelt und ins Grab gelegt worden. Und am Jüngsten Tag wird Gott jene Worte rufen, mit denen er die Toten erweckt - und sogar dann sind Sie immer noch am Zögern.

 

Die alte Bäuerin schaute den Jungen an, der die letzten Worte mit fester Stimme ausgesprochen hatte.

 

Dann küsste sie ihn sanft auf die Wange. Sie verliess ihn und ging in der Dunkelheit schnell zum Stall.

 

Mit glänzenden Augen schaute Kalle ihr nach und sprach dann zu sich selbst:

 

Jetzt ist sie gegangen, und ich bin mir sicher, dass sie bald einmal jenes klare Licht der Wahrheit sehen wird, welches wir andern noch nicht sehen.

 

 

 

Er kehrte pfeifend in den Kreis der Frauen zurück. Als er die Türe öffnete, war dort gerade ein mächtiger Streit im Gange.

 

Das ist nicht wahr! kreischte Kirsti, die vor Mattis Bäuerin stand.

 

Ich habe immer wieder gesagt, dass dies nicht wahr ist! wiederholte sie.

 

Kalle konnte nicht hören, was gesprochen wurde. Alle redeten gleichzeitig.

 

Ruhe! rief er von der Türe her.

 

Alle wandten sich ihm zu.

 

Ich komme von draussen. Könnt ihr mir sagen, worum es hier geht? fragte er.

 

Sie beschuldigen mich, dass ich Antti dazu überredet habe, den Mord zu begehen und dass ich ihm das Geld versprochen habe, rief Kirsti.

 

Du liebe Zeit! hörte man die verzweifelte Stimme des Schusters Berg.

 

Kirsti, komme mit mir, ich werde dir die Sache erklären, sagte Kalle.

 

Er ergriff die Hand von Kirsti und führte sie in den Stall. Er hatte richtig vermutet. Niemand wollte draussen bleiben, ohne von dieser Sache zu hören. Nach kurzer Zeit befanden sich alle im Stall. Kalle zündete eine Laterne an. Eigentlich kam es recht unerwartet, dass er diesen Ort gewählt hatte, um die Sache zu klären. Im Moment aber wunderte sich niemand darüber.

 

Jemand hat den Mord begangen, begann Kalle.

 

Das wissen wir doch alle, rief die Bäuerin von Matti, Sie war wütend,

 

Wartet bitte, entgegnete Kalle. Als Schuldige kommen die folgenden Leute in Frage: Mein Bruder Väinö, ich selbst, der Schuster Berg, Kirsti, Antti und dann noch dieser Unbekannte

 

Welcher Unbekannte? fragten alle.

 

Jenen, den wir noch nicht kennen.

 

Gehen wir weg, er will uns nur verspotten, meinte jemand aus der Menge.

 

Nein, hört ihm zu, sagte Kirsti, er spricht vernünftig.

 

Väinö kann es nicht gewesen sein, sagte Kalle. Er ist ein dermassen ruhiger Mensch, der nicht einmal daran denkt, jemanden zu ermorden.

 

Väinö tut niemandem etwas zuleide, bestätigte seine Mutter.

 

Der Schuster Berg kommt ebenfalls nicht in Fragen. Er kann nicht schiessen, fuhr Kalle fort.

 

Es bleiben also noch ich selbst, Antti, Kirsti und der Unbekannte. Mich kann man nicht beschuldigen, Matti erschossen zu haben. Das versteht gewiss jeder. Und wenn ich es trotzdem getan hätte, hätte ich sicher danach zu fliehen versucht. Immerhin war ich mit dem Fahrrad unterwegs. Es bleiben also noch Kirsti, Antti und der Unbekannte. Wenn Kirsti Matti erschossen hätte, hätte sie dies sicher erst getan, als sie das Geld erhalten hatte. Und dass Matti die Absicht hatte, ihr das Geld zu übergeben, wissen wir. Er hat es von der alten Bäuerin vom Heikki-Hof erhalten - und zwar genau diese Summe.

 

Es kann sein, dass er das Geld Kirsti gegeben hat, erklärte die Bäuerin von Matti-Hof. Dann sind die beiden miteinander in Streit geraten und Kirsti hat Matti erschossen.

 

Das stimmt nicht, schrie Kirsti.

 

Ruhig, ruhig, sagte Kalle. Wenn er das Geld gezahlt hätte, hätte er es gewiss in einem Geldbeutel überreicht. Und wenn es nicht in einem Geldbeutel gewesen wäre, hätte es sich in seiner Tasche befunden. Nehmen wir für einmal an, dass Kirsti das Geld erhalten hat, auch wenn sie behauptet, dass dies nicht der Fall gewesen ist.

 

Ich habe es nicht erhalten, kreischte Kirsti.

 

Wir nehmen dies lediglich an, fuhr Kalle fort. Doch wenn sie ihn erschossen hätte, hätte sie die Pistole sicher nicht in den Stall gebracht. Sie hätte sie auf der Strasse liegen lassen oder hätte sie ihn ihre eigene Tasche gesteckt. Ganz gewiss hätte sie auch nicht als Erste um Hilfe gerufen. Sie hätte sich nach dem Mord versteckt und wäre erst später wie zufällig beim Tatort vorbeigekommen.

 

Und so bleiben nur noch Antti und der Unbekannte.

 

Alle hörten Kalle gespannt zu. Er fuhr fort:

 

Die Laterne von Antti war voll Blut. Und im Stall haben wir die Pistole gefunden, die dem Jungen dieses Hofes gehört. Sie befand sich in der Kammer auf dem Tisch oder in einer Schublade. Antti konnte dies wissen, und er konnte sie auch im geeigneten Moment von dort wegnehmen. Doch warum war an der Pistole Blut, und warum war auch Blut an der Laterne?

 

Zwei Möglichkeiten gibt es:

 

Zuerst jene, dass Antti geschossen und dann den Geldbeutel entwendet hat. Das hätte mit Sicherheit dazu geführt, dass seine Hände voll Blut waren. Wir haben den Geldbeutel noch nicht gefunden. Wenn er an jenem Ort gefunden wird, wo Antti ihn versteckt haben sollte, scheint diese Schlussfolgerung klar zu sein.

 

Das ist keineswegs klar, rief Kirsti dazwischen.

 

Ich hörte den Schuss, als ich auf dem Hof war und auf Matti wartete. Dieser hat mir damals versprochen, das Geld zu bringen. Nach dem Schuss ging ich schauen, sah dass jemanden auf dem Boden lag und holte Hilfe. Erst dann sah ich Antti mit der Laterne in der Hand aus dem Stall kommen.

 

Warum glaubt Ihr es mir nicht, auch wenn ich immer wieder versichere, dass er erst dann aus dem Stall kam, als bereits geschossen worden war?

 

Du sagst dies so, stellte die Bäuerin vom Matti-Hof fest. Aber ich habe keinen Grund dir zu glauben. Du vergisst, dass sich sowohl an der Pistole als auch an der Laterne Blut befand.

 

Könnt Ihr denn nicht vernünftig überlegen? sagte Kirsti zornig. Als Antti zur Strasse kam und den Mann am Boden liegen sah, schaute er nach, ob dieser noch am Leben sei. So kam das Blut an seine Hände. Und als er nachher die Pistole und die Laterne zum Stall trug, gelangte natürlich auch Blut an sie.

 

Das ist jedoch nicht die einzige Erklärung. Wer brachte die Lampe aus dem Stall? Der Kommissar Salo. Was aber hat dieser vorher getan? Den Leichnam hat er getragen, und in seinen Mantel hat er nach einem Geldbeutel gesucht.

 

Wer hat die Pistole gebracht? Kalle brachte sie Matti. Und gewiss hat er wenig vorher auch den Leichnam getragen, Das Blut kann ohne Weiteres auf diese Weise an seine Hände gelangt sein. Ich bin mir dessen ganz sicher, dass jemand den Mord begangen hat, von dem wir noch gar nicht wissen.

 

Der Polizeichef ist ein Dummkopf, welcher glaubt, dass Antti schuldig ist - schuldig deshalb, weil dieser blöde Dummkopf sich nicht selbst verteidigt.

 

 

 

Es blieb für eine ganze Weile still. Dann begannen alle gleichzeitig zu sprechen. Schliesslich ergriff die Bäuerin vom Matti-Hof das Wort. Sie war erregt, und ihre Stimme tönte fest und hart. In ihrem Kopf hatte sich der Gedanke festgesetzt, dass Kirsti auf die eine oder andere Weise am Mord schuldig sei. Diesen Gedanken vermochte sie nicht aufzugeben.

 

Ich habe dir, Kirsti, zugehört, wie du die Sache aus deiner Sicht darstellst, sagte sie. Aber glaube ja nicht, dass wir so dumm sind, dass wir nichts verstehen, was da gespielt wird.

 

Ich selbst habe letzten Frühling gehört, wie du gesagt hast, dass Matti ein schlechter Mensch ist, der es nicht verdient zu leben.

 

Das habe ich mir schon immer gedacht, sagte Kirsti. Was aber beweist dies?

 

Ach du Unglückliche! Verstehst du denn nicht?  Eine solche Drohung weist darauf hin, dass du sie auch in die Tat umgesetzt hast. Wir sind nicht so dumm, dass wir deine Gedanken nicht lesen können. Du hast sie hier erklärt, und du hast  sie auch anderswo erklärt. Doch wenn wir alles zusammenfügen, kommen wir zu einem ganz anderen Schluss. Du bist die Einzige, die Antti aus dem Stall hat kommen sehen. Du kannst dies zeitlich so erklären, wie du es gerne haben möchtest. Wir aber brauchen es nicht auf diese Art und Weise zu glauben. Du hast Matti erschossen, und Antti nimmt die Schuld auf sich. Kommt er dann aus dem Gefängnis, werdet ihr eine schöne Hochzeit abhalten. Sage was du willst, aber so ist es.

 

Kalle verhinderte, dass Kirsti etwas entgegnete. Stattdessen sagte er:

 

Uns bleibt noch der Unbekannte übrig, den Antti schützen möchte. Wer ist dieser Unbekannte?

 

So sage es doch, wenn du ihn kennst, bemerkte die Bäuerin vom Matti-Hof giftig.

 

Der Schuster Berg trat hervor und sagte:

 

Ich habe es schon dem Polizeichef gesagt. Unmittelbar nach dem Schuss habe ich ein Auto gehört. Der Polizeichef hat es mir nicht geglaubt, aber ich bin mir dessen absolut sicher. Der Mörder hätte mit dem Auto kommen können. Antti hat ihn gesehen und hat nachher beschlossen, dass er ihn schützen will. Und wenn die Angelegenheit untersucht wird, kommt auch ans Tageslicht, wer der Täter gewesen ist. Dessen bin ich mir ganz sicher.

 

Sie mit Ihrem Auto, Sie mit Ihrem Auto, sagte die Bäuerin vom Matti-Hof gehässig. Wenn es sich wirklich so abgespielt hätte, hätten wir davon in unserem Haus etwas gehört.

 

Eine Stimme ertönte von der Türe her.

 

 

 

Ist die Bäuerin hier?

 

Alle drehten sich um. Kommissar Salo trat ein.

 

Die Bäuerin vom Heikki-Hof löste sich aus der Menge der Anwesenden und trat zum Kommissar.

 

Haben Sie etwas für mich?

 

Der Polizeichef schickt mich. Er hat versucht, Sie telefonisch zu erreichen. Als er keine Antwort bekam und er wegen amtlicher Angelegenheiten verreisen musste, hat er mich geschickt. Ich muss Ihnen mitteilen, dass Ihr Sohn Erkki in Helsinki festgenommen worden ist.

 

Die Bäuerin vom Heikki-Hof erschrak.

 

Warum dies?

 

Der Polizeichef hat in Erfahrung gebracht, dass Erkki in jener Nacht, in der Matti erschossen wurde, in der Gemeinde war.

 

Was tat er dann? fragte die Bäuerin: Unser Sohn ist nicht nach Hause gekommen.

 

Er  ist auf dem Hof gewesen. Dort traf er seine Braut Aino.  Der Polizeichef hat sie vernommen, und sie hat berichtet, dass Erkki eine Pistole auf sich hatte. Aino sagt auch, dass sie diese Pistole gut kennt. Sie hat in die Pistole vor einiger Zeit die Initialen von Erkki eingeritzt.

 

Das ist eine Lüge, erklärte die Bäuerin vom Heikki-Hof. Ich weiss, dass die Pistole von Erkki hier im Haus war. Noch am Freitag lag sie auf meinem Tisch. Nachher war Erkki nicht mehr zu Hause. Es ist auch niemand für ihn die Pistole holen gegangen.

 

Kalle trat zum Kommissar und fragte:

 

Wissen Sie, wie Erkki von Helsinki hierhin gekommen ist?

 

Das wissen wir natürlich, antwortete der Kommissar. Er ist im Militär und hat Urlaub erhalten. Er hat sich von jemandem aus der Gegend von Helsinki ein Auto ausgeliehen und hat sich dann mit Aino getroffen. Erkki ist um fünf Uhr bei Aino angekommen und machte sich um halb Zehn  auf den Weg. Auch Aino erinnert sich daran, dass er um diese Zeit gegangen ist.

 

 

 

Vollkommene Stille herrschte im Stall. Alle schauten zur Bäuerin und zum Bauern. Diese waren bleich und verliessen den Stall.

 

Einige Leute, die bei der Türe gestanden hatten, gingen über den Hof weg. Andere schlossen sich ihnen an. Am Schluss standen nur noch Kalle und der Kommissar da.

 

 

 

Das ist eine sehr ärgerliche Angelegenheit, sagte Kalle. Ich war mir sicher, dass Erkki mit der Sache nichts zu tun hat.

 

Davon gehe auch ich aus, meinte der Kommissar. Aber der Polizeichef ist da anderer Meinung. Und die Sache sieht für Erkki deprimierend aus, das sage auch ich als Polizist.

 

Erkki kam, ohne dass man davon wusste. Warum tat er dies? Er ging nicht zu Hause vorbei – hätte er dies getan, wäre dies zu einer Zeit geschehen, zu der es seine Eltern gemerkt hätten. Ich vermute, dass er seine Pistole holen wollte.

 

Und jetzt beginnt der Polizeichef, die Aussage des Schusters Berg ernst zu nehmen, der behauptet, er hätte ein Auto gehört. Erkki verliess seine Braut genau zu der Zeit, zu der der Mord geschah. Und wenn man annimmt, dass Erkki die Tat begangen hat, kann man auch verstehen, dass Antti die Schuld auf sich nehmen will. Er wurde seinerzeit von der Familie aufgenommen und durfte auf dem gleichen Hof aufwachsen wie Erkki. Er kann auf diese Weise seine Dankbarkeit dem Hausherrn gegenüber zeigen. Die Sache ist so klar, dass es ärgerlich ist. Kirsti hat bestimmt Recht, wenn sie sagt, dass Antti genau dann aus dem Stall kam, nachdem der Schuss abgefeuert worden ist. Er ging zur Strasse, sah Erkki und verhalf ihm zur Flucht. Er nahm die Pistole und beabsichtigte, sie verschwinden zu lassen, um damit die Spuren zu verwischen.

 

Der Kommissar sagte dies langsam und bedächtig, wie wenn er nach seinen Gedanken tasten müsste.

 

Aber das verschwundene Geld – wo ist es? fragte Kalle. 

 

Nun, wo ist es denn? sagte der Kommissar. Gewiss wird man es finden, und es kann auch sein, dass es Antti an sich genommen hat, Bei der Gerichtsverhandlung wird man sicher darüber sprechen. Bestimmt wird der Richter den Schuldigen dazu befragen. Es ist für den Richter ja nicht das erste Mal, dass er ein Verbrechen untersucht. Was Erkki betrifft, sieht die Sache sehr schlecht aus. Der Polizeichef gehört zu einer neuen Generation von Leuten, die nach Verbrechern fahnden. Er schärft uns immer und immer wieder ein, dass man sich zuerst eine Angelegenheit genügend gut überlegen muss. Und dann muss man Details suchen – Details, die genügend aussagekräftig sind und die verhindern, dass man in eine falsche Richtung geht und sich von falschen Vorstellungen leiten lässt.

 

Natürlich verstehe ich, dass sich die Zeugen nicht immer ganz genau an ein Geschehen zu erinnern vermögen – wer erinnert sich schon genau daran, was geschehen ist, wenn sich bei einem Verbrechen alles so schnell abspielt und wir gewöhnlich auch unter Schock stehen? Ich weiss selber, dass ich vorsichtig sein muss, wenn ich ein Geschehen genau so erzählen will, wie es sich ereignet hat. Und viele Male habe ich gesagt bekommen, dass ich mich nicht genau erinnere. Der Polizeichef ist in dieser Hinsicht sehr streng. Er selbst erinnert sich an alles genau und er erklärt, dass die Arbeit als Polizist immer und bei allem, was man tut, darin besteht, sich die Details einzuprägen.

 

Wenn Erkki bezeugen kann, dass er zum Zeitpunkt des Mordes irgendwo anders gewesen ist - hilft ihm dies?

 

Wie will jemand bezeugen, wohin er mit seinem Auto an einem dunklen Herbstabend gefahren ist? Das ist unmöglich. Aino behauptet, dass er um halb zehn Uhr weggefahren ist. Der Mord ist genau zu jener Zeit passiert.

 

Erkki kann nachweisen, um welche Zeit er das Auto am Abend in Helsinki erhalten hat.

 

Aber mit einem Auto kann man mit sehr verschiedenen Geschwindigkeiten unterwegs sein. Und wer erinnert sich schon daran, welches Auto an ihm vorbeigefahren ist? Abgesehen davon gibt es während der Nacht ohnehin nur wenig Verkehr.

 

Wir wissen allerdings noch nicht, auf welche Weise Erkki zur Pistole gelangt ist, sagte Kalle.

 

Das wissen wir in der Tat nicht. Das können wir jedoch herausfinden, oder es kann sein, dass es Erkki selbst uns erzählt. Wenn die Behauptung seines Vaters richtig ist, dass die Pistole drei Tage früher noch hier war, wird die Sache allerdings für Erkki sehr schlimm.

 

 

 

Es bleibt noch abzuwarten, was die Untersuchungsbehörde über die Fingerabdrücke auf der Laterne und der Pistole sagt, meinte Kalle.

 

Nun, diese Sache ist sehr klar, entgegnete der Kommissar. Ich bin zwar nicht in der Lage, es mit absoluter Gewissheit dies festzustellen, aber ich tue es trotzdem: Der Polizeichef hat mich heute nach Helsinki geschickt. Ich musste dort verschiedene Gegenstände abgeben, damit man damit man die notwendigen Untersuchungen vornehmen konnte. Sicher wurde dabei auch untersucht, wie es um die Fingerabdrücke von Antti steht – sofern sich auf der Lampe und der Pistole tatsächlich Fingerabdrücke und nicht nur Blutflecken befinden.

 

Und was sagt man zur Pistole?

 

Die Leute in Helsinki sage, dass sich auf ihr Fingerabdrücke befinden. Sie stammen jedoch nicht von Antti. Aber die Leute sagen auch, dass sich auf der Pistole verschiedene Fingerabdrücke befinden. Deshalb bringen wir die Fingerabdrücke von Erkki nach Helsinki; man wird dort überprüfen, ob sie mit jenen auf der Pistole übereinstimmen.

 

Auch wenn dies der Fall sein sollte, müssen wir uns nicht um Erkki fürchten, sagte Kalle, Ganz sicher hat es von ihm Fingerabdrücke auf der Pistole. Aino hat gesehen, wie Erkki die Pistole in der Hand gehalten hat.

 

Das muss nicht unbedingt der Fall gewesen sein, stellte der Kommissar fest.

 

Wie denn?

 

Als ich vom Polizeichef hörte, dass Erkki mit Aino zusammen war, ging ich zu diesem Mädchen und unterhielt mich mit ihm. Da ich sie schon lange kenne, fällt es ihr leichter, mit mir zu sprechen als mit dem Polizeichef, der immer so einen amtlichen Anstrich hat. Aino erzählte mir, dass Erkki, als er auf den Hof kam, die Pistole in seinen Mantel nahm und diesen auf den Tisch im Flur legte. Aino sah deshalb, dass Erkki eine Pistole bei sich hatte, und schaute sie sich genauer an.

 

Erkki war jedoch so plötzlich ins Haus gekommen, dass Aino ihre Finger vorher nicht hatte reinigen können. Sie kam direkt aus der Küche, wo sie Marmelade zubereitet hatte. Als sie die Pistole in die Hand nahm, gab es auf ihr Flecken. Erkki schimpfte sie deswegen ein wenig aus und meinte, dass Frauen nicht mit Waffen umgehen können. Frauen würden auch nicht verstehen, dass diese sauber sein sollten. Dann gab Erkki Aino ein Stück Stoff. Aino reinigte die Pistole und legte sie wieder auf den Tisch. Es war eine kleine Sache, aber das Mädchen erinnert sich genau daran, weil es zu diesen harmlosen Auseinandersetzungen gehört, wie man sie beim Flirten so macht und an die sich die Frauen nach langer Zeit noch erinnern.  Aino weiss denn auch ganz genau, dass Erkki die Pistole so auf dem Tisch liegen liess, dass ein Teil des Stofftuches um sie herum gelegt war.

 

Aino erinnert sich zudem daran, dass Erkki sie ermahnte, die Pistole nicht mehr zu berühren, weil sie jetzt sauber gereinigt war. Daran erinnert sich Aino. Aber sie erinnert sich nicht daran, ob Erkki die Pistole vom Tisch genommen hat oder nicht. Auch Erkki nicht mehr daran erinnern können, wenn man ihn fragte – jene Dinge, die wir gewohnheitsmässig erledigen, erledigen wir immer sehr mechanisch.

 

xxxxx

 

Das bedeutet, dass jemand die Pistole hätte Erkki entwenden und dann einsetzen können, meinte Kalle.

 

Ganz genau, stimmte der Kommissar zu. Auch ich dachte sofort an diese Möglichkeit. Ich untersuchte deshalb, ob jemand zum Hof gekommen ist. Ich dachte mir, dass sich vielleicht jemand daran erinnert, wer auf dem Hof gewesen ist. Da der Hof am Rand der Strasse liegt, hätte jedermann ins Haus kommen, die Pistole an sich nehmen und sich dann unbemerkt davon machen können. Das wäre zwar möglich. Nur hätte diese Person das Verbrechen sehr genau planen müssen. Und schliesslich hätte es auch jemand sein müssen, der sowohl eine Wut auf Matti als auch auf Erkki hat. Doch eine solche Person kennen wir nicht.

 

Was sagt der Polizeichef dazu?

 

Ich habe nicht mit ihm darüber gesprochen, entgegnete der Kommissar. Für uns gewöhnliche Polizisten ist es nicht gut, wenn wir einem Polizeichef unsere Gedanken vorlegen – einem Polizeichef, der alle möglichen Kurse absolviert hat, der Lehrbücher in einer fremden Sprache liest und der sich selber als  äusserst fähig einschätzt. Der Polizeichef darf nun das untersuchen, was man als ‚eine grosse Sache‘ bezeichnet. Diese Untersuchung hat er in seine eigenen Hände genommen. Und da er mit dieser grossen Sache zu Ruhm und Ehre gelangen kann, will er nicht andere daran teilnehmen lassen – denn immerhin strebt der Polizeichef nach Höherem.

 

 

 

Salo ging zur Türe des Stalles und sagte: Gehen wir, wir beide werden die Sache nicht aufklären können. 

 

Ich bleibe hier, meinte Kalle.

 

Nun gut, auf Wiedersehen –und erzähle niemanden von meinen Überlegungen.

 

Ich werde niemandem ein Sterbenswörtchen verraten, sagte Kalle.

 

Aber eine Sache ist mir noch unklar: Was sagt man über die Kugel? Ist sie mit der Waffe von Erkki abgefeuert worden?

 

In Helsinki legen sie die Kugel in eine Pistole. Sie legen noch weitere Kugeln hinein und feuern sie dann ab, erklärte der Kommissar.

 

Nachher untersuchen sie diese Kugeln und ziehen auch jene Kugel zur Untersuchung bei, die du auf der Strasse gefunden hast. Sie fotografieren sie und vergrössern die Bilder, die sie erhalten haben. Sie werden – und das ist mir klar – herausfinden, dass die Rillen die gleichen Spuren hinterlassen haben. Das beweist dann, dass die Kugel, die du auf der Strasse gefunden hast, aus der gleichen Waffe abgefeuert worden, das steht ohne Zweifel fest.

 

Mir fällt es sehr schwer zu glauben, dass Erkki der Schuldige ist. Aber ich bin mir nicht sicher, ob er freikommen wird.

 

Der Kommissar drückte die Hand von Kalle und machte sich auf den Weg. Kalle wartete kurz im Stall und flüsterte dann:

 

Die Luft ist rein!

 

Schliesse die Türe, hörte man eine Stimme.

 

Kalle schloss die Türe und wartete. Er hörte, wie die alte Bäuerin die Treppe herunterkam.

 

Lösche die Laterne, befahl die alte Bäuerin.

 

Kalle blies die Laterne aus, die an einem Pfosten im Stall befestigt war.

 

Gehen wir nach draussen, sagte die alte Bäuerin.

 

Kalle öffnete vorsichtig die Türe. Er und die alte Bäuerin schlichen durch die Stalltüre hinaus. Die alte Bäuerin zeigte Kalle den Weg. Sie schritten in der Dunkelheit vorsichtig die Stallwand entlang und gelangten zur die Gasse, die zwischen dem Stall und dem Speicher hindurch führte.

 

Komm mit mir, sagte die alte Bäuerin, ich muss mit dir sprechen.

 

Als sie weitergegangen waren, erkundigte sich Kalle:

 

Haben Sie alles gehört?

 

Natürlich hört man es nicht gut, wenn ein dermassen grosser Lärm ist, sagte die alte Bäuerin. Und das sage ich dir: Mit deiner Mutter werde ich ein ernstes Wort sprechen müssen, wenn die Sache vorbei ist. Sie praktiziert ein Christentum, das von allen Verbesserungen und Korrekturen verlangt. Doch wir haben nicht das Recht, mit andern so umzugehen, wie sie dies mit Kirsti getan hat.  Wenn diese unglückliche Frau herumgestreunt ist, muss sie darunter leiden, Und wir dürfen kein falsches Zeugnis wider unsere Nächsten ablegen, und wir dürfen auch nicht behaupten, sie sei schuldig, selbst wenn uns dies natürlich scheint.

 

Ein Punkt ist mir zudem klar geworden, und er ist von allen der Wichtigste.

 

Und was ist dies? fragte Kalle.

 

Dass Antti Anna von Herzen liebt.

 

 

 

BIS HIER AUF GRUND SCRIFTLICHEN TEXT KORRIGIERT 25 9 2019

 

 

 

 

 

Seit wann sagt man so etwas? sagte Kalle verwundert. Ich habe nichts flüstern gehört.

 

Ihr Männer, ihr Männer, die ihr immer alles zu verstehen glaubt, sagte die alte Bäuerin. Davon spricht man schon seit geraumer Zeit. Kirsti wollte Antti für sich gewinnen, doch dieser liebte jemand anderes. Man sieht doch, dass ein Mensch wie Antti jemanden nur aus einem einzigen Grund zurückweist: Der Liebe wegen nämlich. Er kann nicht leben, wenn Anna nicht in seiner Nähe ist. Ich habe gut verstanden, dass er meinetwegen auf dem Hof geblieben ist. Wann tut ein junger Mann einer alten Frau wie mir diesen Gefallen?  Und seine Dankbarkeit bezieht sich auch nicht auf Geld. Und warum sollte er mir dankbar sein? Er ist ein guter Arbeiter, und ich habe ihn für seine Arbeit auch bezahlt – aber ich Geizhals habe ihm immer zu wenig gezahlt, weil sich der Mann nicht getraut hat, mehr zu verlangen.

 

 

 

Für einige Zeit gingen sie schweigend weiter.

 

Haben Sie gehört, in welcher Gefahr Erkki schwebt? fragte Kalle.

 

Natürlich habe ich dies. Alle diese Anschuldigungen sind jedoch falsch. Der Junge ist absolut unschuldig. Er hatte Sehnsucht, sein Mädchen zu treffen, Er traf sie und ging dann wieder fort.

 

 

 

Aber er hatte eine Pistole bei sich, die sich kurz vorher noch in seinem Haus befunden hatte.

 

Wie kann ich darüber befinden, ob er sie bei sich hatte oder nicht? sagte die alte Bäuerin. Man kann dies eindeutig aufklären. Ihr Männer glaubt, darin etwas Bedeutsames zu erkennen. Ich sage dir, dass die Menschen keine Taten wie einen Mord begehen, wenn sie vorher nicht in Rage gebracht worden sind und sich nicht beruhigen können. Vor einem Mord findet immer ein Streit statt. Aber wir haben nichts davon gehört, dass Erkki und Matti sich gestritten hätten.

 

Wenn aber Erkki darüber böse gewesen ist, dass Matti das Erbe des Hofes antritt? Fragte Kalle.

 

Dazu bestand kein Grund, sagte die alte Bäuerin. Ich sage dir nun etwas, aber ich bitte dich, es für dich zu behalten: Ich habe ein Testament gemacht, das der Richter zu Papier gebracht hat. Ich vermache den Hof nicht meiner Tochter und auch nicht ihrem Mann. Sie sind nicht in der Lage, den Hof zu führen. Ich vermache ihn Erkki. Und Anna wird ihren Anteil in Geld erhalten.

 

Weiss Erkki dies?

 

Er weiss es. Ich habe es ihm gesagt. Aber seine Mutter weiss es nicht. Und wenn du davon etwas hören lässt, drehe ich dir den Hals um.

 

Sie haben eine harte Hand, sagte Kalle. Ich weiss, dass sie dies tun könnten. Meine Lippen werden denn auch verschlossen bleiben. Was aber, wenn Erkki nicht möchte, dass seine Schwester mit Matti verheiratet wird?

 

Wann hast du gesehen, dass sich ein Bruder darum kümmert, mit wem seine Schwester verheiratet wird, wenn aus einer solchen Verbindung kein materieller Schaden entsteht? Hast du jemals darüber Gedanken gemacht, wem deine eigene Schwester zugesprochen wird? Das hast du nicht; das weiss ich. Du hast dir über solche Dinge nie Gedanken gemacht.

 

Davon abgesehen: Die Situation ist für Erkki sehr schwierig, wie der Kommissar berichtet hat.

 

Das ist sie, und ich will dies auch nicht bestreiten. Aber wenn er keinen Grund hat, Matti zu ermorden, hat er dies auch nicht getan. Der Weg des Menschen zum Verbrechen ist wie der Weg, denn wir auf dieser dreckigen Strasse gehen. Zuerst sammelt sich Dreck an und wir müssen dem Wegrand entlang gehen und über die schlechten Stellen hüpfen. Und am Schluss gehen wir dann eben doch mitten im Schlamm. Doch jetzt will ich nichts mehr über diesem Weg sagen, Ich muss mich beeilen, nach Hause zu kommen. Ich will mit Anna sprechen.

 

Mir ist der Gedanke gekommen, dass dieses Mädchen etwas weiss, das die Sache aufklärt. Sie ist gestern Abend zu mir gekommen. Ich habe es noch nicht gewagt, sie zu befragen, und sie hat es auch nicht gewagt, mir davon etwas zu erzählen. Jetzt aber kehre ich ihre Seele von Innen nach Aussen.

 

Hast du nicht gedacht, dass Anna Matti erschossen haben könnte?

 

Anna! Sei kein Dummkopf! Dieses Mädchen ist dermassen ein Lämmchen. Sie hat immer ihrem Vater und ihrer Mutter gehorcht.

 

Und jetzt soll sie nicht mehr gehorchen?  sagte Kalle leichthin.

 

Schau doch, wer der Vater und die Mutter sind, antwortete die alte Bäuerin.

 

Jesus hat die Händler aus dem Tempel verjagt, und der Vater von Anna ist nichts anderes als einer dieser Händler.

 

 

 

Sie gelangten zur Wohnung der altern Bäuerin, die zuerst ihre verschmutzten Schuhe auszog. Als sie dies getan hatte, sagte sie zu Kalle:

 

Ich habe am Abend, an dem der Mord geschah, befürchtet, dass meine Seele in Unordnung gerät, wenn ich sie mit dieser Sache beschmutze. Aber im Stall habe ich zu Gott gebetet, dass er mich und meinen schwachen Verstand erleuchtet. Und als ich dies getan hatte, wusste ich, dass er mir befiehlt, bis zum letzten für dieses Sache zu kämpfen. Er hat mich gelehrt, die Dinge im rechten Licht zu sehen, und er hat mich dorthin geführt, wo seine Gnade alles hell erleuchtet.

 

 

 

Als sie andere Schuhe angezogen und geschnürt hatte, sagte sie:

 

Und jetzt sprechen wir mit Anna.

 

 

 

Sie gingen in die Küche, wo Anna bereits am Arbeiten. Mit ihr zusammen gingen sie in die Stube.

 

Setze dich doch, mein Kind. Wir müssen dich zu verschiedenen Dingen befragen, sagte die alte Bäuerin.

 

Kam Erkki an jenem Abend nach Hause, an dem Matti erschossen wurde?

 

Ja, sicher, antwortete Anna. Woher wissen Sie das?

 

Ich weiss dies auf meine eigene Weise und mit meinen eigenen Mitteln, sagte die alte Bäuerin

 

Er traf dich also. Wo hast du ihn getroffen?

 

Es war um   Uhr. Ich kam gerade von Matti. Ich hatte ihm etwas gebracht, das wir von der Bäuerin ausgeliehen hatten. Erkki fuhr mit dem Auto vor und ich fragte ihn, warum er gekommen sei.

 

Und was antwortete er?

 

Er sagte, dass er von seiner Aino gekommen sei und dass er das Auto von einem Bekannten geliehen bekommen habe. Er hatte bis am Morgen Urlaub. Er wollte nachher zu Aino gehen und später in der Nacht nach Helsinki zurück fahren.

 

Warum kam er nach Hause?

 

Er sagte, dass es die Mutter nicht erlauben würde, dass er sofort wieder weggehe. Er aber wollte mit Aino zusammen sein. Das jedoch konnte er der Mutter nicht sagen; sie wollte nicht, dass Erkki zu diesem Mädchen ging.

 

Was geschah dann?

 

Er liess das Auto bei der Trockenscheune stehen und kam dann zu uns.

 

Warum kam er zu euch, wo er doch die Eltern gar nicht treffen wollte?

 

Er sagte, dass er seine Pistole holen wolle. Er hatte damit begonnen, auf Zielscheiben zu schiessen und er hatte die Absicht, an Wettkämpfen teilzunehmen. Er bat mich, dass ich sie ihm bringe.

 

Und du hast sie ihm gebracht?

 

Das habe ich.

 

Die Post mit den Zeitungen war gebracht worden. Sie lag auf dem Tisch im Saal. Als Vater und Mutter eine Zeitung in den Händen hielten, schien mir dies eine günstige Gelegenheit zu sein, die Pistole aus dem Kasten zu nehmen. Vater und Mutter merkten es nicht, denn ich stand vor der Schublade und blätterte ebenfalls in einer Zeitung.

 

Ich steckte die Pistole in meinen Mantel. Dann nahm ich die Zeitung, die für Antti gekommen war und sagte meinen Eltern, dass ich sie ihm bringen würde.

 

Warum hast du das dies getan?

 

Weil Erkki mir gesagt hatte, ich solle in den Stall kommen. Er würde dort auf mich warten.

 

War Antti immer noch im Stall?

 

Er sprach mit Erkki. Antti fragte, wie es in der Armee so sei. Sie sprachen dann für einige Zeit darüber. Erkki steckte die Pistole in seinen Mantel und ging. Er bat mich darum, den Eltern nicht zu sagen, dass er zu Hause vorbeigekommen war. Ich versprach es ihm.

 

Bliebst du im Stall, als er gegangen war?

 

Nein, ich ging wieder zurück.

 

Und einige Zeit später bis du gegangen und hast mir meine Post gebracht, nicht wahr?

 

Ja, so war es.

 

Ich brachte Ihnen Ihre Zeitung. Dann blieb ich eine Weile bei Ihnen bis und ging dann nach Hause.

 

Wann hast du erfahren, dass Matti gestorben war?

 

Als die Mutter in die Stube kam und den Polizeichef anrufen wollte. Sie erzählte es mir. Ich ging sofort in mein Zimmer. Als sich alles um mich drehte, legte ich mich zu Bett.

 

Die Mutter kam einige Zeit später und schaute nach mir. Sie wollte bei mir bleiben. Aber ich sagte, dass ich lieber allein sein möchte. Die Mutter ging dann wieder weg.

 

Ich lag im Bett und weinte, bis Sie gekommen sind. Von dort an wissen Sie, was geschehen ist.

 

Nun ist mir alles klar, sagte die alte Bäuerin. Du sprichst von jetzt an mit niemandem darüber -    was auch immer geschieht. Ich habe meine Gründe dazu.

 

Ich werde sicher mit niemandem sprechen, sagte Anna.

 

Daran wirst du dich bestimmt halten. Aber das sage ich dir: Du sollst versuchen, zu Hause zu bleiben, bis die Gerichtsverhandlung beginnt.

 

Warum?

 

Es ist besser, wenn du niemanden triffst. Die Gerichtsverhandlung ist am Samstag. Wir werden zusammen hingehen.

 

Ist etwas Neues passiert?

 

Das brauchst du noch nicht zu wissen, sagte die alte Bäuerin. Aber da ist noch etwas, das ich dich fragen muss. Hast du Antti geliebt? Ich habe die schon einmal gefragt, ich frage es nun aber noch einmal.

 

Anna wurde feuerrot. Eine Zeitlang schwieg sie.

 

Ich hätte es nicht als Liebe bezeichnet, sagte sie leise. Ich habe ihn immer gemocht, wie ich Ihnen schon einmal berichtet habe.

 

Aber du hast nie daran gedacht, ihn zu heiraten?

 

Nein. Ich wusste, dass mein Vater und meine Mutter nicht einwilligen würden.

 

Glaubst du, dass Antti dich liebt?

 

Wie soll ich dies wissen? Aber als ich letzten Winter mit ihm zusammenarbeitete, sagte er mir, dass es ihm am wohlsten ist, wenn wir zusammen sind und er sich in meiner Gesellschaft befindet. Ich habe damals nicht erkannt, dass dies Liebe ist. Jetzt aber habe ich darüber nachgedacht, dass auch ich immer jenem Menschen nahe sein möchte, den ich liebe.

 

Sprachst du mit ihm jemals von deiner Heirat mit Matti?

 

Er hat nie darüber gesprochen.

 

Hast du mit ihm begonnen, darüber zu sprechen?

 

Gewiss habe ich dies einige Male getan, aber da musste er jeweils gehen und eine dringende Arbeit erledigen.

 

Die alte Bäuerin schaute Anna lange an. Sie sagte:

 

An einer Stelle spricht die Bibel davon, dass wir entweder kalt oder warm sind oder aber lau. Verstehst du, was damit gemeint ist?

 

Annas Gesicht war feuerrot.

 

Natürlich verstehe ich, dass ich lau gewesen bin.

 

Genau. Und ich würde gerne auch das sagen, was in der Schrift steht: Weil du lau bist und weder heiss noch kalt bist, werde ich dich ausspucken.

 

Was genau ist passiert? schrie Anna.

 

Du brauchst nicht alles zu wissen. Aber es ist gut, wenn dir etwas klar ist: Da Antti durch das Gerede wegen des Mordes in Bedrängnis geraten ist, führt dies zu keinem anderen Schluss als zu dem: Antti liebt dich. Seine Liebe zu dir ist wie eine leuchtende brennende Laterne. Nun ist sie jedoch in den Augen der Leute beschmutzt worden, weil du deine Augen nicht hast öffnen und es sehen können.

 

Und nun kannst du einer eigenen Arbeit nachgehen. Ich muss mich mit Kalle zusammen unterhalten.

 

Anna ging beschämt hinaus.

 

 

 

Sie sind streng mit ihr gewesen, sagte Kalle.

 

Was sollte ich anderes tun, wenn jemand dermassen starköpfig ist? Wenn sie jetzt nicht erwacht, erwacht sie nie mehr.

 

Aber sprechen wir wieder von der Sache. Als wir zu Anna gingen, sagte ich, dass Erkki nicht schuldig sein kann. Wenn Anna erzählt, dass der Junge im Auto bei der Trockenscheune mit Matti zusammengeblieben ist, wissen wir auch, dass das Auto, dessen Spuren wir bei der Ecke des Stalles gesehen haben, nicht sein Auto gewesen sein kann – wohl aber das des Mörders.

 

Ich habe dies nicht gleich bemerkt, sagte Kalle.

 

Ich habe begonnen, nach diesem Auto zu suchen, sagte die alte Bäuerin. Ich habe immer das Gefühl, dass wir auf diese Weise den Schuldigen finden können.

 

Aber im Bericht des Kommissars hat es einen Punkt, den ich nicht verstehe. Wie war dies mit den Fingerabdrücken?

 

In jeder Fingerspitze hat es kleine Rillen, sagte Kalle, Sie sind bei allen Leuten verschieden.

 

Es hat Schnörkel und es hat Ringe, daraus ergeben sich dann Spuren, die uns Hinweise auf ein Verbrechen geben.

 

Ich verstehe, dass sich die Fingerabdrücke voneinander unterscheiden, sagte die alte Bäuerin, Ich sehe ja schliesslich auch, ob Hühner oder Drosseln an meinen Beeren gewesen sind. Aber dass ich die einzelnen Hühner voneinander unterscheiden kann, scheint mir möglich zu sein. Erkläre mir dies näher, damit ich es verstehe. Ich habe gemerkt, dass die Überlegungen des Polizeichefs nicht immer sehr klar sind. Und wenn ich es mit ihm zu tun bekommen sollte, muss ich ihn auf seinem eigenen Feld schlagen.

 

Der Polizeichef hat in seinen Kursen gelernt, wie man zu Fingerabdrücken kommt. Das, was er gelernt hat, hat er an Salo weitergegeben, und dieser wiederum hat es mir erzählt. Wenn Sie zum Beispiel mit Ihren Fingern eine Fensterscheibe berühren, sieht man von diesen Fingern einen Abdruck. Dieser Abdruck verschwindet nach einiger Zeit. Wenn ich dann aber ein spezielles Pulver mit einem feinen Pinsel darüberstreiche, kann ich die Fingerabdrücke erneut sehen. Das wird dann auf einem Papier festgehalten – es ist dann wie eine Fotografie, auf der die spezielle Form der Fingerabdrücke eines bestimmten Menschen festgehalten wird.

 

Überprüfe bitte, ob ich das richtig verstanden habe, sagte die alte Bäuerin. Jetzt geht es um die Pistole von Erkki. Wenn man sie mit einem Tuch abwischt, so wie Aino dies getan hat, was geschieht dann?

 

Wenn man gut wischt, verschwinden alle Spuren – so, wie in der Schule die Schrift auf der Tafel verschwindet, wenn man sie mit einem Schwamm abwischt.

 

Wenn Erkki sie erneut in seine Hände nimmt, kommen seine Fingerabdrücke erneut dorthin, nicht wahr.

 

Ja, das kommen sie.

 

Und wenn der Kommissar berichtet, dass dort die Abdrücke von Antti waren und noch solche von jemandem anderen, weiss man dann, dass der andere der Mörder gewesen ist?

 

Aller Wahrscheinlichkeit nach schon.

 

Wenn Erkki die Pistole nie mehr berührt hat und wenn sie jemand anderes in die Hand  genommen hat, sind die Fingerabdrücke dieser anderen Person auf der Pistole.

 

Ganz genau.

 

Aber der Kommissar Salo gab die Pistole dem anwesenden Polizeichef in die Hand. Also müssen sich dort seine Fingerabdrücke befinden.

 

Hast du dich auch darauf geachtet, auf welche Art und Weise er sie gehalten hat?

 

Warte ein wenig, sagte die alte Bäuerin, Du hast sie auf dem Fensterbrett im Stall gefunden. Es hat also auch deine Fingerabdrücke auf der Pistole. Bring da nicht alles durcheinander! Du bist der Erste gewesen, der zur Leiche kam. Du hättest die Pistole auf der Strasse zu dir nehmen können – und du hättest Matti erschiessen können.

 

Wenn der Polizeichef seine Schlussfolgerungen zu ziehen vermag, wird er ebenfalls auf diese Weise denken, sagte Kalle. Aber seien Sie beruhigt. Ich habe Matti nicht erschossen. Und was die Pistole betrifft: Ich weiss schon lange, dass man mit einer Pistole nicht auf diese Art und Weise umgehen darf, wenn man will, dass auf ihr keine Fingerabdrücke zurückbleiben. Ich habe deshalb die Pistole überhaupt nicht berührt.  Nur der Kommissar hat sie berührte – und auch dieser nur an ihrem Lauf.

 

Jetzt erinnere ich mich, sagte die alte Bäuerin, Ich wunderte mich ein wenig darüber, weil der Kommissar die Waffe nicht so in die Hand nahm, wie dies üblich ist. Ich habe mir auch vorgenommen, mir diesen Punkt zu merken. Und dann erklärte der Polizeichef noch, dass die ein Polizist eine Pistole auf diese Art und Weise an sich nehmen muss.

 

Zudem meinte er, dass die Pistole höllisch vorsichtig in Seidenpapier eingewickelt werden sollte, und dass sie überhaupt so behandelt werden muss, dass sie niemand mit den Händen berührt.

 

Die alte Bäuerin überlegte für eine Weile.

 

Wenn zu mir ein Mensch kommt, von dem ich vermute, dass er einen Mord begangen hat, und wenn ich diesem in einem sauberen Glas etwas zu trinken gebe und wenn ich dann das Pulver einsetze – erhalte ich auf diese Weise Fingerabdrücke? Ist das so?

 

Ich sehe dies als letztes Mittel an, sagte Kalle. Ich habe gesehen, dass es im Haus viele Gläser gibt. Aber warum sollte der Verbrecher ausgerechnet in dieses Haus kommen?

 

Wenn er sich auch nur ein wenig auskennt, wird er versuchen herauszufinden wie weit du mit deinen Untersuchungen gekommen bist. Oder er versucht herauszufinden, wie weit ich mit meinen Überlegungen bin.

 

 

 

Die alte Bäuerin hob die Hand vor den Mund und gähnte.

 

Nun musst du gehen. Ich bin müde, sagte sie. Es war ein harter Tag für mich. Ich möchte diesen Abend noch zu zweit mit Gott sein. Wenn ich im Frieden die Angelegenheit seiner Aufmerksamkeit übergebe, wird er mir im Schlaf eine Erleuchtung schicken. Am Morgen erwache ich dann und weiss, was er von mir möchte. Schon oft habe ich mich in meinem Leben auf diese Weise an ihn gewandt.

 

Ich werde übermorgen kommen, sagte Kalle. Bevor die Gerichtsverhandlung stattfindet, sollten wir uns darüber unterhalten, was wir zu tun haben.

 

Nicht übermorgen. Morgen schon, sagte die alte Bäuerin, Und vielen Dank, Junge, für alles. Wir alten Leute müssen oft erfahren, dass wir keine Aufgabe mehr haben. Diesen Tag aber habe ich erfahren können, dass es für mich auf der Erde immer noch Dinge gibt, die ich tun muss.

 

 


 

 

FÜNFTES KAPITEL

 

 

 

 

 

Am Dienstagmorgen stand die alte Bäuerin ungewöhnlich spät auf. Die alte Dienstmagd Mina hatte einige Male ihren Kopf an die Türe angelehnt und gelauscht. Die alte Bäuerin atmete schwer.

 

Mina wollte nicht mehr unruhig vor dem Schlafzimmer herumschleichen. Sie näherte sich dem Bett. Sie beugte sich über die alte Bäuerin und war verwundert darüber, welch traurigen Anblick sie bot. Der Friede, der sich sonst immer bei der alten Bäuerin auf dem Gesicht abzeichnete, war verschwunden und die Stirne war in Falten gelegt.

 

Mina legte ihre Hand auf die Schulter der alten Bäuerin und sagte:

 

Der Kaffee ist fertig.

 

Die alte Bäuerin erwachte sofort.

 

Was ist passiert?

 

Als Sie nicht aufwachten, ging ich nachschauen, ob ich etwas für Sie tun soll. Der Kaffee steht schon lange bereit.

 

Wie spät ist es

 

Zehn Uhr ist schon vorbei.

 

Ich habe gestern lange nicht einschlafen können. Und als ich endlich einschlief, hatte ich einen schweren Traum. Wie wenn ich einen Alptraum gehabt hätte. In der Regel schlafe ich gut.

 

Der Mord an Matti geht Ihnen nicht aus dem Kopf.

 

So ist es. Ich komme nicht von ihm los. In der Nacht habe ich mit ihm gekämpft. Ich war wie der Prophet, der mit dem Engel kämpft. Und am Schluss hat er gewonnen. Im Traum habe ich Dinge erlebt, die mich nicht verwundert haben; jetzt aber, wo ich wach bin, erschüttern sie mich.

 

- Die Menschen wundern sich nie im Traum über das, was sie träumen, sagte Mina. - Wenn ich zum Beispiel im Traum fliege, ist dies für mich keineswegs erstaunlich.

 

- Du fliegst im Traum?

 

- Ja. Ich fühle mich wie ein Fisch. Ich erhebe mich von der Erde und schwinge mich in die Luft. Und es kommt mir sehr natürlich vor, dass ich kreise und ich mich so vorwärtsbewege, wie dies ein Fisch tut. Darüber wundere ich mich nicht. Doch wenn ich dann plötzlich erwachen, vor die Türe treten und mich in die Luft erheben würde, würde mich dies gewiss sehr erstaunen.

 

- Auch ich hätte da einen guten Grund, mich zu wundern, sagte die alte Bäuerin. In meinem Traum sprang ich hinter dem Mörder her. Er floh und ich verfolgte ihn. Er rannte dem Zaun entlang und ich rannte ihm hinterher. Und als er auf das Dach kletterte, kletterte ich ihm nach. Wir rannten dem Dachfirst entlang. Dann sprang er herunter und ich auch. Schliesslich ergriff ich ein Holzscheit und rannte ihm weiter hinterher. Und genau in dem Moment, in dem ich ihm dieses über den Schädel hauen wollte, bist du gekommen und hast mich geweckt. 

 

-  Sie wissen also, wer der Mörder ist?

 

- Ich hätte ihn gesehen, wenn du nicht gekommen wärst.

 

- Das ist nun aber höchst unglücklich, klagte die Magd. - Ich glaube fest an die Träume.

 

 - Sie sind nichts anderes als Hinweise auf das, was wir tagsüber erlebt haben, sagte die alte Bäuerin. - Ich habe während des Tages über den Mord nachgedacht. Natürlich hat dies auch meine Gedanken während der Nach beeinflusst.

 

 - Heute kamen Leute zu mir und sagten, dass man Erkki verdächtigt, den Mord begangen zu haben. Ist das wahr?

 

Man kann immer irgendwen verdächtigen, sagte die alte Bäuerin. Jemanden eines Verbrechens zu überführen ist dann schon schwieriger. Denke daran, dass du mit Anna nicht über den Mord sprechen solltest. Sie muss nicht alles wissen – ein Kind, das sie noch ist.

 

Ich werde dies sicher nicht tun, bekräftigte die Magd.

 

 

 

Die alte Frau führte die Magd aus ihrem Zimmer und schlüpfte in ihre Kleider. Ihre Füsse fühlten sich steif an, und es kam ihr vor, als sei in ihrem Kopf ein Loch.

 

Sie regen sich vergeblich auf, alte Bäuerin, sagte sie zu sich selbst.

 

Als sie dann aber ihren Kaffee getrunken hatte, fühlte sie sich wieder frisch. Sie ging zum Hof, um den Mägden und Knechten bei ihrer Arbeit zu überwachen und ihnen Anweisungen zu geben.

 

 

 

Es war ein heller, klarer Herbsttag; ein Tag, an dem man alles in der Umgebung sehr deutlich sieht. Die Natur war schön, wenn auch schroff.

 

Die alte Bäuerin holte Anna und führte sie über die Felder.

 

Jetzt sprechen wir nicht mehr über den Mord, sagte die alte Bäuerin. – Schau, Kind, unsere Gedanken sind wie Getreide. Dieses muss in aller Ruhe heranwachsen können, und erst, wenn es reif ist, darf man es abschneiden. Wenn wir zu früh eingreifen, gelangt es nie zur Reife. Dem Herrn unserem Gott, gefällt es, wenn die richtigen Dinge in unserer Seele heranwachsen und dann ihre Früchte tragen.

 

Er hat in meiner Seele in den letzten Tagen viel heranreifen lassen. Vorher habe ich überhaupt nicht in Worte fassen können, was mir durch den Kopf ging. Alles war unsicher und wie in einem Dunstschleier, in welchem man die Gegenstände nur verschwommen sieht. Jetzt aber ist mir alles so klar, wie es die Natur heute ist, ich kann in die Ferne schauen, ich sehe es klar, und ich kann alles so benennen, wie es der Sache entspricht. Alles, was vorher zweifelhaft und unverständlich war, ist nun plötzlich deutlich geworden. Nun sind meine Gedanken so herangereift wie das Getreide, das an einem Tag noch in der Ähre verschlossen ist und das man am nächsten Tag als Korn erkennt.

 

Wenn wir warten, lässt es der Herr heranreifen; dank seiner Gnade lässt er im Lichte der Sonne alles zum Ziel kommen. Wir pflegen das Getreide und glauben, dass dies alles unser Verdienst ist. Wir einfältigen Menschen! Wenn wir unsere Gedanken aussähen, ist dies so, wie wenn wir die Aussaat auf dem Feld einbringen, das vor uns liegt. Wir können es pflügen und düngen und wir können säen – doch wenn der Herr uns nicht seine Gunst gewährt, ist all unser Bemühen umsonst.

 

Sie schritten weiter voran, die alte Bäuerin und die junge Frau. Und die alte Bäuerin legte der jungen Frau weiter ihre Gedanken gemächlich dar.

 

Dieser Hof hat während Jahrhunderten dem gleichen Geschlecht gehört. Dann ist der Hof von jenem der Heikki abgetrennt und zu einem eigenen Hof geworden. Aber damals sah ich, dass es dessen Besitzer nicht lange in seinen eigenen Händen würde halten können. Ich sah dies schon früh, weil niemand von den Eigentümern das Land so liebte, wie man es lieben sollte. Damals habe ich beschlossen, dass ich diesen Hof wieder zu meinem Geschlecht zurückbringen würde. Seit dieser Zeit habe ich mich dazu getrieben gefühlt, meine Arbeit zu erledigen und Geld zusammenzubringen, damit ich den Hof im richtigen Moment würde einlösen können, damit er nicht in fremden Händen bleibt. Als dann wegen der Trunksucht des Bauern der Hof heruntergewirtschaftet worden war und zum Verkauf stand, hatte ich Geld und konnte den Hof kaufen. Man bezeichnete mich als verrückt, denn um den Hof war Wald zerstört worden, und der Boden befand in einem schlechten Zustand. Aber ich wusste, dass sich der Wald von selbst erneuern würde, wenn ich ihn nur richtig pflegte; und ich wusste, dass die Erde, der wir zuerst nicht getraut haben, mir trauen würde. Und jetzt besitze ich den Hof, den ich nach meinen eigenen Vorstellungen geformt habe: Ich habe den Samen in die Erde gelegt und der Herr hat dafür gesorgt, dass er Früchte trägt.

 

Und als ich darüber nachdachte, sah ich das Verbrechen, das kürzlich geschehen ist, im richtigen Licht. Die Menschen möchten zu Geld kommen, und zwar umgehend und ohne dass sie sich dafür anstrengen müssen. Deshalb ist Matti ausgeraubt worden, und deshalb ist es zu einem Mord gekommen. Und da die Saat zu jedem Tun in einem Menschen über eine lange Zeit heranreift, habe ich darauf geachtet, wo ein Mensch ist, der von einer solchen Tat profitieren könnte. Und ich habe einen solchen Menschen gefunden. Ich bin nicht aus eigener Kraft dazu gekommen – wie sollte ich auch ein solches Rätsel lösen können? Ich bin dazu gekommen, weil der Herr meine Hand ergriffen und mich geleitet hat.

 

Wer ist es denn? wolle Anna wissen.

 

Bevor ich alles beweisen kann, ist es nicht sinnvoll, wenn ich es offenlege, sagte die alte Bäuerin. Und ich habe bemerkt, dass ein Mensch, der eine solche Tat begangen hat, diese mit grösster Sorgfalt zu vertuschen versucht. Da ein Verbrecher oft über einen scharfen Verstand verfügt, wägt er auf eine sehr scharfsinnige Art und Weise alles ab. Nun aber hat der Herr dafür gesorgt, dass ein Verbrecher seine Tat zu eifrig vertuschen will. Schon unsere Vorfahren sagten, dass ein Mörder an den Ort zurückkehrt, an dem er seine Tat begangen hat. Er möchte auf diese Weise in Erfahrung bringen, was die anderen Leute über das Geschehen wissen – aber auf diese Weise legt er letztlich seine Tat dar.

 

Ein Unschuldiger dagegen verspürt nicht den Wunsch, sich an jenen Ort zu begeben, an dem eine Tat begangen worden ist. Ihm ist der Ort unheimlich. Ein Schuldiger dagegen hat das Gefühl, dass er sich als eine unschuldige Person darstellt, wenn er zum Tatort kommt.

 

Aber ich habe auf dem grossen Feld des Verbrechens gesehen, wie innerhalb all des Schlechten eine Ähre heranwächst, die so wunderbar ist, dass sich mein Herz darüber freut.

 

Schau Kind, wenn man lange gelebt und dermassen viel Schlechtes und Furchtbares in seinem Leben gesehen hat, glaubt man zuletzt, dass alles Gute zerstört worden ist. Der Herr jedoch gibt uns viele Male grosse Geschenke. Der Herr öffnet uns die Augen und die Ohren, damit wir diese ewigen und wunderbaren Dinge sehen und hören können.

 

 

 

Als sie nach Hause zurückgekehrt waren und das Frühstück eingenommen hatten, kam jemand bei ihnen vorbei. Es war der Polizeichef. Er fuhr mit seinem Auto vor. Bei ihm waren der Bauer und die Bäuerin vom Heikki-Hof.

 

 - Mutter, der Polizeichef hat etwas für dich. Er kam bei uns vorbei und bat uns, mit ihm zusammen bei dir vorbeizukommen

 

Die alte Bäuerin bat sie, Platz zu nehmen.

 

-  Worum geht es? wollte sie wissen.

 

-  Der Polizeichef besuchte uns und berichtete, dass in Bezug auf den Mord ein belastendes Moment vorliegt. Da bald die Gerichtsverhandlung stattfindet, braucht Erkki einen Verteidiger.

 

-  Warum braucht er einen Verteidiger, wenn er unschuldig ist? sagte die alte Bäuerin. – Dem Gerechten leuchtet das Leben immer in einem hellen Licht.

 

Gewiss, gewiss, sagte der Polizeichef.  - Ich bin immer fest davon überzeugt gewesen, dass am Schluss die Gerechtigkeit siegt. Aber im wahren Leben nützt es nicht immer, wenn man dies glaubt, besonders nicht vor einem Gericht. Da braucht es Leute, die verhindern, dass eine Ungerechtigkeit geschieht. Und dafür gibt es Anwälte.

 

-  Natürlich bin ich oft bei Gerichtsverhandlungen gewesen, sagte die alte Bäuerin. Ich glaube nicht mehr, dass die Anwälte diesbezüglich etwas ausrichten können. Viele Male habe ich gesehen, wie sie im Gesetz Schlupflöcher gesucht haben, durch die sie schlüpfen konnten. Und oft war es so, dass das Gesetz verbogen wurde – in welche Richtung auch immer.

 

-  Gewiss doch und sehr weise gesagt, meinte der Polizeichef und verbeugte sich höflich. - Ich habe es oft gehört und ich habe es auch selbst erlebt, dass die Bäuerin die Dinge sehr klar zu sehen vermag. Und darauf vertrauend bin ich zu Ihnen gekommen. Von Amtes wegen bin ich der Ankläger. Wenn sich die Pistole als jene erweist, mit der der Mord begangen worden ist und wenn es sich zudem zeigt, dass Heikki zu jener Zeit am Tatort gewesen ist, zu dem der Mord geschah, muss ich ihn festnehmen und anklagen. Das bedeutet natürlich nicht, dass der schuldig ist. Um sich zu verteidigen, braucht er aber einen Anwalt.

 

Ich habe die Angelegenheit grundsätzlich mit Richter Halla aus Helsinki besprochen. Er ist dafür bekannt, dass er gerade bei Strafprozessen besonders grosse Erfolge erzielt.

 

Will der Polizeichef damit sagen, dass er einen offensichtlich Schuldigen vor einer Verurteilung bewahren kann?

 

Habe ich dies gemeint?

 

Auch ich lese Zeitungen, sagte die alte Bäuerin. – Ich bin im Zusammenhang mit Rechtsangelegenheiten oft auf den Namen des Richters gestossen, und er hat oft die Sache der Angeklagten vertreten. Er hat sich auch für diese eingesetzt, wenn es offensichtlich war, dass sie die Tat begangen haben.

 

Die Bäuerin hat eine recht unzutreffende Vorstellung darüber, wie solche Rechtsangelegenheiten gehandhabt werden, sagte der Polizeichef. – Ich bitte um Verzeihung dafür, dass ich dies so formuliere.

 

Niemand darf verurteilt werden, wenn auch nur der geringste Zweifel an seiner Schuld besteht. Mit seinem Scharfsinn konnte Halla jeweils erkennen, wo ein Detail eines Beweises schwach gewesen ist, und das hat dazu verholfen, dass der Richter in seiner Beurteilung richtig gelegen ist. Wir können Menschen nicht verurteilen, wenn diese Beweise lückenhaft sind. Das ist ganz klar. Antti, der Knecht des Hofes, hat bei der ersten Befragung die Sache so dargestellt, dass alles darauf hingewiesen hat, dass er der Mörder gewesen ist.

 

Ich habe ihn seither mehrere Male befragt, doch er schweigt nach wie vor. Nur zu Beginn glaubte ich, dass er schuldig sei; das glaube ich nun nicht mehr. Aber auf Grund seines Verhaltens sind die Verdachtsmomente gegen ihn sehr belastend.

 

Aus alldem lässt sich schliessen, dass er jemanden schützt. Wer dies ist, wissen wir immer noch nicht, und er ist nicht dazu bereit, es uns zu sagen. Ich kann zwar von Rechtes wegen alles tun, was in meiner Macht steht, um ihn zu retten, weil ich glaube, dass er unschuldig ist. Doch wenn er weiterhin schweigt, muss ich ihn von Rechtes wegen auch anklagen.

 

Wie soll dies Erkki betreffen? sagte die alte Bäuerin. – Ein Mord wurde begangen und nicht zwei.

 

Ganz gewiss, ganz gewiss, sagte der Polizeichef. Aber weil gegen Antti schwache und gegen Erkki deutliche Indizien vorhanden sind, klagt das Gericht beide an, wenn ich nicht meine Behauptungen – oder besser gesagt, meine glasklaren Beweise zur Seite wischen will.

 

Wir haben eben davon gesprochen, dass das Recht aus eigener Kraft gewinnt. Wenn wir uns jedoch auf die Überlegungen der Leute abstützen, lässt es sich nicht vermeiden, dass ein Urteil falsch ausfällt. Ich habe gehört, dass die Nachbarin die Magd des Hofes beschuldigt, den Mord begangen zu haben. Wenn  also diese Nachbarin Recht sprechen würde, hätte sie diese Magd angeklagt. Gerade in solchen Fällen aber braucht es einen heldenhaften Anwalt, welcher erkennt, wo die Beweise lückenhaft sind.

 

Kann nicht der Polizeichef selbst diese Lücken aufzeigen? fragte die alte Bäuerin.

 

Der gewöhnliche Verstand sagt dies so, und das verstehe ich sehr gut, meinte der Polizeichef. – Aber ein Polizeichef muss immer jemanden anklagen. Er kann die Angelegenheit nicht abschliessen, denn er ist nicht der Richter. Erst das Gericht prüft die Angelegenheit und erst das Gericht fällt ein Urteil. Ginge ein Polizeichef so weit, dass er einen Unschuldigen als schuldig erklärte, könnte er nicht mehr Polizeichef sein. Und oft geschieht es, dass wir fest davon überzeugt sind, dass eine Person schuldig ist – und dass diese Person dann freigesprochen wird, weil keine genügenden Beweise vorliegen. Das Gerichtswesen ist in der Hinsicht schwierig, weil es selten jemanden gibt, der ein bestimmtes Verbrechen direkt beobachtet. Meine Verpflichtung als Polizeichef besteht darin, dass ich mit Hilfe meines Verstandes so gut als möglich die Details im Zusammenhang mit einer Tat zusammentrage; die Aufgabe des Richters ist es, alle diese Details zusammenzufügen und sich auf ihrer Grundlage eine Meinung zu bilden.

 

Dem Richter und auch den Schöffen hilft bei dieser Aufgabe ein fähiger Anwalt - besonders einer, der es gewöhnt ist, Verbrechen aufzuklären. Denn er zwingt uns alle – und damit auch mich – nach Beweise zu suchen, die schlussendlich die Angelegenheit aufklären.

 

Warum geht es hier um die Frage, ob dieser Anwalt zur Verteidigung von Erkki genommen werden soll oder nicht? fragte die alte Bäuerin.  

 

Als Richter haben die Eltern und Erkki Richter Koskenranta aus Helsinki erhalten, sagte der Polizeichef. – Er ist sicher bestrebt, den Mörder zu finden, und er wird sicher alle Beweise aufgreifen, die dazu führen können, dass der Schuldige verurteilt wird. Er wird sich ganz gewiss mit aller Kraft darauf konzentrieren, dass Erkki verurteilt wird. Ihm muss man gewiss einen sehr fähigen Mann gegenüberstellen, und einen anderen als Hall gibt es nicht.

 

Da er ein alter Bekannter von mir ist, kann ich ihm jenes Wissen vermitteln, das dazu verhilft, Erkki zu retten. Aber Leute wie der Richter Halla haben ihren Preis. Er verlangt 5000 Mark bis zur Gerichtsverhandlung. Wenn die Angelegenheit bei dieser ersten Gerichtsverhandlung aber nicht abgeschlossen, sondern weitergezogen wird, kommt eine erhebliche Geldsumme zusammen.

 

-  So reich sind wir jedoch nicht, sagte die Bäuerin vom Heikki-Hof. – Sie, Mutter sind jedoch begütert und könnten Erkki unterstützen.

 

 

 

Wenn Erkki schuldig ist, soll er verurteilt werden, sagte die alte Bäuerin. Wenn er unschuldig ist, sollen alle belastenden Indizien hinfällig werden.

 

Sie sind also bereit, uns zu helfen? wollte die Bäuerin vom Heikki-Hof von der alten Bäuerin wissen.

 

Ich lege mich noch nicht absolut fest, sagte die alte Bäuerin. Wir schauen zuerst, in welche Richtung die Untersuchung läuft. Es kann schon bei der ersten Verhandlung sein, dass der Schuldige gefunden wird.

 

Wenn dies nicht der Fall ist, können wir immer noch einen Aufschub verlangen. Sollte sich später zeigen, dass Erkki weiterhin Hilfe braucht, werde ich dazu meinem Beitrag leisten – selbst dann, wenn ich deswegen mein Haus verkaufen müsste. Ich bin mir nämlich sicher, dass Erkki unschuldig ist.

 

Damit sind wir nun einen Schritt weitergekommen, sagte der Polizeichef.

 

Ich bitte aber darum, dass Ihr niemanden berichtet, wie stark ich mich hier in die Angelegenheit eingemischt habe. In meiner amtlichen Funktion tue ich dies sonst nicht. Aber ich hege grosse Hochachtung diesem Hof gegenüber, und ich fühle mich ihm auch verbunden. Mein Respekt vor Ihnen, Bäuerin, ist denn auch aufrichtig – schon als sie eine junge Frau waren, habe ich Ihren scharfen Verstand beobachten können. 

 

Und ich bewundere aufrichtig Anna. Ich wage direkt zu sagen, dass ich mir schon von Anfang an gedacht habe, wie glücklich jener Mann sein muss, der eine Frau wie sie zur Braut erhält. Und ich muss auch eingestehen, dass ich, wenn sie nicht verlobt wäre, alles darangesetzt hätte, um ihre Zuneigung zu gewinnen. Wenn nun ihr eigener Bruder davor gerettet werden muss, verurteilt zu werden, ist klar, dass ich so helfen möchte, wie es irgendwie in meinen Möglichkeiten steht. Aber ich muss in dieser Angelegenheit sehr vorsichtig sein, denn wenn offensichtlich wird, dass ich mich auf die Seite von Erkki schlage, verschlimmert dies seine Lage sehr.

 

-  In dieser schweren Zeit sind Sie, Polizeichef, der einzige gewesen, der sich uns gegenüber freundlich verhalten hat, sagte der Bauer vom Heikki-Hof mit Tränen in den Augen.  – Alle anderen sind nur zu mir gekommen, um Neuigkeiten zu erfahren. Jeder von ihnen hat mehr erfahren wollen, und sie allen haben ihren Beteuerungen zum Trotz geglaubt dass Erkki schuldig ist und dass Antti seinetwegen die Schuld auf sich genommen hat. Und gestern wurde ziemlich direkt angedeutet, dass Antti auf diese Weise hofft, das Vermögen von Anna und damit auch den Hof zu erhalten.

 

Die Boshaftigkeit der Menschen ist sehr gross. Das hat die alte Bäuerin im Laufe ihres langen Lebens klar erkannt, sagte der Polizeichef. – Eine solche Schlussfolgerung mag verständlich sein; das ist mir gewiss klar, aber es wäre gefährlich, das Glück von Anni dadurch zu opfern, dass ihr Bruder ins Gefängnis kommt.

 

Sprechen wir nicht weiter über die Angelegenheit, sagte die alte Bäuerin. Es geht jetzt lediglich darum, dass wir den Täter finden.

 

Was hat Erkki ausgesagt?

 

 

 

Ich habe mit der Behörde in Helsinki gesprochen, sagte der Polizeichef.

 

Es steht fest, dass Erkki an jenem Abend, an dem der Mord geschah, seinen Urlaub vom Militär antrat. Er fuhr mit dem Auto in seine Gemeinde. Das Auto hat er sich von jemandem ausgeliehen.

 

Er kam um vier Uhr zu Hause an. Er traf jedoch seine Eltern nicht an. Er wollte anderswo hingehen und er war in Eile. Er sah seine Schwester Anna und bat sie, sie solle die Pistole holen. Er brauchte sie, da er in Helsinki an einem Schiesswettkampf teilnehmen wollte.

 

Anna brachte ihm die Pistole in den Stall, wo Erkki mit Antti sprach. Erkki fuhr dann mit dem Auto weiter ins Kirchdorf wo er sich mit Aino, der Tochter des Hofes, traf. Um 10 Uhr fuhr er wieder weg.

 

Er behauptet, dass er direkt nach Helsinki gefahren ist, ohne dass er nochmals bei seinem Hof vorbei ging. Auf dem Weg hat ihn natürlich niemand gesehen. Wir finden deshalb keine Zeugen, die bestätigen können, dass er zum Zeitpunkt des Mordes an einem anderen Ort gewesen ist – zum Beispiel unterwegs auf der Strasse nach Helsinki.

 

Die Pistole hatte er bei sich, als er auf dem Hof war. Daran erinnert er sich mit Gewissheit. Er nimmt an, dass er sie in seinen Mantel genommen hat. Da er aber in Helsinki keine Waffe hatte, scheint es ziemlich wahrscheinlich - ich sage nicht, dass es wahr ist, sondern nur, dass es wahrscheinlich ist -, dass er trotzdem nochmals beim Hof vorbei gekommen ist. Denn die Pistole wurde dort gefunden.

 

Die fragliche Waffe wurde ihm von der Untersuchungsbehörde in Helsinki gezeigt. Er bestätigt, dass es seine Pistole ist und dass es die gleiche Pistole ist, die er auf sich hatte, als er von zuhause wegging und in Uotila war,

 

 

 

Seine Behauptung, dass er zur Zeit des Mordes nicht zuhause war, steht wegen der Aussage des Schusters Berg auf schwachen Füssen. Dieser war sich schon von Anfang sicher gewesen, dass er auf der Strasse ein Auto gehört hatte.

 

Ich würde falsch handeln, wenn ich an dieser Stelle die Schlussfolgerungen der Untersuchung vorwegnehmen würde. Aber ich erkläre dies alles, damit Ihr sieht, wie schwer die Beschuldigungen auf Erkki lasten.

 

Sagte Erkki, wo er sein Auto abgestellt hat, als er am Abend nach Hause kam? fragte die alte Bäuerin.

 

Er sagt, er habe es nahe neben der Trockenscheune vom Matti-Hof abgestellt, antwortete der Polizeichef.

 

Es ist in der Tat schwer vorzustellen, dass es vom Tatort aus jemandem gelungen ist, in der sehr kurzen Zeit zum Auto zu gelangen, hält doch der Schuster Berg fest, dass er unmittelbar nach dem Schuss ein Auto gehört hat. Doch das ist ein Detail, und es ist gut möglich, dass sich der Schuster hier falsch erinnert und sich vor allem in Bezug auf die Zeit täuscht. Auf jeden Fall belastet auch dieses Auto Erkki schwer.

 

Ist es möglich, dass ein anderes Auto dort war? fragte die alte Bäuerin. Hat jemand daran gedacht, dass möglicherweise der Mörder zusammen mit Matti zum Haus gekommen ist?

 

-  Daran hat man natürlich gedacht, sagte der Polizeichef. Aber niemand weiss, auf welche Weise Matti zum Hof gekommen ist.  Er ging von zu Hause weg, ohne dass er sagte, wohin er zu gehen gedachte.

 

-  Mag sich niemand daran zu erinnern, um welche Zeit er gegangen ist? wollte die alte Bäuerin wissen.

 

Die Eltern können es nicht genau sagen, meinte der Polizeichef. Sie erinnern sich daran, dass er etwa um halb Zehn gegangen ist. Ganz sicher sind sie sich jedoch noch nicht, weil sie sich nicht darauf geachtet haben.

 

Matti ist um halb Zehn gegangen. Der Mord ist um zehn Uhr erfolgt. Matti hätte den ganzen Weg rennen müssen. Anders wäre es ihm nicht möglich gewesen, zum Zeitpunkt des Mordes am Tatort zu sein, sagte die alte Bäuerin scharf.

 

Wenn jemand das Dorf verlässt, herrscht auch am Abend noch Verkehr. Jemand hätte ihn sehen müssen. Hat man dies untersucht?

 

Ich muss zugeben, dass man dies nicht getan hat, bekannte der Polizeichef. Diese Angelegenheit weist dermassen viele Gesichtspunkte auf, dass man diesen nicht beachtet hat.

 

Nach meiner Einschätzung ist es einer der wichtigsten Gesichtspunkte, erwiderte die alte Bäuerin.

 

Ganz genau, ganz genau, meinte der Polizeichef. Ich werde sofort veranlassen, dass man der Frage nachgeht, wer Matti gesehen hat und um welche Zeit dies gewesen ist.

 

Ich verstehe nicht, warum man dieser Frage nicht nachgegangen – der Frage nämlich, wann und wie Matti von zuhause aus an jenen Ort gelangt ist, an dem er ermordet worden ist, meinte die alte Bäuerin. Wenn er den ganzen Weg zu Fuss gegangen ist, muss ihn jemand bemerkt haben, schliesslich kennt man ihn am Ort. Wenn er  mit dem Pferd geritten oder mit einem Auto gefahren ist, müsste man auch dies aufklären. Da muss ihn jemand gesehen haben.

 

Nach dieser Person muss man suchen, und ich bin mir sicher, dass man sie findet, wenn man richtig sucht.

 

Das ist sehr klug, und auch sehr folgerichtig geschlossen, sagte der Polizeichef. Fügen wir dem noch bei, dass Matti von jemandem mit dem Auto hätte gebracht werden können.

 

Es kann gut sein, dass diese Person Matti unbekannt war. Und da bislang in den Zeitungen noch nichts über den Mord geschrieben worden ist, liegen amtlicherseits zu dieser Frage keine Informationen vor. Wenn es sich so verhalten hat, zweifle ich allerdings, dass sich diese Person auch wirklich melden würde – schliesslich haben alle Leute Angst davor, in einen Mordfall verwickelt zu werden.

 

 

 

BIS HIER AUF GRUND SCRIFTLICHEN TEXT KORRIGIERT 26 9 2019

 

 

 

 

 

Ich möchte sagen, dass hier ein heikler Punkt liegt. Wenn für einmal klar ist, wie Matti hierhin gekommen ist, klären sich auch viele andere Punkte auf.

 

Ganz genau, ganz genau, entgegnete auch hier der Polizeichef. Doch da es mir eine Ehre und eine Freude ist, die Angelegenheit in einem solch intelligenten Kreis von Leuten zu erörtern, möchte ich nun gerne das Gespräch fortführen.

 

 

 

Die Pistole ist von der Untersuchungsbehörde in Helsinki untersucht worden, meinte der Polizeichef.  Man hat herausgefunden, dass sich auf ihr die blutigen Fingerabdrücke von Antti befinden.

 

Befinden sich auch Fingerabdrücke von Erkki auf der Pistole? fragte die alte Bäuerin.

 

Nein.

 

Heisst dies, dass er nicht am Mord beteiligt gewesen ist?

 

Nein. Der Autobesitzer hat Erkki Handschuhe gegeben, die Erkki, wie er aussagt, während des Fahrens getragen hat. So bleiben natürlich keine Fingerabdrücke zurück, Ich sage ohne Umschweife, dass die Sache mit den Fingerabdrücken für Erkki höchst unangenehm ist.

 

Weist die Pistole besondere Merkmale auf?

 

In der Tat ja, antwortete der Polizeichef.

 

Ich berichte, was ich am Telefon gehört habe; eine amtliche Bestätigung liegt noch nicht vor. Mir wurde gesagt, dass sich am Ort, an dem sich die Pistole befand, Stroh vorhanden sein muss, weil sich auf den blutigen Fingerabdrücken von Antti verschiedene Roggenkrümel befinden.

 

Als ich heute zu dem Ort ging, schaute ich mir die Strasse in der Nähe des Tatortes näher an und stellte fest, dass dies zutrifft. Denn kürzlich wurde Roggen in das Haus gebracht. Bei der Ecke der Scheune, nahe bei dieser Gasse, die zum Stall führt, ist von einer Fuhre Roggen heruntergefallen.

 

Nach seiner Tat ist der Mörder also an dieser Stelle geflohen. Dabei hat er die Pistole weggeworfen.

 

Er warf sie so weit als möglich weg. Aber sie fiel genau dort hinunter, wo das Stroh gewesen war. Wäre die Pistole, wie es die Absicht des Mörders war, in den Schlamm geworfen worden, hätten wir keine Fingerabdrücke gefunden.

 

Weist die Pistole weitere besondere Merkmale auf?

 

Das ist der Fall.  Ich sage wiederum nur das, was ich telefonisch gehört habe, und dies ist so lange fraglich, bis das entsprechende Gutachten bei uns eintrifft: Auf der Pistole befinden sich noch andere Fingerabdrücke. Und diese sind fettig.

 

Weiss man, um welche Art Fett es sich handelt?

 

Die entsprechenden Untersuchungen sind noch nicht abgeschlossen. Es gibt aber Hinweise darauf, dass es sich um Fett eines Autos handelt; so sagte man mir jedenfalls.

 

In Helsinki hat man sicher eine Sammlung von Fingerabdrücken, die von früheren Verbrechen stammen. Man wird sich in Helsinki diese Sammlung ansehen. Es ist möglich, dass der Mord von einem Berufsverbrecher begangen worden ist, der auf irgendeine Weise in den Besitz der Pistole von Erkki gelangt ist. Sollte man solche Fingerabdrücke finden, käme dies Erkki sehr zu gute. Seine Unschuld wäre dann erwiesen.

 

Ich mache mir aber keine grossen Hoffnungen, dass man auch wirklich solche Fingerabdrücke findet.

 

Eine Möglichkeit gibt es allerdings noch: Es könnte sich auch um die Fingerabdrücke von Kommissar Salo handeln. Er hat die Pistole zu sich genommen.

 

Andererseits behauptet er, dass er sich so verhalten hat, wie die Richtlinien dies vorschreiben. Aber niemand von uns erinnert sich immer ganz genau an alle entsprechenden Richtlinien.

 

Es könnten aber auch die Abdrücke von Kalle sein, der als erster die Pistole im Stall gefunden hat. Die Untersuchung wird dies alles aufklären. Ich habe darum ersucht, dass die Person, die die Untersuchung des Verbrechens vornimmt, ebenfalls zur Gerichtsverhandlung kommt. So kann sie vor Ort weitere Untersuchungen vornehmen.

 

Wenn man jene Person nicht findet, deren Fingerabdrücke auf der Pistole sind - wie geht man dann vor?  fragte die alte Bäuerin.

 

Wir werden den Mörder in diesem Fall nicht eindeutig identifizieren können, und die Fingerabdrücke, die wir gefunden haben, führen nirgendswohin.

 

Das rettet Erkki also nicht?

 

Er müsste in diesem Falle angeben, wer die Pistole berührt hat. Und wir müssten diese Person genau befragen und abklären, ob Erkki die Wahrheit sagt. Diese andere Person kann uns dann sagen, ob sie die Pistole auf dem Tisch des Uotila-Hofs gesehen hat oder nicht.

 

Damit ist die Sache klar. Jene Person, die neben denjenigen von Antti ihre Fingerabdrücke auf der Pistole hinterlassen hat, ist nichts zwangsläufig schuldig, sofern sie aufzeigen kann, wie die Pistole zu ihr gelangt ist. Wenn zum Beispiel Kommissar Salo die Pistole in seine Hände genommen hat, als er deren Lauf berührte, beweist dies nicht, dass er den Mord begangen hat. Ich könnte die Pistole auf die gleiche Art und Weise berührt haben, und es wäre natürlich lachhaft, wenn man mich beschuldigte, dass ich der Mörder von Matti bin.

 

 

 

Die Bäuerin vom Heikki-Hof sagte:

 

 - Das wäre eine gemeine Beschuldigung. Ebenso gut könnte man annehmen, dass Väinö den Mord begangen hat.  

 

Sie wissen, wie vorsichtig man vorgehen muss, wenn man ein Verbrechen untersucht, meinte der Polizeichef. Sie wissen auch, wie leicht man jemanden beschuldigen kann - so könnte man ohne Weiteres auch Kalle, den Bruder von Erkki, des Mordes verdächtigen.

 

Warum denn? wollte die Bäuerin vom Heikki-Hof wissen.

 

Er ist übermässig stark daran interessiert, diese Angelegenheit zu untersuchen, antwortete der Polizeichef. Das ist immer ein deutliches Merkmal. Wer kümmert sich um eine Sache, wenn er nicht irgendwie mit ihr zu tun hat?

 

Ich habe festgestellt, dass er auf eigene Faust Untersuchungen angestellt hat. Das könnte er getan haben, um wichtige Indizien verschwinden zu lassen. Zudem hat er das eine oder andere Mal den Kommissar Salo ausgequetscht. Das mag ich nicht, wie ich unumwunden zugeben muss.

 

Jede Amtsperson, die die Sache untersucht, hilft weiter, sonst würde sie nicht aktiv werden. Jeder Aussenstehende aber bringt die Untersuchung durcheinander – eine Untersuchung, die zu ihrer Durchführung eine besondere Begabung und natürlich auch besondere Techniken erfordert.

 

 

 

Der Junge hat sich zu den Untersuchenden gesellt, weil er irgendwelche Erzählungen über Verbrechen gelesen hat und sich nun vorstellt, dass auch er zu jenen gehört, die geschult worden sind und die vor allem auch über diese spezielle Begabung verfügen.

 

Wenn sich Kalle wie ein Sachverständiger verhält, muss ich ihm auf die Finger klopfen. Ich habe sehr wohl gemerkt, dass er ein begabter Junge ist, aber er muss seine Begabung unter der Leitung einer Amtsperson einsetzen, damit wir zu einem guten Ergebnis gelangen.

 

-  Ist Ihnen, Polizeichef, nie durch den Kopf gegangen, dass ein ehrlicher Mensch versucht, einen anderen ehrlichen Menschen aus einer misslichen Lage zu befreien? fragte die Bäuerin.

 

Die Seele dieses ehrlichen Menschen können Sie retten, wenn Sie dies möchten. Doch wenn es um ein Verbrechen geht, ist es nicht zu empfehlen, dass sich Laien in die Angelegenheit einmischen. Wenn sich jedermann in die Angelegenheit einmischt, kommt es am Schluss so heraus, wie es herausgekommen ist, als sich die Frauen versammelten und auf Kirst losgingen. Wäre die Lynchjustiz in unserem Lande erlaubt, hätte man sie an Ort und Stelle erschlagen. Und alle hätten geglaubt, dass die Suche nach dem Täter oder der Täterin zu einem Abschluss gebracht worden sei.

 

Ich bin nur eine schlichte Frau vom Lande, sagte die alte Bäuerin. Aber ich habe mir immer gedacht, dass jeder Beruf bei einem Menschen Spuren hinterlässt. Der Schuster schaut nur auf die Schuhe, die ein Mensch trägt und der Schneider hat nur ein Auge für die Kleider eines Menschen. Wäre es nicht denkbar, dass die, die Verbrechen untersuchen, glauben, dass jeder Mensch fähig ist, einen Mord zu begehen?

 

Jeder Mensch ist fähig, ein Verbrechen zu begehen, entgegnete der Polizeichef, wenn bei ihm der Antrieb dazu genügend gross ist. Eine Kränkung, ein verletztes Selbstbewusstsein, eine nichterwiderte Liebe – all dies kann dazu führen, dass auch ein bislang ehrenhafter Mensch ein scheussliches Verbrechen begeht.

 

Gibt es nicht jemanden, der die Menschen schützt? fragte die alte Bäuerin. Ich bin mir immer sicher gewesen, dass wir uns auch in unseren schwachen Stunden auf Gott verlassen können. Er ist unser Schutz und unsere Sicherheit – auch uns selbst gegenüber.

 

Der Polizeichef verbeugte sich der alten Bäuerin gegenüber.

 

Ich möchte keineswegs die religiösen Gefühle der Bäuerin verletzen. Aber ich habe oft feststellen müssen, dass auch Menschen, die sich als gläubig bezeichnen und die denn auch an Gott glauben, fähig sind, alle denkbaren schlimmen Taten zu begehen, wenn sie in Versuchung geführt werden.

 

Dann sind sie jedoch nicht wirklich gottesfürchtig, meinte die alte Bäuerin. Dann sind sie Menschen, die das Wort Gottes zwar empfangen haben, die aber den Glauben als ein Kleid betrachten, unter dem sie ihre Schlechtigkeit verbergen.

 

Aber es ist wohl vergeblich, wenn ich dies so sage - Sie und ich sehen die Sache ganz anders.

 

Der Polizeichef fühlte sich betroffen.

 

Ich bedauere es sehr, wenn die Bäuerin glaubt, dass ich mich über alle moralischen Überlegungen und über alle Dinge des Glaubens lächerlich mache und davon ausgehe, dass unser Land voller Schlechtigkeit ist. Fern sei mir eine solche Überlegung! Ich habe viele Menschen kennen gelernt, die nicht fähig sind, Böses zu tun, weil ihre Gedanken rein und schön sind. Es sind Menschen, die durch das finstere Tal des Lebens schreiten und die umgeben von wilden Tieren sind, ohne dass ihnen Böses geschieht – ich bin überzeugt, dass zum Beispiel Anna ein solcher Mensch ist.

 

 

 

Der Polizeichef erhob sich.

 

Ich muss Sie nun verlassen, sagte er, Amtsgeschäfte warten auf mich. Ich bin sehr zufrieden mit meinem Besuch hier. Ich habe vernommen, dass wir, wenn es notwendig ist, einen guten Anwalt beiziehen können, der Erkki hilft. Und zudem habe ich sehen können, wie tiefgründig und scharfsinnig sich die Bäuerin über diesen Mord Gedanken gemacht hat. Ich darf annehmen, dass die Bäuerin, gestützt auf ihre Lebenserfahrung und ihre Menschenkenntnis, diesen Mord aufzuklären vermag. Bestimmte Hinweise, die ich erhalten habe, haben mir neue Kräfte verliehen, und darüber bin ich sehr dankbar.

 

Die Bäuerin stand mit zusammengekniffenen Lippen da. Ihre faltigen Wangen waren rot.

 

Ich kann mich nicht auf eine passende Art und Weise mit den gleichen Worten ausdrücken, wie der Polizeichef dies getan hat, sagte sie. Ich möchte nur noch eine Sache erwähnen.

 

 -  Die Bäuerin möge so gut sein.

 

 - Wenn ich zur Gerichtsverhandlung komme und darlege, wer der Schuldige ist?

 

-  Sie werden bezeugen, wer der Schuldige ist?

 

Ja

 

-  Sie kennen ihn also?

 

-  Ich kenne ihn.

 

-  Wer hat es Ihnen gesagt?

 

- Mein Herr und Gott hat es mir mitgeteilt, denn er weiss und sieht alles.

 

 

 

Die Bäuerin darf während der Gerichtsverhandlung sehr wohl bekanntgeben, was Gott ihr mitgeteilt hat, sagte der Polizeichef.

 

-  Natürlich besitzt sie durchaus das Recht dazu. Aber wenn die Bäuerin etwas verschweigt, was zur Aufklärung des Verbrechens führen könnte, kann dies zu Unannehmlichkeiten führen. Ich würde ihr den guten Rat geben, dass die Bäuerin ihren Verdacht nicht selber nschgeht, sondern diesen mir meldet. Es wäre besser, nicht im hohen Alter zum Gespött der Leute zu werden.

 

Der Mensch wird gewiss nie zum Gespött, wenn er das tut, was ihm der Herr aufgetragen hat.

 

Natürlich nicht, antwortete der Polizeichef.  - Aber sehr oft fassen die Menschen ihren eigenen Willen als den Befehl Gottes auf. Das hat man in unserem Land viele Male beobachten können. Ich möchte hier nicht über diese Angelegenheit streiten. Wenn das Verbrechen aufgeklärt ist, können wir darüber in aller Ruhe sprechen; vielleicht gibt es für mich sehr vieles, von dem ich zu profitieren vermag.

 

 

 

Der Polizeichef verbeugte sich höflich vor der alten Bäuerin und ging zusammen mit der Bäuerin und dem Bauern weg.

 

 

 

Die alte Bäuerin stand lange da. Dann setzte sie sich. Sie zitterte heftig.

 

 

 

Anna hatte dem Gespräch zugehört. Sie hatte erst jetzt erfahren, was man ihrem Bruder vorwarf. Sie wandte sich an die alte Bäuerin und sagte weinend:

 

 

 

Nun beschuldigen diese gefühlsrohen Leute Erkki des Mordes.

 

Beruhige dich, Erkki ist unschuldig.

 

Aber sie haben ihn verhaftet.

 

Der Herr öffnet seinem Gefangenen die Türe. Gehe in dein Zimmer, nimm die Bibel hervor und lies dort nach, wie der Apostel Peter in der Gefangenschaft sitzt und wie die Engel kommen und ihn retten.

 

Dieser Polizeichef spricht mit süsser Stimme und weckt böse Gedanken. Aber der Gerichtstag ist noch nicht gekommen, und noch ist dein Bruder nicht verurteilt worden.

 

Anna vermochte nichts mehr zu sagen und verliess wortlos das Zimmer.

 

 

 

Die alte Bäuerin setzte sich an ihr Spinnrad. Aber sie konnte den Faden nicht in ihren Fingern halten. Auch gelang es ihr nicht, dass Spinnrad gleichmässig zu bewegen. Sie riss den Faden ab und sprach mit sich selbst:

 

Süss wie eine Schlange und niederträchtig wie eine Schlange, Ich würde mich nicht einmal wundern, wenn er selbst den Mord begangen hätte.

 

Sie zuckte wegen ihrem eigenen Gerede zusammen, faltete die Hände und betete:

 

Mein Gott, verzeihe mir; ich darf meinem Nächsten gegenüber kein falsches Zeugnis ablegen.

 

Sie fühlte sich sehr müde, ging zu Bett und fiel in einen erholsamen Schlaf.

 

So traf sie Kalle an, der zu ihr ins Haus gekommen war.

 

Er sass auf dem Stuhl vor dem Bett und schaute der Schlafenden zu, ohne dass er auch nur daran dachte, sie zu wecken. Eine halbe Stunde lang wartete er, bis die alte Bäuerin endlich ihre Augen aufschlug.

 

Wie haben Sie geschlafen? fragte er.

 

Da bist du ja, sagte die alte Bäuerin und setzte sich in ihrem Bett auf.  Ich hatte kurz vor dem Erwachen ein dermassen angenehmes Gefühl, wie wenn ein geliebter Freund am Bettrand sitzen würde. Und nun ist niemand anderes hier als ein geliebter Freund, wenn ich dich sehe. Ich fühle mich sehr erholt.

 

Der Polizeichef war hier. Dieser Mensch spricht dermassen zuckersüss, dass man sich nachher gerne die Hände wäscht, weil sie sich so klebrig anfühlen.

 

Kalle schaute sich im Zimmer um und stellte sicher, dass ihm niemand zuhörte.

 

Der Kassierer hat mir angerufen. Er hat mir aufgetragen, Ihnen zu sagen, dass   Banknoten zur Bank zurückgebracht worden sind.

 

Die alte Bäuerin sass einen Moment bewegungslos da.

 

Sagte er, wer die Noten auf die Bank gebracht hat?

 

Das sagte er nicht. Er hat mir nur gesagt, ich solle es Ihnen mitteilen.

 

Dir hat er nicht vertraut?

 

Vielleicht getraut er sich nicht, weil ihm am Telefon jemand hätte zuhören können.

 

Er ist ein kluger und vorsichtiger Mann. Sagte er wirklich, dass Banknoten zurück in die Bank gekommen sind?

 

Nicht genauso. Er sagte, dass fünf Lämmer gefunden worden sind.

 

Klug formuliert. Da ich selber Lämmer besitze, kann niemand daraus etwas ableiten. Hat er mich aufgefordert, zu ihm zu kommen?

 

Das hat er nicht. Vielleicht rechnet er damit, dass Sie kommen.

 

Am besten ist es, wenn du allein gehst. Wenn sofort etwas zu tun ist, kannst du das besser als ich.

 

Die alte Frau sass eine lange Zeit da. Sie hatte die Hände gefaltet und überlegte.

 

Nimm ein Pferd aus dem Stall und reite schnell zur Bank, sagte sie schliesslich. Du kannst den Hengst nehmen.

 

Ich nehme das Fahrrad, beschied Kalle. Wenn ich mich im Dorf aufhalte, ist es für mich einfacher, es irgendwo abzustellen.

 

Das stimmt natürlich. Aber ich weiss nicht, wie wir vorgehen sollten und was du nun tun musst. Du wirst Geld brauchen, damit alles glückt, und zwar reichlich. Geld ist zuweilen eine gute Sache. Mit seiner Hilfe kann man die Menschen in Bewegung setzen.

 

Die alte Bäuerin ging zum Tisch. Aus der Schublade nahm sie einen Geldbeutel hervor. Für zuhause brauche ich keine grossen Summen, aber es sind immerhin 5000 Mark. Nimm sie und brauche sie so, wie du es gut findest. Verschwende es nicht, aber halte dich auch nicht damit zurück, wenn es notwendig ist. Verwende es auf eine sinnvolle Art und Weise und präge dir die Summe in dein Gedächtnis ein.

 

Kalle lächelte darüber, wie die Achtsamkeit der Bäuerin in so einem ernsten Moment zum Vorschein kam.

 

Die alte Bäuerin schaute ihn an und sagte:

 

Du solltest alles aufklären, und du solltest es vorsichtig tun. Niemand darf es merken. Auch der Polizeichef darf nichts davon erfahren.

 

Warum nicht?

 

Als er hier war, hat er sich darüber beklagt, dass du dich in die Abklärungen einmischst. Er hat gemerkt, dass du den Dingen nachgehst. Das mag er überhaupt nicht. Wenn er nun noch feststellt, dass du dem Mörder auf der Spur bist, tut er alles, was in seiner Macht steht, damit du beim Gericht nicht den Mörder überführst und die Lorbeeren für dich einheimst. 

 

Seine Selbstverliebtheit ist dermassen gross, dass er eher einen Unschuldigen ins Gefängnis bringt als dass er einen Fehler zugibt.

 

Aber sprechen wir nicht über Dinge, die unnütz sind. Mach dich besser auf den Weg.

 

Ich selber habe eigentlich gar nichts gesprochen, entgegnete Kalle und lachte.

 

Warte du nur, sagte die alte Bäuerin. Der Polizeichef hat alles genau erklärt. Aus dem, was er sagte, wird deutlich, dass er einen Schluss gezogen hat: Er geht davon aus, dass der Mörder mit Matti im gleichen Auto zum Tatort gefahren ist. Es war jenes Auto, dessen Abdrücke du hast. Wenn man weiss, wer die Noten zur Bank gebracht hat, muss man abklären, wo diese Person in der Mordnacht gewesen ist.  Und man muss auch abklären, ob und wenn ja mit welchem Auto sie gekommen ist. Wenn es dir nicht auf diese Weise klar wird, musst du die Reifen jener Autos untersuchen, die man im Dorf verwendet. Und wenn dies auch nichts hilft, musst du versuchen, weitere Mittel zu finden. Du darfst nicht aufgeben, bevor du nicht die entsprechenden Beweise gefunden hast,

 

Und noch etwas: Viele Leute gehen nicht zu einer Gerichtsverhandlung, weil die Vergütung dafür so klein ist. Versprich deshalb jedem, den du zur Gerichtsverhandlung aufforderst,  nein, nein, fordere sie nicht dazu auf, sondern bitte sie zu kommen, das tönt besser – zahle jedem, den du bittest, zur Gerichtsverhandlung zu kommen,  im Voraus 200 Mark und versprich ihm, nochmals die gleiche Summe nach der Gerichtsverhandlung zu zahlen. Zahle nicht die ganze Summe im Voraus. Es kann sein, dass sie dann nicht zur Verhandlung erscheinen.

 

Erkläre den Leuten nicht, warum du sie bittest, zur Verhandlung zu kommen.

 

Ich möchte, dass du während der Gerichtsverhandlung weise wie der Polizeichef bist, auch wenn dieser noch so viele Schulen besucht hat. Und nun gehe.

 

Kalle war schon bei der Türe, als ihn die alte Bäuerin zurückrief.

 

Informiere mich noch heute. Nimm das Auto, das am schnellsten ist. Wenn du verspätet bist oder wenn du nicht fahren kannst, nimm dir ein Taxi. Wenn ich schlafen sollte, klopfe an das Fenster dieses Zimmers. Dann weiss ich, dann du gekommen bist.

 

Als Kalle gegangen war, setzte sich die alte Bäuerin in ihren Stuhl, faltete ihre Hände und betete.


 

 

SECHSTES KAPITEL

 

 

 

 

 

Die alte Bäuerin las in der Bibel. Draussen war es schon dunkel. Sie hörte, dass jemand an ihr Fenster klopfte. Sie ging zum Fenster. Auf dem Hof stand Kalle, der ihr eifrig winkte. Sie öffnete die Türe und Kalle trat ein.

 

Sie sehen nun den Menschen, der die Fäden wegen des Mordes in den Händen hält, rief Kalle und drückte der alten Bäuerin die Hand.

 

Ist bekannt, wer der Mörder ist? fragte diese.

 

Ich habe jedenfalls nicht mit ihm gesprochen. Die Sache ist dermassen wichtig, dass ich den Paukenschlag für die Gerichtsverhandlung aufsparen möchte.

 

Was für ein Paukenschlag?

 

Jener, dass der Polizeichef selbst den Mord begangen hat.

 

 

 

Kalle schaute stolz drein und genoss es, der alten Bäuerin diesen Sachverhalt mitzuteilen.

 

Nachdem die alte Bäuerin aber keineswegs erfreut dreinblickte, fragte er:

 

Sie glauben mir nicht?

 

Du hältst mich zum Narren, antwortete sie.

 

Der Polizeichef hat mit dem Mord lediglich deshalb zu tun, weil er herausfinden will, wer ihn begangen hat und weil er daran scheitert.

 

Aber hören Sie doch. Ich kann nachweisen, dass er es war.

 

Also. Ich ging zur Bank. Der Kassierer zeigte mir die Noten. Es sind zweifellos jene, die Sie markiert haben: Die Nummern sind korrekt, und auch bei den Löwen auf den Banknoten ist Ihr Merkmal angebracht. Die Banknoten sind beschmutzt – es sind also keine absolut neuen.

 

Und nun raten Sie, wer sie zur Bank gebracht hat?

 

Ich weiss, wer sie präpariert hat. Aber ich weiss nicht, wer sie zur Bank gebracht hat.

 

Der Polizeichef hat sie gebracht. Er hat für 10‘000 Mark ein Auto gekauft, und nun leistete er dafür eine Teilzahlung. Das beweist ganz klar, dass er der Mörder ist.

 

Da ist keineswegs klar. Es ist gut möglich, dass er die Banknoten von jemand anderem erhalten hat.

 

Von wem denn?

 

Zum Beispiel vom Mörder.

 

Wenn wir von ihm erfahren, wie die Noten zu ihm gekommen sind, sind wir auf dem richtigen Weg.

 

Nur: Hätte der Polizeichef den Mord begangen, wäre er sicher vorsichtiger gewesen. Er hätte die Noten nicht ausgerechnet zu jener Bank zurückgebracht, von der sie in Umlauf gebracht worden sind.

 

Höre, mein Junge, auf die frommen Gedanken einer alten Frau.

 

Der Polizeichef ist eine Amtsperson. Von da her besitzt er immer Geld. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, die fraglichen Noten in die Amtskasse zu tun und sie in andere Noten umzutauschen, die er dann zur Bank brachte. Sicher war ihm klar, dass er an diesem Tag eine Teilzahlung würde leisten müssen und sicher hätte die fraglichen Noten sogar in Helsinki umtauschen können.

 

Da er jener ist, der das Verbrechen untersucht, begeht er sicher keine groben Fehler. Gerade die Sache mit den Noten zeigt, dass der Mörder keine besonders kluge Person ist, die es auf eine geschickte Art und Weise versteht, ihre Spuren zu verwischen.

 

Bis jetzt aber ist es ihm meisterhaft gelungen, seine Spuren zu verwischen, behauptete Kalle.

 

Sicher?

 

Jedenfalls sind wir ihm noch nicht auf die Schliche gekommen.

 

Weil wir ihn die ganze Zeit entlang eines Weges gesucht haben, der verschlungen ist.

 

Diese Banknoten sind allerdings nicht das einzige Indiz dafür, dass der Polizeichef schuldig ist, beteuerte Kalle.

 

Hast du sogar noch bessere Indizien?

 

Ja, und sie stützen sich auf Ihrer Klugheit ab.

 

Lass hören und erzähle.

 

Nachdem ich mich davon überzeugt hatte, dass der Polizeichef den Mord begangen hat, fuhr Kalle fort, schloss ich, dass er sich mit Matti getroffen hat. Es ist von da her ganz natürlich, dass die beiden zusammen mit dem Auto des Polizeichefs zum Tatort gefahren sind.

 

Und der Polizeichef, der ganz genau weiss, dass man die Spuren erkennen kann, die auf ein bestimmtes Auto verweisen– dieser Polizeichef nimmt ausgerechnet sein eigenes Auto, um die Tat zu begehen? sagte die alte Bäuerin.

 

Als sie gingen, hat der Polizeichef überhaupt noch gar nicht die Absicht gehabt, einen Mord zu begehen, sagte Kalle.

 

Er erschoss Matti und stahl das Geld – aus Gründen, die wir noch nicht kennen, die wir aber herausfinden werden. Als er merkte, dass seine Tat ruchbar werden könnte, entschloss er sich dazu, alle denkbaren Spuren zu verwischen. Er erinnerte sich in erster Linie an die Spuren, die die Reifen des Autos hinterlassen haben. Als er nach Hause kam, wechselte er exakt den hinteren rechten Reifen seines Autos aus.

 

Woher weisst du das?

 

Der Polizeichef selbst besitzt keine passende Hütte, in die er sein Auto einstellen kann. In der Nähe befindet sich ein Baumeister. Ihm gehört in der Nähe der Strasse eine Hütte, die er jedoch nicht mehr braucht. Der Polizeichef hat diese Hütte gemietet und benutzt sie als Unterstand für sein Auto.

 

Als ich erfuhr, dass der Polizeichef das Geld zur Bank gebracht hatte, ging ich natürlich sofort zu seinem Auto.

 

Zum guten Glück traf ich diesen Baumeister. Er heisst Lehto. Als ich kam, stand er an einem Schraubstock und brachte irgendwelche Geräte in Ordnung. Wir kamen ins Gespräch.

 

Ich erkundigte mich bei ihm über das Auto. Er erzählte mir, dass genau jenem Abend, an dem der Mord geschah, der Polizeichef in Eile war und ihn um Hilfe bat. Ein Reifen seines Autos war defekt. Und da er bald wegfahren musste, bat er Lehto, ihm beim Radwechsel zu helfen.

 

Lehto zeigte mir den Reifen. Es ist zweifellos jener, der sich an dem Auto befand, das auf dem Hügel gestanden hatte. Der Reifen wies den gleichen Defekt auf.

 

Hast du Lehto eine bestimmte Sache gefragt, nämlich, ob der Polizeichef sein Auto immer in dieser Hütte unterstellt?

 

 Das habe ich. 

 

Und was sagt er?

 

Wenn es schönes Wetter ist, stellt der Polizeichef sein Auto während des Tages neben der Hütte ab.

 

Das stimmt, sagte die alte Bäuerin. Als ich ins Dorf ging, sah ich das Auto dort stehen.

 

Aber das heisst gar nichts.

 

Es bedeutet, dass jemand, der dazu das Recht hat oder zumindest glaubt, er habe das Recht dazu, das Auto genommen und dann wieder zurückgebracht hat. Oder glaubst du, dass der Polizeichef nach dem Mord ins Dorf zurückgekehrt ist und einen Zeugen eingeladen hat, den Reifen zu wechseln? Ihm war doch klar, dass Lehto einen zuverlässigen Zeugen abgeben würde.

 

Oder gar der wichtigste Zeuge überhaupt, meinte Kalle. Lehto kann bestätigen, dass der Polizeichef genau dann im Dorf gewesen ist, als das Verbrechen geschah.

 

Er hat beim Reifenwechsel dem Polizeichef geholfen - und zwar ganz genau bei jenem Reifen, dessen Abdruck hinter dem Stall zu sehen war, sagte die alte Bäuerin.

 

Der Polizeichef hat bemerkt, dass er einen Fehler gemacht hat, und deshalb hat er mit allen Mitteln versucht, die Aussage des Schusters als unbegründet hinzustellen, sagte Kalle.  Er wollte auch nicht jene Aussage ins Protokoll aufnehmen gemäss der der der Schuster unmittelbar nach dem Schuss gehört hat, wie ein Auto weggefahren ist.

 

Als er für einmal seine eigenen Überlegungen zum Verbrechen angestellt hatte, wies er jeden Hinweis zurück, der nicht zu seinen Überlegungen passte.

 

Sie glauben also wirklich nicht, dass der Polizeichef der Schuldige ist?

 

Nein, das glaube ich nicht. Er ist ein selbstverliebter, prahlerischer Mensch. Ich mag ihn nicht, weil er alles mit dermassen süsser Stimme sagt.

 

Und trotzdem: Ich glaube trotzdem nicht, dass er ein verbrecherischer Mensch ist. Wie sollte er wegen 30‘000 Mark Matti ermorden? Ein dermassen selbstbewusster Mensch setzt nicht wegen einer solchen Summe seine Karriere aufs Spiel.

 

Und wenn es einen anderen Grund gegeben hat?

 

Welchen Grund?

 

Wenn der Polizeichef Anna geliebt und deswegen Matti aus dem Weg hätte räumen wollen?

 

Du liest zu viele von diesen Romanen; deshalb denkst du so etwas, sagte die alte Bäuerin. Wenn du dir deiner Sache so sicher bist, so sage mir doch, wie der Polizeichef zu der Pistole von Erkki gekommen ist.

 

Ich war auf Uoti-Hof. Niemand hat dort den Polizeichef gesehen, das kann ich bezeugen. Aber er hätte am Vorzimmer vorbekommen kommen und die Pistole sehen können. Dann hätte er sie an sich genommen.

 

Wenn der Polizeichef Matti hätte erschiessen wollen, hätte er dazu keine fremde Waffe gebraucht. Er besitzt selber eine.

 

Nur weiss er genau, dass auf der Kugel Spuren vom Lauf zu sehen sind. Deshalb griff er lieber zu einer Waffe, die nicht ihm gehörte, erklärte Kalle.

 

Wenn er sich die Sache dermassen gut überlegt hätte, dann hätte er nach dem Schuss die Pistole an sich nehmen und sie möglichst weit weg in den Wald vor dem Kirchdorf werfen wollen. Dort hätte man sie nie gefunden. Nun aber warf er sie auf eine Art und Weise weg, die deutliche Spuren hinterliess. Und hast du nicht daran gedacht, dass er sich, indem er die Pistole von Erkki nahm, jede Möglichkeit verbaute, Anna als seine Frau zu gewinnen?

 

Wieso?

 

Es hätte immer die Gefahr bestanden, dass herausgekommen wäre, wer die Pistole von Erkki vom Tisch genommen hat, sagte die alte Bäuerin.

 

Nein der Polizeichef ist zwar nicht so intelligent, wie er dies selber glaubt, aber er ist auch nicht so dumm, wie du es glaubst.

 

Mir scheint allerdings, dass Sie glauben, das alles sei sehr einfach, sagte Kalle.

 

Das mache ich nicht. Wenn dem so wäre, hätten wir schon lange den Schuldigen gefunden.

 

Wir machen ohnehin einen Fehler. Wir bestehen darauf, dass der Mörder nach jenem Muster vorgegangen ist, das wir uns vorstellen - du, der Polizeichef und ich alte dumme Frau. Wenn wir aber auf dieses Muster zurückgreifen, könnte ebenso gut auch ich schuldig sein.

 

Wie könnten Sie denn schuldig sein?

 

 

 

Stellen wir die gleichen Überlegungen wie der Polizeichef an, wird dies sofort klar sagte die alte Bäuerin. Sie fuhr fort:

 

 

 

Wem gegenüber hat Matti einen Zorn verspürt?

 

Mir gegenüber natürlich. Mir gegenüber, weil ich nicht wollte, dass er die Tochter meiner Tochter zur Frau bekommt. Da er nicht wusste, wie ich meine Angelegenheit regle. vermuteten alle, dass ich wenigstens meinen anderen Hof Anna geben würde. Als dann bekannt wurde, dass ich ihn in meiner Familie behalten wollte und dass Matti nie der Besitzer des Hofes werden würde –nun ja, da wäre es natürlich gewesen, dass ich ihn beseitigen wollte. 

 

Aber was hätten Sie mit den 30’000 Mark gemacht?

 

Diese hätte ich natürlich versteckt, und zwar deshalb, weil ich das Geld in Helsinki sicher hätte wechseln können. Da niemand anderer als der Kassierer um die Merkzeichen auf den Banknoten wusste und da dieser es gewiss niemandem sagen würde, hätte ich über die Banknoten nach meinen eigenen Vorstellungen verfügen können.

 

Wie würden Sie die Sache mit dem Auto erklären?

 

Vielleicht hat sich am fraglichen Ort früher schon ein Auto befunden. Vielleicht handelte es sich um ein ganz harmloses Auto, das bei einem seinen Reifen einen Fehler aufweist – die Spuren müssen nicht unbedingt von jenem Auto stammen, das sich in der Mordnacht dort befunden hat.

 

  

 

Diese Erklärung macht durchaus Sinn.

 

Nur: Wie hätten Sie zur Pistole von Erkki kommen können?  Die Untersuchungen haben ja ergeben, dass die Kugel genau aus dieser Pistole stammt.

 

Nein. Niemand kann mit Sicherheit sagen, ob diese Kugel, die man auf der Strasse gefunden hat, wirklich jene Kugel war, mit der der Mord begangen wurde. Sicher hat es in der Nähe des Hofes überall Kugeln aus der Pistole von Erkki. Das ist besonders auch deshalb der Fall, weil Kinder mit solchen Kugeln spielen.

 

Und ich hätte ins Dorf gehen können, ich hätte zum Hof gehen können, ich hätte die Pistole sehen können, ich hätte sie in meinen Besitz nehmen können, ich hätte hierher zurückkehren können, ich hätte auf Matti warten können und ich hätte ihn auch erschiessen können. Und danach hätte ich auch die Pistole wegwerfen können.

 

Aber wenn ich bezeugen könnte, dass ich nicht während des ganzen Abends von zuhause weg gewesen bin, will dies nicht heissen, dass ich ausgerechnet die Pistole von Erkki an mich genommen habe.

 

Auf die gleiche Art und Weise stürzt das Gebäude, das du errichtet hast, zusammen, wenn jemand bezeugen kann, dass der Polizeichef an diesem Abend hier bei ihm bis zu jenem Zeitpunkt gewesen ist, an dem er aufgebrochen ist, um den Mord aufzuklären. Alle Schlussfolgerungen, die wir bis jetzt getroffen haben, können die Angelegenheit klären, aber sie liefern uns keinen eindeutigen Beweis.

 

Dann sagen Sie mir doch bitte, wie wir den Mörder suchen sollen!

 

Gibt es in diese Gemeinde Leute, die vorher schon unvorsichtig mit einer Waffe umgegangen sind?

 

Natürlich gibt es oft solche Dummköpfe.

 

Gibt es unter ihnen jemanden, der so feige ist und auf andere schiesst.

 

Solche Leute findet man sicher.

 

Und ist unter diesen Leuten jemand, der in einer so grossen Geldnot steckt, dass er alles dafür tun würde, um 30‘000 Mark zu erhalten?

 

Vielleicht; wenn man sucht, würde man jemanden finden.

 

Die Banknoten können etwas offenlegen. Aber ist es möglich, dass Matti das Geld gar nicht mitgenommen hat, als er Kirsti hat treffen wollen. Er hätte es aus diesem oder jenem Grund jemandem andern geben können.

 

Es hätte auch sein können, dass er das Geld jemandem gezeigt hat und dass diese Person ihre Gründe hatte, das Geld zu stehlen. Und wenn es sich dabei um eine Person handelt, die in Geldnöten steckt und erst noch eine verbrecherische Natur besitzt, könnte es sein, dass diese Person den Mord begangen hat.

 

Das ist sehr scharfsinnig überlegt, das muss ich zugeben.

 

Nehmen wir an, dass der Polizeichef Matti hat beseitigen wollen, um Anna für sich zu gewinnen. Dann wusste er sicher auch, dass Matti eine Beziehung mit Kirsti gehabt hat. Ein Polizeichef weiss immer schneller als die anderen Leute um die bösen Taten der Menschen. In diesem Falle hätte er nichts anderes tun müssen als die Geschichte bekannt zu machen. Dann wäre die Sache klar gewesen. Der Polizeichef hätte Matti nicht umbringen müssen. Stattdessen hätte er einfach zum Hof gehen und sagen können, dass Matti Kirsti Schweigegeld zahlt. Das wäre nicht schön gewesen, aber auf diese Weise hätte der Polizeichef die Pläne von Matti durchkreuzen können.

 

Kalle wurde ungeduldig.

 

Wenn wir auf diese Weise denken, finden wir den Schuldigen nie.

 

Du bist wie ein Knabe. Dieser sitzt am Ufer, wirft seine Angelrute ins Wasser, holt sie heraus, findet keinen Fisch daran und versucht es an einem anderen Ort, ohne auf diese Weise jemals einen Fisch zu fangen, sagte die alte Bäuerin.

 

Ein Fischer geht ganz anders vor. Er wirft die Angel ins Wasser und wartet. Er wechselt seinen Standort nicht, damit die Fische nicht aufgeschreckt werden. Irgendwann kommt ein scheuer Fisch in die Nähe der Angel. Der Fischer bewegt sich jedoch nicht. Er wartet, bis der Fisch gierig geworden ist und den Wurm essen will. Erst dann zieht der Fischer den Fisch aus dem Wasser und geht mit seiner Beute nach Hause.

 

Das ist schön gesagt, sagte Kalle. Nur: Woher erhalten wir deinen Köder und wo ist der Teich, in dem sich ein grosser, hässlicher und gieriger Barsch befindet?

 

Einen Köder gibt es immer, sagte die alte Bäuerin, denn der Mensch ist von Natur aus gierig auf das, was ihn zu seinem Ziel bringt.

 

Aber wichtiger ist zu wissen, in welchem Teich sich dieser Fisch befindet. Nach allem, was sich sagen lässt, geht es um Geld. Und da nur die nächsten Bekannten um dieses Geld wissen, will ich in dieser Richtung suchen.

 

 

 

Bei ihnen wohnt der Vetter von Matti, dieser zechende Student, Ilmari Pelto, sagte Kalle. Gewiss schauen wir ihn uns näher an.

 

Und geraten nachher in ein Labyrinth, sagte die alte Bäuerin. Wir haben – und damit meine ich auch den Polizeichef – wir haben alle haben immer zuerst festgelegt, wer möglicherweise der Mörder sein könnte. Und dann haben wir unsere Untersuchungen diesem Verdacht angepasst. Auf diese Weise sind wir jedoch immer in eine falsche Richtung gegangen. Und da wir beide den Polizeichef nicht mögen, sind wir sogar dazu bereit gewesen, in ihm den Mörder zu sehen.

 

Ja, und weil dieser Student aus ein dubioser Kerl ist, glauben wir, dass er der Mörder gewesen sein muss, sagte Kalle.

 

Aber irgendwo müssen wir anfangen.

 

Wenn wir während der Nacht solche Gedanken anstellen, sagte die alte Bäuerin, geraten wir ganz sicher auf einen falschen Weg. Erst der Morgen macht unsere Gedanken wieder klar. Lege dich zur Ruhe und komme am nächsten Abend zu mir.

 

Kalle verabschiedete sich von der alten Bäuerin.

 

 

 

Als er am nächsten Tag zur alten Bäuerin kam, hatte diese bereits ihren Mantel angezogen. Ihr Pferd stand bereit, denn sie wollte ins Dorf gehen.

 

Ich habe auf dich gewartet, sagte sie. Behalte deinen Mantel an. Wir machen uns auf den Weg und stellen dabei unsere Überlegungen an.

 

Und so üben wir die Tätigkeit eines Detektivs aus, meinte Kalle.

 

Das kannst du so sagen; denn das darauf stützen wir uns ab.

 

 

 

Als sie zum Haus der zum Hof der Heikkis kamen, sagte die alte Bäuerin:

 

Ich habe mir die ganze Sache nochmals durch den Kopf gehen lassen. Wir wissen Folgendes:  Beim Auto hat es sich um jenes des Polizeichefs gehandelt Wir wissen zudem, dass der Polizeichef sein Auto hinter der Ecke des Stalles angehalten hat. Nachdem der Mörder Matti erschossen hat, ist er zum Auto geschlichen. Er fuhr mit ihm lautlos den Hang hinunter, worauf er  dann hinter eurer Trockenscheune den Motor in Betrieb genommen hat. All dessen können wir uns sicher sein.

 

Auf Grund der Reifenspuren können wir sagen, dass es sich beim Auto um jenes des Polizeichefs gehandelt hat - allerdings nur dann, wenn das Auto am Tag des Mordes dort gestanden hat und die Abdrücke von da her nicht älter sind. Das müssen wir vom Polizeichef in Erfahrung bringen.

 

Glauben wir dem Polizeichef? fragte Kalle.

 

Wir kommen ohne ihn nicht vorwärts, meinte die alte Bäuerin. Er ist ein eingebildeter Mensch, aber vielleicht weiss auch er, dass er nicht geht, wenn er nur auf seine eigene Faust handelt.

 

Du und der Polizeichef – Ihr leidet im Übrigen an der gleichen Krankheit. Jeder von euch beiden versucht, das Verbrechen für sich allein aufzuklären. Nur wenn ihr lernt demütig zu sein, kommt es für euch beide gut. 

 

 

 

Als sie bis zum Wald gegangen waren, sagte die alte Bäuerin:

 

Mich wundert es, dass Matti nicht hier erschossen worden ist. Die Morde, die sich ereignet haben, als ich noch ein Kind war, sind alle an ähnlichen abgelegenen Orten erfolgt. Man sieht hier nichts, und der Mörder kann von hier aus ohne Problem fliehen.

 

In der Nähe eines Hofes dagegen ist die Gefahr sehr gross, dass jemand vorbeikommt. Ich kann mir das nur so erklären, dass Matti und sein Mörder einander gut gekannt haben und dass erst hier zwischen ihnen ein Streit entstanden ist. Oder aber dass sich die beiden vorher gar nicht gekannt haben und erst hier dem Mörder klar geworden ist, dass Matti viel Geld auf sich trägt.

 

 

 

Als Kalle und die alte Bäuerin im Dorf angelangt waren, gingen sie sofort zur Wohnung des Polizeichefs. Dieser trat der alten Bäuerin sehr freundlich gegenüber.

 

Niemand hätte so willkommen sein können in diesem Augenblick wie Sie, sagte er.

 

Ich habe versucht, die Ergebnisse meiner Abklärungen zusammenzufügen, um später von Amtes wegen den Schuldigen präsentieren zu können. Nun habe ich aber gemerkt, dass meine Schlussfolgerungen noch kein zutreffendes Bild ergeben. 

 

Sie sind sich sehr sicher, dass ich Ihnen eine helfende Hand anbieten kann, sagte die alte Bäuerin.

 

Das bin ich, ja. Aber Sie haben seinerzeit wissen wollen, ob man weiss, wie Matti zum Hof der Heikkis gekommen ist. Ihre Frage zeigte mir, dass meine Schlussfolgerungen noch nicht hieb- und stichfest sind. Ich wollte zu Ihnen kommen und mit Ihnen über diese Sache sprechen. Aber ich getraute mich nicht. Ich habe gemerkt, dass Sie mich nicht recht mögen und dass Sie mir mir nicht vertrauen.

 

Ich sage es Ihnen direkt, dass ich mich an Ihren süssen und schmeichlerischen Ton nicht gewöhnen kann. Ich bin ein Mensch, der gradlinig ist, aber Sie schlängeln sich.

 

Der Polizeichef wurde rot und biss sich auf die Lippen.

 

Ich bin nicht so roh, dass ich dies nicht verstehen würde, sagte er. Ich bin ein Kind der Stadt, und ich bin in einer Umgebung aufgewachsen, in der auf diese Weise gesprochen wird. Ich wuchs in der Gegenwart von zwei Tanten auf, die alle ihre Äusserungen in einer süssen Sauce anboten. Und nun muss ich plötzlich diese süsse Zugabe beiseitelassen. Das ist nicht einfach.

 

Ich habe schon als kleines Kind immer wieder gehört, dass ich begabt bin, und von da her bin ich immer gerne wie ein Pfau herumspaziert.

 

Doch damit Sie nicht glauben, dass ich auch Ihnen eine süsse Sauce anbieten werde, sage ich es geradeheraus:

 

Am Samstag sollte ich meine Unterlagen vor dem Gericht präsentieren. Ich muss jedoch offen gestehen, dass ich noch nicht dazu bereit bin. Ich weiss immer noch sehr wenig darüber, wer nun eigentlich der Schuldige ist. Ich kann nur mit Ihnen auf diese Art und Weise sprechen – lege ich anderen meine Überlegungen dar, versichern mir diese in jedem Fall, dass ich richtig liege.

 

 

 

 

 

Die alte Bäuerin lächelte den Polizeichef an und sagte:

 

Wir allen neigen dazu, uns auf andere Leute zu verlassen, wenn wir etwas entscheiden – das gilt ebenso für mich wie für alle anderen auch. Wenn Sie den Wunsch verspüren, zusammen mit mir alten Frau diesen Mordfall zu untersuchen, dürfen Sie dies ganz sicher tun.

 

Und wenn ich nun versuchte, Sie hinter Licht zu führen – haben Sie daran gedacht, dass so etwas passieren könnte?

 

Mich hat bis jetzt nur ein Zigeuner hinters Licht geführt, und auch der schaffte es nur ein einziges Mal. Beginnen wir also – darf Kalle zuhören?

 

Vielleicht brauchen wir seine Hilfe. Er selbst zweifelt nicht daran, dass er uns helfen kann. Und ihm fällt es leichter als mir oder der Polizei, gewisse Informationen einzuholen.

 

Ich frage Sie nun als erstes wegen einer bestimmten Angelegenheit, sagte die alte Bäuerin: Haben Sie es als möglich erachtet, dass Sie selbst verdächtigt werden könnten, den Mord begangen zu haben?

 

Natürlich habe ich daran gedacht, entgegnete der Polizeichef ruhig,

 

Ich werde Ihnen erklären, worauf diese Überlegung beruht: Ich habe mich in der Gesellschaft von Matti Pelto befinden, und so konnte ich auch in Erfahrung bringen, dass er diesen Abend viel Geld auf sich trug.

 

Ich war auf Besuch auf dem Heikki-Hof und habe dort das Wohlwollen der Bediensteten erfahren können, denn ich fühle mich von Anna angezogen. Ich habe vielen gegenüber begeistert von Anna gesprochen.

 

Ich befinde mich, was Geld betrifft, in einer schwierigen Lage. Meine Geldangelegenheiten sind nicht schlecht, aber sie sind auch nicht gut. Und es könnte sein, dass Anna von ihren Eltern ein recht grosses Erbe bekommen wird - da ich mich von Amtes wegen mit Steuerangelegenheiten befasse, weiss ich, wie es um das Vermögen der Eltern steht. Ich könnte deshalb versuchen, meine Mitbewerber aus dem Weg zu schlagen. Und weil ich zudem noch Polizeichef bin, wüsste ich auch, wie ich meine Spuren verwischen kann.

 

Die Gefahr, dass ich verdächtigt werden könnte, war mir bereits an jenem  Abend klar, an dem der Mord geschah. Als die Pistole gefunden wurde, griff ich nicht ein, sondern betraute stattdessen Salo mit der Angelegenheit. Ihn bat ich, die Waffe in Gewahrsam zu nehmen und ihn bat ich auch, die Waffe zur Untersuchung nach Helsinki zu bringe. Auf diese Weise stellte ich sicher, dass ich mich nicht auf eine unzulässige Art und Weise an der Waffe zu schaffen machte. Ich stelle damit auch sicher, dass sich keine Fingerabdrücke von mir auf der Waffe befinden. Hätten sich solche auf der Waffe befunden, hätte man dies in Helsinki gemerkt – im Kurs, den ich dort besuchte, wurde von allen Teilnehmern die Fingerabdrücke genommen, und so sind meine Fingerabdrücke in Helsinki hinterlegt. Der Schatten eines Verdachtes hätte in diesem Falle genauso gut auf mich fallen können, wie er auf Erkki gefallen ist.    

 

Sagen Sie mir doch bitte etwas, meinte die alte Bäuerin. - Als Sie die Vernehmung durchführten, war ich anwesend. Sie schlossen bald einmal die Befragung von Antti ab und nahmen ihn fest. Warum taten Sie dies?

 

-  Dieser Mensch wollte sich opfern, sagte der Polizeichef.  - Das habe ich sofort gesehen. Sehen Sie, es ist doch so: Ein Mörder kann, wenn er begabt ist, hinter seiner Stimme, seinem Blick und seinem Gesichtsausdruck alles verbergen. Aber er kann sich nicht hinter seinen Händen verbergen. Kommt man auf das Verbrechen zu sprechen, werden seine Finger unruhig.

 

Während der Befragung richtete ich meinen Blick auf die Hände von Antti. Sie blieben sehr ruhig. Der Mann ist ohne Zweifel unschuldig. Da jedoch die Bäuerin und der Bauer vom Heikki-Hof anwesend waren, wollte ich sie nicht wegschicken. Ich wollte aber auch nicht, dass sich Antti mit seinen Aussagen dermassen stark belastete, dass ihn nichts mehr hätte retten können. Als ich ihn verhaftete, wurde er weggebracht. Damit konnte ich die Vernehmung so gestalten, dass nichts zu Protokoll gebracht wurde, das für ihn allzu gefährlich werden könnte.

 

Ich habe versucht, mit ihm streng zu sprechen, doch er schwieg. Aus allem liess sich schliessen, dass er schuldig sei, und so wollte ich ihn retten. Und von Amtes wegen konnte ich ihm natürlich nicht mitteilen, dass auch Erkki festgenommen wurde.

 

- Warum aber haben Sie Erkki verhaftet? fragte die alte Bäuerin. - wenn Sie doch glauben, dass auch er unschuldig ist?

 

Wenn ich ihn auf freiem Fuss gelassen hätte, hätte er mit seinen Aussagen alles durcheinandergebracht, sagte der Polizeichef.  – Es ist nämlich so, dass sich niemand mit seinem Reden dermassen unter Verdacht stellt wie ausgerechnet jene, die unschuldig sind. Denn ihnen ist nicht im Geringsten klar, dass sie sich mit ihrem Reden eine Falle stellen. Wenn es um grosse Verbrechen geht, sind die Unschuldigen immer jene, die sich am meisten schaden können.

 

 

 

Bei der ersten Vernehmung äusserte sich Antti so, dass ich guten Grund dazu hatte, ihn festzunehmen, sagte der Polizeichef.  – Und was Erkki betrifft: Er hat am Abend des Mordes die Pistole bei sich gehabt, auch wenn wir nicht wissen können, auf welche Art und Weise sie ihm entwendet worden ist. Auf ihn fällt damit auf jeden Fall der Schatten eines Verdachts.

 

Wenn er festgehalten wird, kann er sich jedoch nicht um Kopf und Kragen reden.  Erkki ist ein lebhafter und freundlicher Junge – ich kenne ihn sehr gut. Wenn er aus der Haft entlassen würde, würde er am Schluss das glauben, was ihm die anderen Leute vorgegaukelt haben.

 

Sie stellen die Angelegenheit ganz anders dar, wenn Sie mit mir sprechen, sagte die alte Bäuerin.

 

Natürlich tue ich dies. Ich wollte der Bäuerin und dem Bauer vom Heikki-Hof nicht alles berichten; sie hätten ihren Mund nicht halten können. Ich schlug den Richter Halla deshalb als Anwalt vor, damit ich ihm jene Erkenntnisse mitteilen kann, die ich einem anderen Anwalt nicht geben kann, ohne meine Stellung zu verlieren. Ihm aber kann ich alle heiklen Punkte aufzeigen.

 

Ich sage Ihnen offen, dass ich glaubte, Sie würden sich deshalb mit ihm zusammentun, damit Sie von mir Geld erhalten.

 

Ich verstehe dies sehr gut, meinte der Polizeichef. Für die Menschen hier auf dem Land geht es hier um erschreckend viel Geld. Doch Halla ist ein erstklassiger Anwalt. Solche Anwälte müssen einen hohen Preis verlangen– andernfalls verlieren sie ihren guten Ruf. Auf die gleiche Art und Weise verlangt ein guter Schreiner einen hohen Preis, damit er immer erstklasse Arbeit zu liefern vermag.

 

 

 

Wir stehen in dieser Angelegenheit immer noch am Anfang, stellte die alte Bäuerin fest.  – Nicht wissen wir mit Sicherheit.

 

Nichts wissen wir. Alles ist immer noch so unklar, wie es dies schon am Anfang gewesen ist. Wir haben viele Details zusammengetragen, aber wir wissen nicht, in welche Richtung wir weitergehen sollen.

 

 

 

Wir müssen deshalb zusammen von vorne anfangen?

 

So ist es. Ich bin froh, dass Sie mit mir zusammen über die Sache nachdenken möchten.

 

Natürlich tue ich das, und ich glaube, dass der Herr mich dort erleuchtet, wo mein Verstand nicht ausreicht, sagte die alte Bäuerin

 

Wir müssen uns zuerst der Frage widmen, wie Matti zum Hof der Heikkis gekommen ist, - worauf Sie ja hingewiesen haben.

 

Mit Kalle zusammen habe ich festgestellt, dass es im sandigen Untergrund des Hügels Autospuren gibt. Kalle hat sich Gips beschafft und hat von den Spuren einen Abdruck erstellt. Seinen Untersuchungen gemäss ist das Auto vor dem Parkieren gewendet und dann dort aufgestellt worden. Am rechten Hinterreifen ist ein Stück defekt. Das wurde ganz deutlich.

 

Und wissen Sie, zu welchem Auto dieser Reifen gehören?

 

Kalle ging gestern ins Dort und fand einen solchen Reifen in Ihrem Unterstand, Herr Polizeichef. Der Baumeister Lehto hat Ihnen geholfen, den Reifen zu wechseln; der defekte Reifen befindet sich im Unterstand

 

Das stimmt, sagte der Polizeichef.

 

Ich kam nach Hause und erfuhr, dass ein Mord passiert ist und dass ich mich sofort zum Tatort begeben sollte. Doch dieser bestimmte Reifen war kaputt. Ich getraute mich nicht, mich mit ihm auf den Weg zu machen und ersetzte ihn sicherheitshalber durch einen neuen.

 

Hat der Mörder an diesem Abend Ihr Auto verwendet?

 

Das ist unmöglich. Ich war mit meinem Auto unterwegs, um wegen einer Steuersache zu ermitteln. Das Auto stand auf Hof jener Leute, bei denen ich ermittelte.. Die Bewohner des Hofes haben es gesehen.

 

Warum aber war denn auf diesem Sandhügel der Abdruck Ihres Autos?

 

Das kann man sehr einfach erklären. Ich war früh zum Hof der Heikkis gefahren. Ich habe es beim Hügel abgestellt, weil der Platz dafür geeignet ist - wie Sie wissen, ist Platz vor dem Hof zu feucht. Am Abend als der Mord geschah, stelle ich es jedoch auf dem Platz vor dem Hof ab; ich war spät dran und wollte mein Auto nicht bei der Strasse stehen lassen. Da ich also das Auto an diesem Tag nicht auf dem Platz vor dem Hof abstellte, ist es natürlich, dass sich dort vom Tag vorher noch immer die Reifenspuren meines Autos befinden.

 

Kalle seufzte vernehmlich.

 

Was möchten Sie sagen? fragte der Polizeichef.

 

Mir liegt da das eine oder andere auf dem Magen, sagte Kalle.

 

 

 

Ich verstehe dies sehr gut, sagte der Polizeichef. Wenn ich nicht beweisen könnte, wo mein Auto an jenem Abend zu jener Zeit gewesen ist, zu der der Mord geschah, wäre dies ein deutlicher Beweis dafür, dass mein Auto damals verwendet worden ist.

 

Als die Bäuerin vom Heikki-Hof Ihnen anrief, wusste sie nicht, wo Sie sich befanden, sagte die alte Bäuerin.

 

Ich wusste, dass ich nicht lange wegbleiben würde, und so machte ich der Tante, bei der ich wohne, keine Angabe darüber, wo ich mich befand.

 

Kalle, erkläre bitte, auf welche Weise der Mörder den Tatort verlassen hat, bat die alte Bäuerin.

 

 

 

Ein wenig verlegen begann Kalle zu erklären:

 

Ich stelle es mir so vor, dass der Mörder, der zusammen mit Matti gekommen war, das Auto sofort wendete. Er stellte es dann so auf dem Sandhügel hin, dass es zum Abfahren bereit war. Als der Mörder floh, schlich er zum Auto. Weil sich der Hügel neigt, begann das Auto von sich aus dem Hügel hinunter zu rollen. Damit sollte der Motor erwärmt werden. Genau in der Nähe unserer Trockenscheune drückte er auf das Gaspedal; dieses Geräusch hörte der Schuster.

 

Das tönt sehr glaubwürdig, sagte der Polizeichef. Es fasst einige Dinge zusammen, die wir wissen. Aber wir müssen so weit kommen, dass wir wissen, wer das Auto verwendet hat.

 

Wir könnten herausfinden, wessen Auto zu dieser Zeit im Dorf ausgeliehen worden ist. Ausgeliehen hat es natürlich Matti.

 

Oder der Mörder, entgegnete Kalle.

 

Ganz richtig, meinte der Polizeichef. Wenn wir wissen, wessen Auto Matti ausgeliehen hat, ist die Sache klar. Wenn ihn jedoch niemand hat wegfahren sehen, sagt dies überhaupt noch nichts darüber aus, mit wem er im Auto sass. Und wenn jemand anderes das Auto ausgeliehen hat, wissen wir immer noch nicht, mit wem Matti gefahren ist.

 

Wenn der Mörder das Auto sofort zurückgebracht hat, ist er um 10 Uhr wieder zum Besitzer des Autos gelangt. Der Mörder hätte allerdings mit dem Auto auch weiterfahren und es erst viel später zurückbringen können. 

 

Im Übrigen gibt es bei der Frage des Autos einen Aspekt, der nicht stimmt. Es zeigt sich hier, dass Sie, Herr Matti, selber kein Auto besitzen.

 

Wenn Matti mit dem Mörder dorthin gefahren worden ist, hätte er sich wenigstens zwei Stunden dort aufhalten müssen, bis das Auto so stark abgekühlt war, dass man den Motor mit Hilfe der Geschwindigkeit des rollenden Autos hätte erwärmen können. Sofern der Mörder das Auto den Hügel hinunterrollen liess, hat er dies nur deshalb getan, weil man in diesem Falle kein Geräusch hörte.

 

Erst als er auf der ebenen Strasse war und das Auto nicht mehr weiterrollte, setzte er den Motor in Betrieb. Natürlich glaubte er, dass dieses Geräusch niemand hören würde. Aber er dachte nicht daran, dass besonders im Herbst und dann noch an einem solchen feuchten Abend ein Auto sehr weit zu hören ist.

 

Ich stelle fest, dass wir in dieser Frage, die ich als äusserst wichtig erachte, keinen Schritt weiterkommen, sagte die alte Bäuerin.

 

Aber ich habe einen weiteren Hinweis.

 

Die alte Bäuerin berichtete, wie sie auf den Banknoten Merkzeichen angebracht hatte; auf jenen Noten, die sie von der Bank geholt und dann Matti gegeben hatte.

 

Fünf dieser Noten sind zur Bank zurückgekommen, fügte sie noch bei. Und Sie, Herr Polizeichef, brachten diese Noten gestern dorthin.

 

Ich soll die Banknoten dorthin gebracht haben? rief der Polizeichef. Nun würde es mich gar nicht mehr wundern, wenn Sie veranlasst hätten, dass ich verhaftet werde.

 

Nun: Ich leistete eine Teilzahlung an mein Auto, weil ich nicht den ganzen Betrag gleichzeitig einzahlen wollte.

 

Wenn wir erfahren, woher das Geld stammt, können wir daraus gewisse Schlussfolgerungen ziehen, sagte die alte Bäuerin. Sicher hat der Mörder das Geld zur Bank gebracht oder es jenen Leuten gegeben, von denen Sie es erhalten habe. Er ist dabei vorsichtig gewesen und hat es zuerst beschmutzt, um seine Spuren zu verwischen.

 

Allerdings stamm es von der Nationalbank in Helsinki, sagte der Polizeichef. Ich habe es vorn dort erhalten.

 

Wann?

 

Der Polizeichef lächelte.

 

Das ist wieder so ein Punkt, der für mich gefährlich werden könnte, sagte er. Stellen Sie sich vor, ich habe die Noten am Montag erhalten - sofort am frühen Morgen.

 

Kalle und die alte Bäuerin zuckten zusammen.

 

 

 

Die ganze Sache sieht in der Tat sehr merkwürdig aus, fuhr der Polizeichef fort. Ich schickte Kommissar Salo sofort am frühen Morgen nach Helsinki. Er sollte die Pistole dorthin bringen, damit sie untersucht würde. Auf seinem Weg ging er bei der Bank vorbei. Er holte mein Geld ab, das sich dort befand. Die Banknoten brachte er mir.

 

Wenn Salo dies nicht bezeugen könnte, tönt dies wie eine glatte Lüge. Aber die Tatsache, dass ich diese Noten erhalten habe, macht einen Punkt deutlich: Der Mörder, sofern er in unserem Dorf wohnt, ist auf keinem Fall ins Dorf zurückgekommen.

 

Er hat stattdessen seine Reise nach Helsinki fortgesetzt. Und dort hat er sein Geld zur Bank gebracht.

 

Oder er ist früh am Morgen mit dem Bus in die Stadt gefahren, sagte Kalle.

 

Nun ja, auch das ist möglich, stellte der Polizeichef fest. Dann aber hätte er im gleichen Bus wie Salo gesessen, denn auch er fuhr mit diesem Bus.

 

Und in den Bus gehen 20 andere Leute, sagte Kalle.

 

Ja, und einer von ihnen könnte der Mörder gewesen sein, sagte der Polizeichef.

 

Oder wir liegen falsch, und der Mörder ist mit einem Privatauto dorthin gefahren. Von da her können wir merken, auf welchem unsicheren Boden wir uns bewegen.

 

Wir können also aus alledem nichts mit Sicherheit erschliessen, sagte die alte Bäuerin.

 

 

 

Doch, eine Sache können wir, entgegnete der Polizeichef. Der Mörder hat alles auf eine einfache Art und Weise gemacht. Unser Fehler ist, dass wir nach Hinweisen auf ein kompliziertes Vorgehen suchen. In Tat und Wahrheit ist es jedoch einfach: Der Mörder raubt die Pistole, Er lauert einige Zeit auf Matti oder aber er fährt mit ihm zum Tatort. Dann erschiesst er ihn. Er fährt nach Helsinki – entweder sofort oder nachdem er bis zum Morgen gewartet hat. Dort bringt er sicherheitshalber das Geld zur Bank.

 

Wie aber sind denn diese Noten zu Ihnen gelangt? wollte die alte Bäuerin doch noch wissen.

 

Das lässt sich sehr leicht erklären, sagte der Polizeichef. Kurz nachdem der Mörder die Noten zur Bank gebracht hat, geht auch Salo zur Bank. Der Zufall will es, dass kein anderes Geld vorhanden ist als das, welches der Mörder kurz vorher gebracht hat. Die Frau an der Kasse nimmt diese Noten und reicht sie Kommissar Salo. Und Salo gibt mir später diese Noten.

 

Ich gebe zu, dass es eine reine Spekulation ist. Wir wissen, dass der Mörder wahrscheinlich mit Matti zusammen zum Tatort gefahren ist. Wir wissen, dass er wahrscheinlich ein Auto gemietet hat. Wir wissen, dass er wahrscheinlich nach Helsinki gefahren ist. Und wenn wir aus all dem irgendetwas schliessen, sind wir wahrscheinlich auf einer falschen Spur.

 

Wie klein doch die Weisheit der Menschen ist, seufzte die alte Bäuerin. Wir glauben so viel und wir stolpern über unsere eigenen dummen Gedanken.

 

Ich habe den Herrn gebeten, dass er mir in dieser Sache hilft.  Er hat mir die Augen geöffnet, damit ich die Dinge redlich erkenne. Und als ich, getragen von seinen Händen, über die Angelegenheit nachgedacht habe, hat er mir etwas klar gemacht:

 

 

 

Einem Täter gelingt es nicht, sein Verbrechen über lange Zeit zu verschweigen. Er muss darüber sprechen. Er möchte sich nicht mit seinem Verbrechen brüsten, aber er will seine Spuren verwischen. 

 

Wenn die Tiere des Waldes einen Ort suchen, an dem sie sich verstecken können, werden sie über kurz oder lang von den Jägern gefunden, die nach ihnen suchen. Und der Schuldige unternimmt zu viel, um sich zu schützen und sich zu verstecken. Und wir können sehen, an welchem Ort er dies vornimmt.

 

Das ist alles richtig, sagte der Polizeichef. Aber ich muss trotzdem wissen, wo wir mit dem Suchen anfangen sollen. Am Samstag ist die Gerichtsverhandlung, und deshalb muss ich über das Geschehen Bescheid wissen.

 

 

 

Jeder begehrt Geld, sagte die alte Bäuerin - jeder liebt es auch, dieses Geld auszugeben. Wer einen Mord begeht, damit er zu Geld gelangt, behält dieses Geld nicht für sich. Er strebt danach, jene Dinge zu erhalten, die er nicht hat erhalten können, als er noch kein Geld hatte und nach denen er sich sehnte. Er kann in anderen Dingen klug vorgehen und seine Spuren verwischen, aber er will trotzdem seinen eigenen Wünsche erfüllen.

 

Ich muss nun weitere Untersuchungen anstellen und Hinweise auf das Verbrechen suchen. Jeder von uns kann auf seine eigene Weise versuchen, zu solchen Hinweisen zu gelangen. Sie, Bäuerin, gehen bitte zum Hof der Uotis und hören sich dort um. Und Sie, Matti – für Sie wäre es günstig, zur Familie Pelto zu gehen. Sie könnten sich erkundigen, mit wem zusammen Matti im Auto war.

 

Ich bin wegen dieser Frage dorthin gegangen. Ich bin jedoch nicht weitergekommen. Die Eltern waren damals dermassen erschüttert, dass ich von ihnen keine klaren Angaben erhielt. Ich selbst will mir über das Auto Klarheit verschaffen.

 

Wir können uns nachher wieder treffen und unsere Beobachtungen austauschen.

 

 

 

Auf keinen Fall jedoch dürfen die Leute vom Pelto-Hof wissen, dass Sie, Kalle, den Mord untersuchen. Die einfachen Leute erschrecken immer, wenn die Polizei im Spiel ist. Und fragen Sie nichts. Fragen Sie in keiner Weise irgendetwas. Lassen Sie die Leute sprechen und versuchen Sie, ihre Äusserungen so zu steuern, dass sie der Aufklärung des Verbrechens dienen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SIEBTES KAPITEL

 

 

 

 

 

Die alte Bäuerin machte sich zum Uoti-Hof auf. Sie hielt sich von den beiden anderen fern und ging allein der Strasse entlang. Sie alle drei waren der Meinung gewesen, dass es besser sei, wenn man sie nicht zusammen sah. Der Abend deckte das Land bereits zu, und da und dort schimmerte Licht aus den Fenstern.

 

Demütig wandten sich den Gedanken der alten Bäuerin Gott zu. Sie bat ihn, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Sie hatte festgestellt, dass ihr Verstand schwach und mangelhaft war. Nur noch der Glaube, der wahre Glaube an die führende Hand Gottes, so wusste sie, konnte ihr helfen.

 

Damit ihr klar würde, wie es zum Verbrechen gekommen war, musste sie ihre Überlegungen fortsetzen. Sie musste mit Bedacht überlegen, damit sie nicht auf eine falsche Fährte geleitet würde. Alle früheren Überlegungen und Schlussfolgerunen hatten sich als mangelhaft erwiesen. Es war also notwendig, nochmals von vorne anzufangen und dabei mit grösster Sorgfalt vorzugehen. Unter den Menschen war ein menschliches Untier.

 

Als sich ihre Gedanken dem Mörder zuwandten, verstand sie auch, wie unabdingbar es war, das Verbrechen aufzuklären. Wenn es nicht gelang, dies zu tun, könnte der Mörder jederzeit neues Verderben bringen.

 

Auf dem Hof der Uoti wurde die alte Bäuerin herzlich empfangen. Die Bäuerin und der Bauer waren noch jung; Aino war ihre älteste Tochter. Noch nie hatten sie mit der alten Bäuerin darüber gesprochen, dass sich der Sohn der Tochter der alten Bäuerin mit Aino verheiraten würde; die Liebe zwischen den beiden war noch jung. Doch die Verhaftung von Erkki hatte die beiden verbunden.

 

Als sich die alte Bäuerin ihnen näherte, warf sich Aino ihr an den Schoss. Die alte Bäuerin versuchte sie wie ein kleines Kind zu trösten:

 

Nun jetzt, nun jetzt, Kind; alles kommt gut!

 

Aber jetzt haben sie Erkki verhaftet, und wenn sie ihn nun verurteilen, schluchzte Aino.

 

Beschuldigen können sie wen auch immer. Ihn dann aber zu verurteilen, ist etwas ganz anderes. Ich weiss genau, dass Erkki freikommen wird.

 

Sie wissen also, wer der Mörder ist? fragte die Bäuerin vom Uoti-Hof.

 

Wie soll ich alte Frau dies wissen? antwortete die alte Bäuerin. Aber Gott wird dafür sorgen, dass kein grosses Unrecht geschieht.

 

Der Polizeichef hätte Eikki nicht verhaften dürfen.

 

Das ist entsetzlich und beschämend, sagte der Bauer heftig.

 

 

 

Die alte Bäuerin sass ruhig da.

 

Die Bäuerin und der Bauer schauten sie schweigend an. Ihre Gelassenheit und ihre Würde beeindruckte sie sehr.

 

Wir können nie alle Verbrechen verhindern, nicht so lange, wie wir auf Erden sind, sagte die alte Bäuerin. – Das ist der Lauf des Lebens, weil die Herde der Bösen immer grösser ist. Doch wenn der Polizeichef Erkki verhaftet hat, gibt es dafür vielleicht einen anderen Grund.

 

Ich habe selbst gesehen, und das hat auch der Polizeichef gesehen: Es kann immer geschehen, dass ein Unschuldiger viel spricht und sich damit in Schwierigkeiten bringt. Ich habe von Kalle gehört, was mit der Pistole passiert ist. Weder Aino noch Erkki erinnern sich daran, ob sie Erkki beim Weggehen in die Tasche gesteckt hat oder nicht. Wie es sich verhalten hat, müssen wir von anderen in Erfahrung bringen, weil auch Erkki sich nicht daran erinnert.

 

Sie standen noch immer im Vorraum.

 

Auf diesem Tisch also hat Erkki die Waffe gelassen? fragte die alte Bäuerin.

 

So war es, meinte Aino. Ich erinnere mich sehr gut daran, dass er sie auf den Tisch gelegt hat, nachdem er sie mit dem Tuch abgewischt hat, welches ich ihm gegeben habe. Da er es aber eilig hatte wegzukommen, erinnere ich mich überhaupt nicht mehr daran, ob er sie mitgenommen hat oder nicht. Sein Soldatenmantel war dabei, und er hat sie ganz sicher genommen.

 

Wir haben uns überlegt, dass von der Strasse her jemand gekommen ist und sie genommen hat, sagte die Bäuerin vom Uoti-Hof.

 

Aber dieses Fenster geht überhaupt nicht gegen die Strasse hin, sagte die alte Bäuerin. Niemand hat sie deshalb auf diese Weise nehmen können. Ein gewöhnlicher Dieb wäre auf einen anderen Weg ins Haus eingedrungen. Ist etwas gestohlen worden?

 

Nichts ist gestohlen worden, sagte die Bäuerin.

 

Gab es dort Licht? fragte die alte Bäuerin.

 

Da wir für den Strom für unsere Lampen bezahlen, zünden wir die Lampen natürlich auch an, sagte der Bauer vom Uoti-Hof. Ich vermag mich daran zu erinnern, dass ich die Lampe schon um zwei Uhr angezündet habe, da es ein dunkler Tag war und ich am Schreibtisch Licht brauchte.

 

Diese Lampe hat hier immer gebrannt, sagte die Bäuerin vom Uoti-Hof.

 

 

 

Die alte Bäuerin schaute aus dem Fenster.

 

Dieses Fenster geht zum Hof der Pelto, nicht wahr sagte sie.

 

Das ist so, meinte der Bauer. Vom Hof her sieht man nichts, weil Sträucher davorstehen. Man sieht überhaupt nicht auf den Tisch, weil die Veranda dermassen hoch ist.

 

Wenn man jedoch aus dem Fenster des Hofes der Pelto blickt, sieht man es natürlich, sagte die alte Bäuerin.

 

Auf dieser Seite des Gebäudes gibt es nur die Fenster des grossen Saals, antwortete der Bauer. Dort befindet sich selten jemand. Im Haus hat es viele andere Zimmer, in denen man sich aufhalten kann.

 

 

 

Wer wohnt in diesem Dachbodenzimmer?  wollte, die alte Bäuerin wissen. Sie zeigte auf ein Zimmer, das sich im oberen Teil des Hofes der Pelto befand.

 

Dort hat der der Neffe der Bäuerin gewohnt, jener Student. Er sass in diesem Zimmer und hat gelesen, gab der Bauer zur Antwort.

 

Aus diesem Fenster sieht man natürlich zu uns, sagte die alte Bäuerin,

 

Ja, das sieht man, wenn man dies will, meinte die Bäuerin.

 

Aber der feine Herr sass vor seinen Büchern. Er hat so gut wie immer den Vorhang gezogen, durch den man das Licht in seinem Zimmer sieht.

 

 

 

Wenn jemand unter dem Fenster dieses Vorhofes gestanden hätte, hätte er dann gesehen, was sich auf dem Tisch befindet? fragte die alte Bäuerin.

 

Ich habe dies ausprobiert, sagte die Bäuerin.

 

Das Fenster ist so hoch, dass ein Mensch fast zwei Meter gross sein müsste, damit er etwas sehen kann. Wenn er sich am Fensterrahmen festhalten und sich auf die Zehenspitzen stellen würde, könnte ein grösserer Mensch auch in die Wohnung eindringen. Da aber ein Blumenbeet dort unten ist, hätte er dieses betreten müssen. Die Polizei hat den Boden untersucht und sagt, dass dort niemand gestanden hat. Sicher ist die Pistole verschwunden, weil jemand durch die Türe gekommen ist und sie mitgenommen hat,

 

Man kann dies nicht anders erklären, meinte der Bauer. Aber merkwürdig ist es schon. In unserer Gemeinde ist noch nie etwas gestohlen worden. Ich habe jedenfalls nie davon gehört, dass aus dem Vorzimmer etwas entnommen worden ist, obwohl die Türen in jedem Haus immer offen sind, sagte der Bauer.

 

Nun also, sagte die alte Bäuerin. Und es ist trotzdem etwas, das für Erkki wichtig ist, denn wegen der Pistole ist er in Bedrängnis geraten.

 

 

 

 

 

BIS HIER AUF GRUND SCRIFTLICHEN TEXT KORRIGIERT 2 10  2019

 

 

 

Aber was stehen wir hier herum, sagte der Bauer.

 

Gehen wir doch hinein, dort können wir besser sprechen.

 

Sie gingen in das Wohnzimmer. Die alte Bäuerin hatte dem Hof schon seit vielen Jahren keinen Besuch mehr abgestattet. Jetzt schaute sie sich um:

 

Das ist eine sehr schöne Strickarbeit, sagte sie.

 

Das hat unsere Anna gemacht, sagte der Bauer stolz.

 

Als ich jung war, habe ich ebenfalls viel gestickt, doch jetzt muss ich dies bleiben lassen.

 

Es ist schön, sich diese Arbeit hier anzuschauen. Wen wir bei einer Arbeit sitzen, werden wir reich. Der grösste Segen für die Menschen ist es immer, dass er seine Arbeit gerne macht.

 

Nun, wie haben die Leute vom Pelto-Hof diese traurige Erfahrung aufgenommen?

 

Die Bäuerin weint, antworte die Bäuerin. Sie weint immer wieder, weil es ihr so schwer geworden ist. Der Bauer ist sehr traurig. Matti war der einzige Sohn des Hofes und er hätte das ganze Erbe erhalten. Der Bauer hat grossen Wert daraufgelegt, dass der Hof so in der Familie bleibt, wie er dies schon seit 100 Jahren ist.

 

Jetzt kann man nur dazu raten, ihn dem Bruder von Matti zu überlassen, wenn man nicht will, dass jemand Fremder ihn übernimmt. Aber man weiss nicht, ob der Hof in solchen Händen bleibt. 

 

Ist er denn ein solcher Halunke? fragte die alte Bäuerin.

 

Ich weiss nicht, wer er ist, erklärte der Bauer.

 

Man hört, dass er alles vernichtet, was ihm gehört. Viel ist es nicht, ist er doch früh schon zum Waisen geworden. Dieser Bauer vom Pelto-Hof wurde zu seinem Vormund. Gut, dass der Bauer für das Geld schaute, bis der Herr Ilmari volljährig wurde. Aber bis jetzt ist alles gut gegangen, und wenn der junge Herr seine Ausbildung zu Ende führt, wird er hier zu wohnen kommen.

 

 

 

Wie ist er denn so, dieser junge Herr? fragte die alte Bäuerin, wobei sie versuchte, ihre Stimme unter Kontrolle zu halten: Sie hatte festgestellt, dass diese zitterte.

 

Wie nahm er den Tod seines Vetters auf? wollte sie wissen.

 

Sie sind nicht besonders gut befreundet gewesen, erklärte die Bäuerin. Sie stritten miteinander. Wenigstens sagt man es so. Der Tod hat ihn aber gewiss getroffen. Er war nicht zuhause, als sich die Nachricht davon verbreitete. Es könnte sein, dass er irgendwo unterwegs war oder dass er den Nachbarn einen Besuch abstattete. Als die Eltern am Abend kamen und den Leichnam ins Haus brachten, hatte er sich schon zur Ruhe begeben. Die Eltern weckten ihn auf.

 

Wir kamen zur selben Zeit dort an und sahen, wie heftig er weinte. Am Montagabend ging er nach Helsinki, um einen Sarg zu kaufen. Seither weiss man nichts mehr von ihm.

 

Und man sagt, dass er intensiv versucht herauszufinden, wer den Mord begangen hat. Er ist auch zu uns gekommen und hat gefragt, ob wir wüssten, wer die Pistole gestohlen hat. Er wollte auch wissen, ob sie Erkki bei sich hatte oder nicht.

 

 

 

Man sagt auch, dass er wieder trinkt.

 

 

 

Beschuldigt er jemanden, den Mord begangen zu haben? fragte die alte Bäuerin.

 

Ich habe nichts davon gehört, dass er jemanden beschuldigen würde, sagte die Bäuerin. Die ganze Sache ist ihm dermassen unklar, dass er nicht weiss, was er davon halten soll. Es sieht auch so aus, dass selbst für den Polizeichef die Angelegenheit unklar ist, hat er doch sowohl Antti als auch Erkki verhaftet. Was soll es bedeuten, wenn er zwei Leute wegen einer Tat verhaftet, die natürlich nur eine Person begangen hat?

 

Man soll über niemanden etwas sagen, das ihn unter Verdacht bringt, sagte der Bauer vom Uoti-Hof. Aber man soll nicht vergessen daran zu denken, dass dieser Ilmari Pelto der einzige ist, der wirklich von Mattis Tod profitiert.

 

Wenn er sich dies jedoch überlegt hat, hätte er es gleich um die Ecke bei den Heikkis getan, um ihnen die Schuld ihn die Schuhe zu schieben. Er selbst hätte die Tat anderswo begehen können. Schliesslich sind er und Erkki zuweilen mit dem Auto unterwegs. Matti konnte nicht fahren, aber der vornehme Herr Ilmari konnte es.

 

Ich vermag mir durchaus vorzustellen, dass er seinen Vetter ermordet hat, sagte die Bäuerin. Aber dafür gibt es keinen Beweis. Unsere Viehmagd erinnert sich sehr wohl daran, dass sie den ganzen Abend Licht im Zimmer von Herr Ilmari gesehen hat. Sie sah auch den Schatten von ihm, als er an seinem Tisch sass. Ich hatte zuerst die Absicht, dem Polizeichef von meinem Verdacht zu berichten. Dann aber erzählte der Viehmagd, dass sie im Hof gewesen war, um dort ihren Bräutigam zu treffen.

 

Sie waren später am Abend genau auf der Seite dieses Gebäudes. Sie waren ein wenig gehemmt, weil sie wussten, dass sie jemand dort zusammen sehen konnte. Sie achteten sich deshalb darauf, aus welchem Fenster Licht drang.

 

Der Mensch muss sehr vorsichtig sein, damit er seine Schlussfolgerungen nicht zu schnell zieht, sagte die alte Bäuerin. Wenn Licht in diesem Dachbodenzimmer war und wenn man einen Schatten durch den Vorhang sah, würde kein vernünftiger Mensch behaupten, dass Ilmari nicht im Zimmer gewesen ist.

 

Ich muss bekennen, dass ich selbst in dieser Sache allerlei Schlussfolgerungen gezogen und das eine oder andere Mal auch gezweifelt habe.. Doch immer, wenn eine Sache näher untersucht worden ist, merkt man, dass alles, was man merkwürdig gefunden hat, ganz natürlich gewesen ist.

 

Nun, bei Ihnen wird sicher auch viel darüber gesprochen, sagte die Bäuerin.

 

Natürlich sprechen die Leute darüber, antwortete die alte Bäuerin. Jeder stellt es sich auf seine Weise vor und sucht nach dem Schuldigen. Und wenn die Leute dann miteinander sprechen, endet dies irgendetwas, das man nicht glauben kann.

 

Wenn sie alle zur Gerichtsverhandlung kommen, und wenn dort sie dort befragt werden, dann geraten gewiss die Dinge durcheinander. Das ist ganz sicher.

 

Wie sich auch immer die Anwesenden den Mord erklärten und nach welchen Details auch immer die alte Bäuerin fragte – sie bekam keine Hinweise darauf, wie die Pistole verschwunden war. Ebenso wenig fand sie einen Hinweis darauf, der sie auf die Spur zum Mörder führen würde.

 

 

 

Kalle war in der Zwischenzeit zu den Peltos gegangen. Der Tote ruhte in seinem Sarg im Saal. Die Beerdigung sollte am Sonntag nach der Gerichtsverhandlung stattfinden. Die Eltern waren in tiefer Trauer. Kalle versuchte vorsichtig, sie zu zum Geschehenen zu befragen. Beide Eltern vermochten jedoch nichts dazu zu sagen.

 

Mit ihm wurde uns alles genommen! sagte der Bauer vom Pelto-Hof. Unser einziger Sohn! Was sollen wir Eltern nun tun? Ich hatte die Absicht, Matti das Haus zu überlassen. Er hätte heiraten und seinen eigenen Haushalt gründen sollten. Und dann kommt ein Mörder und reisst ihn aus dem Leben. Wie schwer ist doch unser Schicksal!

 

Ilmari ist sehr betroffen, sagte die Bäuerin vom Pelto-Hof. Er sitzt in seinem Dachbodenzimmer und trauert um seinen Vetter. Zuerst wollte er noch herausfinden, wer Matti ermordet hat. Aber wie soll er, der er noch nie ein solches Verbrechen untersucht hat, das herausfinden, was weder dem Polizeichef noch den Polizisten gelungen ist?

 

Ich glaube nicht, dass der Knecht oder dass Erkki Matti ermordet hat. Beide haben sie keinen Zorn Matti gegenüber verspürt.

 

Ilmari hat wieder heftig zu trinken begonnen. Ich versuchte mit ihm zu sprechen, aber er ging nicht darauf ein. Er isst nichts mehr. Er sitzt einfach nur da und trinkt. Wenn du, Kalle, doch hoch gehen und ein wenig mit ihm sprechen könntest!

 

Ich kenne ihn kaum, sagte Kalle. Er war ja viele Jahre weg von dieser Gemeinde. Und als er noch hier war, war ich noch sehr klein.

 

Du könntest trotzdem zu ihm gehen, sagte die Bäuerin vom Pelto-Hof. Ganz sicher erinnert er sich an dich, wenn er dich sieht. Du bist  ein dermassen fröhlicher Mensch, dass du es ihm vielleicht leichter machen kannst. Wir zwei trauern und können nicht auch noch einen anderen Trauernden trösten.

 

Es gab nichts, das Kalle weniger gerne getan hätte als mit diesem jungen Menschen zu sprechen.

 

Aber Kalle war sich sehr sicher, dass Ilmari wichtige Dinge wusste, die er nicht mitgeteilt hatte, weil ihm aus irgendwelchem Grund die Lippen versiegelt waren.

 

Wie hat er die Nachricht vom Tode seines Vetters erhalten? erkundigte er sich.

 

Als wir an jenem Abend den Leichnam nach Hause trugen, antwortete die Bäuerin, war er schon am Schlafen. Wir riefen ihn, und er half uns, den Leichnam hinein zu bringen. Als wir den Leichnam aufs Bett gelegt hatten, war er dermassen bleich, dass wir uns zuerst um ihn kümmern mussten. Dann sagte er, dass er alles tun werde, um uns zu helfen. Darauf ging er nach Helsinki, um einen Sarg zu kaufen.

 

Das Geschehen hat ihn offensichtlich sehr erschüttert, das habe ich gesehen, sagte der Bauer.

 

Wir haben ihm genug Geld gegeben. Als er zurückkehrte, rechnete er mit uns auf die Mark genau ab. Früher hätte er gewiss etwas für sich behalten. Aber sich mit dem Tod zu beschäftigen, wenn er jemanden trifft, der einem so nahe steht    das hat auch ihn sehr bewegt. Nun aber trinkt er schon seit einigen Tagen. Ich weiss nicht, woher dieser Anfall bei ihm kommt. Gehe nun, Kalle, und sprich mit ihm. Wenn du nicht glaubst, dass er dir freundschaftlich gegenübertreten wird, komme ich zuerst mit dir hoch.

 

Natürlich gehe ich unter diesen Umständen zu ihm, sagte Kalle.

 

Mit dem Bauern zusammen gingen sie zum Vorzimmer, von dem aus die Treppe nach oben führte. Als sie oben angelangt waren, wurde die Türe halb geöffnet und eine Stimme fragte:

 

Wer ist da?

 

Wir sind es, sagte der Bauer, und wir möchten zu dir kommen.

 

Wer ist es? fragte die Stimme.

 

Es ist Kalle.

 

Aus der halb geöffneten Türe schien Licht. Aus dem Zimmer hörte man jedoch nichts mehr. Der Bauer ging zur Türe und öffnete sie: Er und Kalle traten ins Zimmer.

 

Komm nur herein, sagte Ilmari. Hast du etwas für mich?

 

Wir haben nichts für dich, sagte Kalle freundschaftlich. Aber die Bäuerin möchte so sehr, dass ich dir für einige Zeit Gesellschaft leiste.

 

Da du hier allein im Zimmer bist, bringe ich dir Kalle mit, sagte die Bäuerin. Verbring ein wenig Zeit mit ihm, vielleicht hilft dir dies.

 

Ich habe nichts dagegen, antwortete Ilmari.

 

Bleib für einen Moment, um mit ihm zu sprechen, sagte die Bäuerin vom Pelto-Hof. Ich muss nun hinunter gehen, Der Vater ist in einer sehr schlechten Verfassung.

 

Die Bäuerin ging hinaus und schloss die Türe.

 

Es hilft, wenn man über das spricht, was einen bedrückt, sagte Ilmari.

 

Danke, sagte Kalle und setzt sich an den Tisch.

 

Er schaute Ilmari an. Dieser war ein schlanker, junger Student, dessen Gesicht vom Licht und vom Alkohol in diesem Moment bleich war.

 

Trinkst du mit? fragte Ilmari.

 

Für gewöhnlich trinke ich nicht, aber ich könnte davon nehmen, sagte Kalle

 

Das ist kein Sprit, sondern richtiger Kognak, sagte Ilmari und holte unter dem Tisch eine Flasche hervor. Ich war in Helsinki und habe sie dort gekauft. Der Tod meines Vetters ist ein schwerer Schlag für mich. Ich hatte noch nie gute Nerven, und diese Sache hat alles wieder schlimm gemacht. Seit meiner Kindheit fürchte ich mich vor Leichen, und solange eine solche unter diesem Dach ist, kann ich überhaupt nicht schlafen. Hast du Angst vor Leichen?

 

Ich habe es noch nie erlebt, dass sich eine Leiche in dem Haus befindet, in dem ich lebte, sagte Kalle, ich kann es also nicht sagen.

 

Ilmari goss Kognak in ein Glas und nickte Kalle zu. Beide tranken.

 

Ich habe in diesen Tagen von euch gehör, sagte Ilmari. Es wird erzählt, dass ihr herauszufinden versucht, wer meinen Vetter ermordet hat.

 

Ich habe noch nicht versucht, mir darüber Klarheit zu verschaffen, sagte Kalle.

 

Aber ich hörte, dass ihr der Sache nachgeht.

 

Ja, aber ich beherrsche diesen Beruf nichts besonders. Ich habe dem Polizeichef in dieser Sache geholfen.

 

Man hört, dass der Knecht und der Junge festgenommen worden sind und verdächtigt werden, den Mord begangen zu haben.

 

Die Frage dreht sich um die Pistole, die an jenem Abend, an dem der Mord geschah, in Anttis Obhut war und die sich irgendwann früher an diesem selben Abend bei Erkki befanden.

 

Genau das ist es.

 

Der Polizeichef denkt, dass er sehr schlau sein, sagte Ilmari und lachte.

 

Mögen Sie ihn?

 

Den Polizeichef?

 

Ja, mögen Sie ihn?

 

Ich kann dazu nichts sagen, antwortete Kalle. Ich habe mit ihm wenig zu tun gehabt, weil ich ja nicht einmal im gleichen Dorf wohne.

 

Ich mag ihm, meinte Ilmari.

 

Ilmari forderte Kalle wieder auf zu trinken. Dann neigte er sich über den Tisch und sagte plötzlich mit schneidender Stimme:

 

Er hat dich zu mir geschickt. Gib dies zu.

 

Ich kam, um dem Bauer und die Bäuerin einen Besuch abzustatten, und dann hat der Bauer mich gebeten, dass ich zu dir komme. Du hast es ja selber gehört.

 

Entschuldige mich, sprach Ilmari, meine Nerven sind sehr angespannt.

 

Wenn Sie immer noch nicht glauben, was ich gesagt habe, können Sie nach unten gehen und fragen. Die Bäuerin wird ihnen bestätigen, dass ich mich lange dagegen gewehrt habe, zu Ihnen zu kommen.

 

Ich glaube es, ich glaube es, besänftigte ihn Ilmari. Als mein Vetter auf diese geheimnisvolle Weise starb, war es nicht zu vermeiden, dass man dachte, ich hätte den Mord begangen.

 

Warum wurden Sie verdächtigt?

 

Ich profitiere von seinem Tod; verstehen Sie dies. Wenn die Eltern sterben, erhalte ich das Geld und den Hof. Und da ich mich mit Matti nicht immer besonders gut verstand … wer weiss schon, welche Schlussfolgerungen die Leute daraus ziehen. Ich habe früher schon Unrecht begangen.

 

Wo?

 

Überall.

 

Auch hier?

 

Hier wie anderswo auch. Ich weiss, warum mein Vater einen dermassen kleinen Besitz hatte, als er starb.

 

Aber das ist eine alte Sache. Und ich habe keinen Grund, mich dort einzumischen. Das ist die Sache meines Vaters. Als ich zur Schule ging, haben mich die Lehrer immer geplagt. Ich bin mir ganz sicher, dass damals meine Nerven zerstört wurden.

 

Und auch an der Universität läuft es nicht so, wie es sollte. Und da stirbt mein Vetter. Ich befürchte, dass die Leute erneut nach mir treten und behaupten, dass ich Matti umgebracht habe.

 

Ich habe von keinen solchen Hinweisen gehört, sagte Kalle.

 

Haben Sie wirklich nicht?

 

Von niemandem, bestätigte Kalle, Und ich habe nun wirklich jeden Klatsch vernommen, der im Umlauf ist. Die Menschen haben alle verdächtigt, den Mord begangen zu haben    mit Ausnahme des Pfarrers und des Apothekers vielleicht.

 

Ilmari brach in ein Lachen aus.

 

Das ist lustig gesagt. Das verdient einen Schnaps.

 

Ich vertrage nicht so viel.

 

Trinken Sie. Eine solch gute Ware bekommen Sie nicht so oft. Ich kenne in Helsinki einen Arzt, der mir ein Rezept ausschreibt.

 

Sie erkennen daran, dass es echte Ware und nicht irgendein Gemisch ist. Ich bin sehr erfreut, dass Sie zu mir gekommen sind. Sie können sich vorstellen, wie furchtbar es ist, wenn man hier oben sitzt und unter im Haus ein Leichnam liegt. Nun ja. Bald wird er zu Grabe getragen. Dann kommt bei mir der Frieden zurück.

 

Ilmari lehnte sich an den Stuhlrücken, schloss die Augen und pfiff leise. Kalle schaute zu ihm herüber und stellte fest, dass seine Augen halb geschlossen waren. Kalle griff bedächtig nach seiner Zigarettenkiste in seinem Mantel und zündete sich eine Zigarette an. Als er den ersten Rauch ausstiess, schaute er Ilmari an. Dieser musterte ihn scharf.

 

Warum zittert Ihre Hand? wollte Ilmari wissen.

 

Ich bin mir den Kognak nicht gewohnt. Jetzt macht er sich bemerkbar, antwortete Kalle.

 

Bei mir zeigen die Getränke nie eine Wirkung, prahlte Ilmari.

 

Ich kann trinken, ohne dass es jemand bemerkt.

 

Das besänftigt die Nerven. Unangenehm ist einzig, dass ich am Schluss müde werde. Aber jetzt könnte ich weitere drei Tage trinken. Dann wird die Beerdigung sein und nachher gehe ich schlafen.

 

Sie sollten damit beginnen, diesen Mord zu klären, sagte Kalle. Sie sind ein gebildeter Mensch, der sicher das herausfinden kann, woran andere scheitern.

 

Ich habe es schon herausgefunden.

 

Sie kennen Mörder?

 

Den Mörder.

 

Wann?

 

Jetzt, und zwar endgültig. Genau in diesem Moment. Nachdem Sie zu mir gekommen sind.

 

Sie denken wohl nicht, dass ich es gewesen bin? Sagte Kalle.

 

Sie wären nicht Manns genug, eine solche Tat zu begehen

 

So etwas erfordert Kühnheit und erfordert auch den Verstand, die Tat zu verschleiern.

 

Ich erschrecke immer, wenn Sie mir zu verstehen geben, dass es mir daran fehlt.

 

Ilmari lachte.

 

Die menschliche Selbstverliebtheit kennt keine Grenzen. Das stelle ich auch jetzt wieder fest. Darf ich Ihnen sagen, wer der Schuldige ist?

 

Natürlich. Ich werde es gerne hören.

 

Gewiss kann ich es jetzt schon sagen. Wenn ich es am Samstag während der Gerichtsverhandlung darlege, werden es ohnehin alle wissen.

 

Sie sind ein grossartiger Mensch, wenn es Ihnen gelingt, jene Frage zu lösen, bei der wir alle andern nicht weitergekommen sind. Ich merke geradezu, dass Sie der ganzen bisherigen Untersuchung den Todesstoss versetzen.

 

Aber am Samstag nicht mehr, wenn ich gesprochen habe.

 

Ich bin mir sicher, dass die Gerichtsverhandlung zu einem Ereignis wird, über das alle Zeitungen berichten.

 

Natürlich werden die Zeitungen darüber berichten, und wieder werden die Leute erkennen, was ich zu tun imstande bin.

 

Er lehnte sich über den Tisch, sehr nahe zum Gesicht von Kalle und sagte:

 

Der Polizeichef hat meinen Vetter getötet!

 

Wie soll so etwas möglich sein? rief Kalle.

 

Warten sie nur, ich werde es Ihnen Schritt für Schritt beweisen.

 

Er goss Kognak in sein Glas, trank es leer und fuhr fort:

 

Zuerst einmal hat die Sache einen psychologischen Hintergrund. Mein Vetter war mit Anna verlobt. Der Polizeichef hat das Mädchen jedoch auch begehrt. Das hat er viele Male bestätigt. Er hat das Mädchen verehrt und hat sie oft zu Hause besucht.

 

Ich habe von seinen Besuchen gehört. Ich bin der nächste Nachbar, sagte Kalle.

 

Haben nicht auch Sie ihn verdächtigt, das Verbrechen begangen zu haben    oder etwa nicht?

 

So etwas Dummes habe ich nie gemacht, stellte Kalle fest, Natürlich habe ich meine Vermutungen angestellt. Doch ich habe es nie gewagt und auch nie gekonnt, solche Schlussfolgerungen zu ziehen.

 

Sie sehen, Sie sehen, dazu braucht es eine intelligente Person. Ein Genie wird dafür benötigt!

 

Aber das genügt noch nicht.

 

Das ist erst der Anfang, der Grundstein eines Gebäudes.

 

Matti trug 30 ‘000 Mark bei sich. Ich weiss dies, denn ich habe das Geld gesehen. Wenn es um Geld geht, hat der Polizeichef so seine Probleme. Deshalb beschloss er, zwei Fliegen auf einen Schlag zu treffen: Er schaltete seinen Widersacher aus und er kam zu einer beträchtlichen Summe Geld.

 

Wie wusste der Polizeichef von diesem Geld?

 

Er wusste vorher nichts davon. Er realisierte es erst, als er den Mord begangen hatte. Wahrscheinlich fiel der Geldbeutel Matti aus dem Mantel, und der Polizeichef nahm das Geld zu sich. Dann warf er die Pistole weg, damit ihn diese nicht verraten würde. Aber er warf sie nicht weit genug weg, und so hat man sie dann gefunden. Er ist solch ein Trottel. Als er später das Verbrechen untersuchen musste, war es seine Aufgabe, die Sache bis zum Schluss richtig zu handhaben.

 

Woher hat dann der Polizeichef die Pistole erhalten, die Erkki bei sich hatte, als er Uotila besuchte?

 

Sie war auf dem Tisch im Vorzimmer, der Polizeichef hat sie sich dort geschnappt.

 

Wie aber hat er gemerkt, dass er dorthin gehen muss, um sie zu holen?

 

Darüber habe ich auch nachgedacht Ich habe es mir so vorgestellt, dass er aus irgendeinem Grund auf jenem Weg gefahren ist, der zwischen unserem Haus und jenem vom Uotila-Hof hindurchführt. Er sah die Pistole und schlüpfte ins Vorzimmer. Das war gar nicht so leicht. Jetzt ist es ja schon früh dunkel, und Erkki kam um fünf Uhr nach Hause. Aber man kann das sicher so tun, dass es niemand bemerkt.

 

Was geschah dann?

 

Matti und ich fuhren mit dem Auto nach Heikkilä.

 

Sie sind also im gleichen Auto gefahren?

 

Das sind wir. Ich mietete mir in Kankapää ein Auto und bin mit ihm gefahren.

 

Der Polizeichef fuhr hinter uns.  Ich sah sein Auto auf der Strasse.  Als wir uns Heikkilä näherten, löschte er die Lichter seines Autos.  Matti entstieg dem Auto. Er hat Kirsti treffen wollen. Genau dann wurde er von hinten erschossen. Ich schwankte der Wand des Speichers entlang. Als ich dann in die Nähe meines Autos kam, war der Polizeichef verschwunden. Er fuhr mit seinem Auto weg. Sicher wissen Sie, dass der Schuster gesagt hat, er habe ein Auto gehört. Es war jedoch nicht ein Auto. Es waren zwei. Eines gehört dem Polizeichef, das andere mir.

 

Warum sind Sie nicht dort geblieben um eine Aussage zu machen? fragte Kalle.

 

Wie ich gesagt habe: Ich habe schwache Nerven. Sie haben mir auch hier wieder einen Streich gespielt. Natürlich hätte ich bleiben und an Ort und Stelle meine Aussage machen sollen.

 

Wo ist das Geld?

 

Natürlich ist es beim Polizeichef, oder er hat es anderswohin gebracht. Er ist sicher klug genug, dass er es in der Hauptstadt zur Bank gebracht hat. Da fragt ihn niemand danach. Dort hat er dann auch die grossen Scheine in kleinere gewechselt.

 

Plötzlich sagte Ilmari mit schneidender Stimme:

 

Sie glauben mir nicht! Ich sehe, dass Sie mir nicht glauben!

 

Natürlich glaube ich Ihnen, entgegnete Kalle. Ich habe lediglich Ihren messerscharfen Verstand bewundert. Keiner hätte sich vorstellen können, dass Matti auf diese Weise nach Heikkilä gekommen ist.

 

Auch ich wäre nicht darauf gekommen, wenn ich nicht selbst dabei gewesen wäre.

 

Das ist äusserst bedeutsam, meinte Kalle.

 

Bei der Gerichtsverhandlung werde ich die Wahrheit ans Licht bringen, sagte Ilmari. Sicher wird dort die Frage aufgeworfen, wer geschossen hat, Und ganz sicher wird die Pistole danach untersucht, ob sie Fingerabdrücke aufweist. Würden auf der Pistole Fingerabdrücke von mir gefunden, stünde ich sofort unter Verdacht. Da aber keine zu finden sein werden, glauben die Leute, dass ich die Wahrheit berichte.

 

Wenn es aber auch vom Polizeichef keine Fingerabdrücke hat?

 

Er hat damals Handschuhe getragen, sagte Ilmari. Und glauben Sie mir, dass diese dieser Herr feine Handschuhe trägt, Denn Sie müssen verstehen, dass diese Leute immer feine Handschuhe tragen, mit denen sie den Abzug einer Pistole betätigen.

 

Kalle schloss die Augen. Er wusste nicht, ob er einen Verbrecher oder einen Verrückten vor sich hatte.

 

Was quält Sie? fragte Ilmari.

 

Geben Sie mir Schnaps, Mir dreht sich alles, sagte Kalle.

 

Ilmari füllte das Glas und reichte es ihm.

 

Trinken Sie, junger Mann, trinken Sie! Ich verstehe sehr gut, dass Sie erschüttert sind.  Als mir klar wurde, worum es hier geht, wurde es auch mir schwindlig.

 

Warum haben Sie es niemandem mitgeteilt?

 

Sagen Sie – wem hätte ich es sagen sollen? Dem Polizeichef etwa?

 

Sie haben Recht. Sie konnten nicht darüber sprechen.

 

Aber bei der Gerichtsverhandlung, da werde ich meinen Mund auftun. Ich bin kein Zeuge, der aussagen muss. Aber ich werde trotzdem hingehen. Ich lasse den Polizeichef zuerst alles auf seine Weise erklären. Und dann werde ich zeigen, wie es sich tatsächlich verhalten hat. Dieser Gauner – geht und lässt unschuldige Leute verhaften! Aber das ist ja nicht das erste Mal. Auch mich wollte er einmal hinter Schloss und Riegel bringen.

 

Warum denn?

 

Er behauptete, ich sei betrunken. Matti kam dazwischen. Ich aber beschloss, abzuwarten, bis meine Zeit gekommen ist. Und jetzt ist sie gekommen. Jetzt bin ich jemand, auf den man hören muss und den man nicht ständig unterdrückt. Ich will nichts Böses über meinen Vetter Matti sagen. Auf seine Weise war er ein guter Mensch. Aber auch er wollte mich bevormunden. Aber Sie    Sie bevormunden mich nicht. Sie sitzen mit mir zusammen. Matti sass mit anderen Leuten zusammen, aber nicht mit mir. Doch jetzt wird er bald auf dem Friedhof ruhen, und das tut ihm nur gut.

 

Ilmari schaute Kalle fragend an.

 

Sie wundern sich sicher darüber, wie ich über diese Sache spreche?

 

Ich habe Matti gut gekannt, antwortete Kalle. Ich weiss sehr wohl, dass ihn nicht alle Leute ertragen konnten. Viele in dieser Gemeinde hatten Streit mit ihm.

 

Das habe ich auch bemerkt, sagte Ilmari. Jetzt, wo er gestorben ist, entsteht daraus ein ganz anderes Leben. Jene, die ihm das Leben genommen haben, haben uns einen grossen Dienst erwiesen Alle sollten ihnen danken und sie verehren. Aber die Leute wollen ihnen keine Anerkennung leisten.

 

Der Polizeichef hat damit eine grosse Tat vollbracht, sagte Kalle.

 

Woraus schliessen Sie, dass es der Polizeichef getan hat? sagte Ilmari. Er ist ein schlechter Mensch.

 

Sie selbst haben es mir erzählt und bestätigt, dass der Polizeichef Matti erschossen hat,

 

Ilmari schaute Kalle lange an. Endlich sagte er:

 

Sie haben es nicht geglaubt. Geben Sie es zu, dass Sie es nicht geglaubt haben!

 

Sie sind verrückt, sagte Kalle. Sie haben es glasklar bewiesen. Niemand kann auch nur im Geringsten daran zweifeln.

 

Kalle wusste nun, dass er es mit einem Geistesgestörten zu tun hatte. War ihm selber im Geheimen der Gedanke gekommen, dass der Polizeichef der Schuldige sein könnte? War der Polizeichef wirklich schuldig oder war er es nicht?

 

Wie sollte dieser Mensch nicht etwas Unvernünftiges vermutet haben, wo er selbst doch ebenfalls geglaubt hatte, dass der Polizeichef ein Mörder sei? Aber konnte es nicht auch sein, dass Ilmari selber der Mörder war und jetzt versuchte, seine Tat zu vertuschen? Wenn er, Kalle, versuchte, sich darüber Klarheit zu verschaffen, müsste er unbedingt das Vertrauen von Ilmari gewinnen. Ein Mittel gab es dazu. Ilmari schien immer darunter zu leiden, dass die Leute ihn nicht achteten. Er war ständig verlacht und verspottet worden. Sein Selbstwertgefühl zu steigern, war in jedem Falle empfehlenswert.

 

Ich kann nichts anderes sagen als dass Sie ein scharfsinniger Mensch sind, stellte Kalle fest. Sie haben nicht untersucht, was die Zeugen aussagen, Sie sitzen in ihrem Zimmer und ziehen Ihre Schlussfolgerungen, die sich dann als richtig erweisen. Unser Gespräch erinnert mich denn auch ganz deutlich an verschiedene Detektivromane.

 

Ich habe diese ebenfalls gelesen, sagte Ilmari, Aber ich halte nicht viel von ihnen. Wenn der Verbrecher gefunden wird, ist das weder ein Wunder und noch ist es überraschend.

 

Aber in der Wirklichkeit sieht es immer anders aus. Schauen Sie doch für einmal dieses Geschehen an. Wir haben eine Tat, einen Mord nämlich. Ein Mensch ist gestorben. Mehr wissen wir nicht. Dann finden wir heraus, mit welcher Waffe der Mord geschah. Sie hat einem sehr aufrichten Menschen gehört, der sie zufälligerweise verloren hat. Als Matti in meiner Anwesenheit in der Dunkelheit erschossen wurde, wusste ich nicht, wer geschossen hat. Ich wusste auch nichts über die Waffe. Aber ich war trotzdem fähig, alles richtig zu deuten und alle Details zu einem Ganzen zusammenzufügen. In meinem Gedächtnis speicherte ich die näheren Umstände ab und erkannte deren Bedeutung.

 

Das ist sehr spannend, sagte Kalle.

 

In der Tat spannend, meinte Ilmari. Das ist es immer, wenn die Begabung eines Menschen perfekt zum Tragen kommt. Wissen Sie, woraus ich meinen wichtigsten Schluss gezogen habe? 

 

Erzählen Sie es mir bitte.

 

Ich sah von diesem Fenster aus, dass der Polizeichef ins Vorzimmer eingedrungen war. Ins Zimmer selber ging er nicht, Ich sah ihn beim Tisch stehen. Er legte den Hut ab und hatte wohl die Absicht, nach innen zu gehen. Dann änderte er seine Meinung, Er setzte sich den Hut wieder auf und verliess eilend den Raum. Was tat er dann? Er liess die Pistole in seine Manteltasche gleiten, und mit diesem Mantel zusammen ging er weg.

 

Das ist eine sehr gute Annahme.

 

Annahme? Das ist die Wahrheit.

 

Dass sich der Polizeichef so verhalten hat, haben Sie vorher nicht erwähnt.

 

Ich konnte Ihnen nicht alles auf einmal sagen, stellte Ilmari fest. Aber ich sehe nun, dass jeder sehen kann, dass ich die Wahrheit sage.

 

Er löschte das Licht und trat zum Vorhang, der sich vor dem Fenster befand. Kalle sah nun in das beleuchtete Vorzimmer vom Uotila-Hof und er sah auch den Tisch, der sich neben der Türe befand.

 

Von hier aus sieht man alles sehr deutlich, sagte Kalle. Ich sehe auf dem Tisch die Handtasche der alten Bäuerin vom Heikki-Hof.

 

Woher wissen Sie, dass er ihre ist? fragte Ilmari.

 

Um dies herauszubekommen, muss man nicht besonders scharfsinnig sein, entgegne Kalle. Ich bin mit der alten Bäuerin zusammen in Dorf gegangen. Sie ging zu Uotila, und ich bin zu Ihnen gekommen.

 

Was macht sie in Uotila? Untersucht sie die Angelegenheit?

 

Wie soll eine so alte Frau wie sie solche Dinge untersuchen? sagte Kalle und lachte. Sie wissen ja, dass der Erkki, der Sohn ihrer Tochter, der Bräutigam der Tochter vom Uotila-Hof ist. Erkki ist in Haft, und die alte Bäuerin ist gekommen, und Aino aufzurichten.

 

Ich befürchte, dass auch sie sich in die Angelegenheit einmischt, sagte Ilmar.

 

Warum muss man sich deswegen fürchten?

 

Wenn jemand anders als ich herausfindet, dass der Polizeichef der Schuldige ist, kann ich bei der Gerichtsverhandlung meine hervorragenden Fähigkeiten nicht mehr unter Beweis stellen. Mir hat sich bis jetzt noch nie eine so glänzende Gelegenheit dazu geboten, und diese lasse ich mir von niemandem nehmen – von niemandem. Hören Sie – von niemandem!

 

Ich habe nicht die Absicht, dies zu tun.

 

Wenn Sie es trotzdem tun, werde ich Sie erschiessen. Sie wissen gar nicht, wie gut ich schiessen kann. Ich habe in Helsinki meine Fähigkeiten oft unter Beweis gestellt:

 

Wenn ich jetzt einen Revolver hätte, könnte ich sehr gut mitten in die Tasche der Bäuerin schiessen.

 

Es ist erfreulich, eine solche Kunstfertigkeit zu sehen, sagte Kalle. Schade nur, dass Sie keinen Revolver besitzen.

 

Natürlich besitze ich einen Revolver, sagte Ilmari. Ich kaufte mir in Helsinki einen. In diesem Land braucht man eine Waffe. Man kann nie sicher sein, ob man in der Dunkelheit nicht überfallen wird.

 

Warum sollte jemand über Sie herfallen?

 

Weil ich nun das ganze Erbe von Matti erhalte. Da kann es immer Leute geben, die mich daran hindern wollen.

 

Ilmari zog den Vorhang vor das Fenster, zündete sich eine Zigarette an und wies Kalle an, sich hinzusetzen. Erneut goss er sich Kognak in sein Glas.

 

Da wir nun angefangen haben miteinander zu plaudern, dürfen Sie nicht gehen, bevor nicht alles ausgetrunken ist, sagte Ilmari.

 

Ich sollte nun aber wirklich gehen. Die alte Bäuerin will nach Hause.

 

Du kannst es der Bäuerin sagen.

 

Das wäre nicht richtig, Ich habe ihr versprochen, sie zu holen und sie zu begleiten.

 

Lass die Bäuerin warten. Was sollen wir uns um sie kümmern? Wenn sie nach Hause gehen will, soll sie dies tun. Sicher kann sie reiten.

 

Natürlich kann sie das.

 

Ich werde später das Auto holen und Sie nach Hause bringen. Und ich kann Ihnen versichern: Ich werde sehr schnell fahren. Jetzt muss ich mich auch  nicht mehr vor dem Polizeichef in Acht nehmen. Und lassen Sie die Bäuerin nur ihre Dinge erzählen; Frauen sind zufrieden, wenn sie dies tun können.

 

Ich sollte sie aber trotzdem darüber informieren, dass ich sie nicht nach Hause begleiten kann.

 

Warten Sie doch.

 

Sie ist eine alte Frau.

 

Was kümmert uns das?

 

Da ich arm bin und sie reich ist, sollte ich mich ihr gegenüber höflich verhalten.

 

Ich bin ebenso reich wie sie. Deshalb sollten Sie sich auch mir gegenüber höflich verhalten. Leiden Sie an einem Geldmangel?

 

Nicht gerade einen Mangel, andererseits habe ich auch nicht Geld im Überfluss.

 

Ich will mich Ihnen gegenüber freundschaftlich verhalten, weil Sie zu mir gekommen sind. Ich gebe Ihnen Geld.

 

Aber Sie haben ja gar kein Geld.

 

Ich soll kein Geld haben? Ich habe immer Geld.

 

In Kalle wuchs die Gewissheit, dass Ilmari der Mörder war.

 

Möglicherweise hatte er von dem gestohlenen Geld noch etwas übrig und er könnte es ihm zeigen.

 

Man sagt, dass Sie Ihr gesamtes Erbe verprasst haben, meinte Kalle.

 

Die Leute erzählen immer Dinge, die gar nicht stimmen. Wenn Geld geht, kommt auch Geld zurück. Das Geld ist eine Ware, die in Bewegung sein muss. Ich bin nun in einer freundschaftlichen Stimmung. Brauchen Sie es zu Ihrem Wohl. Wenn ich alles wieder zurückbekommen würde, welches ich an Freunde ausgeliehen habe, wäre ich ein reicher Mann. Und ich habe es jenen gegeben, die mich getröstet haben, wenn es mir nicht gut ging. Und Sie sind gekommen, als niemand anderer gekommen ist. Ich bin nicht undankbar. Warten Sie bitte!

 

Ilmari nahm aus seinem Mantel einen Geldbeutel, suchte einen Moment und reichte Kalle eine Banknote.

 

Das sind 1000 Mark!

 

Kalle ergriff die Note. Er zitterte. Er legte die Note vor sich hin. Die Zahl auf der Banknote entsprach einer jener Zahlen, die die alte Bäuerin erwähnt hatte. Seine Hände zitterten, als er die Note ergriff und auf ihr den Löwen sah, an dessen Flanke die alte Bäuerin ein Merkzeichen angebracht hatte. Jetzt war er sich ganz sicher, dass Ilmari ein Mörder war.

 

Sicher haben Sie schon immer einmal eine Tausendernote in Ihren Händen halten wollen, sagte Ilmari. Warum glotzen Sie sie so an?

 

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals eine solche Note gesehen zu haben, sagte Kalle. Sein Mund fühlte sich schrecklich trocken an.

 

Da ist eine für die Schwester, sagte Ilmari. Er reichte Kalle eine weitere Note. Nehmen Sie sie. Sie können damit kaufen, was immer Sie brauchen.  Ich brauche nicht einmal Zins dafür.

 

Kalle schaute die neue Banknote an. Erneut stellte er fest dass sie zu jenen gehörte, die markiert worden waren. Nun musste er diese Angelegenheit auf die eine oder andere Weise dem Polizeichef mitteilen. Er steckte die Note in seine Tasche und trank einen Schluck aus dem Glas, weil sein Mund sehr trocken war.

 

Nun, wie fühlt es sich an, wenn man Geld in der Tasche hat? fragte Ilmari

 

Mir ist immer noch so, wie wenn ich einen Schlag auf den Kopf erhalten hätte, sagte Kalle. Ich habe dieses Gefühl bislang noch nie verspürt.

 

Das verstehe ich sehr gut, sagte Ilmari. Es gibt nichts, dass so furchtbar ist wie wenn man ohne Geld dasteht. Und es gibt nichts, das dermassen herrlich ist, wenn man reich ist. Wenn man reich ist, kann man tun, was man will; doch die Armen verfolgen alle. Ich habe dies selbst erlebt. Ich möchte nie mehr arm sein. Von der Gnade der Menschen abhängig zu sein, ist für den Begabten eine Qual. Der Reichtum hat etwas Vornehmes an sich. Die Armut dagegen zermürbt uns.

 

Ich bleibe gerne hier, sagte Kalle. So gut ist es mir bis jetzt noch nie ergangen. Ich weiss nicht, wie ich Ihnen dies vergelten kann.

 

Denken Sie nicht darüber nach, meinte Ilmari. Ich habe Ihnen zu danken. Ich kann Ihnen schwören, dass Sie nie mehr unter Geldmangel leiden werden. Ich war meinen Freunden gegenüber noch nie geizig.

 

Wenn ich in Ihrer Gesellschaft bleibe, geschieht dies nicht wegen des Geldes. Es geschieht, weil Sie mich brauchen, sagte Kalle.

 

Ja, ich brauche wirklich die Gesellschaft anderer Leute, sagte Ilmari. Ich brauche jemanden, der mich in meinen dunkelsten Momenten stützt. Und ich brauche diese Person gerade jetzt, wo unter mir eine Leiche aufgebahrt worden ist.

 

Ilmari presste seine Hände an den Kopf und sank auf den Tisch. Kalle versuchte so freundlich als möglich zu sein, denn er wusste nur zu genau, dass ein falsches Wort oder eine gedankenlose Bewegung könnten bei ihm Zweifel hervorrufen. Kalle hatte keine Waffe bei sich, aber er wusste, dass sein Gegenüber einen Revolver besass. Sollte auch nur die Hälfte von dem stimmen, was Ilmari über seine Fähigkeiten beim Schiessen gesagt hatte, würde er den Raum nicht lebend verlassen, wenn sich beim Mörder Zweifel regten. Er unterdrückte seine Ekel und legte seine Hand auf den Kopf von Ilmari. Dieser hob schnell seinen Kopf, schaute Kalle lang an und sagte:

 

Sie sind zu mir gekommen um mich auszuspionieren.

 

Kalle zuckte zusammen.

 

Ich habe Angst, sagte Ilmari. Verstehen Sie, dass ich sofort gewusst habe, warum Sie gekommen sind.

 

Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass ich nicht die Absicht hatte, zu Ihnen zu kommen. Erst auf das Drängen der Bäuerin tat ich dies.

 

Hat sie Sie geschickt, damit Sie herausfinden, ob ich Matti erschossen habe?

 

Das hat Sie überhaupt nicht getan, sagte Kalle. Wenn Sie auch nur ein wenig die Menschen verstehen, haben Sie es schon dem freundlichen Ton angehört, in welchem sie über Sie gesprochen hat, dass sie Sie nicht verdächtigt.

 

Und da Sie mir alles erzählt haben, so können Sie nicht der Schuldige gewesen sein.

 

 

 

DER DRUCKTEXT BIS HIER KORRIGIERT    6 9 201

 

 

 

 

 

 

 

Was habe ich Ihnen erzählt?

 

Sie haben mir die Wahrheit erzählt – nämlich, dass Sie Matti seinem Hof gebracht haben und dass Sie, als Matti gestorben war, die Nerven verloren und sofort von hier weggegangen sind.

 

Ja, meine Nerven liessen mich im Stich, sagte Ilmari. Ich hätte nicht fliehen dürfen. Ich hätte bleiben und alles, was ich wusste, sofort erzählen müssen, Das wurde mir erst klar, als ich wieder zu Hause war. Ich fuhr den ganzen Weg mit einer dermassen hohen Geschwindigkeit, dass der Geschwindigkeitsmesser siebzig Stundenkilometer anzeigte. Ich bin schon mit 80 Stundenkilometern gefahren, aber auf dieser Strasse kann man nicht schneller als 70 fahren.

 

Ich kann mich daran erinnern, dass ich dermassen mit den Nerven am Ende war. Ich löste beim Auto die Bremsen und dachte nicht mehr daran, den Motor anzustellen. Da es dort aber den Hügel hinunter geht, begann das Auto zu rollen. Erst als es unten am Hügel wieder stillstand, setzte ich den Motor in Betrieb. Merkwürdig, an wie viel man sich nachher erinnert.

 

Ich habe gemerkt, dass wir uns, wenn wir uns in einer gefährlichen Situation befinden, oft an Kleinigkeiten erinnern; an die grossen aber nicht.

 

Kalle überlegte, wie er es schaffen könnte, dieses Zimmer zu verlassen. Wenn ihm dies gelänge, könnte er die alte Bäuerin informieren, und mit ihrer Hilfe auch den Polizeichef alarmieren. Er selbst konnte dies nicht tun, denn dies hätte den Verdacht von Ilmari geweckt. Die Gefahr war noch grösser als er zuerst vermutet hatte.

 

Plötzlich wurde ihm klar, warum er die zweite Banknote erhalten hatte. Wenn wegen des Geldes jemand verdächtigt würde, wenn jemand um die verdächtigen Zahlen auf der Banknote wissen würde, dann würde man in seiner Tasche jene Noten finden, die diese Nummern trugen. Diese Nummern würden beweisen, dass er am Mord schuld war, sollten die Behauptungen des Polizeichefs nicht zutreffen. Dieser teuflische Trick machte deutlich, mit welch gefährlichem Verbrecher er sich eingelassen hatte. 

 

Vorerst zerbrach er sich vergebens den Kopf darüber, wie er sich aus dieser schrecklichen Lage befreien könnte.

 

 

 

Plötzlich ergab sich eine Lösung.

 

 

 

Wenn ich Ihnen erlaube, der alten Bäuerin mitteilen, dass Sie nicht mit ihr nach Hause zurückkehren, versprechen Sie mir dann, dass Sie hier übernachten? fragte Ilmari.

 

Kalle ging sofort darauf ein.

 

Das verspreche ich.

 

Sie schwören es?

 

Ich schwöre es.

 

Sie können gehen. Halten Sie sich aber nicht zu lange bei ihr auf. Sagen Sie ihr, worum es geht, und damit hat es sich dann. Und ich stelle eine Bedingung.

 

Und die wäre?

 

Dass Sie mit der alten Frau neben dem Fenster im Vorzimmer sprechen, damit ich Sie sehen kann.

 

Ich verspreche es.

 

Heilig?

 

Heilig. Die alte Bäuerin ist meine Patin. Ich will ihr gegenüber nicht ein Versprechen brechen, das ich gegeben habe.

 

Bedeutet Ihnen die alte Bäuerin etwas?

 

Das tut sie. Sie ist klüger und liebevoller und warmherziger als die eigene Mutter.

 

Meine Mutter ist so früh gestorben, dass ich mich nicht mehr an sie erinnern kann. Ich habe mich oft nach ihr gesehnt. Gehen Sie nun, aber denken Sie daran, dass Sie zurückkommen müssen.

 

Ich komme ganz bestimmt zurück.

 

Kalle rannte schnell von den Peltos zu den Uotilas.

 

Im Vorzimmer blickte er zurück und winkte. Er sah Ilmari beim Fenster stehen. Ilmari zündete sich eine Zigarette an. Kalle öffnete die Türe zum Zimmer und rief die alte Bäuerin zu sich.

 

Seien Sie möglichst ruhig, sagte Kalle. Wenn Sie es können, lächeln Sie. Wir werden beobachtet. Der Mörder ist Ilmari Pelto. Er steht am Fenster und schaut uns zu. Tun Sie so, wie wenn ich Ihnen gesagt hätte, dass ich hierbleiben werde und Sie allein nach Hause zurückgehen müssen.

 

Die alte Frau klopfte Kalle auf den Arm und sagte:

 

Der Polizeichef war hier. Matti ist diesen Abend mit dem Auto nach Kankaanpä gebracht worden.

 

Das weiss ich, sagte Kalle. Er klopfte seinerseits auf die Hand der alten Bäuerin. Ilmari ist bewaffnet. Er hat einen Revolver bei sich. Wir können ihn nicht in seinem Zimmer festhalten. Er hat mich gebeten, die Nacht hier zu verbringen. Vielleicht können wir ihn festnehmen, während er schläft.

 

Versuche alles, um ihn aus dem Zimmer zu bringen, sagte die alte Bäuerin.

 

Informieren Sie den Polizeichef. Sorgen Sie dafür, dass er sich mit anderen Männern zusammen in Unterstellplatz versteckt, sagte Kalle.

 

Ich versuche einen Weg zu finden, wie ich den Mörder dazu bringen kann, dorthin zu gehen.

 

Der Polizeichef ist zuhause. Ich rufe ihn an und fordere ihn auf, zum Unterstellplatz zu gehen. Du bist hier in Gefahr, das weiss ich. Bete zu Gott, dass er dir Schutz und Stütze gewährt. Wer sich auf ihn abstützt, bleibt nie ohne Hilfe. Seine Hand ist mächtig, und niemand kann sich ihm entgegenstellen.

 

Gib mir nun die Hand.

 

Dann glaubt er, dass wir uns voneinander verabschieden.

 

Noch ein Wort: In seinem Fenster war sein Schatten zu jener Zeit zu sehen, zu der der Mord geschah. Gehe dem nach!

 

Kalle nickte. Er winkte in die Richtung von Ilmaris Fenster und zeigte damit, dass alles geklärt war.

 

 

 

Als er in das Zimmer von Ilmari zurückkehrte, fragte dieser:

 

Was hat sie gesagt?

 

Was soll sie schon gesagt haben? Sie lachte und sagte, dass sie den Heimweg auch allen finden würde.

 

Sie haben auch über andere Dinge gesprochen. Das habe ich gemerkt.

 

Ich bat sie, bei meinem Haus vorbeizugehen und zu sagen, dass ich über Nacht fortbleiben werde. Die Mutter wäre sehr beunruhigt, wenn sie merkt, dass ich nicht nach Hause komme.

 

Kalle dachte an die letzte Bemerkung der alten Frau. Er begann, das Zimmer von Ilmari genauer anzuschauen.

 

Was guckst du so? fragte Ilmari.

 

Sie haben ein schönes Zimmer, sagte Kalle. Wir haben bis jetzt dermassen viel gesprochen, dass ich noch gar nicht dazu gekommen bin, es mir anzuschauen.

 

In der Ecke des Zimmers befand sich die Büste eines Mannes. Kalle stelle sich vor sie hin und schaute sie sich an. Er sah, dass am Sockel viele Schrammen waren. Sie machten deutlich, dass die Büste verschoben worden war.

 

Als er zum Tisch zurückkehrte, bemerkte er, dass sich auf dem Tisch Kratzer und weisse Streifen befanden. Zweifellos stammten sie von einem Gipsabdruck.

 

Ilmari hatte die Büste also so hingestellt, dass ihr Schatten auf den Vorhang fiel. Von aussen mussten die Leute annehmen, dass sie den Schatten eines Mannes sahen, der am Tisch sass.

 

Was für ein Irrtum!

 

Ilmari hatte dies alles für die Zeit so angeordnet, zu der er mit Matti unterwegs war. Zweifellos hatte er damals noch nicht jene Lügen erfunden, die er Kalle erzählt hatte. Als er nach Hause zurückkehrte, vergass er, dass es nicht mehr notwendig war, die Büste auf diese Weise hinzustellen. Vielleicht war es aber auch so, dass er häufig auf das Täuschungsmanöver mit der Büste zurückgriff und dieses auch am Abend des Mordes automatisch ausgeführt hatte.

 

Im Zimmer war es warm geworden. Ilmari legte Kalle nahe, seinen Mantel auszuziehen. Kalle widersetzte sich zuerst, weil er wusste, dass es ihm nützen würde, wenn er bei einer allfälligen Flucht einen Mantel trug. Aber er überlegte sich, dass er im Notfall den Mantel auch würde zurücklassen können. Er überreichte Ilmari den Mantel. Ilmari hängte den Mantel an einen Nagel beim Bett auf. Er zog sich ebenfalls seinen Mantel aus und hängte ihn daneben auf.

 

Um Zeit zu gewinnen, sprach Kalle mit Ilmari über sein Leben an der Universität. Darüber sprach Ilmari gerne. Das gab ihm Gelegenheit genau zu erklären, wie oft ihm Unrecht widerfahren war.

 

 

 

Plötzlich kam Ilmari wieder auf das Gespräch zurück, das sie über den Mord geführt hatten.

 

Ich habe wirklich befürchtet, dass man mich beschuldigen würde, Matti ermordet zu haben.

 

Ich musste deshalb verschiedene Überlegungen anstellen, um mich selbst verteidigen zu können. Ich möchte nicht meine Freiheit verlieren, jetzt, wo ich reich geworden bin und mir gut gehen wird. Wenn sie mich dessen beschuldigen, werde ich mich ganz gewiss selber umbringen.

 

Sie bilden sich viel zu viel ein, sagte Kalle; niemand beschuldigt Sie.

 

Danke für Ihre Worte, entgegnete Ilmari. Wenn Sie bei mir sind, fürchte ich mich vor nichts mehr. Wenn ich so gute Nerven hätte wie Sie, wäre ich sehr glücklich.

 

Kalle überlegte fieberhaft. Es war möglich, dass Ilmari unschuldig war; es war aber ebenso gut auch möglich, dass er ein Mörder war. Um dies entscheiden zu können, nahm sich Kalle vor, ihm eine Falle zu stellen.

 

Ich habe dieses Verbrechen genau verfolgt, sagte er zu Ilmari. Ich bin mir ganz sicher, dass man den Schuldigen finden wird.

 

Wie denn? wollte Ilmari wissen.

 

Verbrecher begehen immer Fehler, sagte Kalle. Das Geld, das jemand Matti weggenommen hat wird man finden. Die Zahlen auf den Banknoten sind bekannt.

 

Sind Sie sicher?

 

Ganz sicher, ja. Ich habe diese Zahlen gehört, aber ich weiss sie nicht auswendig. Zuhause habe ich sie auf einem Zettel notiert.

 

Und da ist noch eine Sache, um die der Polizeichef noch gar nicht weiss.

 

Und das wäre?  

 

Der Hut von Matti. Er ist verschwunden. Oder besser gesagt, er war verschwunden.

 

Und was beweist dies? fragte Ilmari.

 

Er könnte sich beim Mörder befinden.

 

Ganz recht.

 

Wenn man nun bei einer Person das Geld findet und wenn dann noch der Hut auftaucht, wird diese Person sicher festgenommen.

 

Das ist sehr scharfsinnig überlegt, gab Ilmari zu. Es ist aber auch etwas, das für die Eltern von Matti sehr erfreulich ist. Ich muss jetzt zu ihnen gehen und es ihnen erzählen. Bleiben Sie ruhig hier und warten Sie, ich werde bald zurückkehren.

 

Kalle nickte.

 

Sie können in der Zwischenzeit in aller Ruhe trinken, sagte Ilmari.

 

Es erhob sich und ging zur Ecke des Zimmers, wo sein Mantel und der Mantel von Kalle hingen. Kalle drehte sich nicht um. Er konnte auch so verfolgen, was Ilmari tat, denn ihm gegenüber an der Wand hing ein Spiegel, in welchem er Ilmari erblickte.

 

Kalle sah, dass Ilmari sich am Mantel zu schaffen machte. Was er dort genau zu suchen hatte, konnte Kalle jedoch nicht sagen.

 

Auf Wiedersehen und bis dann, sagte Ilmari von der Türe her. Ich werde einige Zeit wegbleiben, aber warten Sie, bis ich wiederkomme.

 

Er öffnete die Türe und verschwand. Kalle horchte. Für einige Zeit vernahm er die Schritte von Ilmari. Kalle rührte sich nicht von der Stelle. Nach kurzer Zeit öffnete Ilmari wieder die Türe.

 

Haben Sie etwas vergessen?

 

Ilmari stand beim Tisch und sagte lachend:

 

Ich habe meine Raucherwaren vergessen.

 

Er nahm den Beutel vom Tisch und verschwand. Für Kalle war es klar, dass der junge Mann keineswegs zurückgekehrt war, um nach den Raucherwaren zu suchen.

 

Kalle sass für eine lange Zeit da und wartete, ob Ilmari nochmals zurückkehren würde. Er schaute auf die Uhr. Als fünf Minuten vergangen waren, ging er zur Türe und öffnete sie. Er sah niemanden.

 

Schnell ging er zu seinem Mantel. Er begann ihn zu untersuchen. Er hatte gesehen, dass sich Ilmari dort zu schaffen gemacht hatte. Als er in die Brusttasche des Mantels griff, bemerkte er dort einen Geldbeutel. Er öffnete ihn. Im Geldbeutel befanden sich Banknoten, die er aufgrund ihrer Merkzeichen erkannte. Er schaute zum Nagel an der Wand, an welchem sein Hut gehangen hatte. Der Hut von Ilmari befand sich noch dort. Sein Hut dagegen war weg.

 

Kalle begriff nun sehr gut, was Ilmari im Schilde führte. Er wollte den Hut von Kalle in den Autounterstand bringen. Sollte der Hut von Matti im Auto liegengeblieben sein, würde er ihn mit dem Hut von Kalle vertauschen.

 

Würde man später die Banknoten in seiner Manteltasche und den Hut von ihm im Auto finden, würden die Leute ihn, Kalle, verdächtigen, den Mord begangen zu haben.

 

Kalle sass beim Fenster und schaute zum Vorzimmer hinunter.

 

Eine lange Zeit verging. Gewohnheitshalber schaute Kalle wieder einmal auf die Uhr und stellte fest, dass die Minuten sehr langsam vergingen.

 

Schliesslich sah er den Polizeichef. Er kam zum Hof und ging in dessen Vorzimmer. Wenig später erschien auch die alte Bäuerin. Sie ging zum Fenster und winkte Kalle. Schnell ergriff Kalle seinen Mantel und ging zur Türe hinaus.

 

Als er zu den beiden kam, sagte der Polizeichef:

 

Ilmari Pelto ist festgenommen worden. Er hat den Mord gestanden.

 

Er hat ihn zugegeben? fragte Kalle verwundert.

 

Das hat er, antworte der Polizeichef.

 

Wir haben Ihre Nachricht erhalten. Mit zwei Polizisten zusammen haben wir uns zum Autounterstand begeben. Dort versteckten wir uns. Nach einiger Zeit hörten wir ein leises Geräusch. Ein Mensch trat ein. Er schabte ein Feuerholz, bis es brannte. Da erkannten wir, dass es Ilmari war. Er sah an der Wand des Schuppens einen Hut hängen und begann, ihn mit jenem Hut auszutauschen, den er selber trug.

 

Da nahmen wir ihn fest.

 

Was tat er dann? fragte Kalle. 

 

Er brach zusammen und begann zu weinen. Die Nerven dieses Mannes hielten die Spannung nicht mehr aus. ‚Es ist alles dermassen klar, dass ich es nicht mehr verschweigen kann’, sagte er. Und dann gestand er alles.

 

Warum wolltest du ihn in diesen Schuppen locken? fragte die alte Bäuerin.

 

Ich erinnerte mich an das, was Sie über Mattis Hut gesagt haben, antwortete Kalle. Ich wusste nicht, ob Ihr Hinweis irgendwohin führen würde. Aber ich beschloss, einen Versuch zu wagen.

 

Ich habe mir Folgendes überlegt: Wenn der Hut irgendwo liegen geblieben wäre, dann wäre dies sicher im Auto geschehen.

 

Ilmari versuchte, mir die Schuld in die Schuhe zu schieben. Im Geheimen steckte er den Geldbeutel von Matti in meine Manteltasche. In diesem befanden sich denn auch ein Teil des Geldes, das er Matti gestohlen hat. Dann nahm er meinen Hut und ging zum Autounterstand. Dort wollte er meinen Hut mit demjenigen von Matti vertauschen. Auf diese Weise wäre der Verdacht auf mich gefallen.

 

Das haben Sie klug abgeleitet, sagte der Polizeichef.

 

Da stand keine Weisheit dahinter entgegnete Kalle. Als ich über den Hut sprach, bemerkte ich, dass Ilmari nach ihm zu suchen begann. Ich glaubte, er werde mit mir zusammen zum Unterstand gehen.

 

Da Sie sich dort befanden, hätte ich von Ihnen befreit werden können. Das war meine Weisheit.

 

Die Hauptsache ist, dass der Mord geklärt und Antti wieder frei ist, sagte der Polizeichef.

 

Und wir zwei sollten nach Hause gehen, sagte die alte Bäuerin. Ich fühle mich ausserordentlich müde,

 

Polizeichef, holen Sie bitte für Antti ein Pferd, damit er nach Hause gehen kann. Und ja, rufen Sie meine Tochter an und teilen Sie ihr mit, wie die Dinge stehen, damit sie Antti angemessen empfangen kann. Und sicher können Sie auch dafür sorgen, dass Erkki aus seiner misslichen Lage befreit wird.

 

Ich habe Helsinki bereits informiert, sagte der Polizeichef. Es ist gut, dass die Situation bereinigt wird.

 

Die alte Bäuerin verabschiedete sich von den Leuten vom Hof. Sie dankte dem Polizeichef und machte sich mit Kalle zusammen auf den Heimweg.

 

 

 

Als sie am Dorf vorbeigekommen waren und zum Wald kamen, sagte die alte Bäuerin:

 

Lass das Pferd im Schritt gehen, wir haben es nicht eilig.

 

Das Pferd betrat den dunklen Herbstwald.

 

Wenig vermögen wir Menschen, und wenig verstehen wir, sagte die alte Bäuerin. Wir haben in dieser Sache falsche Entscheidungen getroffen. Dann führte Gott uns in die richtige Richtung und verhalf uns dazu, den Mörder zu finden.

 

Haben Sie nie Mattis Vetter verdächtigt? wollte Kalle wissen.

 

Ihn habe ich lange Zeit verdächtigt, sagte die alte Bäuerin. Aber ich getraute mich nicht, mit dir darüber zu sprechen. Schau, ich habe gesehen, wie sich die Verdächtigungen anderer Leute gegenüber, die du geäussert hast, als falsch erwiesen haben. Da wagte ich es nicht, einen neuen Weg zu begehen, bevor nicht alles klar war.

 

Warum verdächtigten Sie ihn?

 

Weil ich auf die gleiche Weise über ihn dachte, wie ich immer über die Menschen denke.

 

Dieser Mensch hat Geld erhalten und hat es verschwendet.

 

Wenn Matti sterben würde, würde er den Hof und das Vermögen erben. Er würde aus dem Tod von Matti einen Vorteil ziehen. Er war sehr kaltblütig von ihm, den Mord auf diese Weise durchzuführen. Er war in der Lage, alle Spuren zu verwischen, sehr gut zu verwischen sogar. Aber als ich hörte, dass er wieder mit dem Trinken angefangen hat, wusste ich, dass er der Schuldige sein musste. Wenn er vorher gut gelebt hatte und unschuldig gewesen wäre, hätte ihn der Tod des Vetters auf eine ganz andere Weise erschüttert.

 

 

 

Sie gingen eine Weile schweigend weiter und liessen hingen ihren Gedanken nach.

 

Auf eine wundersame Weise hat uns allen das Verbrechen auch Segen gebracht, sagte die alte Bäuerin.

 

Jene blutige Laterne hat mir alles erleuchtet. Ich habe gesehen, was Antti für ein Mensch ist. Ich habe immer gewusst, dass er ein feiner Mensch ist, aber in diesem Moment hat er sich uns in seinem hellsten Licht gezeigt. So stark hat er den Hof, auf dem er seit seiner Kindheit lebt, geliebt, dass er dazu bereit war, wegen der Ehre des Hauses die Schuld am Verbrechen auf sich zu nehmen.

 

Wenn man sich in ihn hineinversetzt, erkennt man, warum er das alles getan hat. Er sah, wie Erkki die Pistole zu sich nahm, als er zuhause vorbei ging. Er kam zum Tatort, sah dort die Waffe und erkannte, um welche Waffe es sich handelte. Er versteckte sie, damit er auf diese Weise Erkki retten konnte. Und das Blut gelangte an seine Hände, als er den Leichnam trug. Das ist die Erklärung für alles.

 

Nun werden Anna und Antti wohl zusammenkommen? sagte Kalle.

 

Wenn sie dies möchten sicher. Ich habe nichts dagegen, sagte die alte Bäuerin. Ich wusste schon immer, dass Anna bei Antti gut aufgehoben ist.

 

Schweigend ritten sie für einige Zeit.

 

Wunderbar ist das Wirken des Herrn, sagte die alte Bäuerin. Er leuchtet mit seinem Licht in die Dunkelheit, und wir können unser Leben sehr klar und rein sehen.

 

Kalle nickte. Sein Pferd begann leicht zu traben.

 

Reite langsam, sagte die alte Bäuerin. Wir haben es nicht mehr eilig.

 

 


 

 

 

 

 

 

PERSONEN

 

 

 

Maria Heikki, die alte Bäuerin; die Patin von Kalle

 

Mina, Magd der alten Bäuerin

 

 

 

Die Bäuerin vom Heikki-Hof, Tochter der alten Bäuerin

 

Der Bauer vom Heikki-Hof

 

Erkki, Sohn des Bauers und der Bäuerin vom Heikki-Hof

 

Anna, Tochter des Bauers und der Bäuerin vom Heikki-Hof

 

Kirsti Majanen, Magd auf dem Heikki-Hof

 

Antti Kallio, Knecht auf dem Heikki-Hof

 

 

 

Die Bäuerin vom Pelto-Hof

 

Der Bauer vom Pelto-Hof

 

Matti, der einzige Sohn vom Pelto-Hof

 

Ilmari, Student, Vetter von Matti

 

 

 

Helena, Bäuerin vom Matti-Hof, Mutter von Kalle

 

Kalle, der jüngere Sohn vom Matti-Hof

 

Väinö, der ältere Sohn vom Matti-Hof

 

 

 

Die Bäuerin vom Uoti-Hof

 

Der Bauer vom Uoti-Hof

 

Aino, jüngste Tochter vom Uoti-Hof; Verlobte von Erkki

 

 

 

Yriö Valve, Polizeichef

 

Salo, Kommissar

 

 

 

Berg, Schuster

 

Lehto, Kleinbauer

 

Kassierer der Sparbank

 

Halla, Richter