4 SCHRITTE ZUM HEUTIGEN FINNISCH

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DER ÜBERBLICK

 

Die vier Schritte sind:

 

Das Altfinnische  - vom 11.  Jahrhundert bis ungefähr  um 1540

 

Das alte Schriftfinnisch   - von ungefähr 1540 bis 1820

 

Das frühe Neufinnisch  - von 1820 -  1880

 

Die Neufinnische Periode  - ab 1880

 

 

 

 

 

 

DAS ALTFINNISCHE

 

 

Die finnische Sprache wurde über mehrer Jahrhunderte lang nur gesprochen.

 

 Es gibt deshalb nur ganz wenige schriftliche Hinweise, die uns zeigen, dass es diese Sprache überhaupt gegeben hat.

 

Berühmt ist der vermutlich erste geschriebene Satz in finnischer Sprache. Er stammt aus dem Jahre 1450.

 

 

Er lautet:

 

Mÿnna thachton gemast spuho somen gelen Emÿna da¨Yda'.

 

Im heutigen Finnischen würde dieser Satz etwa wie folgt lauten:

 

Minä tahdon kernaasti puhua suomen kielen,  en minä taida.

 

 

Da sagt jemand, dass er gerne die finnische Sprache beherrschen möchte, dies aber nicht kann.

 

 

Man erkennt daraus, dass sich die finnische Sprach seit diesem ersten Satz sehr verändert hat.

 

Wie wurde dieser Satz gelesen? Wie wurden die finnischen Wörter ausgesprochen  - gleich, wie dies heute getan wird oder ganz anders?

 

Das wissen wir nicht.

 

Quelle: Riitta Palkki, Kielikiello 1/2000

 

 

 

 

Ohnehin hatte es das geschriebene Finnisch schwierig:

 

Finnland kam im 13. Jahrhundert unter die schwedische Herrschaft. Der finnischen Sprache tat dies nicht gut. Als Verwaltungs- und Kultursprache wurde Schwedisch gesprochen und geschrieben. Die Sprache der Kirche und der Gelehrten war das Latein.

 

Finnisch aber wurde zuletzt nur noch von der ungebildeten Landbevölkerung und von den Dienstboten der vornehmen Schwedinnen und Schweden gesprochen.

 

Das war bis ins 19. Jahrhundert so. Dann aber machte die finnische Sprache innerhalb weniger Jahrzehnte Karriere: Es verdrängte das Schwedische aus der Verwaltung, aus den Gerichten und auch aus den Schulen und wurde zu einer Nationalsprache.

 

 

 

 

 

DAS ALTE SCHRIFTFINNISCH

 

Für diese Phase ist Luther verantwortlich. Das kam so:

 

Luther war der Meinung, dass in der Kirche in der Muttersprache der Gottesdienstbesucher gesprochen werden sollte. Er fand es unsinnig, dass in lateinischer Sprache gebetet und sogar gepredigt wurde, ohne dass die Menschen hinten im Kirchenraumauch auch nur ein Wort verstehen konnten.

 

Ebenso sollte die Bibel in die Sprache des Volkes übersetzt werden. Die Bibel ist nach der Meinung Luthers nicht nur für die Gelehrten da; Gottes Wort sollen alle Gläubigen verstehen.

 

Damals gab es in Finnland einen Mann namens Mikael Agricola. Nach der Meinung jener, die ihn persönlich gekannt haben, war er ein eher unangenehmer Zeitgenosse. Aber er war sehr tatkräftig. Agricola besuchte zuerst Luther und übersetzte dann grosse Teile des Alten und Neuen Testaments ins Finnische. Ebenso übersetzte er auch viele Gebete.

 

 

Das war bewundernswert. Es sagt sich zwar leicht, dass er diese Texte ins Finnische übersetzte. In Tat und Wahrheit aber stellen sich da einige ziemlich kniffliche Fragen.  Agricola musste dazuu das geschriebene Finnisch erst noch erfinden - vor Agricola gab es so gut wie keine schriftlichen Texte in finnischer Sprache.

 

Was geschah dann?

 

Das Finnische lag nun erstmals in geschriebener Form vor. Passiert ist aber  nichts.

 

Man darf sich nämlich nicht vorstellen, dass mit der Übersetzung von Agricola die  geschriebene finnische Sprache in den Alltag der Finninnen und Finnen Einzug gehalten hätte Der Einfluss des geschriebenen Finnisch blieb im täglichen Leben gering  - schon allein deshalb, weil viele Finninen und Finnen nicht lesen konnten. 

 

 

 

Das änderte sich erst anfangs des 19. Jahrhunderts. Dafür gibt es zwei Gründe.

 

Zum einen kam 1809 Finnland als autonomes Grossfürstentum zu Russland. Das führte dazu, dass das Schwedische seine vorherrschende Stellung etwas einbüsste.

 

Zum anderen kam der Nationalitätsgedanke auf. Man dachte sich, dass es den Menschen gut geht, wenn sie sich in verschiedene Nationen aufteilen. Das verbindende Element einer jeder Nation aber sollte deren Sprache sein.

 

Viele Leute waren damals der Meinung, dass auch eine eigenständige finnische Nation entstehen sollte. Und selbstverständlich müsste das verbindende Element dieser eigenständigen Nation Finnland die finnische Sprache sein.

 

Das bedeutete: Das Finnische sollte zu einer  Schriftsprache werden, die in Finnland von allen Leuten in jedem  Lebensbereich verwendet werden konnte - in kulturellen Belangen, im Bildungswesen, in der Verwaltung und auch in den Gerichten.

 

Unter diesen Leuten ragt Elias Lönnrot hervor; er gilt als der zweite Vater der finnischen Sprache.

 

 

 

 

DIE FRÜHE NEUFINNISCHE PHASE

 

 

Es war von Anfang an klar, dass  das geschriebene Finnisch von Agricola hier nicht weiterhelfen konnte. Es konnte nicht als Grundlage für die neue finnische Schriftsprache verwendet werden. 

 

Das ging aus mindestens drei Gründen nicht:

 

Zum einen stützte sich Agricola auf griechische und lateinische Texte ab und übernahm bei der Übersetzung ins Finnische deren Satzbau. Das führte zu Sätzen, die für finnische Ohren merkwürdig  tönten  - der Satzbau des Finnischen war anders.

 

Zum andern gab es Probleme mit der Rechtschreibung: Wenn Agricola die finnische Sprache schriftlich festhielt, war seine Rechtschreibung alles andere als überzeugend: Immer wieder kam es vor, dass er ein und dasselbe Wort auf eine verschiedene Art und Weise schrieb.

 

Und schliesslich gab es ein Wortschatzproblem:  Agricola hatte Texte ins Finnische übertragen, die mit religiösen Themen zu tun hatten. Für diese religiösen Themen gab es genügend Wörter.  Anders  sah es aus, wenn man den religiösen Bereich verliess:  Wer über andere als religiöse Themen in finnischer Sprache schreiben wollte, musste verdrossen feststellen, dass es dazu noch gar keine Wörter in finnischer Sprache gab!

 

Die fehlenden Wörter mussten erst noch geschaffen werden.

 

Ganz ohne Streitereien und Gehässigkeiten unter den Sprachgelehrten liessen sich diese Probleme nicht lösen. Aber sie wurden nach und nach gelöst: Der Satzbau wurde dem gesprochenen Finnisch angepasst; die Rechtschreibung wurde in erfreulich einfachen - und heute noch gültigen - Regeln festgehalten, und auch die Lücken im Wortschatz konnten nach und nach geschlossen  werden.

 

 

 

 

DIE NEUFINNISCHE PHASE

 

 

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist eine wichtige Veränderung zu beobachten:  War früher das Schwedische die Umgangsprache der Gebildeten und der Oberschicht, änderte sich dies nach und nach: Das Finnische wurde auch in vorher schwedischsprachichen Familien zur Umgangssprache. Zu diesem Wechsel dürfte auch beigetragen haben, dass in den Schulen nun Finnisch gelernt wurde.

 

Das Finnische verdrängte das Schwedische als Amtssprache: Im Bildungswesen, in den Gerichtssälen und in den Amtsstuben wurde finnisch geschrieben.

 

Das so dominante Schwedisch verlor seine Vormachtsstellung.

 

Heute ist es dem Finnischen gleichgesetzt: Finnland hat zwei Landessprachen  - das Schwedische und das Finnische, wobei nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Schwedisch spricht und schreibt.

 

 

 

 

 

 

 


Quellen:

 

http://www.forost.lmu.de/sprachdatenbank/sprachdatenbank.php?display=Finnisch:geschichte:sprachperioden