die finnische grammatik

 

 

Die finnische Grammatik hat keinen guten Ruf. Sie gilt als ungeheuer kompliziert und schwierig.

 

Die finnische Grammatik hat diesen Ruf zurecht: Sie ist kompliziert und schwierig.

 

 

Sehen wir uns diese Grammatik näher an.

 

was macht die grammatik so besonders?

finnisch ist eine agglutinierende sprache

 

 

 

Finnisch ist zu einem guten Teil eine agglutinierende Sprache. Das unterscheidet sie von der deutschen Sprache, und das macht auch ihre Grammatik für uns so schwierig.

 

'Agglutinierend' ist ein Fachausdruck. Man kann ihn mit 'anfügen' oder besser noch mit 'anleimen' übersetzen. Und tatsächlich ist es das Markenzeichen der finnischen Sprache, dass sie viele Wörter miteinander verleimt, die wir in der deutschen Sprache voneinander trennen.

 

 

Ein Beispiel:

 

Wir sagen

 

auch in deinem Auto.

 

 

Im Finnischen heisst dies:

 

Autoindeinemauch = autossasikin.

 

Die Wörter in, deinem und auch werden also an das Wort Auto angehängt.

 

 

Wie sich am Beispiel Autoindeinemauch zeigt, kann man gleichzeitig mehrere kleine Wörter an ein Wort anhängen.

 

 

 

Die kleinen Wörter, die man anhängt, kann man variieren:

 

Das kann man am Wort Laden zeigen. Laden heisst im Finnischen kauppa.

 

Man kann zum Beispiel sagen

 

in meinem Laden - was dann in der finnischen Sprache  'Ladeninmeinem' heisst.

 

Oder man kann sagen

 

in deinem Laden     Ladenindeinem

 

oder

 

in seinem Laden    Ladeninsein

 

oder

 

in unserem Laden     Ladeninunser.

 

 

 

 

Im Finnischen gibt es kleines Wort für wohl und ein kleines Wort für auch. Diese Wörter kann man nehmen und ebenfalls an jene Wortgebilde mit dem Laden anhängen, die eben vorgestellt worden sind.

 

Das heisst dann:

 

Zum Wortgebild    Ladeninmeinem fügen wir wohl und auch hinzu   - das ergibt dann das Wort

 

Ladeninmeinemwohlauch.

 

Und auch hier kann man variieren:

 

 

Ladeninmeinemwohlauch

 

Ladenindeinemwohlauch

 

Ladeninseinemwohlauch   und so weiter.

 

 

 

Man kann das ganze auf die Spitze treiben. Es gibt im Finnischen zwei Wörter, die für ein Fragezeichen stehen  - leimt man sie ganz am Schluss eines Wortes an, stellt man damit eine Frage.

 

 

Und so kann man sagen:

 

 

LadeninmeinewohlauchFrage

 

LadenindeinemwohlauchFrage    und wo weiter.

 

 

Wenn man diese Wortungetüme liest, raucht einem bald einmal den Kopf. Das lässt sich nicht vermeiden, denn es gehört zu den Eigentheiten der finnischen Sprache, dass man solche Wortungetüme erstellen kann.

 

 

Wie viele Wortungetüme aber kann man erstellen?

 

Diese Frage hat sich ein finnischer Gelehrter gestellt. Er wollte wissen, wie viele Wortungetüme möglich sind, wenn man vom Begriff Laden ausgeht und kleine Wörter in allen denkbaren Kombinationen daran anhängt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

'

 

 

 

 

 

 

Tatsächlich gibt es sehr viele Möglichkeiten, an ein Grundwort kleine Wörter anzuhängen. Ein Gelehrter hat berechnet, dass man bei einem einzigen Wort (zum Beispiel beim Wort kauppa für Laden) über 2000 verschiedene Möglichkeiten hat, kleine Wörter anzuhängen.



Eine komplette Auflistung dieser 2000 Wörter sehen Sie hier.

 

Einige dieser Möglichkeiten sehen dann, wenn man sie ins Deutschte übersetzt, so aus:

 

Ladenindeinemwohlauch?

 

Ladennichtauchinsunseremwohl?

 

Das ist gewöhnungsbedürftig, nur schon allein deswegen, weil auf diese Weise lange Wörter entstehen.

 

 

 

 

 

Häufig geht es bei diesen kleinen angehängten Wörtern und Ortsbezeichnungen:

 

 

in ein Haus hinein   (Finnisch:Haushinein)

 

in einem Haus (Finnisch: Hausin)

 

aus dem Haus hinaus (Haushinaus)

 

 

 

Die angehängten Wörter können aber auch andere Bedeutungen haben. So gibt es zum Beispiel die zwei Fragewörter ko und die man anhängt: puhut heisst du sprichst. Hängt man ko an, lautet das Wort puhutko und heisst dann sprichst du?

 

 

Wichtig, aber auch besonders merkwürdig sind zwei andere angehängte Wörter.

 

Das eine von ihnen ist na. Man kann es mit als übersetzen.

 

Sagt man, dass man nach Helsinki ging, um dort als Lehrerin zu arbeiten, leimt man als und Lehrerin zusammen: Lehrerinals.

 

Opettaja ist Lehrerin, na ist als, und so heisst 'als Lehrerin' opettajana.

 

 

Das andere Wort kann mit werden übersetzen. Wird Herr X krank, sagt man, dass Herr X krankwerden. Oder wird jemand rot, spricht man von rotwerden.

 

Das Wort heisst ksi. Krank heisst saira, krank werden heisst saraksi.

 

 

 

 

 

 

Und im Englischen?

 

Ein Vergleich mit dem Englischen lohnt sich.

 

Man kann sich fragen, wie viele Möglichkeiten man im Englischen hat, an das Wort Laden (und damit an das Wort shop)  kleine Wörter oder Buchstaben anzuhängen.

 

Und da wird es dann klar:

 

Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, etwas an das Wort shop anzuhängen - dann nämlich, wenn man einen s für die Mehrzahl anhängt: shops.

 

Es gibt also nicht über 2000 Varianten vom Wort shop, sondern lediglich deren 2  -  shops und shop  

 

Übrigens: Falls Sie finden, dass 2000 Varianten ziemlich viel sind, erschrecken Sie nicht ob einer weiteren Zahl.

 

Bei den Verben sieht es nämlich nochmals anders aus: Aus einem einzigen Verb lassen sich 12'000 verschiedene Formen bilden. (1)

 

 

 

 

 

(1)

Auf diesese erschreckend hohe Zahl kommt der finnische Gelehrte Karlsson in einem Buch über die finnische Grammatik. Man darf es ihm ruhig glauben; Karlsson ist  der beste Kenner der finnischen Sprache.

 

Zu tun hat diese Zahl auch damit, dass man im Finnischen oft ein Verb in ein Substantiv umwandelt. Von diesen Substantiven lassen sich dann eine Vielzahl Formen ableiten, wie man beim Wort 'kauppa' (siehe Abschnitt 5) sehen kann.

 

 

 

 

 

was macht sie so schwierig?

unterschiede zur deutschen grammatik: Überblick

 

 

 

1.

Finnisch hat kein Geschlecht

 

2.

Im Finnischen hat  man nichts

 

3.

Die Finnen können nicht nicht  sagen

 

 

4.

Die Finnen verwechseln Tunwörter mit Dingwörtern

 

 

 

5.

Finnisch ist FAST  eine Legostein-Sprache

 

 

6.

LEIDER NUR FAST EINE LEGOSTEIN-SPRACHE: DIE SCHRECKEN DES STUFENWECHSEL

 

 

7.

Klare Regeln - aber viel zu viele RegelN

 

 

 

 

 

 

finnisch kennt kein geschlecht

 

 

Das Finnische kennt keinen Artikel und es kennt kein grammatikalisches Geschlecht.

 

talo bedeutet zum Beispiel ein Haus oderdas Haus.

 

Das Wort talo ist dabei weder männlich noch weiblich noch sächlich. Man kann die Substantive nicht danach unterscheiden, ob sie männlich, weiblich ode sächlich sind.

 

 

Wenn die deutsche Sprache von Männern und Frauen spricht, muss sie in der Regel zwei Sprachformen verwenden: Die Einwohnerinnen und Einwohner; die Lehrerinnen und Lehrer, die Ärztinnen und Ärzte etc. 

 

Dieses Problem kennt die finnische Sprache nicht: opettaja ist eine Lehrerin oder ein Lehrer. Man sieht es dem Wort nicht an, ob es sich auf Frauen oder Männer bezieht. Das muss man aus dem Zusammenhang heraus erschliessen.

 

Das ist auch bei den finnischen Wörtern für sie oder er der Fall:

 

Für sie und für er wird das Wort hän verwendet. Kommt es in einem Text vor, muss man auch hier aus dem Zusammenhang heraus erschliessen, ob es sich auf eine Frau oder einen Mann bezieht.

 

 

 

 

im fiinischen hat man nichts

 

 

Finnisch kennt kein Wort für haben.

 

Um zu sagen, dass jemand etwas hat, muss eine spezielle Sprachform verwendet werden. Statt zu sagen, dass jemand Hunger hat, sagt man, dass bei jemandem Hunger ist.

 


 

die finnen können nicht 'nicht' sagen

 

 

 

Sagt man, dass jemand etwas nicht  tut, muss ebenfalls eine spezielle Sprachform verwendet werden. Ein eigentliches Wort für nicht gibt es nicht.

 

Dafür gibt es im Finnischen ein Verb, dass so etwas wie nichten heisst.

 

 

Sagt man, dass jemand nicht singt, wird dieses Verb konjugiert.

 

Ins Deutsche übertragen würde dies so aussehen:

 

 

Ich nichte singe

du nichtest singe

er nichte singe

wir nichte singe

ihr nichtet singe

sie nichten singe.

 

 

 

 

 

die finnen verwechseln tunwörter mit dingwörtern

 

 

 

Im Deutschen sagt man zum Beispiel:

 

Ich gehe spazieren.

 

Man verwendet damit zwei Verben (gehen, spazieren), um etwas mittzuteilen.

 

 

Im Finnischen geht dies oft nicht.

 

Stattdessen muss man ein Nomen verwenden. Das heisst dann so:

 

Ich gehe zum Spazieren.

 

 

Oder wörtlich:

 

Ich gehe in das Spazieren hinein.

 

 

 

 

Man kann an das Wort gehen nicht einfach das Wort spazieren anfügen. Stattdessen muss man von einem Dingwort ausgehen: Das Spazieren.

 

Das aber hat dann drastische Folgen: Dieses Dingwort muss dann dekliniert werden  - was dann wiederum nur möglich ist, wenn man dafür eine Handvoll Grammatikregeln im Auge behält.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

leider nur fast eine legosteinsprache: stufenwechsel

 

 

 

 

Legosteine kann man zusammensetzen. In der finnischen Sprache kann man ebenfalls Wörter zusammensetzen.

 

Allerdings gibt es zwischen der finnischen Sprache und den Legosteinen einen kleinen, aber feinen Unterschied.

 

Setzt man Legosteine zusammen, verändern sich diese nicht. Wenn man auf einen ersten Legostein einen zweiten setzt, bleiben sich die Steine gleich.

 

 

Ganz anders ist es dagegen bei der finnischen Sprache. Es gibt einige Wörter, die sich stark verändern, wenn man an sie ein anderes Wort anhängt.

 

Verändert sich dieses Wort, spricht man von einem Stufenwechsel. Das Wort Stufenwechsel tönt ausgesprochen harmlos, ist es aber nicht. Der Stufenwechsel ist, wenn man Finnisch lernt, ein echtes Ärgernis.

 

 

 

Wieso das?

 

käsi heisst zum Beispiel Hand.

 

Hängt man an das Wort käsi  das kleine Wörtchen -ssä an, entsteht daraus nicht etwa käsissä, wie man erwarten würde. Es entsteht kädessä.

 

Das ursprüngliche Wort käsi hat sich durch das Anhängen von ssä verändert - es ist zu käde geworden.

 

 

Die angehängten  Wörter können tatsächlich zu markanten Veränderungen führen - aus ilta zum Beispiel wird illala, aus suo wird soista und aus työ wird töiden.

 

 

Der Stufenwechsel macht vor allem das Lesen schwierig..

 

Wer beim Lesen dem Wort soista begegnet, denkt sich zuerst, dass er einem Wort begegnet, das er noch gar nicht kennt. Bis er sich daran erinnert, dass er eigentlich mit dem Wort suo - und damit dem finnischen Wort für Sumpf - zu tun hat, das umgeformt worden ist.





präzise regeln - aber viel zu viele

 

 

 

Für die Bildung der Wörter im Finnischen gibt es Regeln.

 

Diese Regeln sind auffallend strikt. Sie kennen so gut wie keine Ausnahmen!

 

Die Finnen und Finnen sind denn auch stolz auf ihre Sprache: Das Finnische kennt nach ihren Angaben nur gerade 3 unregelmässige Verben - im Deutschen sind es über 100 und im Englischen über 200.

 

 

Wer Finnisch lernt, tut sich aus einem ganz anderen Grund mit den Regeln schwer. Es sind viele Regeln  - viel zu viele. Das führt dazu, dass selbst bei der Bildung eines einfachen Satzes eine ganze Handvoll Regeln beachtet werden muss.

 

Um zum Beispiel den Satz 'Ich habe zwei Schwestern' ins Finnische zu übertragen, muss man rund 6 bis 7 Regeln beachten, damit der Satz grammatikalisch korrekt ist...

 

Da ist das Englische wesentlich einfacher. Den Satz 'Ich habe zwei Schwestern' kann man Wort für Wort ins Englische übertragen und man muss einzig die Regel befolgen, nach der an das Wort sister ein Mehrzahl-s angefügt werden muss: sisters.

 

Nach kurzer Zeit kann man denn auch im Englischen einfache, aber grammatikalisch korrekte Sätze bilden.

 

Im Finnischen geht dies nicht. Auch ganz banale und simple Sätze verursachen Kopfzerbrechen

 

 

 

 

Man sagt dann auch:

 

Finnisch ist leicht zu lernen, aber schwierig zu sprechen.

 

Leicht zu lernen, weil die Regeln sehr präzis sind  - schwierig zu sprechen, weil es Mühe macht, alle die Regeln beim Sprechen anzuwenden.