der fast unendliche formenreichtum

 

 

 

 

Wie Sie wissen, kann man im Finnischen kleine Wörter an grosse Wörter anhängen; das verändert deren Bedeutung.

 

Kennengelernt haben Sie an einem Beispiel mit dem Wort Auto.

 

 

 

Jetzt wenden wir uns dem Wort Laden oder Kaufhaus zu; im Finnischen heisst dies kauppa.

 

 

Auch da kann man ein Wortungetüm bilden, indem man zum Beispiel sagt:

 

Wohl auch in meinem Laden  - was in der finnischen Sprache in einem Wort ausgedrückt wird: 

 

Ladeninmeinemwohlauch

 

Nun kann man mit diesem Wortungetüm herumexperimentieren. Das kann man zum Beispiel tun, indem man das kleine Wort meinem ändert  - statt meinem  nehmen wir deinem,. Und später nehmen wir statt deinem das Wort seinem, dann ihren und so weiter.

 

Das sieht dann so aus:

 

 

Ladeninmeinemwohlauch

 

Ladenindeinemwohlauch

 

Ladeninseinemwohlauch  

 

 

 

Wir könnten weiter experimentieren und ein anderes kleines Wort abändern. Wir sprechen dann zum Beispiel nicht mehr davon, dass das alles in einem Laden stattfinden, sondern sagen, dass jemand aus dem Laden geht.

 

Dann hätten wir:

 

LadenAUSmeinemwohlauch.

 

Nichts verbietet uns, auch in diesem Wortungetüm meinem abzuändern und deinem, seinem, unserem etc. zu nehmen. Was dann dies ergibt:

 

LadenausDEINEMwohlauch.

 

LadenausSEINEMwohlauch  etc.

 

 

 

Spätestens an dieser Stelle raucht Ihnen vermutlich der Kopf. Und vielleicht stellen Sie sich eine Frage: Wie viele Möglichkeiten hat man in der finnischen Sprache, kleine Wörter an das Wort kauppa anzuhängen?

 

 

Versuchen Sie nicht, diese Frage zu beantworten. Das wäre ziemlich mühsam. Es ist auch nicht nötig. Ein tapferer finnischer Gelehrter hat sie bereits beantwortet.

 

Er wollte wissen, wie viele Wortungetüme möglich sind, wenn man vom Begriff Laden ausgeht und kleine Wörter in allen denkbaren Kombinationen daran anhängt.

 

Der Gelehrte ist auf eine Anzahl gekommen, die deutlich über 2000 liegt!

 

 

Eine komplette Auflistung dieser 2000 Wörter sehen Sie hier.

 

Ein besonders gelungenes Wort lautet in seiner deutschen Übersetzung:

 

Ladennichtauchinsunseremwohl?

 

  

 

Übrigens: Falls Sie finden, dass 2000 Möglichkeiten ziemlich viel sind, erschrecken Sie nicht ob einer weiteren Zahl.

 

Bei den Tunwörtern sieht es noch drastischer aus: Aus einem einzigen Tunwort lassen sich 12'000 verschiedene Formen bilden. 

 

 

 

Auf diese erschreckend hohe Zahl kommt der finnische Gelehrte Karlsson in einem Buch über die finnische Grammatik. Lesen Sie dieses Buch nicht. Abgesehen davon, dass es in der finnischen Sprache geschrieben ist, ist es unglaublich exakt und unglaublich kompliziert. Sie dürfen Karlsson aber ruhig vertrauen; Karlsson ist, wenn es um die finnische Sprache geht, sozusagen das Mass aller Dinge. Wenn er sagt, dass es 12'000 Möglichkeiten sind, sind es 12'000 Möglichkeiten.

 

 

Fall Sie sich fragen, wie diese hohe Zahl  möglich ist, hier die Antwort: Zu tun hat diese Zahl damit, dass man im Finnischen oft ein Verb in ein Substantiv umwandelt. Man geht zum Beispiel im Finnischen nicht spazieren. Man geht im Finnischen zum Spazieren  (oder genauer:  Man geht in das Spazieren hinein) - aus dem Tunwort spazieren ist damit ein Dingwort geworden: das Spazieren.

 

 

Dingwörter aber kann man deklinieren und damit auch in verschiedene Fälle setzen. Da es in Finnischen praktischerweise viele Fälle (nämlich deren ungefähr 15) gibt, gibt es auch eine stattliche Anzahl von Fällen, in die sich das Dingwort Spazieren setzen lässt. Und so kommt man dann eben auf die stolze Zahl von 12'000 Formen.

 

 

 

DER NICHT VORHANDENE FORMENREICHTUM IM ENGLISCHEN

 

Ein Vergleich mit dem Englischen lohnt sich.

 

Man kann sich fragen, wie viele Möglichkeiten man im Englischen  hat, an das Wort Laden (und damit an das Wort shop)  kleine Wörter anzuhängen.

 

Die Zahl ist fast peinlich klein:

 

Es gibt nur eine einzige Möglichkeit, etwas an das Wort shop anzuhängen - dann nämlich, wenn man einen s für die Mehrzahl anhängt: shops.

 

Es gibt also nicht über 2000 Varianten vom Wort shop, sondern lediglich deren 2  -  shops und shop .

 

Und auch was die Tunwörter betrifft, sieht es ziemlich bescheiden aus. Aus dem Tunwort to swim zum Beispiel kann man gewiss nicht 12'000 Formen ableiten....

 

Woraus man erkennt: Die englische Sprache ist hier ziemlich simpel.

 

 

 

 

die armen finnischen Kinder ….

 

 

Vielleicht stellen Sie sich auch eine Frage, die sich auf die armen Kinder in Finnland bezieht. Wenn es von jedem Tunwort 12'000 verschiedene Formen gibt, die daraus entstehen können - wie geht ein Kind eigentlich vor, wenn es Finnisch lernt? Speichert es auf Vorrat für alle Tunwörter jeweils alle 12'000 verschiedene Formen? Und sucht es sich beim Sprechen jene eine Form unter diesen 12'000 Formen aus, die es gerade braucht? Oder ist es so, dass es keineswegs von jedem Tunwort  alle 12'000 Formen speichert sondern lediglich jene Formen im Gehirn deponiert, denen es im Alltag und in der Schule immer wieder begegnet?

 

 

Schaut man sich zu dieser Frage im Internet um, wird man enttäuscht: Offenbar ist es der Psychologie noch nicht ganz gelungen, diese Frage eindeutig zu beantworten. 

 

 

Doch wie dem auch sei:

 

Damit Sie die Kinder in Finnland nicht bedauern, kann man Ihnen zwei Einsichten auf den Weg geben.

 

Die erste ist die, dass finnische Kinder in der Regel eine glückliche Kindheit erleben (ohnehin gelten die Finninnen und Finnen als das glücklichste Volk auf Erden), und zweitens ist es so, dass sich finnische Kinder mit der finnischen Grammatik nicht besonders schwer tun, auch wenn sie noch so kompliziert sein mag: So ungefähr ab 3 bis 4 Jahren gehen sie souverän mit der finnischen Alltagssprache um  - dass es rund 15 Fälle, mindestens 200 Grammatikregeln und 12000 Verbformen gibt, wissen sie nicht.

 

Es wäre Ihnen auch herzlich gleich, wenn sie es wüssten.