komplizierte regeln

 

 

Wer einen Blick in eine finnische Grammatik wirft, wird zuerst einmal von den Fachausdrücken abgeschreckt, die dort vorkommen. Auch wenn man sich in der deutschen Grammatik gut auskennt, sind es Fachausdrücke, die man in der deutschen Sprache nicht braucht  - zum Beispiel Agglutination, Infixe, Stufenwechsel, oder Vokalharmonie. 

 

Und manche dieser Regeln sind in der Tat ziemlich kompliziert.

 

Dazu ein Beispiel.

 

Helsinki heisst in der finnischen Sprache Helsinki.

 

Wenn Sie aber etwa sagen wollen 'die Universität von Helsinki', müssen Sie an das Wort Helsinki einen n anfügen. Eine Sprache, die es sich einfach macht, würde dann ein Wort verwenden, das Helsinkin heisst.

 

Finnisch ist jedoch eine Sprache, die es sich nicht einfach macht. Nie. Und so heisst es dann eben nicht Helsinkin sondern Helsingin  - aus dem k ist ein g geworden.

 

Was Sie da vor sich haben, ist ein Beispiel für den sogenannten Stufenwechsel. Er besteht, einfach gesagt, darin, dass die harten Laute p, k und t unter bestimmten Umständen weicher werden: der p wird zu einem  v, der k zu einem g und der Buchstabe k zu einem g.

 

Aber so einfach macht es sich die finnische Sprache dann doch wieder nicht. Es ist nicht so, dass sich die drei Laute p, k und t immer in die Laute d, g und d umwandeln. Da gibt es zusätzlich eine ganze Fülle anderer Möglichkeiten, die darüber bestimmen, was mit den drei Buchstaben sonst noch alles passieren kann  - und um zu erklären, was wann genau mit ihnen passiert, gibt es nicht weniger als 16 Regeln. 

 

Wobei man immer beachten muss, dass für die Verben zusätzliche Regeln gelten, die man gefälligst im Auge behalten soll. Und auch beachten muss man, dass es keineswegs immer so ist, dass die Buchstaben p, k und t weich gemacht werden. Es gibt bestimmte Umstände - und eine weitere Handvoll Regeln klärt uns darüber auf - unter denen alles exakt umgekehrt ist... da werden die Buchstaben nicht weicher, sondern härter, denn wo es einen Stufenwechsel gibt, kann es natürlich auch einen umgekehrten Stufenwechsel geben. Wie gesagt: Das Finnische macht es sich nicht einfach. 

 

 

Das komplizierte Regelwerk hat ziemlich drastische Folgen - auch dazu ein Beispiel.

 

Wenn Sie in der englischen Sprache sagen wollen, dass Sie zwei Schwester haben, nehmen Sie den deutschen Satz 'Ich habe zwei Schwestern' und übertragen diesen Wort für Wort ins Englische - und schon sind Sie am Ziel: I have to sisters.

 

Und im Finnischen?

 

Die Probleme beginnen im Finnischen damit, dass es keine direkte Übersetzung für das Wort haben gibt. Wenn Sie mitteilen möchten, dass Sie etwas haben, müssen Sie auf eine spezielle Sprachform zurückgreifen, die an die Stelle des Wortes haben tritt. Und für die selbstverständlich einige Regeln gelten, die Sie im Auge behalten sollten.

 

Damit aber noch nicht genug.

 

Den Satz von den zwei Schwestern können Sie nur formulieren, wenn Sie auf einen speziellen grammatikalischen Fall zurückgreifen, den Sie im Deutschen nicht kennen. Er heisst Partitiv. Wie man ihn bildet, wird durch ein Bündel weiterer Regeln festgelegt, wollen Sie bitte auch diese im Auge behalten. 

 

 

Und weiter geht es:

 

Jetzt müssen Sie noch abklären,  ob beim Wort 'Schwestern' ein Stufenwechsel vorkommt oder nicht - was Sie herausfinden, indem Sie überprüfen. ob eine der zahlreichen Regeln für den Stufenwechsel auch auf das Wort 'Schwester' zutrifft.

 

Haben Sie dies abgeklärt, dürfen Sie dies allerdings nicht vergessen: Sie können nicht einfach den erwähnten  speziellen grammatikalischen Fall nehmen und ihn einsetzen. Denn es gilt die Regel, dass man von dem speziellen Fall eine spezielle Form verwenden soll, wenn es Zahlen (zwei Schwestern) geht. 


 

Glauben Sie ja nicht, dass Sie den Satz jetzt formulieren können. Denn jetzt sollten Sie noch daran denken, dass es so etwas wie eine Vokalharmonie gibt  - und so sollten Sie auch daran denken, dass Sie der Frage nachgehen müssen, ob Sie die Regeln dieser Vokalharmonie beachtet haben oder nicht.

 

 

Haben Sie alle diese Regeln, getreulich angewendet, können Sie Ihrem Gegenüber mitteilen, dass Sie zwei Schwestern haben - vorausgesetzt, dass Ihr Gegenüber nicht schon lange das Weite gesucht hat.

 

Oder dass er, was noch wahrscheinlicher ist, fortan mit Ihnen nur noch Englisch spricht.


Natürlich können Sie sich damit trösten, dass das Finnische keine indo-germanische Sprache ist und von da her innerhalb der europäischen Sprachen ein Exot ist. Aber das ist nur ein schwacher Trost, der eine wichtige Erkenntnis nicht aus der Welt schafft:

 

 Da das finnische Regelwerk so kompliziert ist, ist es schwierig, Finnisch zu sprechen oder zu schreiben. Mit einer gewissen Frustration stellt man fest, dass es mühevoll ist, selbst einfache Sätze in der finnischen Sprache zu formulieren.