wo die finnische sprache anders ist

 

 

Gewöhnen Sie sich daran: In der finnischen Sprache ist einiges anders als in der deutschen Sprache. Es gibt Leute, die darüber staunen. Es gibt Leute, die sich darüber ärgern. Und es gibt Leute, die sich darüber köstlich amüsieren: Wie kann man auch nur eine Sprache erfinden, die dermassen merkwürdige Regeln aufweist.

 

Sehen Sie selbst, wie es Ihnen ergeht und nehmen Sie zuerst ganz nüchtern einige Unterschiede zwischen der deutschen und der finnischen Sprache zur Kenntnis:

 

 

 

Zuerst ein Überblick



I.

Finnisch hat kein Geschlecht

 

2.

Im Finnischen hat  man nichts

 

3.

Die Finnen können nicht nicht  sagen

 

4.

DER GRÖSSTE UNTERSCHIED: AGGLUTINATION!

 

5.

Achtung STUFENWECHSEL!

 

 

 

 

finnisch hat kein geschlecht

 

Jedes deutsche Dingwort hat einen Artikel. Manchmal ist dieser Artikel 'bestimmt', wie man dem in der Grammatik sagt:  der  Ball, die  Puppe, das  Kind. Manchmal ist der Artikel 'unbestimmt': ein Ball, eine Puppe, ein Kind.

 

Jedes deutsche Dingwort hat  auch ein grammatikalisches Geschlecht. Dieses ist weiblich ( wie beim Wort die Puppe), oder es ist männlich (wie beim Wort der Ball), oder es ist sächlich (wie beim Wort das Kind).

 

 

Das Finnische kennt keine Artikel.

 

Das Wort talo zum Beispiel heisst Haus.  Einfach Haus. Nicht der Haus und nicht das Haus und nicht die Haus und auch nicht ein Haus. 

 

 

Das Finnische kennt kein grammatikalisches Geschlecht.

 

Das Wort talo ist weder männlich noch weiblich noch sächlich. Man kann die Dingwörter nicht danach unterscheiden, ob sie männlich, weiblich oder sächlich sind.

 

 

 

Das Finnische unterscheidet nicht zwischen Mann und Frau

 

Wenn wir in der deutschen Sprache von Männern und Frauen sprechen, müssen wir in der Regel zwei Sprachformen verwenden: Die Einwohnerinnen und Einwohner; die Lehrerinnen und Lehrer, die Ärztinnen und Ärzte etc.

 

Oder wir müssen uns auf Sprachformen abstützen, die oft ein wenig eigenartig aussehen  - LehrerInnen zum Beispiel.

 

Dieses Problem kennt die finnische Sprache nicht: opettaja ist eine Lehrerin oder ein Lehrer. Oder es ist der Lehrer oder die Lehrerin . Man sieht es einem Wort nicht an, ob es sich auf Frauen oder Männer bezieht. Das muss man aus dem Zusammenhang heraus erschliessen.

 

 

Das ist auch bei den finnischen Wörtern für sie  oder er der Fall:

 

Für sie und für er  wird das gleich Wort verwendet: hän. Kommt dieses Wort in einem Text vor, muss man auch hier aus dem Zusammenhang heraus erschliessen, ob eine Frau oder ein Mann gemeint ist - was manchmal gar nicht so einfach ist (und was Dolmetscherinnen und Dolmetscher dann zur Weissglut bringt, wenn sie beim Übersetzen von finnischen Texten beim besten Willen nicht herausfinden kö,ännen, 

ob von einem Mann oder einer Frau die Rede ist).

 

 

Zwei Bemerkungen:

 

Sauna ist ein finnisches Wort. Es ist das einzige finnische Wort, das zuverlässig den Weg in die deutsche Sprache gefunden und sich dort festgekrallt hat.

 

Im Deutschen heisst das finnische Wort Sauna  - die Sauna. Manche Leute nehmen dies als Beweis dafür, dass finnische Wörter eben doch ein grammatikalisches Geschlecht und einen Artikel besitzen. Doch so ist es nicht. Das Wort sauna hat im finnischen genau so wenig einen Artikel oder ein grammatikalische Geschlecht wie alle andern Dingwörter auch. Im Deutschen hat es einzig und allein ein Geschlecht und einen Artikel, weil sich dies nicht vermeiden lässt: Deutsche Dingwörter brauchen nun einfach einmal einen Artikel und ein Geschlecht. 

 

Warum hat man für das Wort sauna das weibliche Geschlecht gewählt? Die Erklärung ist möglicherweise ziemlich banal: Das Wort hört mit einem a auf - und von der lateinischen und vor allem von der italienischen Sprache sind wir es uns gewöhnt, dass Dingwörter weiblich sind, wenn sie auf einen a enden. Und so wurde auch die Sauna zu einem weiblichen Dingwort.

 

 

 

 

im finnischen hat man nichts

 

 

 

Finnisch kennt kein Wort für haben.

 

Um zu sagen, dass jemand etwas hat, muss eine spezielle Sprachform verwendet werden.

 

Statt zu sagen, dass jemand Hunger hat, sagt man, dass bei jemandem Hunger ist.

 

 



die Finnen nichten

 

 

 

Sagt man, dass jemand etwas nicht  tut, muss man im Finnischen ebenfalls eine spezielle Sprachform verwendet werden. Ein eigentliches Wort für nicht gibt es nicht.

 

Dafür gibt es im Finnischen ein Verb, dass so etwas wie nichten  heisst. 

 

 

Sagt man, dass jemand nicht singt, wird dieses Verb nichten konjugiert.

 

Ins Deutsche übertragen würde dies so aussehen:

 

 

Ich nichte singe          en laula

du nichtest singe        et laula

er nichtet singe           ei laula

wir nichten singe        emme laula

ihr nichtet singe          ette laula

sie nichten singe.        eivät laula 

 

Das Wort laulaa heisst singen. Wie man sieht, bleibt es unverändert. Verändert wird dagegen das Tunwort, das tatsächlich nichten heisst. An die Grundform dieses Wortes werden die Endungen für die verschiedenen Personenformen angehängt.

 

 

 

Das ist gewiss merkwürdig. Man gewöhnt sich jedoch daran, auch wenn es seine Zeit braucht.

 

 

der grösste unterschied: agglutination

 

 

Wenn man sich mit der finnischen Sprache beschäftigt, wird man schnell einmal auf das aufmerksam, was die Fachleute AGGLUTINATION nennen. Finnisch ist über weite Strecken eine agglutinierende Sprache.

 

Was heisst das?

 

 

Wir sagen in der deutschen Sprache:

 

auch in deinem Auto.

 

 

Im Finnischen heisst dies:

 

Autoindeinemauch = autossasikin.

 

Die Wörter in, deinem und auch werden also an das Wort Auto angehängt. Man könnte auch sagen: Die Wörter werden an das Wort Auto angeleimt. Den Begriff Agglutination kann man also mit dem Begriff Anleimen übersetzen

 

 

Wie sich am Beispiel Autoindeinemauch zeigt, kann man gleichzeitig mehrere kleine Wörter an ein Wort anhängen.

 

Werden kleine Wörter angehängt, bleibt dies nicht ohne Folgen. Die kleinen Wörter wirken sich auf die Bedeutung jenes Wort aus, an das man sie anleimt.

 

Das sieht man an einem Beispiel:

 

Wir gehen vom Wort kala aus. Das Wort kala heisst Fisch.

 

Hängt man das Wort kala das Wort staa ,  wird daraus ein Tunwort:  kalastaa  = fischen. 

 

Hängt man an das Wort kalastaa das Wort -ja an, ändert sich die Bedeutung. Aus dem Tunwort fischen wird eine Beruf:

 

kalastaja  = Fischer

 

 

Damit aber nicht genug.

 

Man kann beispielsweise ausdrücken, dass man dem Fischer etwas gibt. Dann nimmt man das Wort -lle, hängt es an das Wort kalastaja an und kommt damit zu einem neuen Wort:

 

kalastajalle.   Das heisst: dem Fischer.

 

Will man ausdrücken, dass man etwas auch  dem Fischer gibt, kann man ebenfalls auf ein Wort zurückgreifen. Es heisst kin. Es bedeutet auch, und man leimt es  an das bisherige Wortgebilde an.

 

kalastajallekin.

 

 

Und schliesslich kann man alles zu einer Frage umwandeln: auch dem Fischer?

 

Nichts einfacher als das: Dafür nimmt man ein spezielles Fragewort. Es heisst je nachdem ko oder .  Dieses hängt man an das bereits vorhandene Wortungetüm an. Und so kommt man schliesslich und endlich zu folgendem Wortgebilde:

 

kalastajallekinko?

 

Es liegt auf der Hand, dass man sich ziemlich schwer tut, wenn man zum ersten Mal mit solchen Wortgebilden konfrontiert wird.  Denn es ist schon so: Da wird in einem Wort etwas gesagt, für das man im Deutschen mehrere Wörter braucht. 

 

 

 

Man darf sich  jedoch vom Anleimen nicht abschrecken lassen. Man soll mutig sein und sich mit ihm beschäftigen. Es lässt sich  bei der finnischen Sprache nicht vermeiden, denn es gehört nun einfach einmal so zum Finnischen wie zu Finnland die Rentiere und Elche gehören.

 

Es muss aber auch dazu gehören: Da das Finnische eine ausgewachsene Sprache sein will, muss es solche Anleim-Wörter verwenden, sonst funktioniert sie nicht!

 

 

 

 

etwas ärgerlich: der stufenwechsel

 

 

Legosteine kann man zusammensetzen. In der finnischen Sprache kann man Wörter zusammensetzen, indem man an ein Wort mehrere kleine Wörter anhängt.

 

Allerdings gibt es zwischen der finnischen Sprache und den Legosteinen einen kleinen, aber feinen Unterschied  - mit schrecklichen Folgen, wie bereits jetzt vermerkt werden soll.

 

Setzt man Legosteine zusammen, verändern sich diese nicht. Wenn man auf einen ersten Legostein einen zweiten setzt, bleiben sich die Steine gleich. Und setzt man auf den zweiten einen dritten, ändert sich ebenfalls nichts.

 

 

Ganz anders ist es dagegen bei der finnischen Sprache. Es gibt einige Wörter, die sich stark verändern, wenn man an sie ein kleines Wort anhängt.

 

Verändert sich dieses Wort, spricht man von einem Stufenwechsel. Das Wort Stufenwechsel  tönt ausgesprochen harmlos,. Es ist jedoch nicht harmlos. Der Stufenwechsel ist, wenn man Finnisch lernt, ein echtes Ärgernis.

 

 

Wieso das?

 

käsi  heisst zum Beispiel Hand.

 

Hängt man an das Wort käsi  das kleine Wörtchen -ssä an, entsteht daraus nicht etwa käsissä, wie man erwarten würde. Es entsteht kädessä.

 

Das ursprüngliche Wort käsi hat sich durch das Anhängen von ssä  verändert - es ist zu käde geworden. Das angehängte Wort hat das Wort käsi verformt.

 

 

Die angehängten  Wörter können tatsächlich zu markanten Veränderungen führen - aus ilta zum Beispiel wird illala, aus suo wird soista und aus työ wird töiden.

 

 

Der Stufenwechsel macht vor allem das Lesen schwierig.

 

Wer beim Lesen dem Wort soista begegnet, denkt sich zuerst, dass er einem Wort begegnet, das er noch gar nicht kennt. Bis er sich daran erinnert, dass er eigentlich mit dem Wort suo - und damit dem finnischen Wort für Sumpf - zu tun hat, das umgeformt worden ist.