LESEPROBE

 

 WIE IST SO ETWAS MÖGLICH?

 

Die junge Frau war eine Schönheit. Sie sass auf dem Deck des Schiffes, das vor kurz vorher Kopenhagen verlassen hatte. Die Sonne schien, das Meer war blau und die Passagiere waren bester Laune.

 

Die junge Frau wandte sich an den Herrn mittleren Alters, der ihr gegenübersass.

 

«Du bist ein verdammter Lump», sagte sie mit schneidender Stimme.

 

Die Passagiere, die in der Nähe sassen, hatten diese Worte gehört und schauten betreten drein.

Gehört hatte sie auch der kleine Mann, der eben die Reling entlang geschritten war.

 

Der kleine Mann rauchte eine grosse Zigarre. Sie verbreitete einen angenehmen Geruch, der den Passagieren auf dem Schiff mittlerweile vertraut war. Im Übrigen achtete niemand auf den Mann. Er gehörte zu jenen Leuten, die man drei Mal vorgestellt bekommt, bevor man sich auch nur daran erinnert, sie schon einmal gesehen zu haben.

 

Langsam schritt der kleine Mann der Reling entlang. Ein junger Schiffsoffizier kam ihm entgegen und schloss sich ihm an. Es machte den Anschein, dass der Offizier und der kleine Mann einander kannten.

«Vom Montmartre?» fragte der Offizier und lachte.

«Vom Louvre», antwortete der kleine Mann.

«Nach Hause?» 

«Zur Arbeit.»

 

Die beiden schritten weiter.

 

«Interessante Leute an Bord?», wollte der kleine Mann wissen.

Der Offizier wies auf einen grossgewachsenen Mann hin, der an einer mächtigen Pfeife saugte.

«Wie aus dem Bilderbuch geschnitten. Alle Anzeichen eines Old Boys. Sir Stephen, Stephen Crompton. Lord. London.»

Der kleine Mann sagte nichts. Er und der Offizier kamen an der schönen jungen Frau vorbei.

«Und wer ist sie?» wollte der kleine Mann wissen.

«Aha», strahlte der Offizier. «Auch Sie interessieren sich für die Frau. Das ist ein Anblick! Oh la la! Der Direktor Sarvela und seine Nichte Sonja Laiho.»

Der junge Schiffsoffizier kam ins Schwärmen.

«Eine Madonna! Eine Venus!»

Der kleine Mann zündete sich seine Zigarre wieder an, die erloschen war.

«Wissen Sie, was diese Madonna und Venus vor fünf Minuten zu ihrem Onkel gesagt hat?»

Der Schiffsoffizier wusste es nicht. Der kleine Mann sagte es ihm. Der Schiffsoffizier war schockiert.

 

«Wie ist so etwas …. ?»

«… möglich, wollten Sie sagen.» unterbracht ihn der kleine Mann. «Ich weiss es nicht. Und nun ertönt der Gong. Das Essen wird serviert, und ich muss mich vorher noch umziehen.»

 

Der kleine Mann verabschiedete sich vom Schiffsoffizier und machte sich auf den Weg zu seiner Kabine. Sonja hatte sich erhoben, und auch der englische Lord war aufgestanden.

Der Zufall wollte es, dass sie alle drei die Treppe hinunterschritten, die zu den Kabinen führte: Zuerst Sonja, dann der Lord und schliesslich der kleine Mann. Dann aber geschah ein Unglück. Sonja wandte sich abrupt um und wollte die Treppe wieder hinaufgehen. Dabei stiess sie heftig mit dem steifen Engländer zusammen, dem es nicht gelang, zur Seite zu treten. Sonja taumelte nach hinten, stiess einen Schrei aus und drohte, die Treppe herunterzufallen. Sei hielt sich jedoch am Treppengeländer fest und ging in die Knie.

«Pardon, pardon», rief der Lord und beugte sich nach vorne, um der schönen Frau auf die Beine zu helfen. Er war verwirrt und so eilfertig, wie dies alle Leute sind, die sich aus einer grossen Höhe herablassen müssen.

 

Einen Augenblick später stand Sonja wieder auf ihren eigenen Füssen.

«Haben Sie sich verletzt?», fragte sie der Engländer in englischer Sprache.

«Oh, das macht nichts», gab Sonja kühl zur Antwort. «Ich war unaufmerksam…. »

Die Madonna sprach ein einigermassen fliessendes Englisch.

«Nein, nein, meine eigene Ungeschicklichkeit war die Ursache», widersprach Sir Stephen. «Wollen Sie mir erlauben, Gnädigste, dass ich Ihnen meine Entschuldigung anbiete!»

Die Gnädigste nickte huldvoll und begab sich zurück aufs Deck. Der Engländer setzte seinen Weg die Treppe hinunter fort, drehte sich dann aber um und schaute zurück.

Die Madonna war verschwunden. In der Türöffnung stand nur noch der kleine Mann, der Zeuge dessen geworden war, was sich abgespielt hatte. Das kleine Unglück hatte ihn amüsiert. Aber es hatte ihn auch verwirrt – hatte die Gnädigste den Zusammenstoss mit dem Lord absichtlich herbeigeführt?

 

 

MACHT EIN LORD SO ETWAS?

 

Es war Abend. Sonja, der Direktor Sarvela und der Lord sassen am Kapitänstisch. Der Lord versuchte, das Missgeschick auf der Treppe vergessen zu lassen. Angeregt plauderte er mit seinen Tischnachbarn.

 

Sein sonst so steifes Wesen war von ihm abgefallen. Er zeigte einen gesunden Appetit und er leerte auch sein Weinglas. Er berichtete lebhaft und anschaulich von seinen Reisen. Er war in Birma gewesen und in Siam. Er hatte sich in den Savannen von Afrika aufgehalten und auch in Ceylon.

Gejagt und erlegt hatte er dort Löwen, Tiger und Elefanten. Und auch ein Rhinozeros. Der Kapitän hörte höflich zu. Der Direktor Sarvela hörte interessiert zu. Sonja hörte mit Bewunderung zu.

Der kleine Mann sass allein an einem Tisch. Er genehmigte sich ein Glas vorzüglichen Weins. Ab und zu vernahm er Bruchstücke der Unterhaltung, die die Leute um ihn herum führten.

 

Er schaute sich den Direktor Sarvela genauer an. Er hatte den Eindruck, er würde den Direktor kennen. Er dachte intensiv nach und war tief in Gedanken verschwunden. Drei Mal strich er Senf auf das Schnitzel, das vor ihm auf dem Teller lag. Er schnitt ein Stück ab und steckte es sich in den Mund. Es brannte höllisch. Dem kleinen Mann kamen die Tränen, und den Direktor Sarvela sah er nur noch wie durch einen Schleier.

 

Plötzlich lachte der kleine Mann. Da er aber ein unscheinbarer Mensch war, achteten die Tischnachbarn nicht darauf. Warum er jedoch lachte, war unklar – klar war nur, dass es kaum an dem Stück Fleisch gelegen hatte, das er sich in den Mund geschoben hatte.

 

Nach dem Essen wechselte der kleine Mann in den Rauchersalon. Er genehmigte sich einen Abendgrog, versank in Gedanken und massierte sich seinen Nacken.

 

Auch Sir Stephen und der Direktor Sarvela schlenderten in den Rauchersalon. Sie begannen zu spielen. Der Lord spielte wie ein erfahrener Spieler. Allerdings hatte er Pech: Der Direktor Sarvela setzte auf die richtige Farbe und strich einen ansehnlichen Gewinn ein. Ein verärgerter Ausdruck machte sich auf dem Gesicht des sonst so vornehmen Lords breit.

Der kleine Mann schaute den beiden Spielern zu und lächelte. Es war ein Lächeln, mit dem er glatt als der Gemahl der Mona Lisa hätte durchgehen können.

 

Der Direktor Sarvela und der Lord spielten weiter. Blauer Rauch hing in der Luft, Die Gläser funkelten und blitzten. Neben dem Lord stand ein Whiskeyglas. Der Lord schaute nicht nur verärgert drein. Sein sonst so bleiches Gesicht wurde zunehmend röter, und dafür war sicher das Spiel verantwortlich.

 

Nachdem der kleine Mann das Nachtessen bezahlt hatte, stand er auf und ging nach draussen. Es war fast ein wenig kühl. Niemand begleitete ihm.

 

Der Wind hatte aufgefrischt, und die Wellen gingen höher. Dem Reling entlang standen Korbstühle. Sie waren leer. Der kleine Mann ging an ihnen vorbei und zündete sich wieder einmal eine seiner grossen Zigarren an. Wie er sich vorgenommen hatte, sollte es die letzte sein, bevor er schlafen ging. Unter einem Korbstuhl nahe an der Ecke sah er etwas Dunkles. Es war ein leichter Sommermantel, den der Wind dorthin geblasen hatte.

 

Der kleine Mann war ein freundlicher und hilfsbereiter Mensch. Er hob den Mantel auf und legte ihn in einen Korbstuhl. Dabei fiel etwas aus dem Mantel. Es war ein sorgsam gebundenes Buch. ‘Ein Liebesroman für romantisch veranlagte Damen’, schoss es dem kleinen Mann durch den Kopf.

 

Er prüfte, ob er mit seiner Vermutung richtig lag. Er lag falsch. Das Buch war in Englisch geschrieben, und sein Titel lautete: ‘Wie man sich als Lord benimmt. Eine Einführung’.

 

Auf der Innenseite stand ein Name. In einer grossen, krakeligen Handschrift hatte jemand ‘Stephen Crompton’ geschrieben.

 

Der kleine Mann steckte das Buch in die Manteltasche. Dann ging er schlafen. Kurz vor dem Einschlafen murmelte er kaum hörbar vor sich hin: «Eine junge Frau, die wie ein Kutscherknecht flucht und dann absichtlich mit einem Lord zusammenstösst …»

 

Und dann murmelte er noch:

 

«…und ein Lord, der in einem Buch nachlesen muss, wie er sich als Lord zu verhalten …». Doch bevor er den Satz zu Ende geführt hatte, war er eingeschlafen.